Gottesdienst an 1. Sonntag n. Trin., 29. Mai 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Johannes 5, 39-47.

Vor einigen Wochen waren im Fernsehen viele Sendungen über Albert Einstein, weil er vor 50 Jahren verstorben ist. Außerdem hat er vor 100 Jahren die Grundlagen der speziellen Relativitätstheorie und von Teilen der Quantentheorie entwickelt, ohne die unsere Gegenwart nicht zu verstehen ist. Wir haben also ein doppeltes Gedenkjahr.

Keine Angst! Ich will darüber jetzt nicht reden. Aber diese Gedanken waren damals so unerhört, dass die Fachwelt sie zunächst nicht wahrhaben wollten, allen voran der große Physiker Max Planck. Wie kann man denn herauskriegen, was wahr ist und was stimmt? Ist es möglich, etwas so total anderes zu behaupten als alle Welt denkt?

In den Naturwissenschaften ist es noch verhältnismäßig einfach, herauszukriegen, was stimmt: Man macht Experimente. Oder man beobachtet die Natur ganz gründlich und genau. Man nimmt Messgeräte, man zeichnet auf, und dann prüft man, ob das sein kann!

Im Vergleich dazu ist die Sache mit Gott viel schwieriger. Denn wir können keinen Messapparat entwickeln, der uns Gott beweist. Keine noch so große Anstrengung führt zum Ziel.

Die Frage bleibt trotzdem: Wie kriegen wir die Wahrheit über Gott heraus? Und gibt es das überhaupt? Darum sagen manche: Ich glaube, dass es einen Gott gibt. Irgendwie schon. Aber weil man nichts Genaues wissen kann, glaube und tue ich im übrigen, was ich für recht halten.

Es geht heute um die Wahrheitsfrage. Darum gings auch bei dem Streitgespräch von Jesus mit den religiösen Wortführern.

Jesus hatte in Jerusalem am Teich Bethesda einen Mann geheilt, der 38 Jahre krank gewesen war. Und es war ausgerechnet Sabbat.
Darf Jesus das? Heilen am Sabbat?

Darüber entwickelte sich das besagte Streitgespräch. Es ging heiß her. Jesus beanspruchte die gleiche Autorität wie Gott. Er stellte sich mit Gott auf eine Stufe und bezeichnete Gott als seinen Vater. Damit machte er sich selbst Gott gleich. Das war dann der Hauptangriffspunkt.

An dieser Stelle setzt der Predigttext ein.

[Johannes 5,39-47:]
39 Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt;
40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.
41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen;
42 aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.
43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen.
44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?
45 Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft.
46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben.
47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?


Jesus sagt, man kann herausfinden, was wahr ist. Man kann es wirklich, auch auch die Wahrheit über Gott. Also nicht die resignierende Feststellung, dass das eine Sache der subjektiven Überzeugung sei. Keine Rede davon, dass man jeden in seinem Glauben lassen muss. Sondern Jesus ringt um seine Gesprächspartner. Wer ehrlich will und die Vorurteile weglässt, kann die Wahrheit über Gott und über Jesus finden. Es ist auch eine Sache der unbefangenen und sorgfältigen Forschung.

Mit anderen Worten: Wer sich selbst sehr wichtig nimmt, kann nicht auf Gottes Wahrheit hören!

Das ist wie ein Hebel im Hirn oder im Herzen von uns Menschen. Hast du den Schalter erst einmal auf dich eingerichtet, hältst du dich für den Mittelpunkt der Welt, dann wird alles verkehrt. Dann stellst du alles auf den Kopf. Du kannst nicht mehr sehen, wie die Sache wirklich ist. Du kannst weder dich selbst noch Gott verstehen, wenn du dir selbst zu wichtig bist.

1. Warum gerade Jesus?
Es gibt doch so viele Religionen! Ist es da nicht gleichgültig, an was oder an wen man glaubt?

Jesus behauptet, dass er im Namen Gottes gekommen ist. Stimmt das, oder war es nur eine Einbildung?

Man muss diese Frage ernst nehmen. Auch heute wird sie von vielen gestellt.

Wir leben im Gefühl der Machtlosigkeit. Da habe ich einem anderen vom Glauben erzählt. Ich denke, ich habe es nicht besser machen können. Ich habe für Jesus geworben, gesagt, was er für mich bedeutet, was er für mich getan hat. Alle möglichen Zeugnisse habe ich vorgebracht. Aber ich ernte nur kühle Ablehnung. Ich habe nichts in der Hand. Es gibt keine zwingenden Gründe, die für Jesus sprechen, so wie man einer Aussage in der Mathematik oder - eingeschränkt - der Naturwissenschaften nicht ausweichen kann. Jesus kann man ausweichen. Jeder und jede. Es ist kein Kunststück.

Aber dann ein anderes Mal, völlig unerwartet: Jesus gewinnt Menschen innerlich und auf geheimnisvolle Weise. Man weiß nicht wie und warum. Sie lesen fasziniert die Bibel und fragen nach Gottes Willen. Sie wollen ihn unbedingt kennenlernen und geben keine Ruhe, bis sie wissen: Jesus lebt und er ist mein Herr. So ist aus einem gleichgültig dahinlebenden Menschen ein Nachfolger Jesu geworden. Ich weiß es nicht, warum. Aber Jesus will, dass wir für ihr zur Verfügung stehen, dass wir für ihn Zeugnis geben, uns aber nicht in den Mittelpunkt stellen. Und aus unerfindlichen Gründen handelt er. Nicht, weil ich den anderen in die Zange genommen habe, sondern weil Gott selbst an ihm gehandelt hat.

Und wer sich dann auf Jesus eingelassen hat und ihn als seinen Herrn anerkennt, für den ist das Leben neu. Nun erscheint alles unter der Voraussetzung, dass auf ihn alles zuläuft. Er ist der Schlüssel zur Bibel. Der Schlüssel für die Heilsgeschichte. Vor ihm werden sich einmal alle Knie beugen und ihn anbeten.

2. Warum gerade die Bibel?
Die Menschen damals haben ihre Bibel - das Alte Testament - gelesen; beim Aufstehen und beim Zu-Bett-Gehen, am Sabbath und am Werktag. Sie war ihnen so wichtig wie kein anderes Buch. Es hat viele gegeben, die ganze biblische Bücher, Propheten, Teile von Mose, Psalmen sowieso, auswendig hersagen konnten.

War da denn niemand auf die Idee gekommen, da stünde von Jesus etwas geschrieben. Waren die denn blind? Jesus sagt: Es steht drin! Man muss es nur richtig lesen. Das ganze Alte Testament steigert die Erwartung auf den Messias doch immer mehr. Die Propheten haben von ihm geschrieben, von Jesus, der die Menschen retten wird, der sogar die Not der Menschen zu seiner eigenen Not macht und für sie stirbt. Im Alten Testament wird beschrieben, wie Gottes Volk ihm immer wieder davonlief. Sie schafften es einfach nicht, die Gebote Gottes wirklich zu erfüllen. Aber dann wurden die Hinweise auf den Messias immer deutlicher: Er wird euch retten, weil ihr selbst es gar nicht schaffen könnt. Ihr braucht diesen Retter.

Die Bibel weist uns auf unsere Grenzen, schon im Alten und erst recht im Neuen Testament. Sucht und lest. Ihr werdet sehen, dass ihr Jesus braucht.

Dieses Zeugnis von Jesus weist wie sonst kaum eines auf den engen Zusammenhang von Altem und Neuem Testament hin. Es ist, als könnte man in verborgener Weise Jesus bereits im Alten Testament finden.

Jesus klagt uns nicht vor Gott an. Sondern unser eigenes Vorhaben klagt uns an, das auf die eigenen Fähigkeiten baut. Doch wer mit Jesus lebt und auf ihn sein Vertrauen setzt, kann nicht verlorengehen. Wer aber auf die eigene Leistung setzt, wird verlorengehen, denn er kann es nicht bringen, was Gott von ihm erwartet.

3. Warum gerade ich?
Die Schriftgelehrten damals waren hervorragende Menschen. Sie hatten nur einen wesentlichen Fehler: Sie wussten, dass sie gut sind (kollektiver Narzissmus). Sie konnten nicht verstehen, dass sie Jesus brauchen, wo sie doch selber schon so gut waren.

Natürlich sind die Probleme der Menschen heute anders. Aber vieles ist doch auch wieder sehr ähnlich. Viele Menschen heute denken: Ich habe noch nie jemanden ausgeraubt, ich habe noch keinen umgebracht und außerdem lüge ich sehr selten. Gott muss mit mir zufrieden sein.
Doch gerade die Rechtschaffenheit macht für Jesus blind. Denn wer sich selbst zum Maßstab nimmt, braucht Jesus nicht.

Es nützt nicht viel, wenn man über den Glauben und über Jesus alles weiß, aber dennoch von ihm nichts wissen will. Jesus will nicht meine Theorie oder Überzeugung, sondern mich.

Es sieht sehr einfach aus, und ist doch sehr schwer. Jesus will, dass ich mein Vertrauen auf mich selbst aufgebe. Er will, dass ich mein Vertrauen auf ihn setze. Aber das ist unser Problem: Es fällt uns Menschen unsagbar schwer, einem anderen mehr zu vertrauen als uns selbst. Nun ist dieser andere ja nicht irgendwer, sondern der Sohn Gottes. Darum ist er vertrauenswürdig.

Jesus will nicht weniger als das: Wir sollen ihm vertrauen und die Konsequenz aus diesem Vertrauen ziehen, ihn lieben und ihm nachfolgen.

Ich wünsche es uns, dass dies der Inhalt unseres Lebens ist. Amen.
 

(Pfr. Dr. Karl Knauß)                         

  

 

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