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Ökumenischer
Gottesdienst an Pfingstmontag Kapellenfest, 16. Mai 2005,
14-Nothelfer-Kapelle Esenhausen (Ri Danketsweiler) um 10.00 Uhr
1. Korinther 12, 4-11
4 Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist.
5 Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr.
6 Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt
alles in allen.
7 In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller;
8 dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem
andern wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist;
9 einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund
zu machen, in dem einen Geist;
10 einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede;
einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern
mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen.
11 Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeden das
Seine zu, wie er will.
Um die Gaben geht es. Gaben sind großartig.
Aber unsere verschiedenen Gaben stehen auch in Konkurrenz zueinander.
Gaben konkurrieren und Menschen konkurrieren. Wer ist in der deutschen
Nationalmannschaft der Torwart Nummer 1 (Lehmann oder Oliver Kahn). Eine
Zeitlang haben sie sich gegenseitig nur noch angegiftet. Es ist ruhiger
geworden. Aber die Konkurrenz bleibt.
Gaben helfen also nicht einfach schon dadurch, dass sie vorhanden sind.
Sie müssen sich sinnvoll einordnen.
Gaben brauchen wir unbedingt. Und sie sind doch Anlass für große Nöte.
Pfingsten ist das Fest der Kirche. Da ist die Kirche entstanden, durch die
Tat Gottes. An Pfingsten passiert das Wunder, dass aus vielen
verschiedenen Menschen mit vielen verschiedenen Gaben ein funktionierender
Organismus wird, der Leib Christi. Nach unserer menschlichen Erfahrung ist
es eigentlich unmöglich, Hunderte oder Tausende von Menschen unter einen
Hut zu kriegen. Doch genau dieses Wunder hat die Gemeinde begleitet, von
jenem ersten Pfingstfest in Jerusalem bis zu uns heute. Dass da viele
Menschen sind, die Gott zusammenfügt.
Paulus hat diese Worte an eine ganz bestimmte Gemeinde geschrieben. Auch
dort war nicht alles eitel Harmonie. Im Gegenteil. In manchen Dingen
herrschte sogar das reine Chaos. Doch das gehört zu den Wundern Gottes: Er
baut seine Gemeinde, er lässt sogar Gemeinden blühen, auch wo nicht ideale
Voraussetzungen bestehen. Das Wesentliche muss natürlich schon stimmen: Es
muss ein Miteinander herrschen, kein Gegeneinander. Die Ordnung will und
schafft der Geist Gottes.
Nehmen wir das Gegenstück zu Pfingsten: Babylon. Dort waren ideale
Voraussetzungen, jedenfalls nach menschlichem Ermessen. Man spricht
dieselbe Sprache, symbolisch genannt für eine Einheit weit darüber hinaus.
Man hat einen einheitlichen Plan. Und offenbar hatte man auch genügend
materielle Voraussetzungen (Geld und Sachmittel). Der Plan wird
anscheinend gut organisiert.
In einer funktionierenden Gesellschaft sind das die Grundlagen, nach denen
man strebt: Sozialer Grundkonsens und ausreichende materielle
Voraussetzungen....
In Babylon scheitert das gut organisierte Vorhaben an der Hybris. Menschen
sind im Mittelpunkt, Menschen und ihre Ziele. Die Bibel berichtet sogar,
dass Gott es ist, der ihre Pläne zu Fall bringt.
Nach biblischem Denken sind gute Pläne, gute Finanzmittel, gute
Organisation usw. keine ausreichende Grundlage, damit eine Gesellschaft
bestehen kann. Sie kommen sogar erst in zweiter Linie. Und wir Christen
müssen daran immer wieder erinnern, nicht nur uns selbst, sondern auch die
Gesamtgesellschaft: Das Verhältnis zu Gott muss stimmen. Andernfalls kommt
auch das Verhältnis zu den Mitmenschen ins Schlingern.
Der Heilige Geist fügt die Gaben zusammen. Und bei genauem Hinsehen merken
wir, dass es gar nicht unsere eigenen Gaben sind, sondern von ihm
geschenkte und geheiligte Gaben.
Ich will diesen Text auch in ökumenischem Zusammenhang nehmen.
Die Kirche (auch in ihren verschiedenen Ausprägungen der katholischen, der
evangelischen und anderer Kirchen) hat einen ungeheuren Reichtum. Uns ist
ein großer Schatz anvertraut. Was machen wir damit?
Unsere Gaben sind ja doch Gaben Gottes. Er macht sie zu einer Einheit. Die
Frage an uns ist, was wir mit diesem immensen Reichtum machen. Stellen wir
ihn in den Keller oder an einen sicheren Ort, oder tun wir was mit diesem
Schatz?
Jesus hat die Gaben einmal ganz einfach mit dem Geld eines reichen Mannes
verglichen, der es an seine Mitarbeiter verteilt, zur treuhänderischen
Verwaltung. Einer der Mitarbeiter vergräbt dieses Geld, die anderen fangen
etwas damit an. Die Mitarbeiter, die ihre Gaben eingesetzt haben, sind
wahrscheinlich hohe Risiken eingegangen. So muss man die Geschichte
verstehen. Sie haben auf vieles verzichtet. Ihr ganzer Einsatz hätte
verloren gehen können. Sie führten kein bequemes Leben. Und Jesus lobt
sie. Dagegen ging der, die seine Gaben vergraben hat, anscheinend kein
Risiko ein. Denn was man vergräbt, ist sicher! Aber es kann sich nicht
vermehren. Jesus rügt diese Art, die das Risiko und den persönlichen
Einsatz scheut. Darum wird diesem Mitarbeiter zum Schluss auch alles
weggenommen. Es wird ihm nicht gelohnt, dass er seine anvertrauten Gaben
nur aufbewahrt hat; er wird sogar dafür bestraft.
Es geht dabei nicht um unsere Privatangelegenheiten. Sondern es geht
darum, wie wir unsere geistlichen Gaben in die Gemeinde einbringen.
Zuerst brauchen wir die Bestätigung, dass wir Gaben haben. Deshalb reden
wir darüber. In der Brüdergemeinde haben wir mehrmals einen Gabenkurs
durchgeführt, der eigentlich genau den Sinn und Zweck hat, die uns
anvertrauten Gaben zu entdecken. Es gibt eine große Vielfalt. Paulus zählt
einiges auf. Z.B. die Gabe der Erkenntnis, oder des Glaubens, oder der
Heilung, oder der Prophetie, oder der Unterscheidung der Geister. Wir
neigen leicht dazu, nach menschlichen Maßstäben in wichtigere und
unwichtigere Gaben einzuteilen. Aber für Paulus ist etwas anderes
wichtiger: Alle dienen dem gemeinsamen Nutzen. Das bedeutet: Sie dienen
Christus. Es ist nicht die Hauptsache, wie „gut“ oder „aufsehenerregend“
eine Gabe ist. Sondern es ist wichtig, ob sie dem Gemeinsamen dient, und
ob sie vom Heiligen Geist geleitet ist. Denn die beste Gabe kann
missbraucht werden und kann dann letztlich schaden. Und die bescheidenste
Gabe kann dem Gemeinsamen nutzen. Wenn sie aber der Heilige Geist einsetzt
und heiligt, dann dienen unsere Gaben Gott und seinen Zielen.
Unsere heutige Gefahr ist allzu großer Individualismus. Das, was wir
können und zustandebringen, dient in diesem Fall der einzelnen
Persönlichkeit. Gemeinde wird aber erst dadurch gebaut, wenn die Gaben der
Gemeinde dienen.
In den vorher verlesenen Versen des Paulus werden nicht alle Gaben
vollständig aufgezählt. Gegen Ende des gleichen Kapitels werden noch
weitere genannt. Wenn man nach menschlichen Verhältnissen vorgeht, sogar
sehr wichtige Gaben, etwa die Gabe der Lehre und des Apostels und die Gabe
der Leitung und des Helfens (V.28).
Der katholischen und in der evangelischen Kirche haben diese Gaben nicht
das gleiche Gewicht. Besonders die Leitung und die Lehre haben
verschiedene Bedeutung.
Ich will diese Tatsache nun einfach an dem Kriterium des Paulus messen:
Dient es dem gemeinsamen Nutzen der Kirche als dem Leib Christi?
Jedem wachen Zeitgenossen ist in den letzten Monaten aufgefallen, dass dem
Glauben im politischen Alltag wieder eine größere Bedeutung zukommt. Der
Glaube ist sogar Gegenstand im Wahlkampf geworden. Man reibt sich
eigentlich verwundert die Augen. Auch gestern abend war im Fernsehen in
„Berlin direkt“ davon die Rede. Die Politiker suchen nach Erklärungen. Ich
bin überzeugt, dass nicht wenig davon dem verstorbenen Papst Johannes Paul
II. zu verdanken ist, der immer wieder daran erinnert hat, wie wichtig die
Grundlage des Glaubens in der Politik ist.
Diese neue Aufmerksamkeit für unseren Glauben kommt natürlich nicht nur
der katholischen Kirche zugute. Sondern damit werden Gemeinden in beiden
Konfessionen gestärkt. Mir ist es wichtig, dass wir das nicht nur
beobachten sondern auch sagen. Und wir hoffen und beten darum, dass unsere
Gemeinden mutiger werden, das Zeugnis Gottes zu sagen und zu leben. Das
gilt auch dann, wenn man oft noch verschiedener Meinung ist und auch wenn
es noch manche Misstöne zwischen den verschiedenen Konfessionen gibt.
Was uns gemeinsam ist, das ist viel mehr als was uns trennt. Das Zeugnis
von den großen Taten Gottes eint uns; besonders das, was in und durch
Jesus Christus geschehen ist, seine Worte, seine Taten, sein Kreuz und
seine Auferstehung, und dass er nun zur Rechten Gottes sitzt.
Ich wünsche uns miteinander, dass wir darin zusammenstehen. Amen.
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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