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Gottesdienst an
Exaudi, 8. Mai 2005 Wilhelmsdorf um 9.00 Uhr, Predigt über Johannes 7,
37-39.
Johannes berichtet uns von einer etwas labilen Situation, wie auf Messers
Schneide - damals in Israel, zur Zeit Jesu. Die Stimmung hätte nach beiden
Seiten kippen können. Jesus hatte den Durchbruch noch nicht geschafft; vor
allem nicht in Jerusalem. Dort waren die maßgeblichen Leute total gegen
ihn. Und in Galiläa hatte es auch einen herben Rückschlag gegeben. Viele
hatten sich von ihm zurückgezogen, ein wenig skeptisch und abwartend. Es
war nicht so klar, was die Leute von ihm hielten. Waren sie für oder gegen
ihn? Hielten sie ihn für einen Propheten oder für einen Betrüger?
In dieser Lage drängten ihn seine Brüder: Du musst nach Jerusalem! Das
große Fest ist die Gelegenheit! Man kann doch nicht groß sein wollen, und
sich dann verstecken. Auf, geh! Zeig dich den Leuten! Zeig, was du kannst!
Und wer du sein willst!
Jesus ließ sich zunächst nicht schieben. Seine Zeit war noch nicht
gekommen. Aber dann ging er doch, als das Fest schon mitten im Gang war.
Von diesem Auftritt berichtet Johannes:
37 Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste
war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!
38 Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme
lebendigen Wassers fließen.
39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn
glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht
verherrlicht.
Es muss zum Gesprächsstoff auf dem Fest geworden sein. Der Zeitpunkt war
gut gewählt. Während des Festes steigerte sich die Spannung gegen das Ende
immer mehr. Das war jedes Jahr so. Auch wenn man schon weiß, was kommen
wird, kann es trotzdem spannend sein.
So ist das ja auch bei uns etwa an Weihnachten. Nichts ist für Kinder so
spannend, wie wenn die Tür aufgeht und man sieht genau das, was man von
letzten Jahr her schon kennt, den Christbaum mit den Kerzen, und die
Geschenke auf dem Tisch.
Am Laubhüttenfest war es zwar anders. Aber alle wussten, was jetzt kommen
wird. In feierlicher Prozession trugen die Priester in goldenen Krügen
Wasser vom Teich Siloah hinauf zum Tempel, um es dort vor aller Augen in
eine Schale am Altar auszugießen. Bei den Rabbinen gab es den Spruch: „Wer
die Freude an der Stätte des Schöpfens (d.h. beim Laubhüttenfest) nicht
gesehen, hat sein Lebtag keine Freude gesehen.“ Das Schöpfen des Wassers
sollte an die Gabe des Wassers aus dem Felsen bei der Wüstenwanderung
erinnern.
Vielleicht können wir das gar nicht so recht nachvollziehen, warum an
dieser Stelle so ein Jubel war. Aber ich kann z.B. auch nicht
nachvollziehen, warum das ein solch herrlicher Augenblick sein soll, wenn
jemand an einem Gummiseil befestigt von der Europa-Brücke herunterspringt
(Bunjee-Springen). Und dann, kurz vor dem Boden vom Gummiseil wieder
abgefangen wird. Die das machen, sagen, es sei ein unvergleichlicher
Kribbel. Da fährt‘s dir durch Mark und Bein.
Natürlich ist das bei einem religiösen Fest anders. Aber beim Höhepunkt
erwartet man keine Störung.
Beim Fest in Jerusalem: Gleich ist es so weit. Die Priester gießen das
Wasser in die riesige Schale.
Da drängt sich jemand vor. Er geht dorthin, wo ihn alle sehen und hören
können. Und mitten in diesen feierlichen Augenblick hinein ruft er: „Wenn
jemand Durst hat, dann soll er zu mir kommen und trinken.“ Jesus macht
sich zum Mittelpunkt des Festes.
- Darf der das? -
Darf Jesus sich in mein Leben drängen? Und in Ihr‘s? Darf er sagen: „Horch
mal: Deine ganzen Lebenshöhepunkte, deine Erfolge, deine Siege, deine
bestandenen Prüfungen - die sind nichts, wenn du nicht mich, Jesus, als
Mittelpunkt hast.“
Er darf es, wenn er wirklich der Sohn Gottes ist; er darf das, wenn er der
Herr der Welt ist, und wenn er mein Herr sein will. In 50 oder 100 Jahren
wird man alles vergessen haben, was mit uns gewesen ist. Aber das wird
bleiben, was uns mit Jesus verbunden hat.
Es ist ein durchdringender Ruf, mit dem Jesus zu sich einlädt. Viele
Menschen merken, dass sie im ganzen Getue unserer Welt und oft sogar
unserer Kirche innerlich ausgetrocknet sind. Weder wirtschaftliches noch
religiöses Handeln macht unser Leben von sich aus schon sinnvoll. Ach,
warum machen wir Menschen oft solche großen Umtriebe? Hetzen von einem
Erlebnis zum anderen, aus Angst, etwas Wichtiges zu verpassen.
Jeder hat seine Formen, diese Sehnsucht nach dem wirklichen Leben
auszufüllen. Die Sehnsucht: Ich will mehr als nur jedes Jahr um ein Jahr
älter zu werden. Ich will mehr als nur das erledigen, was tagtäglich getan
werden muss. Da muss doch noch Leben ins Leben hinein!
Wo ist dieser Durst nach Leben ausgefüllt?
Wie sieht das für uns aus: Durst nach Leben? Da hat jeder seine eigene
Geschichte. Die Suche nach einem sinnvollen Inhalt des Lebens. Beruf.
Familie. Oder Zerstreuung? Oft auch Scheitern!
Durst ist die Sehnsucht, mehr zu bekommen als ich bin. „Ich weiß, ich
sollte mehr bringen, als ich kann. Aber ich schaff‘s nicht.“ Es ist das
Leiden an der Unvollkommenheit.
Durst - solcher Durst - unterscheidet uns Menschen von den Tieren.
Auf dem Flughafen in Stuttgart wartet eine Familie auf ihren Besuch aus
Israel, auf ihre arabischen Freunde. Zum Glück ist im Flughafen alles
überdacht. Denn draußen goss es in Strömen. Die Freunde kommen. Schon
wollen die Deutschen sich für dieses typisch deutsche Regenwetter
entschulden. Aber es kommt nicht so weit. Sondern die Freunde aus dem
heißen Land strahlen: „Wunderbar, hier ist alles grün! Alles lebt!“
Es ist eine Frage der Sichtweise, ob man Wasser für kostbar hält oder
nicht. Jedenfalls wissen es Menschen in heißen Ländern zu schätzen. Wasser
schafft Leben. Wasser, wertvoller als Öl! Denn ohne Öl kann man leben,
ohne Wasser nicht. Wasser ist das Symbol für Leben überhaupt.
„Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke“ rief Jesus am letzten Tag
des Laubhüttenfestes den Leuten zu.
Solche Menschen hat Jesus eingeladen, solche, die Durst haben. Er will
niemand einreden: „Mach dir nichts vor! Du hast doch Durst!?“ Sondern er
lädt solche ein, die das bei sich schon merken und die dem abhelfen
wollen. Er will Verlorene retten, Arme reich machen. Den Durstigen zu
trinken geben. Kranke gesund machen.
Darum haben es in unserer Zeit viele mit Jesus schwer. Wir haben so
unheimlich viele Sachen. Uns mangelt es doch an nichts! - Wirklich? Und
wenn es uns doch an etwas mangelt, dann gibt es vieles zum Zudecken oder
Zerstreuen.
Wenn jemand alles hat, was das Herz begehrt, Besitz oder Erfolg oder Ruhm,
den hält man heute für den Star.
Doch Jesus sieht das anders. Genau das alles hat er für eine Mauer
gehalten, die den Zugang zu ihm und zu Gott versperren kann. Alles das, wo
ich meine: Das habe ich im Griff! Meine Gesundheit, meine Klugheit, meine
Ziele; alles das, womit wir uns selbst und anderen beweisen müssen: Ich
bin wer!
Doch Jesus lädt die ein, denen das Prahlen vergangen ist, die wissen, dass
man nur von dem leben kann, was man bekommt. Und darum gibt und schenkt
er. In seinen Augen bin ich kostbar. Er lässt mich nicht links liegen,
sondern wendet sich mir zu.
Er schenkt uns seine Zuwendung. Auch das ist schon sehr viel. Doch er geht
weiter und schenkt mehr Gaben. Er gibt uns seinen Heiligen Geist. Deswegen
ist der Text am heutigen Sonntag vor Pfingsten dran.
Jesus verspricht den Heiligen Geist wie eine Quelle lebendigen Wassers.
Eine Quelle ist kein Goldbarren, sondern eine Quelle ist in Aktion.
Ich habe mir sagen lassen, es sei eine heikle Sache, eine Quelle zu
fassen. Man sieht, da kommt Wasser heraus, aber man weiß nicht so genau,
wo es herkommt. Es ist nicht gut, gewaltsam vorzugehen, etwa große
Sprengungen zu machen, um an die eigentliche Quelle heranzukommen. Sondern
lieber in kleinen, behutsamen Schritten und mit mäßigen Mitteln vorgehen.
Sonst könnte die Quelle sich zurückziehen und die ganze Mühe war
vergeblich.
So ist das mit der Wirkung des Heiligen Geistes in uns und durch uns auch.
Wenn wir merken, dass er wirkt, dann kann man ihn nicht gewaltsam
aufstöbern. Sondern es ist gut, ihm behutsam Raum zu geben und ihm wie
einer Quelle die Möglichkeit zu geben, selbst zu wirken.
Der Heilige Geist wirkt genauso wie Jesus auch: Er richtet Menschen wieder
auf, die am Ende ihrer Kraft sind.
Wir sind eingeladen: Zu Jesus zu kommen, unseren Durst stillen zu lassen
und selbst von seiner Gabe weiterzugeben. Amen.
(Pfr. Dr. Karl Knauß)
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