Zweitgottesdienst
"Domino" 17. April 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Der Vater und seine
zwei Söhne
Es ist
zwar schon einige Jahre her, aber ich weiß es noch wie gestern.
Benjamin
hatte sein erstes Fahrrad bekommen. Wir wohnten am Ringgenhof direkt am
Sportplatz, ideal gelegen, um das Radfahren zu lernen. Nach ein paar Tagen
sagte er dann auch zu mir:
„Papa
mach mal die Stützräder ab, ich möchte jetzt richtig fahren.“ Gesagt
getan, es dauerte nicht lange da kam er zu mir und sagte: Papa ich kann
jetzt richtig fahren, soll ich es dir mal zeigen? Und was er mir gezeigt
hat war wirklich allerhand. Mit einem Affenzahn ist der um den Sportplatz
gefahren, die Kurven haben ihn nicht weiter gestört. Ich habe ihn dann
erst mal angehalten und versucht ihm zu erklären, dass er bitte etwas
langsamer fahren sollte, dass man vor einer Kurve bremsen muss und auch
nicht mit der Pedale auf den Boden kommen darf um nicht zu stürzen. Er
hörte sich das an und sagte nur: „Ach Papa“.
Sollte
wohl heißen, spare dir deine gut gemeinten Ratschläge, ich kann das schon
alleine.
Dann fuhr
er wieder los. Ich stand da und konnte nur noch zusehen wie die Dinge
ihren Lauf nahmen. Was sollte ich machen? Ihn noch mal belehren,
Stützräder wieder anbauen, das Fahrrad einziehen? Ich stand da zwischen
Hoffen und Bangen und während mir die Gedanken durch den Kopf schossen war
es auch schon passiert. Ein wirklich schlimmer Sturz mit Beulen und
Hautabschürfungen und das hat ganz schön geblutet. Ich konnte dann nur
noch versuchen zu trösten und zu beruhigen habe die Wunden verarztet und
war am Ende froh, dass nichts Schlimmeres passiert war. Ich hätte mir
sonst vorwürfe gemacht. Ich hätte es doch verhindern können, hab doch
vorausgesehen was passieren würde.
Ich habe
mich gefragt, ob es dem Vater ähnlich ergangen ist, von dem Jesus einmal
in einem Gleichnis erzählt hat.
Da heißt
es : Ein Vater hatte zwei Söhne. Der jüngere sagte: „ Vater gib mir den
Teil der Erbschaft, der mir zusteht! Da teilte der Vater seinen Besitz
unter die beiden auf.
Vater gib
mir mein Erbteil, das heißt doch, „ich will hier raus“ . Ich bin lange
genug dein Diener gewesen, ich möchte endlich frei und unabhängig werden.
Ich habe keine Lust mich länger nach deinen Prinzipien zu richten ich
möchte mein Leben so leben ,wie ich es für gut halte. Ich möchte frei sein
und mich verwirklichen.
Wie mag
es dem Vater gegangen sein nach diesem Gespräch? Viel erfährt man nicht
darüber. Ob er das auch vorausgesehen hat ,was passieren würde? Er
unterschreibt den Scheck, schiebt ihn rüber.
Keine
Moralpredigt: Wie undankbar du bist. Kein Zeichen von Beleidigt
sein :
Ich bin sehr enttäuscht. Keine negativen
Prophezeiungen : Du wirst schon sehen wo das endet. Er hätte
auch ein Machtwort sprechen können: Du kannst ja gehen,
aber das Geld bleibt hier. Dann wäre der Ausflug seines Sohnes
vielleicht ausgefallen, oder viel kürzer gewesen und dem Jungen wäre viel
erspart geblieben. Vater, warum lässt du das zu. Ist das Gleichgültigkeit,
Desinteresse ?
Mein
Beruf bringt es mit sich, dass ich mich oft mit Söhnen über ihre Väter
unterhalte.
Bei aller
Unterschiedlichkeit gibt es ein paar Dinge, die ich häufig höre. Viele
Söhne sagen z.B. ,Vater war nie da. Wenn ich ihn gebraucht hätte, war er
nicht greifbar. Und wenn er da war, war er nicht wirklich anwesend und
nicht ansprechbar, hatte zu viel anderes im Kopf, häufig gab es Ärger. Da
bin ich lieber gleich zur Mutter gegangen, wenn ich was hatte. Ob das
stimmt was Matthias Mattusek in seinem Buch geschrieben hat, dann
sind wir auf dem besten Weg in eine vaterlose Gesellschaft. Und in
dieser Gesellschaft gibt es viele allein erziehende Mütter, obwohl sie
keine Witwen sind und auch nicht in Scheidung leben. Väter glänzen wohl
häufig durch Abwesenheit. Und wenn das andere auch stimmt, was uns
Religionspädagogen schon lange sagen, dass wir unser Vaterbild auf den
Vater im Himmel, d.h. auf Gott übertragen, dann wird vielleicht klar,
warum so viele Menschen mit Gott nichts mehr anfangen und das sich eine
Theologie entwickelt hat, die sich eine Mutter im Himmel vorstellt, eine
Göttin, eine Maria. Das wäre doch logisch, geradezu psychologisch.
Und gibt
es da einen Zusammenhang, das so viele zum Papstbegräbnis gepilgert sind?
Ein Pilger hat es auf den Punkt gebracht: Er war ein guter Vater, er war
so menschlich und er war uns nah. Die Sehnsucht nach dem Vater oft genau
so groß wie die Enttäuschung?
Aber wie
ist eigentlich dieser Vater ? Gehört der auch zu den abwesenden Vätern?
Nein, der ist anders, der ist zu Hause anzutreffen und ist ansprechbar.
Man kann es nur ahnen, wie er empfunden hat, zwischen den Zeilen wird es
mitgeteilt. Er ist jeden Tag zum Tor gegangen und hat Ausschau gehalten
nach seinem Sohn.
Kennen
Sie dieses Gefühl auch, dieses Warten zwischen Hoffen und Bangen:
Wann
klingelt endlich das Telefon, wann kommt endlich ein Lebenszeichen. Wann
kommt er oder sie zurück und in welchen Zustand. Hat das, was ich
mitgegeben habe auch gereicht?
Dieses
Gefühl erlebt der Vater jeden Tag, wenn er an seinen Sohn denkt.
Und so
beschreibt Jesus seinen Vater im Himmel. Als einen Vater der zu Hause
wartet, der geduldig ist, einen Vater der Freiraum gewährt, der dir keinen
Druck macht, der deinen Willen respektiert sich Sorgen macht und jeden Tag
Ausschau hält nach dir, ohne wenn und aber zu dir steht, egal was passiert
ist.
Aber
dieser Vater steht nicht nur für Gott. Er steht auch für jeden Vater, jede
Mutter, für jeden, der diese Erfahrung schon mal gemacht hat. Du kannst
dein Kind nicht festhalten. Du musst ihm erlauben seinen ganz eigenen Weg
zu gehen, seine eigenen Fehler machen zu dürfen, seine Höhenflüge und
Abstürze erleben zu dürfen, du kannst es letztlich nicht schützen, indem
du versuchst festzuhalten, nein du musst loslassen können.
Ich denke
der Vater in diesem Gleichnis hat das gewusst, er hat sich rechtzeitig
darauf vorbereitet und konnte deshalb reagieren, ohne in Panik zu geraten.
Ich
glaube, diese Art von Vätern braucht der Mensch. Einen der im richtigen
Moment Halt gibt und im richtigen Moment Freiheit gewährt. Einen der deine
Pläne respektiert und der im richtigen Moment loslassen kann und im
richtigen Moment Geborgenheit und Halt geben kann. Und ganz wichtig, einen
Vater der sich Zeit nimmt, der da ist wenn man ihn braucht.
Bevor wir
noch mal auf den Vater zurückkommen müssen wir uns seine Söhne einmal
genauer angucken.
Da ist
zuerst der „verlorenen Sohn“, wie ging es mit dem eigentlich weiter?
Naja der
hat sich aufgemacht, zog ferne über Land , lebte in Saus und Braus und
brachte sein gut um mit Prassen. Hier sind der Fantasie keine Grenzen
gesetzt, wie er das wohl gemacht hat. Sicher hat er eine Menge Freunde
gehabt in dieser Zeit, als er noch Geld hatte. Große Feten, reichlich
Alkohol, vielleicht auch Drogen, Markenklamotten, schickes Auto, die eine
oder andere Affaire und er macht die Erfahrung: Haste was biste was und es
gibt viele Freunde. Aber irgendwie hatte er sein Kapital nicht gut
angelegt, es wurde immer weniger statt mehr und irgendwann war er pleite,
hatte sich finanziell und vielleicht auch gesundheitlich verausgabt. Es
war nichts mehr übrig, wie Sand zwischen den Fingern zerronnen. Bei den
Schweinen war er gelandet, am absoluten Nullpunkt, gescheitert.
Der
verlorene Sohn steht für jeden, der in seinem Leben schon mal an einem
Punkt war, wo es nicht mehr weiterging, wo man nur noch umkehren konnte.
Der
verlorenen Sohn steht aber auch für jeden, der auf seiner Suche nachdem
Leben, nicht das gefunden hat, was er sich erträumt hat, der letztlich
enttäuscht worden ist.
Er steht
für jeden, der übersehen hat, das nicht überall, wo Freiheit drauf steht
auch Freiheit drin ist, dass nicht alles was Spaß macht auf die Dauer
Lebensqualität bringt. Und er steht für jeden der erfahren hat, das es
Dinge gibt, die man nicht kaufen kann z.B. Liebe, Freundschaft; Treue.
Entweder man kriegt es geschenkt oder man hat es nicht.
Und ganz
unten angekommen erinnert er sich an zu Hause, an den Vater.
Er spürt,
was er verloren hat und das der Vater immer da war, wenn man ihn brauchte.
Als kehrt er zurück, wir vom Vater herzlich aufgenommen und es gibt ein
großes Fest.
Hier
könnte die Geschichte eigentlich enden. Die Moral von der Geschichte würde
dann lauten:
Mensch, da kannst du sehen, wo dich dein Freiheitsdrang, dein Eigensinn
und Ungehorsam hinführen. Lass es dir eine Lehre sein. Bleib beim Vater,
sei gehorsam und dir bleibt viel erspart. Gott sei dank ist er so gnädig
dir zu vergeben und dich wieder aufzunehmen, wenn du nicht mehr weiter
weißt.
Aber die Geschichte endet
hier nicht, sie geht erst richtig los.
Dann betritt der ältere
Bruder die Bildfläche und die Atmosphäre verändert sich schlagartig.
Die
älteren Geschwister sind ja oft die Vernünftigen. Er war auf dem Feld
gewesen bei der Arbeit, wie jeden Tag und hat schon von Ferne gehört, dass
sich was tut im Haus.
Manchmal
ist es schon verwunderlich, wie unterschiedlich Geschwister sein können,
obwohl sie doch die gleichen Eltern haben.
Genau
genommen lebt er doch ein christliches Ideal: Er tut den Willen des
Vaters, Gehorsam und Dienstbereitschaft sind wichtig für ihn, eigene
Bedürfnisse werden zurückgestellt, das Ego wird immer kleiner. Aber
irgendwie ist da Unzufriedenheit. Als er hört, dass sein Bruder kurz vor
dem totalen Absturz doch noch den Weg zurückgefunden hat, kann er sich
nicht darüber freuen. Im Gegenteil, er macht dem Vater Vorwürfe und man
spürt die Ungerechtigkeit, die er empfindet, das Gefühl: Ich komme zu
kurz.
„Vater,
so viele Jahre habe ich dir gedient, deine Gebote eingehalten. Für mich
gab es nie ein Fest. Kaum kommt mein Bruder nach Hause, der dir nicht viel
Freude gemacht hat, der sein Geld mit Huren durchgebracht hat und schon
geht hier der Punk ab.
Ich kann
verstehen, dass der sauer ist.
Kennen
sie das Gefühl auch, benachteiligt zu werden, übergangen zu werden, zu
kurz zu kommen. Das ist nicht sehr angenehm.
Ich
glaube, dass es viele Menschen auch viele Christen gibt, die dieses Gefühl
kennen. Ich habe mich jahrelang engagiert in der Gemeinde, im Beruf, in
der Familie. Spaß macht es schon lange nicht mehr und ich kriege auch kaum
was zurück, mein Einssatz wird nicht gesehen, da stimmt die Bilanz schon
lange nicht mehr.
Der
unverlorenen Sohn steht für jeden, der diese Erfahrung schon mal gemacht
hat, Undank ist der Welt Lohn und Gerechtigkeit gibt es oft nicht.
Kann es
nicht sein, dass der unverlorenen Sohn der große Verlierer ist in diesem
Gleichnis?
Und das
auch noch aus einem anderen Grund:
Weil er
sich keiner Schuld bewusst ist, weiß er nicht was Vergebung bedeutet.
Weil er
niemals in der Fremde war, weiß er nicht was Heimweh bedeutet.
Weil er
nicht weiß, wie wenn man sich verloren vorkommt weiß er nichts von
Rettung.
Weil er
immer ein bisschen Angst hatte vor dem Vater oder auch vor dem Leben hat
er nie etwas riskiert, sein Leben nur geträumt.
Nochmal
zum Vater. Was will Jesus uns eigentlich sagen über seinen Vater?
Was ist
die Moral von der Geschichte?
Moral von
der Geschichte erstens :
Der Vater
ist anders als ihr denkt.
Er hätte
doch sagen können.“ Du, verlorener Sohn, du hast mich sehr enttäuscht,
aber ich vergebe dir. Du bekommst etwas zum Essen und neue Klamotten
kriegst du auch.
Aber ich
musste erkennen, dass du ein unsicherer Kantonist bist. Wer garantiert
mir, dass du nicht bald wieder rückfällig wirst und der ganze Circus
wieder von vorne losgeht. Du hast hoffentlich was dazugelernt deshalb ist
besser wenn du wieder gehst und noch mal von vorne anfängst“. Das sagt er
aber nicht, er sagt zu ihm:“ Mein lieber Sohn“
Zu dem
anderen hätte er sagen können: „ Du, Musterknabe, es ist schon recht dass
du immer gehorsam warst. Vielleicht fehlt dir ja nur der Mut, um zu
protestieren, oder das Temperament, um mal einen drauf zu machen. Im
übrigen bist du sehr undankbar geworden im Lauf der Jahre. Du weißt schon
gar nicht mehr was es bedeutet immer bei mir zu sein. Wäre es nicht besser
du würdest mal ausziehen und dir den Wind ein bisschen um die Nase wehen
lassen.
Auch zu
ihm sagt er :“ Mein lieber Sohn“.
Beide
haben Platz unter seinem Dach, beide sind gern gesehen.
Diese
beiden Extreme dürfen sein und alles was dazwischen liegt auch.
Da ist
auch Platz für mich und für sie auch. Für Sie und für Sie auch, egal wie
Ihre Geschichte bisher verlaufen ist und wo sie gerade stehen. Er wartet .
Ob
Musterknabe oder enfent terrible, höhere Tochter oder verlorener Sohn.
Er
wartet. Und alles was sie hinkriegen müssen ist nur: alleine schaffe ich
es nicht, ich muss umkehren, ich brauche den Vater. Und das ist schwer
genug.
Moral von
der Geschichte zweitens:
Ich habe
es in vielen Predigten gehört und in Bibelgesprächen, an denen ich selbst
beteiligt war ging es darum:
Wer wird
gerettet, wer geht verloren
Wer ist
auf dem schmalen Weg, wer auf dem Holzweg
Wer ist
entschiedener, bibeltreuer, praktizierender, echter, wiedergeborener,
gläubiger Christ und wer ist nur Kuschelchrist
Was ist
eine geistliche und was ist eine weltliche Gesinnung?
Alles nur
Nebensächlichkeiten?
Aber
solche und ähnliche Fragen haben die Christenheit gespalten.
Da wo wir
sagen: so und so nicht. Wo wir Mauern hochziehen und selbst wenn es die
schönsten Kirchenmauern sind.
Das was
wir oft nicht zusammenkriegen, das ist unter dem Dach des Vaters versöhnt
im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht haben wir es noch gar nicht
gemerkt.
Moral von
der Geschichte drittens:
Wenn die
Brüder mal ehrlich miteinander gesprochen hätten, dann hätten sie
vielleicht bemerkt wie ähnlich sie sich eigentlich sind. Beide haben
Bekanntschaft gemacht mit dem Lebensgefühl „Ich komme zu kurz, ich kriege
womöglich nicht das, was mir zusteht, mir wird etwas vorenthalten. Und
vielleicht hätten sie bemerkt, wie ähnlich sie sich sind in ihren Wünschen
und Sehnsüchten. Und das es für den Vater keinen Grund gibt parteiisch zu
sein, oder einen zu bevorzugen, weil der Vater beide sehr gut kennt und
versteht.
Das der
Unterschied nur darin besteht, wie sie mit ihrem Mangel umgehen, der eine
durch Rebellion und der anderer, indem er sich anpasst und in sein
Schicksal ergibt.
Ich frage
sie, was ist da besser?
Wenn wir
ehrlich mit einander umgehen, dann können Grenzen abgebaut werden, dann
wächst Vertrauen, dann lösen sich Gegensätze in Wohlgefallen auf.
Moral von
der Geschichte viertens:
Jesus
erzählt mit diesem Gleichnis seine eigene Geschichte. Er ist selbst ein
verlorener Sohn geworden. Kann man sich eine größere Fallhöhe vorstellen.
Aus dem
Himmel direkt in einen Kuhstall irgendwo am Ende der Welt und das war noch
längst nicht der Tiefpunkt. Wenn der Vater sagt: Dieser mein Sohn war
tot und ist wieder lebendig geworden, dann ist das Osterevangelium in
einem Satz zusammengefasst.
Und
Jesus gibt damit zu verstehen, dass der Vater nicht mehr nur wartet. Der
Vater hat quasi einen Botschafter losgeschickt, um nach mir zu sehen, um
nach mir zu sehen, ob es schon so weit ist und ich zurück möchte zum
Vater. Und er würde mir sogar den Weg zeigen und mitgehen.
(Reinhard Börner)