Gottesdienst 5. Juni 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr

Ich möchte Sie einladen zum Inhalieren. Inhalieren sie dieses Kapitel des Markusevangeliums mit jeder ihnen zur Verfügung stehenden Zelle! Tief einatmen!

Aber eine Frage vorweg: Bringts was, dieses Kapitel zu inhalieren. Was wäre denn, wenn es dieses Kapitel nicht gäbe. Würden wir was vermissen? Der Autor, Markus, hat ja eine Absicht. Und nicht umsonst wird er eingereiht in die Riege der Evangelisten. Evangelisten haben nicht die Aufgabe, Bücher zu schreiben, damit Geschichten dokumentiert werden. Sie haben nicht die Aufgabe, sich selbst einen Namen als Buchautor und Bestseller zu machen. Evangelisten haben nur eine Aufgabe: für Jesus zu interessieren. An Jesus ranzuführen. Mit keiner anderen Absicht, hat Markus das Evangelium aufgeschrieben. Um Menschen von Jesus Christus zu überzeugen. Und in diesem Kapitel 5 möchte er durch die Heilung des Besessenen, die Heilung der blutflüssigen Frau und die Auferweckung der Jairus-Tochter überzeugen.

Und wie? Schauen wir uns die Personen im Einzelnen an.

1. Der Gerasener. Ein Mensch von allen guten Geistern verlassen und dafür randvoll von unreinen Geistern. 6000 Dämonen (so groß war eine römische Legion) herrschen in diesem Menschen. Was für eine unvorstellbare Menge an negativer Energie, die in diesem Menschen herrscht und ihn ohnmächtig macht. Der griechische Text spricht von einer Sphäre, in der der Gerasener lebt: in einem kultisch, physisch und moralisch völlig menschenunwürdigen Umfeld.

Man hatte ihn einige male versucht, ins normale Leben zu integrieren. Er war ja nicht von Anfang an abgeschrieben. Er hatte Menschen, die sich ihm genähert haben. Die sich um ihn gesorgt haben. Sie wollten ihm normales Leben ermöglichen: Dazu mussten sie ihn mit Fesseln und Ketten binden. Frei nach dem Motto: Besser lebendig angekettet in der Menschwelt, als lebendig begraben in der Totenwelt. Besser angekettet und in Freiheit als auf freiem Fuß in der Gefangenschaft.

Was für ein Bild von einem Menschen: nirgends bleibt ihm seine persönliche Freiheit, nirgends bleibt ihm seine Würde. Es ist wie verhext, er ist besessen. Er ist beraubt.

Der einzige, der ihm die Voraussetzungen für seine persönliche Freiheit, für seine persönliche Würde, für seine Menschenwürde schafft, ist der, sich in dieses gottverlassene Gebiet vorwagt und die Möglichkeit schafft, dass auch dieser von allen guten Geistern verlassene Mensch Gott finden kann ist Christus. Das will der Evangelist zum inhalieren geben: Leute, in welcher Gefangenschaft ihr auch immer lebt, in welch heilloses und gottfernes Territorium ihr euch begeben habt und hineingeschleusst wurdet: bitte gebt die Hoffnung nicht auf. Das sagt der Evangelist: gegen Millionen von Legionen steht ein Grund zur Hoffnung: Christus, der dir die menschenverachtenden, menschenunwerten Fesseln löst. Denn das ist nicht nur Grundgesetz, das ist Gesetz Gottes: Jeder Mensch hat ein Recht auf Freiheit. Auf unantastbare Menschenwürde, auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Jeder hat das Recht auf Leben. Damit will der Evangelist evangelisieren: frohe Botschaft verkündigen und will sagen, dass letzten Endes nichts anderes passiert, als Gott im Propheten Jesaja über jeden von ihm entfremdeten vorausgesagt hat: „Ich will mich suchen lassen von denen, die nicht nach mir fragten, ich ließ mich finden von denen, die mich nicht suchten. Ich streckte meine Hände aus den ganzen Tag nach denen, die in Gräbern sitzen und über Nacht in Höhlen bleiben und sprechen: bleib weg und rühr mich nicht an.“



Und dann bringt der Evangelist Markus die blutflüssige Frau ins Spiel:

2. Da ist die von vielen Ärzten erfolglos behandelte, diese Geplagte, diese Verarmte und Unzufriedene.
Der Schlusssatz dieser Leidensgeschichte, dieser Hoffnungsgeschichte: „Meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht. Geh hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage.“ Nicht jede Geschichte eignet sich, um daraus ein Exempel für die Nachwelt zu statuieren. Aber hier hat der Evangelist Markus ein Exempel statuieren wollen und müssen. Denn das ist doch etwas, was uns Menschen bis heute betrifft: ein Mensch hat viel erlitten von vielen Ärzten und all sein Gut dafür aufgewandt, dass ihm geholfen wird; und es hatte ihm nichts geholfen, sondern es ist noch schlimmer geworden.“ Allen Grund hat sie gehabt, die Hoffnung aufzugeben, weil man sie, als Mensch aufgegeben hat. Und wieder eine, die in ihrem Zustand nicht mehr am Leben teilhat. Sie ist unrein. Nicht mehr zugelassen zum Leben. Wieder eine, die den Anschluss zum Leben verpasst hat. Entlassen wird die hilflose, die hoffnungslose, die nicht mehr therapiebare von ihrem Jesustherapeuten als „geh in Frieden und sei gesund von deiner Plage!“
Gemeinde Gottes erkennt schon seit Jahrtausenden. Nicht nur die eine mit dem Blutfluss ist die Unreine! In Jesaja bekennt sich die Gemeinde Gottes „Wir alle sind wie die Unreinen, und alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid. Wir sind alle verwelkt wie die Blätter und unsere Sünden tragen und davon.“ Gemeinde erkennt und bekennt: es ist nicht nur die Geschichte dieser einen speziellen blutflüssigen Frau. Nicht nur die Geschichte des einen Gerasener in heilloser Situation: es ist unsere Geschichte. Nun sind wir alle wie die Unreinen.
Und damit will Markus evangelisieren. Jesus macht sich zu den Unreinen auf, zu den Gottfremden, zu den Weltfremden, zu den sich selbst Fremden. Deren Gerechtigkeit auf dem Spiel steht. Ihr Existenzrecht. Wiedereingliederung hat er sich auf die Fahnen geschrieben. Wiederherstellung des Lebensrechtes, was wir mit Gerechtigkeit bezeichnen. Das müsste die Menschen doch von diesem Sohn Gottes, von diesem Heiland, von diesem Messias überzeugen. Tief einatmen, bitte inhalieren: gebt die Hoffnung nicht auf. Die Hoffnung auf ein Leben in Frieden. Geh hin in Frieden. Und auf ein Leben gesund von der Plage. Gegen Millionen von Legionen steht ein einziger Grund zur Hoffnung! (Klammer auf: Paulus ist seine Plage nicht losgeworden. Obwohl er von Markus 5 gewusst hat. Und trotzdem ist er zum Evangelisten geworden. Der über sich hinausgewachsen ist und andere zu Heilungserfahrungen geführt hat. Z. Bsp. der Gelähmte in Lystra. Evtl. geschieht uns nicht wie der Blutflüssigen Frau, evtl. bleiben wir wie Paulus mit der Plage im Fleisch aber führen trotzdem andere zum Heil. Klammer zu.)

Das dritte und letzte zum Inhalieren:
3. Die Vorsteher mit der hoffnungslos kranken Tochter. Auch hier evangelisiert Markus noch einmal nach dem gleichen ganz einfachen Schema. Für jedermann erkenntlich, nachvollziehbar. Da ist ein Mensch, der alle Hoffnung aufgegeben hat. Hoffnungslos, denn „Deine Tochter ist gestorben; was bemühst du weiter den Meister?“ Alle Hoffnung, die man zunächst mal noch in sich hatte „Komm doch und lege deine Hände auf sie, damit sie gesund werde und lebe.“ – all diese Hoffnung ist zerschlagen. Übrigens unter anderem genau durch diese blutflüssige Frau, die Jesus aufhält. Wenn die nicht gewesen wäre, wenn die sich nicht so egoistisch an Jesus rangemacht hätte, wenn die nicht … dann hätte die kleine Jairustochter vielleicht weiterleben können. Aber so treten sich bei Jesus die Kranken und die Sorgenvollen, die Hoffnungslosen und Verzweifelten, die Gottlosen wie die Oberfrommen gegenseitig auf die Füße, behindern sich gegenseitig, machen sich gegenseitig das Leben schwer. (Gehört wohl in jede Vorsteher-Geschichte)

Und die Hoffnung wird einem darüber hinaus von denen genommen, die einem immer dreinreden. Die immer ihren Kommentar dazugeben müssen. Die immer alles besser wissen wollen: „Deine Tochter ist gestorben; was bemühst du weiter den Meister?“ Hört sich so ähnlich an wie Hiobs Frau: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb.“

Was wünsche ich uns, dass wir gegenseitig Hoffnungsmacher sind und nicht Hoffnungsraubende. Denn es ist ja nicht die unbedingt die Hoffnung auf Gott, die geraubt wird. Es ist ja eine viel grundsätzlichere Hoffnung, die uns Menschen immer wieder geraubt wird, oder aufgegeben wird. Jairus verliert ja vor allem die Hoffnung für sein Kind. „Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass aus ihm noch was wird.“ Wie oft hört man das von Eltern, Großeltern, Bekannten und Verwandten in Bezug auf Kindern. Und andere Hoffnungen werden genommen: Gespräch in der Pause des Religionsunterricht in der vierten Klasse: mein Papa ist jetzt ausgezogen. Er wohnt jetzt bei einem Freund. Ich hab die Hoffnung aufgegeben, dass das noch mal wird. Und wann ist dein Papa von zu Hause ausgezogen, fragt sie dann ihre Klassenkameradin. Gegen Millionen von Legionen steht ein einziger Grund zur Hoffnung!

Der Evangelist Markus will uns damit Jesus sympathisch machen. Will uns Jesus damit als den angekündigten Heiland vor Augen führen. Der ist der Grund dafür, dass du keine Hoffnung aufgeben musst. Das ist zum inhalieren: „Bitte gebt in keinem Fall die Hoffnung auf. Es gibt keinen Hoffnungslosen Fall.“

Wenn Hoffnung ihr Thema ist, Hoffnungslosigkeit in ihrer Situation den Nagel auf den Kopf trifft, dann hat ihnen der Evangelist etwas zu sagen. Mit dem ganzen Kapitel. Und es lohnt sich, sich diese drei „hoffnungs-vollen“ Geschichten mit jedem Atemzug zu inhalieren.

 

(Pfr. Heiko Bräuning)                         

  

 

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