Gottesdienst am Estomihi, 6. Februar 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt Lukas 10, 38-42

Bei uns zu Hause war das Nichtstun verboten. Wer dennoch dabei erwischt wurde, musste sich eine Strafpredigt anhören. Die meisten von meinen Geschwistern haben sich das deshalb so nach und nach abgewöhnt - bis auf eine meiner Schwestern. Sie zog sich immer mit einem Buch auf die Toilette zurück. Dort konnte man abschließen. Jahrelang wurde diese Art von Faulheit nicht entdeckt und entlarvt. Sie hat es später selbst verraten. Irgendwie witschte sie einst durch die Kontrolle hindurch. Sie war dabei sogar so erfolgreich, dass sie studieren und Lehrerin werden durfte. Alle anderen mussten „etwas Rechtes“ arbeiten.

In diesem schwäbischen Milieu aufgewachsen und derart verbogen habe ich darum für die heutige Predigt keine guten Voraussetzungen, fast wie die Nachtigall zum Tiefsee-Tauchen. In der schwäbischen Bibel gehört der heutige Predigttext zu den verbotenen Stücken. Wenn Sie so wollen: Heute geht es um das Lob der Faulheit! - Oder vielleicht doch nicht? Mag sein, vielleicht beurteilen sie‘s anders.

Aber hören Sie mal zu:
Lukas 10, 38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.
39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.
40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!
41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.
42 Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Das bekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter geht diesen Versen unmittelbar voraus. Da ist jemand unter die Räuber gefallen und liegt ausgeraubt und halbtot am Wegesrand. Dem Mann muss geholfen werden. Selbst der fromme Dienst muss hier zurückstehen. Daran lässt Jesus keinen Zweifel. Wir dürfen diesen Grundtext der Diakonie nicht übersehen. Wenn Helfen und Dienen dran ist, dann gibt es nichts Wichtigeres. Und obendrein sagt Jesus sogar vom Endgericht, dass wir nach dem beurteilt werden, was wir den anderen getan oder nicht getan haben.

Was aber um alles in der Welt soll dann dieser Text, in dem die zuhörende Maria gelobt wird, und die geschäftige Martha sanft aber deutlich zurechtgewiesen. Auch schon die ersten christlichen Gemeinden hatten offenbar damit Schwierigkeiten. So zieht sich‘s durch die Jahrhunderte. Und nicht wenige haben sich gerade auf diesen Text berufen, als sie sich von der Welt zurückzogen in die fromme Einsiedelei. Nicht wenige haben gesagt: Alles, was du als Christ zum Leben brauchst, ist ein Becher Wasser und ein Stück Brot, Gebetbuch und Bibel, und natürlich ein Dach über dem Kopf und was anzuziehen; fertig!

Sollen wir den Text so verstehen? - Alles Weltliche Vergessen?

Nein! So nicht!

Sondern hier geht es um eine Ausnahmesituation. Nicht um das normale Leben im Alltag, wenn man auf eine Prüfung büffeln muss, oder für die Familie sorgt. Hier geht es nicht um Not und Abhilfe, sondern um das ganze Leben: Ziel und Richtung und Sinn. Selten hat ein Mensch diese Chance in so einmaliger Weise, die für das Leben eine Revolution bedeutet. Wo du dann hinterher sagen kannst: Diese Minuten haben mein Leben bestimmt. Über solche Minuten reden wir heute: Wo Jesus da ist.

1. Wenn Jesus da ist, lass dich nicht ablenken
Da ist also Jesus zu Besuch gekommen. Er erzählt. Wir wissen nicht, worum es geht. Es gibt keinerlei Andeutung. Aber eins wissen wir: Er ist da. Und wenn er da ist, da geht es um das Leben; es sind keine Nebensächlichkeiten.

Maria hört zu. Ich nehme an, sie hat nicht alles begriffen. Es war gar nicht möglich. Erst nach Ostern konnte sie es im eigentlichen Sinn erfassen. Aber dass sie hier ganz zuhörte, war ein Schritt darauf zu. Hinterher werden sich die Worte sortiert haben, so dass sie erfassen konnte: Er ist wirklich das Heil der Welt. Jetzt verstehe ich den Weg und Willen Gottes mit seinem Volk, und mit mir.

Martha ist im Hintergrund und „rotiert“. Wörtlich: Sie fuchtelt in der Gegend herum mit viel Dienst. Man kann dem Gast die Gastfreundschaft doch nicht entziehen, egal wer kommt! Das ist im Morgenland sozusagen oberstes Gesetz. Da muss man was auf den Tisch bringen. Kulturbedingtes Helfersyndrom! Sie ist zu sehr beschäftigt, um die Situation wirklich zu erfassen.

Nichts gegen Martha! In einer anderen Lage war sie genau richtig. Als ihr Bruder Lazarus krank war und dann starb, da eilte sie auf Jesus zu, während er noch weit weg vom Ort war. Da suchte sie bei ihm Hilfe in ihrer Not und Verzweiflung. Auf Jesus zu ist immer richtig. Aber abseits von ihm, da kommt man leicht ins Rotieren.

Nicht die Aktivität der Martha war falsch. Sie hat nur richtig kapiert, dass Jesus da war, dass er handelte. Dass sein Wort unvergleichlich wertvoller ist als die Gastgeber-Pflichten.

Martha hatte noch ein zweites Problem: Wenn doch alle so wären wie ich...! „Was ich für das Wichtigste halte, ist auch für meine Schwester das Wichtigste. Und dieses faule Stück hockt da auf dem Boden und tut - nichts - nichts.“ Was Leben bedeutet, was Leben schafft - das Hören auf die Worte Jesu, das wurde für sie zum Nichts. So vernagelt war sie.

Sie wird abgelenkt durch etwas scheinbar Wichtigeres. Es ist ein Ablenkungsmanöver.

Es gibt auch Ablenkungsmanöver bei uns. Das könnte sein:

Zuerst das, was Ihnen jetzt gerade durch den Kopf geht an Belastung.

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Wie das morgen im Skifahren wird, wann müssten wir in der Frühe losfahren?

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Ob ich nicht doch bald ein Auto kaufen sollte? Mit Sonderausstattung, und einigen PS mehr! Kostet halt schon ne Stange Geld.

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Ob ich das nachher mit dem Kochen noch schaff, dass das Essen um 12 auf dem Tisch steht? Hoffentlich predigt der heute nicht zu lange! Wir kriegen doch Besuch.

Das sind sehr harmlose Beispiele. Zum Warmwerden. Es gibt noch schwierigere. Und sie müssen nicht alle im Gottesdienst ablaufen, sondern zu Hause oder im Geschäft oder in der Gemeinde.

2. Wenn Jesus da ist, dann öffne dich

Dass Gottes Wort und Gottes Handeln im Mittelpunkt steht, hat in der Gemeinde den ersten Rang. Das gilt erst recht, wenn in der Gemeinde geistlich etwas in Bewegung geraten ist. Dann muss alles andere dahinter zurücktreten. Musikstil oder Geldfragen sind nicht die wichtigsten Fragen. Sie dürfen uns nicht blockieren.

Man muss schon zur rechten Zeit darüber reden; aber es gehört nicht zu den wichtigsten Dingen.

Ich weiß, das ist ein empfindlicher Punkt.

Wie ist das: Gott bringt Menschen in seine Nachfolge und macht sie zu Jüngern Jesu, und das vielleicht ausgerechnet durch Musik, die mir gegen den Strich geht. Es ist nichts Böses, dass die einen diese und die anderen jene Musik lieben. Dann fassen wir es als ein Wunder Gottes sein, wenn er auch durch etwas handelt, das mir nicht liegt.

Und das andere, das Geld: Es ist so, dass im Gemeindehaus noch nicht alles bezahlt ist. Das stimmt. Doch in diesen Wänden und auf diesen Böden versammeln sich Menschen und loben Gott und beten ihn an und finden zur Nachfolge Jesu. Und ihr Herz brennt für ihn. Haben wir nicht jahrelang darum gebetet?! Es ist nicht das Wichtigste, ob ein Stuhl, auf dem jemand zum Glauben kommt, bezahlt ist oder nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott einen solchen Stuhl lange unbezahlt lässt.

Wenn Jesus da ist, dann ist er wichtig. Er könnte wieder fortgehen! Darum ist die Geschichte sehr ernst. Es steht viel auf dem Spiel. Wir brauchen Versöhnung und wir müssen eins sein.

Ich denke nochmal direkt an die Situation im Haus der Martha.

Martha steht draußen in der Küche. Sie hört wohl mit einem Ohr zu, was Jesus sagt. Aber in ihrem Herzen sitzt der Ärger über ihre Schwester, die Jesus zu Füßen sitzt. Innerlich explodiert sie fast. Und dann kommt sie zu Jesus. „Herr, sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!“

Sie kommt zu Jesus nicht mit ihrem Problem, sondern mit ihrer Lösung. Jesus soll sagen: Auf, Maria, schnell in die Küche! Solange nicht alle Kartoffeln geschält sind, wird jetzt hier nicht mehr weitererzählt.

Aber so lässt sich Jesus nicht vereinnahmen. Er segnet die Lösung von Martha nicht einfach ab. Es ist nicht sein Wille, dass es nur noch Marthas gibt, die in der Küche für das irdische Wohl sorgen und mit dem einen Ohr durch die offene Tür hören. Sondern wenn er da ist und redet, sollen wir uns ihm ganz öffnen.

Die Martha-Krankheit ist vielerorts. Sie heißt: Alle müssen so sein wie ich.

Und es gibt eine Therapie: Nicht ärgern, dass die anderen so anders sind, sondern sich freuen an der Vielfalt Gottes; und vor allem sich freuen, dass er handelt und unter uns wirkt. Es ist ein riesiges Geschenk, dass wir ihm zu Füßen sitzen können und hören und ihn loben, sei es still im Herzen oder sei es auch äußerlich. Amen!
 

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

 

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