Gottesdienst an 23. Januar 2005, in Wilhelmsdorf
Eines Tages bitten die
Apostel den Herrn: Stärke unseren Glauben. (Lege uns Glauben zu! Vermehre
uns den Glauben. Wann haben wir so gebetet? Jahreslosung!) Es war um
Versuchungen gegangen und um Vergebung. Und die Jünger merkten: wir
brauchen einen starken Glauben. Und dann erzählt ihnen Jesus vom Glauben,
der Maulbeerbäume zum ausrasten und ausreißen bringt. Allein wenn er so
groß wäre wie ein Senfkorn. Und dann fügt Jesus das mut machende Wort
hinzu: wenn ihr den hättet! Wenn ihr Glauben hätten, groß wie ein
Senfkorn. Mut machend? Herr stärke uns den Glauben? Hört sich das für Sie
wie eine Stärkung an? Für mich, ehrlich gesagt, nicht so recht.
Und dann setzt Jesus noch eines drauf. Tja, Leute, „wer unter euch hat
einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom
Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? Wird er nicht
vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene
mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und
trinken? Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war? So
auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht:
Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“
Statt den Glauben zu stärken, verstärkt Jesus ehrlich gesagt irgendwie
meinen Minderwertigkeitskomplex. Als ob ich nicht schon genug Komplexe
hätte. Ödipuskomplex, Helferkomplex, Vater- Mutterkomplex… Nein, auf einen
kommt es nun auch nicht mehr an. Also: noch einen Minderwertigkeitskomplex
dazu! Ausgelöst durch eine ganz seltsame Arbeitsmoral. „Wenn ihr alles
getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte;
wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“
Was steckt da eigentlich für eine Geschichte dahinter? „Wer unter euch hat
einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom
Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch?“ (V. 7)
Steckt da etwa dahinter, dass es anscheinend Knechte gibt, Mitarbeiter,
die das fordern, erwarten, glauben, dass es ihnen zusteht? Die so etwas
wie Belohnung fordern für das, was sie getan haben? Die etwas tun, nur um
Bestätigung, Belohnung, Anerkennung, Rechtfertigung zu erhalten? Gibt es
unter uns welche, die meinen, Gott belohnt, beschenkt, bewertet sie in
hohem und besondern Maße, wenn sie für ihren Herrn einen Finger krumm
machen?
Gibt es tatsächlich Mitarbeiter im Reich Gottes, die erwarten, dass sich
Gott der Herr beim Knecht höflich bedankt? „Dankt der Herr etwa dem
Knecht, dass er getan hat, was befohlen war?“ (V. 9) Ist das unser
Gottesbild, dass Gott doch gut gelaunt, gut gesinnt, wohlgemut, stolz auf
seine Knechte sein müsste, wenn die ihn nur fleißig bearbeiten und
beackern?
Hand aufs Herz. Besser noch: Hand hoch: gibt’s unter ihnen solche?
Erwarten sie Lohn, Anerkennung von Gott für das, was sie tun, leben,
glauben? Sind sie deshalb so fromm, weil sie glauben, Gott hätte sie
deshalb besonders gern und würde sie gleich zu Tisch bitten? Denken Sie
so: sie seien schon besonders recht und gut, weil sie so ein besonders
toller Hecht und Gottesknecht sind?
Wir können es kurz machen: Werksfrömmigkeit, Gott wohl gefällig,
gerechtfertigt werden, belohnt werden wegen den guten Werken gibt’s auf
allen möglichen religiösen Gebieten aber nicht auf dem Territorium des
Gottes, den Jesus Christus uns als Vater offenbart. Und dieser Vater
scheint nicht nur der Ver- und Fürsorger zu sein, sondern auch der
Arbeitgeber. Aber was für einer!
Deshalb mutet uns Jesus dieses Wort zu. Weil er davon ausgehen darf, dass
wir uns im klaren sind, was das eigentlich für ein Arbeitgeber ist, was
für ein Bauer mit Power. Klar, wer sich nicht mehr sicher ist, was für ein
Arbeitgeber er hat, was er für Arbeit zu tun hat, was seine Arbeit für
einen Wert hat, der muss Lohnsüchtig werden. Der bleibt
Anerkennungsbedürftig. Der bleibt Wertschätzungssüchtig. Der bleibt sehr
unselbstsicher.
Also: ist es nicht nur ein Wort gegen die Leistungsfrömmigkeit, gegen die
Lohnsucht und Gerechtigkeit aus Werken, sondern es ist in erster Linie
eine Laudatio auf unseren Arbeitgeber.
Bei unserem Predigttext werden als erstes auf den zweiten Blick drei
Fragekomplexe ausgelöst.
1) Was ist das für ein Arbeitgeber?
2) Was ist das für eine Arbeit?
3) Was ist der Wert dieser Arbeit?
1) Was ist das für ein Arbeitgeber?
Bei der Einstellung hat er nicht gesagt: Fantastische Zeugnisse!
Fantastische Begabungen. Fantastischer Typ. Sondern er hat gesagt: „Ich
habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Einer, der auf Anhieb,
grundlos, bedingungslos, voraussetzungslos meinen Wert erkannt hat, mir
Würde gegeben habt, mich als Unersetzlich und Unvergleichlich ins
Kollegium, ins Team, in die Mannschaft mit aufnimmt.
Und was das hier für uns heißt. Für unser Mitarbeiten. Für unser Team in
der Gemeinde. Für unsere Dienst- und Lebensgemeinschaft. Keiner kann
seinen Bruder, seine Schwester abwerten als verlogenen, verlorenen,
besessenen, nicht fromm und gläubig genug, nicht gottgefällig genug.
Keiner kann seinen Bruder, seine Schwester in irgendeiner Form abwerten,
weil unser Herr, unser Arbeitgeber zu allen gesagt hat: ich habe dich bei
deinem Namen gerufen, du bist mein.
Und bei Personalbesprechungen, bei Zielvereinbarungsgesprächen, da hat
dieser Arbeitgeber auf meine Frage nach der Zukunft immer wieder das
Gleiche gesagt und mir schriftlich mit gegeben: „Darum sorgt nicht und
sagt nicht: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir
uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Aber euer himmlischer
Vater weiß, dass und was ihr von all dem bedürft.“
Und: wenn Du mal irgendwie Probleme hast, darfst du gerne zum Chef ins
Büro kommen. Und hier darfst du anklopfen – dann wird dir aufgetan. Und
dann darfst du bitten – dann wird dir gegeben.“
Mal ehrlich: kann man bei so einem Arbeitgeber noch irgendwelche
Bedingungen stellen, Erwartungen haben, Ansprüche stellen? Oder trifft uns
das nicht wirklich als völlig unnütze Knechte unverdient und unvorbereitet
und unbedingt?
2) Was ist das für eine Arbeit?
„Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Denn wer
glaubt und getauft wird der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, der
wird verdammt werden.“ (Markus 16,15-16) Das ist unsere Arbeit: wir
arbeiten mit an der Weltrettung. Denn „Gott hat seinen Sohn nicht in die
Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn
gerettet werde.“ (Johannes 3,17) Die Welt soll gerettet werden. Und uns
sendet man – Zitat – „Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt
durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit
Gott! (2. Korinther 5, 20)
Und was das hier für uns heißt. Für unser Mitarbeiten. Für unser Team in
der Gemeinde. Für unsere Dienst- und Lebensgemeinschaft.
Wir alle arbeiten hier am gleichen Auftrag. Wir alle stehen im größten
Atelier der Welt und bearbeiten lauter Marmorblöcke, um die Engel darin
freizulegen. Gott will, dass alle Menschen zur Entfaltung kommen. Zum
wahren Ich finden. Zur Erlösung aus Verstrickung in Schuld und Sünde. Zur
Zurückführung in die gute, zufrieden bringende Gemeinschaft mit sich. Wir
arbeiten alle am Gleichen. Ob wir in der Diakonie tätig sind. Es geht um
Rettung der Welt. Ob wir in der Verwaltung tätig sind. Es geht um Rettung
der Welt. Ob wir in der Bäckerei tätig sind. Letzten Endes geht es um
Rettung der Welt. Ob wir Pfarrer, Kaufmann, Steuerberater sind: wir
arbeiten letzten Endes im Arbeitsverhältnis und im Auftrag Gottes an der
Rettung der Welt. Ob wir in der Landeskirche arbeiten, einen Taizekreis
leiten, einen Gemeindegebetskreis ins Leben gerufen haben, Jungschar
machen, im Kirchenchor mitsingen, ein Frauenfrühstück vorbereiten,
Kinderkirche machen: wir arbeiten am gleichen: wir arbeiten für die
Rettung der Welt. Hören wir doch auf, uns zu qualifizieren, uns zu
beurteilen, uns zu beschränken und zu bekriegen. Zu sagen: die Arbeit ist
besser oder jene schlechter.
PS: Und immer wieder ertönt während der Arbeit der Pausengong und ein
einladende Stimme lädt ein: Mach mal eine Pause. Und wenn ihr mühselig und
beladen seid; dann will ich euch erquicken. Kommt her zu mir. Macht erst
mal Pause. Ja, lasst euch von mir in Beschlag nehmen. Lasst euch auf diese
Arbeit ein! Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin
sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure
Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. (Matthäus 11,
28-29)
3) Und was hat die Arbeit für einen Wert?
Ganz am Ende, das scheint für die Bibel klar zu sein, muss jeder über
seine Arbeit Rechenschaft ablegen. Da kommt es dann zu Gesprächen zwischen
dem Chef und dem Knecht. Da hören die einen: „Recht so, du tüchtiger und
treuer Knecht. Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel
setzen. Geh hinein zu deines Vaters Freude. (Matthäus 25, 21) Da hören die
anderen: „Du böser und flauer Knecht. Werft ihn in die Finsternis hinaus,
da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ (Matthäus 25, 30)
Die Arbeit wird bewertet. Wird belohnt. Weil sie in Ewigkeit nachhaltig
ist. Weil sie von unschätzbarem Wert ist.
Das heißt: wir werden uns damit auseinander setzen müssen, dass unser Tun
irgendwann zur Sprache kommt. Zur Bewertung kommt. Zum Abschätzen,
einschätzen. Und da wird es nicht einen Fragekatalog geben, sondern nur
eine einzige Frage: Was habt ihr mir getan? Was habt ihr für mich getan?
Was ihr einem dieser geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir
getan.“ (Matthäus 25, 40) Und dann ist Zahltag: Kommt her, ihr Gesegneten
meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der
Welt. Oder es kommt die Abrechnung: Was ihr nicht getan habt einem von
diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden
hingehen. Diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.
Und was das hier für uns heißt. Für unser Mitarbeiten. Für unser Team in
der Gemeinde. Für unsere Dienst- und Lebensgemeinschaft.
Wir alle sind Arbeitnehmer. Hören wir auf, uns als Arbeitgeber oder
Arbeitnehmer zu profilieren, zu klassifizieren, zu exponieren. Wir alle
haben das gleiche Problem, die gleiche Chance, die gleiche
Herausforderung: unsere Arbeit wird irgendwann bewertet, ent- oder
belohnt. Jeder hier muss dafür Rechenschaft ablegen. Und dieses
Rechenschaft ablegen müssen schützt letzten unsere Menschenwürde. Wurde
letztens von einem großen Philosophen behautet: „Das Endgericht ist der
einzige Schutz, die einzige Garantie der Menschenwürde.“
Der hohe Stellenwert und der unschätzbare Wert unserer Mitarbeit als
Knechte Gottes an der Rettung der Welt verändert nicht nur uns selbst,
sondern auch unsere Beziehungen, unsere Familien, unsere Generationen,
unsere Gemeinschaften, Kommunen, Dörfer, unseren Staat. Denn wenn jeder
weiß, dass er sich für seine Arbeit, für sein Tun, für sein nicht Tun vor
und von dem lebendigen Gott bewerten lassen muss, der geht mit sich selbst
und andern in Wertschätzung, Hochachtung und Respekt um.
(Da stellt keiner keinen als Lügner da, nur weil mal ein Missverständnis
aufkam. Da schreibt keiner keinen für immer ab, nur weil er einmal einen
Fehler gemacht hat. Da verurteilt keiner keinen gnadenlos, nur weil er ihm
nicht in sein Schema F passt. Da spricht keiner keinen heilig oder
unheilig, nur weil er irgendwas über irgendwelche 5 Ecken gehört hat.)
Ich komme immer wieder ins Staunen, wie das Evangelium, wie ein kleiner
Predigttext, wenn wir ihn beherzigen würden, wenn wir ihn kompromisslos
leben würden unsere Gesellschaft, unsere Gemeinde, unsere Welt verändern
würde, wenn nicht sogar retten würde.
Urteilen Sie selbst: bei solche einer Arbeit dürfen wir uns von schreiben!
Auf solch einen Arbeitgeber dürfen wir stolz sein! Bei solche einer
Entlohnung sollten wir auf der Hut bleiben!
(Pfr. Heiko Bräuning)