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Gottesdienst an
Karfreitag, 25. März 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über
Lukas 23, 33-49
Das Zeichen des Karfreitags ist zum Kennzeichen der christlichen Gemeinde
geworden: Das Kreuz. Wir kennen das Kreuz schon in sehr frühen
Darstellungen oder Symbolen, etwa schon in Katakomben in Rom.
Auch bei uns im Betsaal hängt es an zentraler Stelle angebracht. Es soll
uns immer daran erinnern: Schau genau hin. Jesus ist gestorben, damit du
lebst.
Manche in unserer Gemeinde machen sich über die Darstellung Gedanken: Mit
oder ohne corpus.
In manchen Kirchen ist allein das Kreuz ohne den Körper Christi
dargestellt. Wir haben das Kreuz, mit dem Gekreuzigten. Beides hat seinen
eigenen Sinn und Aussage. Das Kreuz ohne Christus soll sagen, dass er
nicht am Kreuz geblieben ist, sondern begraben wurde und am dritten Tag
von den Toten auferstanden ist. Das Kreuz mit dem Gekreuzigten will mehr
das hervorheben: Er hat am Kreuz für meine Sünde gelitten, hat unsere
Strafe getragen und ist für unsere Sünden gestorben.
Wäre das Kreuz nicht, wäre Jesus nicht den Verbrechertod gestorben, dann
hätten wir keine Gemeinschaft mit Gott; verjagt aus dem Paradies blieben
wir ferne von Gott.
Doch durch das Kreuz hat Gott uns wieder hereingeholt. Christus hat der
Schlange den Kopf zertreten und musste daran sterben.
[Lukas 23, 33-49.]
33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten
sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur
Linken.
34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie
tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.
35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und
sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der
Christus, der Auserwählte Gottes.
36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm
Essig
37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber!
38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.
39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach:
Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!
40 Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch
nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist?
41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten
verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!
43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir
im Paradies sein.
44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über
das ganze Land bis zur neunten Stunde,
45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss
mitten entzwei.
46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!
Und als er das gesagt hatte, verschied er.
47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach:
Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!
48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah,
schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.
49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die
ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.
Drei Räuber
kreuzigt man heute
auf Golgatha:
Der linke nahm mir mein Geld
der rechte nahm mir mein Gut
der in der Mitte nahm mir meine Schuld
Auf Golgatha
kreuzigt man heute
drei Räuber.
So denkt Lothar Zenetti über das Geschehen auf Golgatha nach. Etwas
provozierend klingt es schon: Jesus, ein Räuber. Aber ist er nicht unter
die Übeltäter gerechnet? So steht es auch bei Lukas (22,37).
Jesus raubt uns nicht unser Hab und Gut, sondern er nimmt unseren Schaden
weg.
Es ist auffällig: Die Kreuzigung wird nur mit einem einzigen Satz
berichtet. Die Umstände im weiteren Umkreis werden viel genauer
beschrieben: Der Spott der Leute, die beiden Schächer, die Naturereignisse
und schließlich die Reaktion des Hauptmanns und die Erwähnung der
Bekannten Jesu, besonders der Frauen. Doch die Kreuzigung selbst so kurz
wie möglich.
Ein heutiger Berichterstatter würde genau vermutlich genau darauf den
Nachdruck legen, worum es eigentlich geht, nämlich die Kreuzigung selbst.
Vielleicht deutet sich in dieser Zurückhaltung bei Lukas (aber auch den
anderen Evangelisten) noch etwas von der großen Schande an, die mit dem
Kreuzestod verbunden war. Es war so schrecklich, dass man nicht richtig
hinschauen und es auch nicht richtig beschreiben wollte oder konnte.
Ich will uns einladen, mit den verschiedenen Beteiligten und Beobachtern
auf das Kreuz zu schauen, versuchen uns, unter sie zu mischen und ihren
Blickwinkel einzunehmen.
1. Das Kreuzigungskommando
Über Jesus finden die Soldaten nur Spott. Ernst nehmen können sie ihn
nicht. Seine Kleidungsstücke waren wichtiger als er selbst. Ein paar
Stückchen Stoff, die doch nur der Vergänglichkeit preisgegeben sind! Es
war ihr Beruf als Soldaten, Menschen zu bewachen, die Großmachtinteressen
Roms durchzuführen, die unterdrückten Völker zu demütigen, und auch:
Menschen hinzurichten im Auftrag der Besatzungsmacht, denn Furcht gehörte
bei ihrer Herrschaft auch zum Geschäft. Die Soldaten haben es anscheinend
gelassen hingenommen, wenn da ein Mensch in Qualen schrie. Sie mussten
sich nicht einmal die Ohren zuhalten. Sie konnten daneben würfeln. Wer ein
größeres und wertvolleres Stück ergatterte, freute sich darüber.
Könnte es uns auch passieren, dass wir über der Routine des Alltags Gottes
großes Handeln aus dem Blick verlieren? Könnte es sein, dass wir uns in
Belanglosigkeiten ergehen und uns von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr durch
sie über Wasser halten, bis auch unser Leben in der Belanglosigkeit
vergeht?
Die Belanglosigkeit könnte selbst noch an Karfreitag für uns gelten.
Einfach durch die reine Gewohnheit. Jedes Jahr feiern wir Karfreitag.
Erfasst es uns noch so, dass wir spüren und wissen: Ich hing über dem
Abgrund? Da hat Gott Jesus in den Abgrund stürzen lassen. Und ich darf
leben! Passen wir auf, dass uns Gottes Handeln nicht kalt lässt.
Die Soldaten haben dicht neben Gott gesessen, sie haben ihn handeln sehen,
und haben‘s nicht gemerkt.
2. Das Volk
Sie stehen da als Zuschauer. Lukas erwähnt sie nur ganz kurz. Matthäus und
Markus berichten, wie sie über Jesus lästerten. Lukas schweigt darüber.
Vielleicht will er damit ausdrücken, dass sie nur Mitläufer waren; dass
sie eigentlich getrieben und angetrieben waren von anderen? - Wir wissen
es nicht.
Jedenfalls waren sie machtlos. Sie konnten das Geschehen nicht
beeinflussen. Aber sie sollten das Geschehen auch nicht aufhalten. Denn es
war doch das Geschehen Gottes.
Was haben sie wohl gefühlt und empfunden? Zorn, Ohnmacht? Keiner wird auf
die Idee gekommen sein: Das ist für mich, um meinetwillen. Der da stirbt,
der stirbt für meine Schuld. Sie waren ganz nahe dabei, und haben‘s nicht
begriffen - für mich!
Um Gottes Handeln zu erfassen, braucht man mehr als die äußeren Augen. Es
muss schon so sein, wie später der Auferstandene den Emmausjüngern aus dem
Alten Testament erklärt: Musste nicht Christus leiden...
3. Die Anführer
Luther übersetzt: Die Oberen. Es ist die religiöse und politische
Oberschicht.
Sie tun mir leid. Sie müssten doch eigentlich die Schrift kennen! Man
spürt noch ihren geheimen Zweifel. Könnte es vielleicht doch sein, dass an
Jesus Unrecht geschieht?
Aber dann verwerfen sie selbst diese Zweifel. Und sie haben einen
endgültigen und schlagenden Beweis, dass er nicht der Messias sein kann.
Dieser endgültige Beweis ist: Das würde sich der Messias nie gefallen
lassen! Wenn er‘s denn wirklich wäre, dann müsste er‘s jetzt in letzter
Minute unter Beweis stellen. Dann müsste er die Nägel aus dem Kreuz reißen
und heruntersteigen, und vielleicht Feuer vom Himmel fallen lassen. Dann
würde er 10.000 Engel aufbieten. Dann würde er die Römer verjagen und das
Recht im Land wieder herstellen.
Doch mit der Machtlosigkeit dieses Jesus ist für sie bewiesen, dass er ein
Betrüger sein muss, ein entlarvter Betrüger. Es war ein hartes Stück
Arbeit, ihm auf die Schliche zu kommen.
Doch es ist gar nicht entscheidend, was die leitenden Leute tun oder
denken. Gott geht seinen Weg manchmal mit ihnen, manchmal gegen sie. Sie
müssen seinen Zielen dienen, ob sie es wissen oder nicht.
4. Die Schächer am Kreuz
Schächer ist eine alte deutsche Bezeichnung für Räuber und Mörder.
Vielleicht waren es Gefährten des Barrabas, an dessen Stelle nun Jesus
hing. So hing er buchstäblich für einen Verbrecher am Kreuz. Sollte er für
uns Sünder nicht auch genug getan haben?
Lukas ist der einzige unter den Evangelisten, der von dem Gespräch der
Schächer berichtet. Während der eine spottet, bereut der andere seine
Taten und kommt mit einer Bitte zu Jesus: Denke an mich, wenn du in dein
Reich kommst. Er sieht die Situation im Licht Gottes. Auf dieser Erde ist
es für ihn zu spät zur Umkehr. Er hängt schon am Kreuz. Aber vor Gott ist
seine Umkehr nicht zu spät.
Darum hat man diesem Schächer rechts von Jesus einen Namen gegeben: Dismas.
Die Kirche hat seinen Gedenktag immer am 25. März gefeiert, d.h. heute. Er
hat in der Kunst eine besondere Stellung bekommen. Es gibt viele
Darstellungen, wo er besonders hervorgehoben wird. Auf eine will ich
hinweisen: Auf die Darstellung Michelangelos mit der Szene des Jüngsten
Gerichts in de Sixtinischen Kapelle in Rom. Dort zählt er zu denen, die
zum ewigen Leben auferstehen und nicht in die Hölle gestürzt werden. Denn
Jesus hat zu ihm gesagt, dass er mit ihm im Paradies sein wird.
Unzählige Menschen haben gemeint: Für mich ist es zu spät zur Umkehr. Ich
habe viele schlimme Dinge erlebt, zugeschaut und selbst getan. Wie viele
Menschen haben das, was sie im Krieg erlebt haben, nur verdrängt und mit
ewigem Schweigen versehen wollen.
Dieser Schächer ist wahrscheinlich auch ein Kämpfer, der in der
politischen Auseinandersetzung zur Gewalt griff, ein Terrorist. Doch Jesus
gibt ihn nicht verloren.
5. Die Frauen
Sie sind Zeugen der Kreuzigung. Sie alle schauen nur von ferne zu,
vielleicht aus Furcht, vielleicht aus tiefer Erschütterung.
So etwas kann man, wenn man ein empfindendes Herz hat, nicht aus der Nähe
miterleben.
Frauen waren im Alten Testament nicht als Zeugen zugelassen. Jesus hatte
aber sowohl unter seinen Nachfolgern Frauen, als auch werden sie unter dem
Kreuz und ebenso zwei Tage später am leeren Grab als Zeugen genannt.
Lukas nennt aber neben den Frauen auch noch andere aus seinen Freunden.
Auch sie schauen von ferne und wagen sich nicht heran. Die Geschichte ist
zu gefährlich.
Ich habe das Geschehen jetzt von sehr verschiedenen Blickwinkeln
betrachtet. Aber einer wurde bisher nicht erwähnt:
JESUS.
Er scheint dem Ganzen bereits enthoben. Für ihn redet gewissermaßen die
Schöpfung, mit der Finsternis von der 6. bis zur 9. Stunde; mit dem
Zerreißen des Vorhangs im Tempel. Das ist Gottes Sprache und sein Handeln.
Für Jesus ist es, als würde für ihn schon das jüngste Gericht beginnen.
Für das Hinrichtungskommando bittet er: „Vater, vergib ihnen, denn sie
wissen nicht, was sie tun“. Zu den Spöttern schweigt er. Zu dem Schächer
zu seiner Rechten sagt er, dass er mit ihm (noch heute) im Paradies sein
wird. Und schließlich befiehlt sich Jesus seinem Vater an.
Mit dem Tod Jesu am Kreuz an Karfreitag hat Gott seinen Neuen Bund
geschlossen. Er gilt auch uns. Stellen wir uns mit unter sein Kreuz, damit
wir auch seiner Erlösung und seiner Auferstehung teilhaftig werden. Amen!
(Pfr. Dr. Knauß)
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