Gottesdienst am Jubilate, 17. April 2005, in Wilhelmsdorf um 9.00 Uhr, Predigt über Johannes 16, 16-23a.

Heute reden wir von der Freude. Aber es ist erstaunlich, dass wir von Freude sehr oft nur zusammen mit dem Schmerz reden. So ist es in der Bibel. So erleben auch wir es.

Mit Zahnschmerzen sitze ich beim Zahnarzt. „Wenn‘s nur schon vorbei wäre!“ So richtig mitten im Schmerz können wenige Minuten ja eine halbe Ewigkeit sein.

Ich mach‘s kurz. Denn wer will schon im Gottesdienst gerne an den Zahnarzt erinnert werden. Aber wie ist das für eine Zahnarzthelferin, die es regelmäßig erlebt, dass jemand dasitzt und denkt: Wenn‘s nur schon vorbei wäre? Und wie ist das für einen Zahnarzt, für den das zur Alltagserfahrung gehört.

Aber es ist die Erfahrung von fast allen Menschen: Wenn die Ursache des Schmerzes behoben ist, wenn der Entzündungsherd beseitigt ist, dann denkt man nicht mehr dran, wie schwierig und schmerzhaft das war. Wir sind meist sehr vergesslich, was den Schmerz betrifft.
Zahnschmerzen sind zwar schlimm. Aber es gibt Schlimmeres.
Und es gibt Schöneres, als wenn der Schmerz vorbei ist.

Das hat mit Jesus zu tun. Er selbst weiß um den Schmerz und die Freude. Schmerz, wenn er fehlt. Freude, wenn er da ist.

16 Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.
17 Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater?
18 Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet.
19 Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen?
20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.
21 Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.
22 Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
23 An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.


Für die Jünger war es eine ungeheuer interessante Zeit, prall gefüllt mit Erlebnissen, die Menschen sonst nicht so erleben können. Sie spürten unmittelbar: Gott ist unheimlich nahe. Das war in dieser Zeit von etwa drei Jahren, in der Jesus da war. Seine Worte, seine Taten, seine Heilungen. Eigentlich sollte das nie, nie aufhören! Immer so weitergehen! 50 Jahre. 80 Jahre. Noch länger. Bis alle Krankheit beseitigt ist. Bis alle Bosheit verraucht ist. Bis alle ihren Widerstand gegen Gott aufgegeben haben. Eigentlich müsste diese glanzvolle Zeit ewig dauern.

Doch! Jesus redet davon, dass es aufhört. Er mutet es den Jüngern zu; weil das Festkleben am kleinen Glück das größere Glück verhindert.

Im Leben von Christen gibt es verschiedene Phasen: Trauer und Schmerz, aber auch Freude und Glück. Die Nachfolge Jesu besteht nicht nur aus dauerndem Jubel, und auch nicht aus ständiger Niederlage. Finden Sie das gut, dass das so ist?

Wenn wir es uns aussuchen könnten, dann würden wir sicher wählen: Ich hätte gerne immer Zeiten des Jubels und Hochgefühls. Ständig Freude. Niemals Pech, und dass immer alles sehr gut ausgeht.

Wahrscheinlich denken wir alle ungefähr so: Das richtige Leben findet nur statt, wenn alles Wesentliche gelingt. Wenn das Konto nie überzogen ist; wenn alle Leute lieb zu mir sind; wenn die Noten in der Schule stimmen; wenn ich immer eine Arbeit habe, aber immer gut dosiert und nicht zu viel Stress; und wenn der Rücken nicht weh tut...

Nehmen wir die andere Seite. Wer sich Schmerz und Trauer wünscht, muss wohl nicht ganz gesund sein. So denken wir jedenfalls. Schmerz und Trauer ist doch Unglück! Und Unglück kann man doch nicht wünschen!

Gott will uns nicht eine auswischen. Aber er mutet den Jüngern harte Erfahrungen zu. Und Jesus sagt es ihnen voraus. Er sagt ihnen sogar voraus, dass ihre Gegner jubeln werden.

Stellen Sie sich vor, da geht jemand zum Therapeuten. Und der sagt ihm: Es wird Ihnen morgen und übermorgen sehr schlecht gehen. Sie werden bloß noch heulen. Wer so beraten wird, wird den Therapeuten für grausam halten und sich vornehmen: Zu dem gehe ich nie wieder.

Die Jünger wirken an dieser Stelle total verwirrt und konfus. Johannes deutet das durch ihre dauernde Fragerei an. Sie wollen sich dem einfach nicht öffnen, was Jesus ihnen sagen will. Es ist, als würden sie sich dumm stellen. „Wie war das noch einmal mit der kleinen Weile? Was soll das bedeuten?“

Das Gespräch von Jesus mit seinen Jüngern ist am Tag vor seiner Kreuzigung. Auch wenn es für Jesus selbst noch innere Kämpfe bedeutet; er weiß, der Sieg Gottes über Sünde und Tod und Teufel geht nur durch dieses finstere Tal hindurch. Und weil er selbst da hindurch muss, kann er es seinen Jüngern auch nicht ersparen.

Es ist wie bei einer Geburt. Natürlich sind die Ängste und Schmerzen dabei nicht die Hauptsache. Sondern die Hauptsache ist, dass ein Kind zur Welt kommt. Aber das bekommt die Frau nicht ohne diese Nöte. Das Ziel der Geburt kann zeitweise von dieser Not regelrecht verdrängt werden; so sehr, dass nur noch Not da ist. Aber das geht zu Ende. Dann kommt die unbändige Freude und die ganze Not ist vergessen.

Die Jünger haben an Ostern eine andere Freude erlebt als bei einer Geburt. Und sie hatten noch viel mehr Grund zum Jubeln. Die Auferstehung Jesu war der Anfang der neuen Welt Gottes.

In unserem Gottesdienst sind sicher auch Menschen mit Not und Ängsten, oder mit einer drückenden Last auf der Seele. Gottes Ziel ist nicht Schwachheit und Not. Das soll Ihnen gerade besonders gesagt werden. Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Gewiss, diese Zeit der Not würden wir am liebsten wegwünschen. Und mitten drin erscheint es vielleicht unerträglich. Aber vom Ende her gesehen schrumpft die Zeit der Not zusammen.

Das galt schon für die Jünger an Ostern. Als sie Jesus begegneten, waren die Nöte und Ängste vorbei. Und die meisten Fragen lösten sich wie von selbst auf.

Das gilt aber auch für unser Ziel in der Ewigkeit. Viele Menschen nehmen sich insgeheim vor: „Wenn ich einmal dort in der Ewigkeit bin, dann werde ich dies und das fragen. Ich werde Gott auch fragen, warum er all das Schwere und das Leid zugelassen hat.“ Aber dann werden sich die Fragen von selbst auflösen. Wo Jubel über die Ewigkeit ist, Jubel über die unmittelbare Nähe Gottes, da übertönt es alles andere. Wenn wir dann die Menschen sehen werden, für die das Leid vorbei ist, dann sind die vorgenommenen Fragen überflüssig.

Das Neue Testament ist voll von der Freude, auch für die Gegenwart. Sie wird nicht nur auf das Reich Gottes verschoben. Sondern die Vorfreude auf die Erfüllung in seinem Reich durchstrahlt auch hier schon das Leben der Christen.

Ich wünsche uns, dass auch wir uns von dieser Freude anstecken lassen. Amen.
 

(Pfr. Dr. Knauß)                                    

  

 

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