Gottesdienst an 06. März 2005, in Wilhelmsdorf
um 10.00 Uhr
Was kommt zu erst? Antwort
oder Frage? Normaler Weise doch die Frage. Die kann man dann beantworten.
Was ist, wenn einer zuerst Antworten parat hat? Da ist doch normaler Weise
was faul dran. Da kommen dann „fertige“ Antworten. Wenn einer sagt: ich
sage dir, wie es geht. „Vorschnelle“ Antworten. Wenn einer gar nicht hört,
was wirklich gefragt wird, sondern „vorschnelle“ Antworten, fix und fertig
parat hat und sie uns überstülpt.
Fast könnte man den heutigen Taufspruch aus Psalm 27,1 als eine fertige
Antwort verstehen. Psalm 27, 1: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil!“
Man könnte diese Antwort sogar als unangenehm empfinden. Denn – wie gesagt
– wenn einer gleich mit einer fertigen Antwort ins Haus fällt.
Bleibt sie auch unangenehm, wenn man sich die Fragen dazu denkt? Wenn man
die Fragen hört, die man hinter Davids Antwort vermuten kann?
Psalm 27, 1: Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich
mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir
grauen?
Einige Signalwörter helfen, die Fragen zu Entdecken. Fürchten ist das
Erste. Vor wem sollte ich mich fürchten? Fürchten beschreibt in seiner
ursprünglichen Bedeutung die Tätigkeit der Lunge: wenn man kurzatmig wird.
Wenn einem die Luft wegbleibt. Und wenn es dann so heftig wird, dass man
sich am liebsten verstecken möchte. Fürchten heißt im arabischen
„verstecken“. David war in Situationen drin, mit Menschen konfrontiert, wo
er sich am liebsten verstecken würde. Wo er am liebsten davonlaufen würde.
Flucht auf der ganzen Linie. Weil ihm die Luft wegbleibt. Weil es eng
geworden ist. Allen Grund hat er, sich vor Mächten und Gewalten zu
fürchten.
Und das zweite Signalwort: grauen. Vor wem sollte mir grauen? Grauen heißt
im hebräischen eigentlich zittern, beben. Man kann vor Freude beben, als
auch – und in diesem Sinne verwendet es David – vor Schrecken beben. Das
direkte Wortumfeld von zittern, beben hat Begriffe hervorgebracht wie
„Grube“, „Fangnetz“, „Gefahr“, weil es Erfahrungen sind von Menschen, die
allesamt das „Grauen“ lehren. Wohl dem Menschen, der mit diesem ganzen
Wortfeld nichts anfangen kann. Aber David konnte etwas damit anfangen. Als
Verantwortungsträger, als Ehemann, als Familienvater, als staatlicher
Arbeitgeber, als frommer Mann, als Lebenskünstler, als Kriegsherr, als
Mensch aus Fleisch und Blut, gleich wie du und ich und Müller, Maier,
Kunze, mit allen Anfechtungen, Versuchungen, Verstrickungen. Der eine hat
ihm diese Grube gegraben, der andere ihm dieses Fangnetz übergeworfen, der
oder die andere ihn in diese oder jene Gefahr gebracht. David kam in
Situationen, wo ihm zuerst der Boden unter den Füßen bebte, wo durch das
Beben ausgelöst ganze Gebilde und Gebäude zusammenstürzten, wo er
plötzlich vor dem Null und Nichts stand. So ist das Leben: Randvoll,
mühevoll, notvoll, schmerzvoll, sorgenvoll, leidvoll, schuldvoll,
angstvoll … Wohl dem, der damit nichts anfangen kann, weil ihm das alles
fremd ist. Aber wem das nicht fremd ist, weiß von unerbittlichen Fragen,
die einem dann zu allem das Leben noch schwerer machen:
Wenn nämlich etwas zerbrochen ist, kaputt gegangen ist, wenn man Verlust
auf der ganzen Linie erlebt hat, wenn man leidgeprüft ist bis an die
Grenzen des Verstandes, dann fragt sich der Mensch: und – was bleibt mir
jetzt? Was hab ich jetzt davon? Was gehört noch mir?
Was ist noch meins auf der Flucht vor Menschen? Was kann ich mitnehmen?
Was nehme ich mit, wenn ich mich verstecken muss? Was bleibt mir denn
noch, wenn alles zittert und bebt? Wenn Gefahr droht? Was ist dann meins?
Und dahinein gehört die Antwort von David:
Der Herr ist meins! Mein Licht! Mein Heil = Hilfe, Rettung! Meine Kraft!
Das braucht er sich von niemandem nehmen lassen, so dass er nachher im
Dunkeln stehen würde. Das darf ihm niemand rauben, so dass er nachher
absolut keine Kraft mehr hätte. Das kann ihm niemand wegnehmen, so dass er
es nachher heillos wäre! Nein: der Herr ist meins! Mein Licht, mein Heil,
meine Kraft.
Und bitte: wie oft höre ich mich das reden: da tappe ich völlig im
Dunkeln. Das raubt mir meine ganze Kraft. Demgegenüber bin ich hilflos
ausgeliefert.
Mein Licht, wo ich Dunkeln tappe.
Mein Heil, meine Hilfe, wo ich mir hilflos vorkomme.
Meine Kraft, wo meine Kräfte aufgebraucht sind und immer noch an meinen
Kräften gezehrt wird.
David beginnt den Psalm in der Tat mit einer Antwort. Vorschnell ist sie
deswegen nicht. Und schon gar nicht unüberlegt oder fix und fertig. Sie
antwortet wie eine Art Glaubensbekenntnis auf die immer und immer wieder
gleiche Frage des Menschen: was ist meins?
Wird die Naemi auch bald stellen. Zuerst noch in ihrer Welt: Papa, was ist
meins von den Haribos? Was ist meins von den Geschenken unterm
Weihnachtsbaum? Dann geht die Fragerei weiter. Papa, ich muss dich mal
unter vier Augen sprechen", sagt die halbflügge Tochter zu ihrem Vater.
"Du meinst wohl unter drei?" erwidert der schmunzelnd. - "Wieso?" - "Wie
ich dich kenne, soll ich doch wieder eins zudrücken." Die Frage zielt
darauf: was ist meins aus deinem Geldbeutel? Was ist meins: das gelbe oder
das blaue Auto? Sinniert Tim: "Wenn ich groß bin, kaufe ich mir ein ganz
tolles Auto - und dann staunen alle, wenn ich damit zum Kindergarten
fahre." Und … was ist meins, wenn „meine“ erste große Liebe zerbricht? Was
ist meins, wenn sich „meine“ Freunde abwenden? Was ist meins, wenn „meine“
ersten Träume begraben werden müssen? Was ist meins, wenn „meine“
Gesundheit sich verabschiedet hat? Was ist meins, wenn ich mich von meinen
Wünschen, Zielen, Vorstellungen trennen muss? Was ist meins, wenn meine
Berufung, meine Aufgabe, mein Lebenswert, mein Lebenssinn in Frage
gestellt wird? Mir „meins“ genommen wird?
Der Herr ist meins!
Und in der tiefsten Grube, unter dem dichtesten Fangnetz, auf der Flucht
vor Mächten und Gewalten, da fällt es David wieder ein: Der Herr ist doch
meins. Mein Heil, mein Licht, meine Kraft. Menschenskinder, Heimatland und
Sapperlott: vor wem soll ich flüchten? Vor wem soll ich mich fürchten? Vor
wem soll mir noch grauen? Nein! Das lass ich mir nicht nehmen! Das lass
ich mir nicht bieten! Das lass ich nicht mit mir machen!
Und dort, wo ich sich fürchten müsste, dort, wo es ihm grauen müsste,
passiert etwas seltsames:
„Nun erhebt sich mein Haupt über meine Feinde, die um mich her sind.“
(Vers 6)
Wenn ich weiß, was meins ist, was mein Teil ist, was mein Ein und Alles
ist, was mein Bestes ist, dann lass ich mich nicht von allem möglichen
runterkriegen. Dann mach ich mir nicht wegen allem möglichen in die Hose.
Dann geh ich nicht vor diesem oder jenen in die Knie. Dann geh ich nicht
wegen nichts und wieder nichts in die Luft. Krieg nicht die Krise wegen
diesem oder jenem. Nein! Ich erhebe mein Haupt darüber? Nein! Sondern: ich
lasse mir mein Haupt erheben! Nun erhebt sich mein Haupt!
Ich glaube, ich könnte in nur zweieinhalb Jahren Wilhelmsdorf schon
unendlich viele Menschen und Situationen ansprechen, die das Haupt
eingezogen haben und nicht nur das Haupt. Die ihr Haupt ständig schütteln
statt es sich erheben zu lassen. Die ihr Haupt ständig zum Denken und
Kritisieren verwenden statt es sich erheben zu lassen. Die ihr Haupt
ständig in den Sand stecken, statt es sich erheben zu lassen. Die ihr
Haupt ständig sinken lassen, statt es sich erheben zu lassen. Die sich das
Haupt gegenseitig einschlagen, statt es sich erheben zu lassen. Die
anderen eines über das Haupt ziehen, statt sich das Eigene erheben zu
lassen.
Wo erfahre ich denn dieses Licht, dieses Heil, diese Kraft? Wo bekomme ich
etwas davon?
Jesus lädt zu sich ein: Ich sage euch, Wenn ihr nicht das Fleisch des
Menschensohnes esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch.
Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den
Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der
wird leben Ewigkeit.
Jesus lädt zu sich ein. Im Abendmahl in die schon vorweggenommene, reale,
Tischgemeinschaft und Lebensgemeinschaft mit ihm. Dort gibt es alles an
guten Gaben: Licht, Heil, Kraft.
Und warum sind dennoch so viele Kranke und Schwache unter uns, so als ob
dieses Licht und dieses Heil, diese Kraft nutzlos, wirkungslos wäre?
Paulus hat sich für Wilhelmsdorf den Kopf zerbrochen und ist zum Ergebnis
gekommen: Deshalb sind auch viele Schwache und Kranke unter euch, und
nicht wenige sind entschlafen. Denn wer so isst und trinkt, dass er den
Leib des Herrn nicht achtet, der isst und trinkt sich selbst zum Gericht.
Wer unwürdig von dem Brot isst oder aus dem Kelch des Herrn trinkt, der
wird schuldig sein am Fleisch und Blut des Herrn.
Es stimmt, der Herr ist mein Licht und mein Heil, der Herr ist meines
Lebens Kraft. Alles meins. Aber ich lade – wie Paulus – und im Namen Jesu
ein, sich zu prüfen. Ob und wo in einer Weise, die die Heilstat Christi
durch liebloses Verhalten (und das heißt „unwürdig“ vom Brot und Kelch zu
trinken) missachtet wurde.
Die Sünde hat die Macht und die Kraft, und das beste von Gott
vorzuenthalten. Auch das Licht, auch das Heil, die Hilfe und die Kraft.
Fortsetzung folgt, heute Abend in der Gemeinschaftsstunde!
(Pfr. Heiko Bräuning)