Gottesdienst am Ostermontag, 28. März 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Lukas 24, 36-48.

Wo ist eigentlich Jesus? Er war verschwunden!
Für die Jünger war Ostern nicht nur ein Tag des Jubels, sondern zunächst ein Tag des Zweifels, der Aufregung. Sie mussten erst noch mit dem zurechtkommen, was sie hörten und doch nicht so recht glauben konnten. Die Frauen, die am Grab waren, kamen zurück zu den Jüngern nach Jerusalem und behaupteten, sie hätten ihn gesehen. Petrus und Johannes waren am Grab und fanden es leer und in aufgeräumtem Zustand. Aber ihn selbst sahen sie da noch nicht.

Es wird wohl eine aufgeregte Situation den Tag über gewesen sein. Die Spannung fast nicht auszuhalten. Wenn er denn auferstanden ist, wo ist er dann jetzt? Und kann es sein, dass er sie so im unklaren lässt?

Erst im Lauf des Tages erscheint Jesus dem Petrus. Es wird nicht beschrieben, wann.

In dieser Situation sitzen die Jünger beieinander, betend und miteinander redend. Das war noch keine Stunde des puren Jubels. Sondern da war Zweifel, Angst und Sorge mit dabei. Sie kriegen die verschiedenen Informationen und Stimmungen noch nicht unter einen Hut. Es ist an der Grenze zum Durchdrehen. Das hält man doch im Kopf nicht aus! Könnte es nicht sein, dass die Frauen und Petrus spinnen? Dass sie zu viel Phantasie haben und nicht mehr recht unterscheiden können zwischen echt und falsch?

Da stürmen die beiden Emmausjünger herein und erzählen, wie sie auf dem Heimweg in ihren etwa 2 Stunden entfernten Heimatort waren, und wie da ein Fremder zu ihnen stieß, der sich als der auferstandene Jesus herausstellte.

Aber die meisten hatten ihn immer noch nicht gesehen. Der Kopf läuft heiß. Der Puls hämmert.

Inzwischen war es Abend geworden. Von dieser Situation berichtet Lukas 24, 36-48.

36 Als sie aber davon redeten, trat er selbst, Jesus, mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!
37 Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist.
38 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?
39 Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.
40 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und Füße.
41 Als sie aber noch nicht glaubten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen?
42 Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor.
43 Und er nahm’s und aß vor ihnen.
44 Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.
45 Da öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden,
46 und sprach zu ihnen: So steht’s geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage;
47 und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt an in Jerusalem
48 und seid dafür Zeugen.


1. Der Auferstandene: Keine Einbildung, sondern echt
Lukas schildert, wie ängstliche und zweifelnde Jünger zusammensitzen. Meinen Sie, da würden wir hineinpassen? Vielleicht sogar sehr gut! Da konnte jeder sagen, was er denkt. Und selbst nach diesem Osterabend blieb einer hartnäckig bei seiner Skepsis, weil er ihn nicht selbst gesehen hatte: Thomas.

Diese Angst und Skepsis der Jünger macht sie natürlich. Wie andere Menschen auch. Nicht abgehoben; nicht mit einem Heiligenschein. Für Jünger geben sie kein gutes Bild ab. Aber nur ja nicht sich täuschen lassen.

Es soll ihnen nicht so gehen, wie jener Frau, die nach 50 Jahren Ehe ihren Mann verlor. Das Haus ist plötzlich so leer und still. Jeden Tag nach dem Mittagessen hatte ihr Mann einen kleinen Spaziergang gemacht. Wenn er nach Hause kam, war der Kaffeetisch schon gedeckt. Die Frau weiß es genau: Er wird nie wiederkommen. Trotzdem schreckt sie zur gewohnten Zeit auf, schaut auf die Uhr und denkt: „Gleich kommt er zur Tür herein.“ Sie meint sogar zu hören, wie die Haustüre ins Schloss fällt. Aber sie weiß: Das ist alles nur Phantasie.

Die Jünger befürchten, es könnte ihnen auch so etwa gehen. Sie sind skeptisch; vielleicht könnte es auch ein Geist sein?
Jesus ist sehr geduldig mit diesen Jüngern. Er stellt sich in die Mitte und fordert sie auf, ihn anzufassen.

Warum eigentlich dieses Anfassen? Genügt das Sehen und das Hören nicht? - Wie ist das für uns, wenn wir uns überzeugen wollen, ob etwas echt ist oder ein Traum? Man sagt: Ich habe mich ins Bein gezwickt. Körpergefühl. Das Tasten. Das Empfinden von Druck, manchmal auch von sanftem Schmerz und dem Nachlassen des Schmerzes. Da bekommen wir eine gute Information über Realität und Täuschung. - Darum das Anfassen.

Ich glaube, dass viele Menschen eigentlich insgeheim die Sehnsucht haben, dass sich Jesus ihn auch so zeigt. So handgreiflich. So echt. Aber für die Jünger war mit diesem Vorrecht, die Urzeugen zu sein, ein schwerer Auftrag verbunden. Jesus schickt sie in alle Welt. Sie sollen berichten über das, was sie gesehen und gehört haben. Sie sollen alle irdischen Sicherheiten hinter sich lassen. Und einige von ihnen wird es auch das Leben kosten.

Jesus hat ihre Skepsis zerstreut. Um auch die letzten Zweifel zu zerstreuen, isst er ein Stück Fisch. Das hat er nicht nur den damaligen Menschen zur Stärkung getan, sondern auch, um die heutigen ganz anderen Zweifler zu testen. Es gab zu allen Zeiten welche, die lieber wollten, dass es ein Geist gewesen wäre als der lebendige Christus. Aber gerade ihnen tritt Jesus entgegen: Echt und wahr.

2. Der Auferstandene: Kein Fremder, sondern der Gekreuzigte
Er zeigt ihnen seine Hände und Füße; die Stellen, an denen die Nägel durchgeschlagen waren und wo noch Wunden sind.

Das sind die Hände und Füße, die noch vorgestern am Kreuz hingen. Das ist der gleiche, der am Gründonnerstag im Garten Gethsemane in Todesangst mit seinem Vater redete. Es sind die Hände, die bei der Speisung der 5000 die Brote teilten und segneten. Es sind die Hände, die einst Balken zurechthieben und dann zu Häusern zusammenfügten.

Und er weiß das alles noch. Sämtliche Erinnerungen sind da. Sie sind nicht gelöscht wie eine leere Festplatte am Computer. Alles ist noch da.

Keiner hat Jesus gefragt: Wie kannst du das alles noch wissen? Du bist doch gestorben! Und nach unserer Theorie müsste sämtliche Erinnerung durch den Tod ausgelöscht sein. Das wäre eine sehr dumme Frage gewesen, wo doch Jesus unter Beweis stellt, dass er dieses alles weiß.

Ich glaube nicht, dass die Jünger dabei an ihre eigene Auferstehung dachten. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, die Gegenwart zu bewältigen. Da steht Jesus lebendig vor ihnen, den sie haben sterben sehen. Aber ich muss an meine eigene Auferstehung denken. Und möchte auch Sie daran erinnern. So wie Jesus die ganzen Erinnerungen an die vergangenen Jahre hatte, so werde auch ich mich in meinem neuen Leben, das Gott mir schenken wird, an das erinnern, was war. Im Reich Gottes, wenn ich einmal in seiner Nähe leben werde, da werde ich an die Zeit denken hier im Betsaal in Wilhelmsdorf.

So werde ich selbst einmal sein, wenn Gott mich auferweckt haben wird. Nicht nur ein Extrakt von mir, nicht verdampft und wieder kondensiert, sondern wirklich ich.

Paulus vergleicht ebenfalls die Auferstehung Jesu mit meiner Auferstehung. Was an ihm geschehen ist, wird in ähnlicher Weise an mir geschehen.

3. Der Auferstandene: In ihm erfüllen sich die Weissagungen
Jesus selbst muss den Jüngern die Weissagungen des Alten Testaments erklären. Sie sind nicht selbst auf den Gedanken gekommen, im Alten Testament nachzuforschen und zu graben; etwa in Jesaja 53, ober bei anderen Propheten oder in den Psalmen. Es war nicht das Ergebnis von Schriftgelehrsamkeit, das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu zu verstehen. Jesus hatte zwar auch schon früher davon gesprochen, z.B. in seinen Leidensankündigungen. Aber sie haben es einfach nicht erfassen können. Jetzt, da der vorgestern Gekreuzigte lebendig vor ihnen steht, müssen sie selbst nach Erklärungen suchen. Sie können das Erlebte nicht mehr mit ihrem normalen Menschenverstand in Einklang bringen.

Das Alte Testament spricht an vielen Stellen von dem, was sich dann in Jesus erfüllt hat. Aber nur wer es wirklich wissen will, wer nach Erklärungen ringt, nur der kann es verstehen.

Uns kann man hundert Mal biblische Zusammenhänge erklären. Sie bleiben uns fremd. Es sei denn, wir ringen selbst darum, weil wir mit unserer menschlichen Weisheit am Ende sind. Gott selbst muss uns das Herz öffnen. Gott öffnet uns meist so unser Herz, indem er uns alle eigenen Erklärungsversuche und Auswege versperrt. So wie die Jünger auch nicht mehr erklären konnten, was sie erlebten.
Darum ist Ostern das Ende der menschlichen Möglichkeiten und die Eröffnung der Wege Gottes. Amen!

 

(Pfr. Dr. Knauß)                                    

  

 

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