Gottesdienst an Invocavit, 13. Februar 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, mit Taufe, Predigt über 1. Mose 3, 1-24.

Was gibt uns eigentlich den Mut zur Taufe? Warum schließt er uns seinen Himmel nicht zu und sagt: Mit euch will ich nichts zu tun haben! Denn Taufe heißt doch: Du darfst kommen, bei ihm bist du willkommen. Du darfst zu ihm gehören.

In der Tat geht Gott auf uns zu; der heilige Gott auf uns, die wir doch seine Gemeinschaft nicht verdient haben. Deshalb können wir Gemeinde bauen. Deshalb machen wir Jugendarbeit. Deshalb dürfen wir junge und ältere Menschen einladen.

Durch die Taufe werden wir noch nicht mitten in den Himmel versetzt. Aber da wird uns unmissverständlich zugesagt: Für dich hat Gott die Tür aufgeschlossen.

Zu unserem Erstaunen wird uns im heutigen Predigttext anscheinend das Gegenteil beschrieben: Nämlich wie Gott eine Tür zumacht. Aber er gibt uns trotzdem den Raum zum Leben.

1. Mose 3,1 Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,
5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.
7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
8 Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn unter den Bäumen im Garten.
9 Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.
13 Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
14 Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang.
15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.
18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.
19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.
20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.
21 Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
22 Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!
23 Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.
24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.


Dieser Adam! Ich könnte ihn am Kragen nehmen! Wenn ich den je erwische! Der ist an allem schuld. So könnte jemand kommen und sagen. Und man hört‘s auch manchmal so ähnlich, als hätte das Ganze mit mir nichts zu tun, als müsste ich nur ausbaden, was mir eingebrockt wurde.

Aber wer die Schuld auf Adam abschiebt, wäre im Irrtum; übrigens auch, wer sie auf Eva abschiebt. Es geht nicht um die Streitigkeiten zwischen Männern und Frauen. Sondern es geht um uns heute, um jeden von uns, egal von welchem Geschlecht. Denn in uns läuft das gleiche ab, auch wenn wir nicht mehr im Paradies sind: Wir suchen einen Schuldigen. Wir schieben Schuld auf den anderen.

Wie heißt es noch im dem Witz in der Schule: Die Kinder sind in der Pause in einem oberen Stock bei offenem Fenster. Es ist ziemlich unruhig und sie toben ein wenig. Der Lehrer sagt, sie sollten das Fenster schließen, denn sonst fällt womöglich noch jemand hinunter. Und nachher will‘s keiner gewesen sein.

Keiner will‘s gewesen sein.

Wie kommt es nur, dass wir alle nur gute Motive haben, und es gibt doch endlos viel menschengemachtes Unglück und Katastrophen.

Im Sündenfall wird beschrieben, dass durch unser Leben und diese Welt ein Bruch geht. Man kann die Bibel nicht verstehen, wenn man dieses Kapitel übergehen wollte. Die christliche Sicht vom Menschen und unserem Verhältnis zu Gott ist ohne den Sündenfall nicht zu verstehen. Es wird weiter beschrieben, dass wir uns selber gar nicht richtig kennen und nicht kennen wollen. Wir wollen eigentlich nicht wahrhaben, dass wir bei diesem Zerbruch eine Rolle spielen.

1. Das Geheimnis des Bösen
Tagtäglich läuft es in unserem Alltag ab: Im Arbeitsleben, in unseren Familien und in der Politik. Wer einen Vorteil sieht, wird sehr erfinderisch, und er wird auch blind für die Realitäten um sich herum. Die Nation regt sich zu Recht auf über Korruption im Sport und in der Politik. Aber der Schaden ist tiefer. Wir kranken daran, dass wir Probleme haben mit allgemeinverbindlichen Grenzen.

In der Bibel ist klar, dass Gott uns Grenzen zu unserem Glück und unserer Erfüllung gesetzt hat; aber die Menschen sehen ihr Glück darin, an diesen Grenzen herumzumachen. Das ist das Problem. Und unsere ständige Erfahrung ist, dass dann Gemeinschaft zwischen Menschen zerbricht, noch mehr zwischen Menschen und Gott.

So erleben wir die Brüche in der Gesellschaft. Viele Menschen meinen: Aber früher, vor hundert oder zwei- oder dreihundert Jahren, da war‘s noch in Ordnung. Doch die Menschen, die damals gelebt haben, haben ihre Zeit auch als sehr schwierig empfunden. Sie haben gehofft und sich danach gesehnt, dass dies doch anders werde.

Da hat man z.B. gedacht: Wenn wir erst einmal nicht mehr hungern müssen und genügend zu essen haben... Wenn jeder ein Dach über dem Kopf hat... Wenn erst einmal dieser unberechenbare König samt seinen Beratern weg ist, dann wird alles gut. Das war an vielen Stellen so. Wir können es nur nicht mehr nacherleben, was die Menschen damals gedacht haben. Darum meinen wir vielleicht, damals sei die Welt noch in Ordnung gewesen.

Nun haben wir fast alles, was die damals sich gewünscht haben, sogar noch viel mehr. Wir haben keinen König mehr und genug zu essen. Warum ist dann nicht alles gut? Wir stellen uns vor: Wenn es erst einmal keine Armen mehr gibt, wenn wir erst einmal eine gerechte Altersversorgung und Sozialgesetzgebung haben, wenn erst einmal ein Heilmittel gegen Krebs gefunden ist, wenn die Energieversorgung der Welt gesichert ist, wenn erst einmal die Frauen und die Männer gleich viel Verantwortung in den Gremien der Kirche und der Gesellschaft haben, dann..., dann..., dann..., dann wird alles gut!

Von der Bibel her muss man sagen: Selbst wenn wir das alles gelöst hätten, was wünschenswert wäre, dann bliebe uns das eigentliche Problem. Denn das Problem sind wir! Oder genauer gesagt: Die Versuchung und Verführung gilt und galt dir selbst, egal wo du bist. Ich will keine umfassende Welterklärung liefern. Sondern es geht darum, dem Geheimnis des Bösen nachzugehen.

Die Schlange macht auf eine Grenze aufmerksam, die Gott den Menschen gesetzt hat. „Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von keinem Baum die Früchte essen dürft?“ (V1) Eine maßlose Übertreibung, sogar eine glatte Lüge. Denn in Wirklichkeit hat Gott nur bei dem einen Baum die Grenze gesetzt: Esst nicht davon. Aber so sind wir Menschen, und die Frage des Versuchers trifft unser Lebensgefühl sehr gut. Da stellt sich uns eine kleine Grenze quer in den Weg. Du kommst nicht weiter.

Du hast den Beruf nicht erreicht oder die Stelle, die du dir gewünscht hast. Eigentlich nicht schlimm, wenn man auf das ganze Leben schaut, denn es gibt noch tausend andere Möglichkeiten. Wir Menschen haben einen großen Freiraum. Aber wer da drinsteckt, meint, das ganze Leben sei nicht mehr lebenswert.

Oder nehmen wir eine schwierigere Situation: Ein verheirateter Mann muss dauernd an eine andere Frau denken. Mit der eigenen Frau gibt es gerade manche Schwierigkeiten. Als stünde er unter einem Zwang, muss er denken: Mit dieser fremden Frau würde das nicht geschehen. Sein Leben wird enger. Er sieht sich überall von Grenzen eingezwängt. Da kommt die Versuchung: Könntest du nicht diese Grenze missachten? Einfach drüber weggehen?

Wenn Eva nein gesagt hätte, dann hätte sie ihre Freiheit behalten; und Adam auch. Mit der gottgesetzten Grenze leben, hätte die Freude und den Frieden erhalten; nur an einer kleinen Stelle mit der Einschränkung leben, weil‘s Gott so will. Weil er eine bessere Übersicht hat. Lebensgenuss und Freude und Frieden hängen auch daran, wenn man verzichten kann, wenn man die rechten Grenzen achtet.

Aber ist einmal die falsche Saat in unserem Herzen drin, dann fühlt man sich umzingelt von lauter Verboten und Tabus. Die Bibel spricht vom Betrug der Sünde. Und die Versuchungsgeschichte beschreibt, wie der Mensch genau ab diesem Zeitpunkt unfrei wird, als er meinte, freier zu sein. Er dachte sich mehr Möglichkeiten zu verschaffen und zerstört damit die Gemeinschaft mit Gott.

2. Das Geheimnis der Gottesbegegnung
Es ist schlimm, der Versuchung zu erliegen. Aber noch schlimmer ist es, darin zu verharren. Hier heißt es, dass sie sich vor Gott versteckten, weil sie merkten, dass sie nackt waren. Nackt, das heißt, sie fühlten sich durchschaut. Ihr ganzes Denken und Fühlen und Wollen, alles, was sie hatten, lag offen vor Gott. Für uns Menschen ist das eine entsetzliche Feststellung, sich von Gott durchschaut zu wissen. Das Ergebnis: Sie verstecken sich vor Gott. Sie trauen sich nicht mehr vor seine Augen, weil er sie durchschaut.

Wer mit Gott über‘s Kreuz ist, sich von ihm durchschaut fühlt, weicht ihm aus. Es ist ein großes Wagnis, Gott zu begegnen, wenn man ein schlechtes Gewissen hat. Es würde schon eine große Unverfrorenheit dazugehören, Gott dennoch begegnen zu wollen.

Doch beim Sündenfall ist es keine wirkliche und offene Begegnung beschrieben, sondern ein Versteckspiel. Schuld wird abgeschoben. So kann die Schuld nicht bewältigt werden. Es ist auffällig, dass von Adam und Eva kein Wort des Bedauerns kommt. Darum werden die beiden aus dem Paradies verwiesen. Das Leben ist nicht mehr unbeschwert.

Schlimmer noch: Die Menschen sind tatsächlich gestorben, nämlich den Tod der Gottesferne. Für die Bibel ist das ein schlimmerer Tod als wenn der Körper stirbt. Zudem erfährt Adam an dieser Stelle von seinem körperlichen Sterbenmüssen. „Du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ Unser Leben ist ein Leben zum Tode, wegen unserer Sünde. Und so ist der Versucher als Lügner entlarvt, indem er uns mit Halbwahrheiten betrügt.

Was wäre passiert, wenn Adam gesagt hätte: „Stimmt, lieber Gott, genau so war‘s!“ - Was passiert, wenn wir heute sagen: Genau so ist‘s. Das Geheimnis der Gottesbegegnung: Wer Gott wirklich und echt begegnet, sieht sich selbst ehrlich und realistisch und er kann aufhören mit der Selbsttäuschung. Darum ruft Gott: Adam, wo bist du? (V9) Er fragt eigentlich nach mehr als nur nach der Stelle, wo er sich versteckt. Gott fragt, wie es in ihm aussieht...

Nach menschlichem Ermessen wäre die Geschichte mit dem Verweis aus dem Paradies zu Ende. Aber Gott bleibt dabei nicht stehen.

3. Das Geheimnis der neuen Chance
Trotz aller Mühsal, trotz aller Not dürfen wir leben. „Gott machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“

Gott will uns nicht bloßstellen. Trotz unserer Schuld steht er zu uns. Unter diesem Vorzeichen steht unser Leben.

Aber auch hier hat die Geschichte noch eine Fortsetzung. Die Geschichte läuft gewissermaßen ein zweites Mal ab, bei Jesus. Der zweite Adam widersteht dem Versucher. Und so hat er, der allein würdig ist, uns den Weg zurück ins Paradies eröffnet. Wir dürfen den Weg mitgehen, denn die Tür steht wieder offen und der Cherub steht nicht mehr davor. Amen!
 

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

 

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