Konfirmationsgottesdienste am 20. März 2005 in Wilhelmsdorf

Liebe Gemeinde,

ich habe ein kleines Problem: ich muss Ihnen gestehen, ich habe die nun folgende Predigt zur Konfirmation überhaupt nicht für Sie geschrieben, sondern für Euch, liebe Jugendliche. Deshalb lade ich Sie einfach ein, wegzuhören und sich vielleicht Gedanken zu anderen Dingen zu machen.

Euch Jugendliche bitte ich, mir noch ein einziges Mal zuzuhören; danke.

Der Text für diese Predigt zur Eurer Taufe bzw. Konfirmation steht in Matthäus 22,36-40:

Ein Pharisäer, also ein sehr frommer Mann der damaligen Zeit, fragte Jesus: „Herr, welches ist das wichtigste Gebot?“ Jesus antwortete ihm (und zitierte damit einen Vers aus dem Alten Testament): „Liebe Gott, den Herrn, von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit deinem ganzen Verstand. Das ist das erste und wichtigste Gebot. Ebenso wichtig ist aber das zweite: „Liebe deinen Mitmenschen, so wie Du Dich selber liebst.“ . Alle anderen Gebote und Forderungen sind in diesen Geboten enthalten.“

Ja, ich weiß, ich kann es nicht lassen: erst habe ich Euch während der ganzen Konfi-Freizeit mit den 10 Geboten konfrontiert und jetzt komme ich auch noch an Eurem Festgottesdienst mit Geboten.

Beim Lesen diese Textes faszinierte mich der Gedanke, ob nicht in diesem so genannten Doppelgebot der Liebe, welches Jesus sagte, letztlich die ganze Konfi – Zeit zusammen gefasst ist. So ging ich diesem Gedanken nach und will Euch zum Schluss unserer gemeinsamen Zeit daran teilhaben lassen.

Im Unterschied zu Jesus möchte ich aber von hinten anfangen. Da sagt Jesus:

Liebe Dich selbst!

Diese Bibelstelle wird in der Bibel mehrfach genannt bzw. mehrfach darauf verwiesen (Matth. 22,38, Mark. 12.30, Luk 10,27, 3. Mos. 19,18, Gal. 5,14, Jak. 2,8, Röm. 13,9)

Wisst Ihr, eigentlich ging es von der ersten Konfi – Stunde bis heute immer um Dich. Erinnert Ihr Euch noch? In der ersten Stunde habe ich Euch auf den Bögen gefragt,

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was Dir denn der Glaube an Gott bringt;

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welche Mühen und Fragen Du derzeit zu Glauben, Kirche dem Konfi-Unterricht hast,

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was Du Dir von Deiner Taufe bzw. Konfirmation versprichst und

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was Dich derzeit beschäftigt.

Und egal was wir auch miteinander besprochen haben, ob es beim Thema Gebet, Bibel, dem Vater unser, den 10 Geboten  usw. war, immer habe ich danach gefragt, was Du dazu denkst und wie Du das erlebst, wie es Dir ganz persönlich damit geht. Nie ging es darum, Euch irgend ein Wissen überzustülpen oder eine Meinung. Und zu allem konntest Du Dich so offen es Dir möglich war, äußern und wir haben das dann gemeinsam betrachtet und darüber nachgedacht, darüber gesprochen.

Mit der Selbstliebe oder Selbstannahme, von der Jesus hier spricht, ist das aber so eine Sache. Das klingt so einfach, so selbstverständlich. Die meisten werden sagen: „Klar liebe ich mich. jeder ist doch ein Egoist.“ Doch weit gefehlt. Wenn es eine Firma gäbe für die zwischenmenschlichen Masken, die wir alle, Ihr, wie diejenigen hier im Raum, die gerade nicht zuhören, tragen, wetten, dann würde diese Firma weltweit die meisten Umsätze machen.

Ihr seid perfekte Maskenträger, wir haben  darüber gesprochen, wie wir Erwachsene auch, wie ich auch. Und wir alle tragen die unterschiedlichsten Masken, spielen je nach dem die unterschiedlichsten Rollen:  in der Schule, zu Hause, im Freundeskreis und sonst wo.

Ich weiß ja von einigen von Euch, wie schwer Ihr Euch mit Eurer Selbstliebe tut, weil

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der eine empfindet sich zu groß

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der andere zu klein

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der / die eine empfindet sich zu dick

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der / die andere zu dünn

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die einen kommen mit ihrer schnellen pubertären Entwicklung nicht zu recht

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die anderen, weil sie noch nicht in der Pubertät sind

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die einen können sich nicht leiden, weil sie so unsportlich sind

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die anderen haben Minderwertigkeitsgefühle, weil sie in der Schule so schlecht sind

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und anderes mehr.

Selbstliebe hat eigentlich nichts mit Egoismus zu tun. Im Gegenteil. Man könnte es krass so formulieren: Wer sich selbst nicht liebt, der ist ein Egoist. Er muss zwangsläufig zum Egoisten werden, hinter sich herlaufen, sich ständig selber suchen, sich ständig vor sich selbst verstecken [Walter Trobisch, Liebe Dich selbst, Brockhaus Verlag 1978].

Ulrich Schaffer hat es in einer Meditation „mich selbst lieben“ so ausgedrückt:

wenn ich dich mehr liebe

als mich selbst

liebe ich dich eigentlich weniger

wenn ich mich weniger liebe als dich

mache ich es dir schwerer

mich zu lieben

deine Liebe zu mir

ist sehr abhängig

von der Liebe, die ich zu mir selbst habe

und meine Liebe zu dir

wird stärker sein,
wenn du dich so liebst, wie du mich liebst.


[U. Schaffer, in: Walter Trobisch, Liebe Dich selbst, Brockhaus Verlag 1978, S.22]

Vielleicht versteht Ihr mich jetzt etwas mehr, warum es mir so wichtig war und ist, dass Ihr ehrlich zu Euch und auch zu mir seid; warum ich immer wieder an Eure Ehrlichkeit appelliert habe.

Wer sich selbst nicht lieben und annehmen lernt, wird nie zu seiner eigenen Identität kommen.

Ihr seid nun in einem Alter, in dem es einem auch mächtig schwer gemacht wird, sich selbst zu lieben. Das gehört die Auseinandersetzung mit sich selbst einfach zur Pubertät mit dazu. Umso wichtiger ist es, das auch zu zu lassen und zu fördern.

Ich finde es großartig, dass Jesus die Selbstliebe so ungeheuer wichtig ist und er dies so in den Mittelpunkt seiner Lehre stellt. Ich möchte Euch auch heute Morgen Mut machen: seid ehrlich zu Euch selbst.

Der andere Teil des Gebotes ist die

Liebe zu meinen Mitmenschen

Nein, damit ist nicht gemeint, dass Du ab morgen jeden Menschen umarmen musst: jeden Lehrer, Deine Eltern, irgendwelche Kameraden, die Du einfach nicht leiden kannst.

Aber wir haben bei den 10 Geboten auf der Freizeit ja besprochen, wie toll es wäre, wenn wir Menschen einfach miteinander könnten. Wenn alle Menschen die Gebote halten würden, das wäre, so haben wir festgestellt, paradiesisch. Allein, wenn auf der ganzen Welt nicht gelogen werden würde, was wäre das für ein Zusammenleben. Wie sagte Henry Kissinger, der frühere US-Außenminister: „Wenn auf der ganzen Welt 24 Stunden nicht gelogen werden würde, dann würden alle wirtschaftlichen und politischen Systeme zusammenbrechen.“

Doch warum in die Ferne schweifen…

Gestern Abend haben wir im Gottesdienst an dem Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren“ ja hautnah aufgezeigt, dass es sehr wohl auch Spannungen in den Familien gibt, Verletzungen, die es manchmal fast unmöglich machen, einem anderen Menschen zu vergeben.

Im Konfi – Unterricht ging es immer wieder genau um diesen Punkt. Allein, wenn Ihr Euch Eure eigenen, von mir abgeschriebenen Aussagen zu den einzelnen Themen angeschaut habt, wir darüber gesprochen haben, ward Ihr so manches Mal betroffen über das, was einzelne von Euch dargelegt haben. Es hat Euch beschäftigt festzustellen, anderen geht es wie mir oder aber auch, anderen geht es viel schlechter wie mir. Der Tod beispielsweise Eures Klassen- bzw. Schulkameraden, der sich Anfang des Jahres das Leben genommen hat, hat einige von Euch enorm belastet, bei dem ein oder der anderen aber auch Frage aufgeworfen, warum er es gepackt hat und Du noch nicht?

Immer wieder greift die Bibel auch diesen Gedanken auf, in der Frage, wer denn mein Nächster sei und ob und wie ich für ihn da sein solle. Aus dieser Frage entstand das bekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Wir sind von Gott her als Menschen geschaffen, die aufeinander angewiesen sind. Ohne zwischenmenschliche Beziehungen ohne dass ein Mensch Liebe erfährt, geht er, gehst Du, kaputt, werden Menschen auffällig. Die zwischenmenschliche Liebe ist ein hohes Gut – und genau das hebt Jesus hervor, wenn er es hier so benennt.

Und dann zitiert Jesus den dritten, in seinem Fall ersten, Teil:

„Liebe Gott, den Herrn, von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit deinem ganzen Verstand.“

Und darum ging es ebenfalls während der ganzen Konfi – Zeit, von der ersten Stunde, über die Freizeit, denkt an den Samstag Abend, von dem wir auch gestern Abend berichtet haben, bis heute. Darum ging in den erwähnten Einstiegsfragen, beim Thema Gebet, dem Vater unser, den 10 Geboten und beim Thema Vergebung. Darum geht es auch heute Morgen bei Deiner Taufe oder Konfirmation: Wie ist Deine Beziehung zu Gott?

Ihr kommt aus den unterschiedlichsten Hintergründen:

Für die einen ist das Beten, das Bibellesen völlig vertraut. Es wurde zu Hause vorgelebt und Ihr habt es übernommen, Ihr habt es der Kinderkirche, in den Jungscharen, auf den Freizeiten etc. erlebt. Für Euch war klar, ihr wollt Euch konfirmieren oder taufen lassen. Interessanter Weise haben einige von Euch gerade in der Konfi – Zeit erlebt, dass dieses Fundament, das Euch bisher Sicherheit gegeben hat, immer wackeliger wurde. Es fiel Euch zunehmend schwerer zu beten, die Bibel zu lesen uns anderes mehr. Ich habe Euch in den Gesprächen gesagt, dass nicht Euer Glaube zu zerbrechen scheint, sondern ich eher den Eindruck habe, dass Jesus Euch Euren Kinderglauben nehmen und Euch dafür einen erwachseneren Glauben schenken möchte – dazu ist auch dieser Tag da.

Andere haben bisher überhaupt keine Erfahrungen mit dem Glauben gemacht, sie haben sich zum Konfi – Unterricht angemeldet, vor allem, weil ab heute Mittag die Kasse stimmt. Ich erinnere Euch, wenn ich Euch schon durch den Konfi – Unterricht zu so viel Kohle verhelfe, dann ist das doch 3 % Provision wert, oder? Mal sehen, ob Ihr daran denkt. Spaß bei Seite: Für einige von Euch war das Ganze völliges Fremdland, einige von Euch haben erstmals sich auf eine Beziehung zu Gott eingelassen und sind erste Schritte gegangen.

So sitzt Ihr jetzt da und nur Du allein weißt, wie Deine Beziehung zu Dir, wie Deine Beziehungen zu Deinen Mitmenschen und wie Deine Beziehung zu Gott aussieht.

Jesus ist gekommen,

um Dir eine Beziehung zu ihm anzubieten. Er will Dich in Deinem Leben durch alle Höhen und Tiefen begleiten, Dich ermutigen und auferbauen, Dich trösten und ermahnen. Er freut sich, wenn Du Dich ihm näherst, auf ihn zu gehst und dadurch lernst, ihn zu lieben, von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit ganzem Verstand.

Jesus ist gekommen,

um Dir zu helfen, Deine Mitmenschen besser zu verstehen, um die vielen Verletzungen in Deinem Leben, die Dir andere, ob bewusst und unbewusst, zugefügt haben zu heilen und Dir dadurch zu ermöglichen auf andere frei zugeben, ja wirklich frei zugehen zu können.

Jesus ist gekommen,

um Dir zu helfen, Dich selbst lieben und versehen zu lernen, um Dir zu zeigen, dass Du von Gott geliebt  und wertgeachtet bist. Er will Dir in den Dingen helfen, die Dir gerade noch schwer fallen anzunehmen oder auch etwas verändern.

Das ist das Angebot Gottes an Dich – auch heute Morgen, bis dahin, dass er Dein Leben möglicherweise durch den Vers begleiten will, der nachher zum Gedenken Deiner Konfirmation oder Taufe über Deinem Leben ausgesprochen wird.

Ich danke Euch, dass Ihr Euch im vergangenen ¾ Jahr auf einander eingelassen habt,

ich danke Euch für die Offenheit und Ehrlichkeit, auch in den vielen Fragebögen;

danke für die Offenheit und Ehrlichkeit mir gegenüber, auch in so manchen Gesprächen.

Es ist mein Wunsch, dass Ihr durch diese gemeinsame Zeit etwas mitnehmen konntet:

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Wenn Du Dich etwas mehr verstehen und annehmen kannst;

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wenn Du mit dem ein oder anderen Kameraden oder mit Deinen Eltern oder anderen etwas besser zurecht kommst, ihn oder sie besser verstehst;

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und wenn Du spürst, dass Gott Dich, so wie Du bist, liebt und Dich begleiten möchte,….

wenn Du etwas davon spürst und mitnimmst, dann hat sich die Konfi - Zeit gelohnt. Ich persönlich finde es schade, dass unsere gemeinsame Zeit vorüber ist, ich entlasse Euch mit dem heutigen Tag und sage: Gott befohlen!

Amen.

(Stefan Geiger)                                    

  

 

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