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Gottesdienst
Trinitatis, 22. Mai 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über
Jesaja 6, 1-13.
1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf
einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel.
2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien
deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien
flogen sie.
3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der
Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!
4 Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward
voll Rauch.
5 Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und
wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den
Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.
6 Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der
Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm,
7 und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen
berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt
sei.
8 Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden?
Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!
9 Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s
nicht; sehet und merket’s nicht!
10 Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren taub sein und ihre
Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren
Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.
11 Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst
werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz
wüst daliegt.
12 Denn der Herr wird die Menschen weit wegtun, sodass das Land sehr
verlassen sein wird.
13 Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals
verheert werden, doch wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen
noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.
Warum zeigt sich Gott uns heute nicht ebenso
deutlich wie damals?
Mag sein, dass manche von uns schon einmal so gedacht haben. Wenn Gott
sich mir so deutlich zeigen würde, dann würde es mir nicht schwerfallen,
an ihn zu glauben. Das sind nicht nur Träume von Kindern, sondern auch
Gedanken von Erwachsenen. Denn wir haben mit Gott das Problem, dass er so
ferne ist: Unsichtbar und nicht anzufassen.
Aber die andere Seite: Vielleicht können wir froh sein, dass wir Gott so
noch nicht erlebt haben. Jesaja durchfährt nämlich ein tiefes Erschrecken.
Wenn Gott einem Menschen unmittelbar begegnet, dann ist das sehr
unangenehm sein. Wir spüren irgendwie, dann würde es ernst. Wir könnten
uns nicht mehr herausreden und sagen: „Ich weiß nicht so genau, wer Gott
ist und was er will.“ Wer Gott so unmittelbar erlebt, kann nicht so
bleiben, wie er vorher war.
Du kannst 100 Bücher über dich selbst, über deine Sünde und über Gottes
Heiligkeit lesen, und es bleibt reine Theorie. Aber wenn du Gott
gegenüberstehst, das ist anders! Da fühlst du dich durchleuchtet, wie von
einem Röntgengerät.
Jesaja erlebt die Heiligkeit Gottes. Darum eine erste Überschrift:
1. Gott ist heilig, wehe mir
Jesaja fährt‘s heraus: „Weh mir! Ich vergehe.“ Wörtlich besser: „Ich habe
mich zum Schweigen bringen lassen.“ Martin Buber übersetzt mit einem etwas
schwierigen Deutsch: „Ich wurde geschweigt“.
Die Vision Jesajas war ja im Todesjahr des Königs Usija. Die biblische
Geschichtsschreibung hat über diesen König ein sehr gespaltenes Urteil. Er
habe in der ersten Zeit seiner Regentschaft getan, was Gott gefiel, und so
sei ihm das gelungen, was er sich vornahm. Dann erhielt er zunehmend Macht
und Einfluss und wurde weit über die Grenzen des Landes hinaus berühmt.
Das scheint ihm zu Kopf gestiegen zu sein. Deshalb wird er gegen Ende
seines Lebens als sehr hochmütig beschrieben, so dass er sich auch
hohepriesterliche Rechte anmaßte, die ihm in keiner Weise zustanden. Er
habe sogar im Tempel Gott ein Räucheropfer darbringen wollen, was doch nur
den Priestern zustand. Die Priester hätten sich ihm zwar entgegengesetzt,
aber seinen Ansturm nicht aufhalten können, sondern nur Gott durch ein
außergewöhnliches Eingreifen. Natürlich hat er mit diesem Übergriff seine
Macht und sein Ansehen steigern wollen. Doch das wird als Ausdruck seiner
höchsten Überheblichkeit geschildert (2. Chronik 26,16ff)
Eine sehr alte jüdische Tradition, die vielleicht einigen Wahrheitsgehalt
hat, erzählt nun: Der Prophet Jesaja habe den König bei seinem Gang in den
Tempel begleitet und zu dessen Tun geschwiegen. Selbst, als die Priester
sich dem König in den Weg stellten, habe Jesaja nichts gesagt.
Wehe mir, sagt Jesaja nach unserem Text, ich habe mich zum Schweigen
bringen lassen. Wenn diese jüdische Tradition stimmt, dann wird der
Ausdruck plötzlich voll verständlich. Wie soll nun einer, der Gott den
Gehorsam versagt hat, noch im Auftrag Gottes reden dürfen? „Weh mir, ich
habe mich angepasst“, so müssten sicher auch heute viele sagen. Anpassung.
Eigentlich hätte ich von meinem Gewissen und vom Wort Gottes her eine
andere Überzeugung. Aber ich hatte nicht den Mut zum Widerspruch.
Wie ist das mit dem Unrecht unserer Tage? - Wir haben keinen König, der
nach einer geistlichen Position greift. Aber es gibt andere Übergriffe, im
Privat- und Geschäftsleben, Eingriffe in die Rechte anderer.
Damit hat jede Generation ihre eigenen Probleme. Maßstab soll nicht das
sein, was gerade gang und gäbe ist, sondern Maßstab soll Gottes Wille
sein. Maßstab ist sein Wort.
Jesaja ist als Gottes Prophet nicht fein heraus. Sondern er erschrickt
auch über sich selbst. Er hat selbst nicht bei allem mitgemacht, aber
geschwiegen!
Ist er dann noch für Gott brauchbar? Kann er noch in seinem Auftrag etwas
sagen? Man kann doch nicht Trinkwasser in einem Dreckeimer holen! Können
Sünder im Dienst Gottes stehen? Antwort: Sie können es nicht! Es bleibt
nur das, was auch Petrus einmal zu Jesus gesagt hat, als er ihn in seiner
Macht sah: „Gehe von mir fort, denn ich bin ein sündiger Mensch!“ (Lukas
5,8)
Das ist unsere menschliche Auffassung. Diesen Maßstab wenden wir bei
Politikern an, in den Verwaltung und in der Öffentlichkeit, und erst recht
bei Geistlichen. Ich möchte nicht sagen, dass das grundsätzlich falsch
sei. Sonst würde ja das Chaos ausbrechen.
Aber Gott selbst ist so merkwürdig anders:
2. Berufen von Gott, trotz Fehlern
Die Vision des Jesaja im Tempel mag etwas Außergewöhnliches sein, und es
gibt viele große Wunder Gottes. Aber sie sind alle klein im Vergleich zu
dem eigentlichen Wunder, dass Gott mit Sündern und Versagern etwas
anfangen kann. Gott macht ungeschehen, was doch in unseren Augen gar nicht
ungeschehen gemacht werden kann: Er vergibt Schuld, die wir Menschen uns
gerne lebenslang selbst nicht verzeihen. Damit ist nicht dieses
gewöhnliche Neuanfangen gemeint, wenn wir, nachdem einmal etwas
schiefgegangen ist, nochmals einen neuen Versuch starten. Denn dann sind
wir ja immer noch geprägt von dem, was sich in unserem Unterbewußtsein
tief eingeprägt hat. Sondern es geht um eine tiefe Erneuerung von innen
heraus.
Die Lippen des Jesaja werden mit einer glühenden Kohle bestrichen zum
Zeichen dafür, dass sie gereinigt sind. Gott will uns nicht auf das
festlegen, was gewesen ist. Aber das „Wehe mir“ muss vorher gesprochen
sein. Wir sollen zu dem stehen, was war. Es gilt nicht, selbst zu
vergessen und uns, die anderen und Gott über das hinwegzutäuschen, wer wir
sind und wer wir waren. Gott will mit denen neu anfangen, die auch dort zu
sich ja sagen, wo sie sich schämen. Nur Versager kann Gott brauchen, nur
mit ihnen kann er etwas anfangen, nur sie bekommen von ihm Aufgaben.
Deshalb hat auch Jesaja dann sagen können: „Hier bin ich, sende mich!“ Und
Gott hat ihn wirklich brauchen können.
Jesus wurde es sehr verübelt, dass er mit Menschen umging, die in den
Augen der Frommen Gottes nicht würdig waren. Doch er hat sich darüber
hinweggesetzt und gesagt, dass nur die Kranken einen Arzt brauchen. Die
Geschichte Gottes mit den Menschen ist von Versagern geschrieben.
Allerdings lässt er sie nicht so, wie sie sind.
Das gehört auch zum Auftrag des Jesaja. Auch er redet zu Menschen, die
sich für tadellos halten. Vor allem den Angesehenen sagt er das Gericht
Gottes an: Den leitenden Schichten, den Juristen, den Politikern und den
Gelehrten (z.B. Jes. 3,1ff; 5,20f).
Wir sollten uns mit Jesaja wundern. Gott kann mit uns etwas anfangen.
Trotz unseren Fehlern, trotz unserem Versagen. Wer erschrickt über die
eigenen Sünden, der ist auch nicht hartherzig, wenn es andere getroffen
hat.
3. Das dreimalige Heilig
Es ist schon geheimnisvoll, dieses Heilig, heilig, heilig im Tempel. Es
ist der Anlass, den Text als Predigttext am Sonntag Trinitatis zu nehmen.
Mag sein, dass sich etwas von dem Wesen Gottes in dem dreimal Heilig
ausdrückt. Aber wir tun gut daran, nicht allzu viel darin
hineinzugeheimnissen. Tiefgründige Spekulation hat darin die Dreieinigkeit
angedeutet gesehen. Vielleicht stimmt das. Aber es hängt nicht viel dran.
Für die Bibel im Alten und im Neuen Testament gilt: Es gibt nur einen
einzigen Gott. Das ist das biblische Urbekenntnis zu Gott. Daran ändert
auch nichts, dass Jesus Christus und der Heilige Geist auch ganz Gott
sind. Wir haben jedenfalls damit keinen Grund zum Spekulieren über diese
Stelle bei Jesaja, sondern es zeigt nur ein Stück vom Geheimnis Gottes.
Dieses Geheimnis weist auf die Anbetung. Das ist der eigentliche Inhalt
des Dreieinigkeitsfestes. Es geht nicht so sehr um Dogmatik, sondern
vielmehr um die Anbetung.
In diesem Sinn sollte auch der heutige Predigttext uns nicht ins Grübeln
führen, sondern in die Anbetung. Philipp Melanchthon hat es vor fast 500
Jahren so zusammengefasst: „Die Geheimnisse Gottes sollen eher angebetet
werden, als dass man ihnen nachgrübelt.“ Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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