Himmelfahrtsgottesdienst
5. Mai 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr
V9:
„Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine
Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.“
Das ist ungewöhnlich. Völlig unnormal. Typisch Jesus. Nach seinen
Spielregeln, außerhalb aller Regeln der Kunst, außerhalb aller bekannten
Naturgesetzmäßigkeiten. Aber so ist es: bei Jesus muss man eigentlich
immer mit dem Unnormalen rechnen. War immer so: Die Sünderin, die viel
gesündigt hat durfte damit rechnen, dass sie angenommen, akzeptiert, ihr
vergeben wird. Die totkranke Schwiegermutter von Petrus durfte musste mit
dem unnormalen rechnen, dass er sie heilt. Der blinde Barthimäus musste
mit dem unnormalen rechnen. Petrus auf dem Wasser. Die 5000 hungrigen
durften mit dem unnormalen rechnen. Wird immer so sein: der trostlose, der
kranke, der entkräftete, der mutlose, der verzagte, der hoffnungslose: ihr
dürft mit dem unnormalen rechnen. Außerhalb des möglichen. Über dem
Normalen.
V10-V11: „Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da
standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: Ihr Männer
von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von
euch weg gen Himmel aufgenommne wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn
habt gen Himmel fahren sehen.
So kommt er wieder. „Als dann werden sie sehen den Menschensohn kommen in
einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.“ (Lukas 21,27) Ohne sich an
unsere Spielregeln zu halten. Irgendwann wird unser Alltag unterbrochen.
Nicht von irgendwelchen Schlagzeilen, die man in den Nachrichten hören
kann über Terrorismus, Krankheit, Krieg. Nur eine Schlagzeile wird es dann
geben, die durch die Medien geistert: Jesus ist wieder gekommen.
Irgendwann wird unser Alltag unterbrochen. Dafür steht Himmelfahrt.
Irgendwann in der Zukunft. Deshalb verbirgt sich für mich in der
Himmelfahrt das zentrale Thema Zukunft. „So wird er wiederkommen, wie ihr
ihn habt gen Himmel fahren sehen.“
Zukunft besteht aus vielen Faktoren. Wirtschaftliche Faktoren.
Gesellschaftlichen Faktoren. Politische Faktoren. Und Zukunft ist davon
geprägt, dass sich alles ändert. Und wir uns ständig auf neues einstellen
müssen. Matthias Horx ist Zukunftsforscher. Er bringt monatliche
Zukunftsletter raus, in denen er sich mit den Trends der Zukunft
beschäftigt. Jetzt hat er eine kleine Broschüre rausgebracht mit den 52
Mega-Trends, auf die wir uns in Zukunft einstellen müssen.
Der 3. von 52 Mega-Trends heißt: „Der neue Zukunfts-Optimismus. Von der
Apokalypse-Angst zur neuen Gelassenheit. Die Herrschaft der
professionellen Zukunfts-Pessimisten, neigt sich langsam dem Ende zu.
Viele Menschen haben es satt, mit der ständigen Vision vom Untergang der
Welt zu leben – zumal ihr persönliches Umfeld keinerlei nachvollziehbare
Anzeichen dafür liefert. Der Wandel vom Zukunfts-Alarmismus zum
engagierten Zukunfts-Optimismus könnte in den nächsten Jahren unsere
Gesellschaft „entkrampfen“. Damit wäre der Weg frei für einen neuen
Zukunfts-Pragmatismus, der die Probleme realistischer ortet und zu lösen
versucht.“
Setzen sie diesem Zukunfts-Trend das Zukunftsereignis schlecht hin, die
christliche Wiedersehensvorfreude auf das Kommen Jesu entgegen. Dann
müssten wir doch sagen: Wenn einer Grund zum Zukunfts-Optimismus hat, dann
wir Christen, die Himmelfahrt feiern. Himmelfahrt ist das Fest der Zukunft
schlechthin, wenn wir prophezeit bekommen: „So wird er wiederkommen, wie
ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“
Es stimmt Herr Horx, wenn Menschen keinen Grund haben zum
Zukunftspessimisus dann dürfte das als erstes an den Christen liegen: wir
Christen haben keinen Grund, wie die Männer aus Galiläa damals rumzustehen,
und zum Himmel zu sehen. Wir haben keinen Grund zum Pessimismus. Wir haben
Wiedersehensvorfreude, die sich in der Tat im Zukunfts-Pragmatismus zeigt:
Wir Christen leben nicht vom weggehen, sondern vom angehen. Vom Wegpacken
sondern vom Anpacken. Vom Augen verschließen sondern vom Augen öffnen.
Nicht vom zurücklehnen, sondern sich auflehnen. Nicht zum abstossen
sondern vom anstossen. Wir haben allen Grund, Probleme realistisch zu
orten, anzusprechen und zu lösen. Denn wir Christen wissen, dass unser
Alltag und das Alltägliche irgendwann unterbrochen wird. Und deshalb
überlegen wir uns sehr gründlich, was genau zu tun ist, um sich auf das
Kommen Jesu vorzubereiten. Irgendwann kann man dafür nichts mehr tun. Dann
ist er da.
Wenn wir uns Gedanken machen, was zu tun ist, was relevant ist für die
Zukunft, haben wir automatisch auch die Antwort auf die Frage, was wir
lassen können. Im Licht unserer Zukunft sind manche Taten nicht nötig,
andere dringend gefragt. Sind manche Probleme anzugehen, und manche
Probleme sind keine relevanten Probleme mehr. In der Praxis: schlimm wäre,
wenn der Versöhner kommt, und wir noch unversöhntes hätten. Wenn noch alte
Feindschaften bestehen würden. Alte Vorurteile. Machen wir uns als
Versöhner an Christi statt an die Arbeit. Anselm Grün: „Wer mit dem Herzen
in der Zukunft ist, dem fällt der Weg nicht so beschwerlich.“ Weniger
relevant dürften in Zukunft, religiöse Grabenkämpfe sein, weniger relevant
dürfte unsere Andersartigkeit sein, weniger relevant werden Gewinn und
Verlust sein, weniger relevant werden Gesundheit und Krankheit sein,
weniger relevant werden Perfektionismus und Hyperaktivismus sein, weniger
relevant werden Eigenbrödlerei und Einzelkämpfertum sein. Relevant wird
sein, wie sich Gemeinde als Braut Christi auf ihren Bräutigam vorbereiten
wird. Was noch relevant ist: was hülfe es dem Sprachlosem, dem Gehörlosen,
wenn er die ganze Welt der Kommunikation gewönne und nähme doch Schaden an
seiner Seele. Was nützt es dem Alkoholiker, wenn er die ganze Welt der
Arbeitkraft wiedergewönne und nehme doch Schaden an seiner Seele. Was
nützt es dem Bewohner im Rotachheim, wenn er die ganze Welt eines
Schutzbefohlenen genießt und doch Schaden nimmt an seiner Seele. (frei
übersetzt nach Matthäus 16, 26) Und Vers 27: „Denn es wird geschehen, dass
der Menschensohn kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen
Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun.“ (Matthäus
16, 27)
Ich lade sie ein, für sich selber zu überprüfen, was wirklich wichtig ist,
angesichts der Zukunft, die uns Himmelfahrt in Aussicht gestellt wird.
Zukunftsoptimismus und -pragmatismus, weil er wiederkommen wird, wie ihr
ihn habt gen Himmel fahren sehen. „Wer mit dem Herzen in der Zukunft ist,
dem fällt der Weg nicht so beschwerlich.“
Der 5. und 6. Mega-Trend heißt: Spiritualisierung und Rückkehr der
Rituale.
Horx: „Neue Magie und Patchwork-Religionen prägen den Glauben der Zukunft.
Während die christlichen Traditionskirchen in Europa an Bindungskraft
verlieren, blühen die Felder den neuen Spiritualität. Das Verlangen nach
Orientierungen jenseits des Materialismus bleibt stark. In der Bevölkerung
wächst die Nachfrage nach immer neuen spirituellen Abenteuern – besonders
im Zusammenhang mit Heilen und Zaubern. Im Internet wird das Geschäft mit
der Religion immer stärker blühen.
Ich glaube auch: das wird so kommen, wenn wir Christen nicht eindeutig
über die Zukunft reden. Ich glaube es auch: das wir Mitmenschen erleben,
die wegen ihrem ausgeprägten religiösen Verlangen überall suchen werden
nach spirituellen Erfahrungen und Befriedigungen! Sie werden überall
suchen und basteln, wenn wir Christen uns nicht eindeutig mit unserer
Überzeugung und Angebot positionieren. Wir sind umgeben von Menschen, die
ein brennendes Verlangen nach spirituellen Abenteuern haben. Die anderen
Abenteuer sind ausgereizt. Spirituelle Abenteuer sind gefragt, das
ungewöhnliche, das außergewöhnliche, das unnormale, das absurde, das
undenkbare. Ich gebe zu, dass Magie und Patchwork-Religionen den Glauben
der Zukunft prägen werden, wenn wir Christen nicht eindeutiger und klarer
von unserer Zukunft reden und darüber Stellung beziehen. Die Menschen
brauchen und wollen etwas, woran sie sich orientieren können. Und
orientieren tut sich keiner an der Vergangenheit, sondern an der Zukunft.
Laden wir doch ein zu und mit unseren spirituellen Abenteuern, nach denen
sie sich sehnen.
Wer hat die denn, wenn nicht wir! Ich persönlich habe gerade große,
spirituelle Abenteuer hinter mir. Unter dem Thema Versöhnung und
Verwöhnung.
Beispiel Radio: eingeladene Expertin, die ich sehr gut kenne. Für die ich
meiner Redaktion gegenüber die Hand ins Feuer gelegt habe. Interview war
letzten Endes nicht zu gebrauchen. Viel Wut, viel Enttäuschung, viel
Stress in einer Live-Sendung. Und wie durch ein Ventil haben meine
Chefredakteurin und ich unserer Enttäuschung und Ärger Luft gemacht. Und
wir sind über die Expertin, meine sehr gute Bekannte hergezogen. Und haben
übersehen, dass das Mikrofon noch auf war und die Bekannte alles brühwarm
gehört hat. Es war kurz vor Ostern. Bestimmt 20 Emails und Anrufe mit der
Bitte: vergib mir. Und sie konnte nicht vergeben. Und nach vier Wochen
dann der Freispruch: Heiko, ich vergebe dir. Das ist spirituelles
Abenteuer. Versöhnt werden.
Beispiel Atempause: Es war vor einem Jahr, da haben Sie, da hast du dies
oder jenes gesagt. Und seit dem war der Rollladen Dir gegenüber runter.
Warst du in der Schublade drin. Versöhnung ist ungeheures spirituelles
Abenteuer. Und wird ohne Ende nachgefragt. Weil zuviel unversöhntes in der
Luft hängt. Unsere Zukunft wird ganz stark vom Versöhner geprägt. Denn „er
wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren gesehen.“
Diese Männer aus Galiläa, die dastehen und in den Himmel gucken, dem sich
in Luft auflösenden Jesu nachstarren, die plötzlich gesagt bekommen, was
in Zukunft geschehen wird: sie machen das m. E. nach einzig richtige: sie
gehen in die Gemeinde. Es heißt: V. 12-14. Wer um die Zukunft weiß, und
deshalb Zukunft verantwortlich gestalten will, kann dies am
wirkungsvollsten in der Gemeinde tun. Da, wo alles wächst. Kraut und
Rüben. Brennesseln und Sonnenblumen. Mimosen und Vergiss mein nicht. Eben
Petrus der Schizoide, Johannes der Depressive, Jakobus, der Dominante und
Andreas der Zwanghafte. Alles in allem die alten Streithähne unter einem
Dach. Philippus und Thomas: der Pietist und der Zweifler. Bartholomäus und
Matthäus. Das ist Gemeinde. Und die waren alle beieinander einmütig im
Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern. Und
dann erlebten sie ihr blaues Wunder. Spirituelle Abenteuer pur! Aber dazu
an Pfingsten dann mehr. Ich möchte sie nur ermutigen heute, noch
intensiver von der Zukunft her zu denken: „So wird er wiederkommen, wie
ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“ Irgendwann in der Zukunft wird
unser Alltag unterbrochen. Und solange wird unser Alltag bestimmt von der
Zukunft. Lassen sie uns etwas für und wegen der Zukunft tun, und nicht um
die Zeit totzuschlagen. Und lassen sie uns deutlich von unserer
Zukunftserwartung reden, damit andere auf ihre spirituelle Nachfrage ein
klares, eindeutiges Angebot bekommen.
(Pfr. Heiko Bräuning)