Gottesdienst an 06. Januar 2005, in
Wilhelmsdorf, Predigttext: Johannes 1, 14-18
Herrlichkeit:
doxa
= Grundbedeutung: Ansehen, Geltung, Ehre (die Einschätzung meiner Person,
die mir im Urteil der anderen entgegentritt. . Im Griechentum meint doxa
auch den Machtglanz von Königen und Königreichen.
Allgemein übersetzt
doxa das hebr. kabod = das Gewicht von Ansehen und Ehre, das ein Mensch
hat, bes. etwa der König. . Kabod als Rang, Würde und Machtstellung. (Mit
Herrlichkeit gekrönt: mit Gewicht, mit Bedeutung, von Rang und Würde!)
Herrlichkeit: alle
Welt hat damals vorgemacht, was Herrlichkeit ist. Sowohl Griechen als
Römer haben etwas verstanden von Herrlichkeit. In Architektur, in Kunst,
in Medizin, in Mode, in Bildung, in Erziehung, in Wissenschaft, in
strategischer Kriegsführung, in Inszenierung von Siegen.
Herrlichkeit, die sich
sehen lassen konnte. Herrlichkeit, mit der man Krieg führen konnte.
Herrlichkeit, die was darstellte. Mit der man ein Reich bauen konnte.
Herrlichkeit, mit der man anderen imponieren konnte, sie Furcht und
Schrecken lehren konnte.
Herrlichkeit: voller
Pracht. Voller Reichtum. Voller Stärke. Voller Herrlichkeit, die was her
machte. Die was darstellte. Herrlichkeit, die einem als Betrachter Respekt
abverlangte! Herrlichkeit, die man meistens auch mit bestimmten
glorreichen Namen verbunden hat. Charismatischen Führungspersönlichkeiten
aus Politik und Wirtschaft, göttlichen Geisteswissenschaftlern.
Und jetzt kommen die
jungen Christen und reden von ihrer Herrlichkeit. Einer Herrlichkeit,
nicht voller Reichtum, voller Stärke, voller Pracht, sondern – man höre
und staune - voller Gnade und Wahrheit. Verbunden mit dem Namen und der
Person Jesus Christus, denn – Zitat „Gnade und Wahrheit ist durch Jesus
Christus geworden. Gnade und Wahrheit? Was stellt denn das bitte dar in
einer Welt, die eher auf Fortschritt, Entwicklung, Schnelligkeit,
Geschicklichkeit, Strategie, Management. Herrlichkeit voller Gnade und
Wahrheit in einer Welt, die eher druckvoll, lautstark, schnelllebig,
wirtschaftlich, weitflächig, global, angelegt ist.
Herrlichkeit voller
Gnade und Wahrheit – und das stellt Johannes auch noch seinem Evangelium
als Prolog, quasi als Inhaltsverzeichnis, als Headline voran. So, als ob
es darauf ankommt.
Bisher waren immer nur
kleine Spuren der Herrlichkeit Gottes wahrgenommen worden. Mit
Herrlichkeit in Verbindung gebracht wurde im Judentum zum Beispiel das
Gesetz: Die Herrlichkeit des Gesetzes, der Gebote Gottes. Vgl. Ps 119: Die
Herrlichkeit des Wortes Gottes.
Wie ein Skandal, dass
von denen, die bis dahin mühselig geglaubt und gehofft hatten, irgendwann
Gott in seiner Herrlichkeit zu sehen, die aber wussten, dass man Gott
nicht schauen darf, nun plötzlich ein Aufschrei der Begeisterung ausgeht:
wir haben seine Herrlichkeit gesehen.
Was, ihr habt die
Herrlichkeit Gottes gesehen? Ja, eine Herrlichkeit voller Gnade und
Wahrheit. Ach so! Lächerlich! Peinlich! Haltet lieber Stillschweigen
darüber! Vernachlässigt es, denn was kann man denn mit einer Herrlichkeit
voll Gnade und Wahrheit für einen Staat machen?
Gnade.
plhrhV caritoV kai alhqeiaV Xaris
bezeichnet die Gesinnung der Götter als auch der Menschen, z.Bsp. die
Erlasse der Kaiser.) Die griech. Wurzel bezeichnen das, was Wohlbehagen
erzeugt. Wohlwollen und Wohlgesonnen Gottes. Gott meint es gut!
Paulus sagt darüber:
durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade ist an mir nicht
vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle;
nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. (1. Korinther
15,10)
Gnade ist nicht nur
die Gesinnung Gottes. Für den, der das Wohlwollen Gottes erfährt, ist
Gnade eine gestaltende Kraft! Gnade macht etwas mit uns! Hilft uns zur
Entfaltung. So wie bei Paulus. (s.o.)
Gnade macht aus völlig
verkorkstem, völlig verkehrtem, völlig verqueren völlig Neues.
Gnade scheint mehr
Energie zu liefern, als alles was Menschen sonst anspornt und motiviert.
Gnade scheint menschliche Leistungen auf Hochtouren zu bringen. Seltsam:
bisher haben sich doch Leistung und Gnade immer widersprochen. Nein: Gnade
treibt uns an! Gnade bringt uns nach vorne.
Diese Gnade Gottes
werfe ich nicht weg! (Gal 2, 21)
Wer Gnade erfahren
hat, ist gnädig, wird gnädig anderen gegenüber. Hilft anderen, zur
Entfaltung. Hindert sie nicht. Ist nicht gnadenlos!
Bei uns in
Wilhelmsdorf scheint das einer der größten Chancen der Gemeinde zu sein:
gerade wir in der Brüdergemeinde können ganz viele neue Seiten an der
Gnade entdecken, die wir anscheinend totgeglaubt haben. Wir reden viel
über Gnade, verhalten uns aber teilweise gegeneinander gnadenloser als
irgendwelche sonst jenseits von Gut und Böse. Gnade ist die Gesinnung der
Götter und der Menschen, jeweils zueinander! Der Text heute ist keine
Verurteilung sondern eine Einladung: lasst uns aus seiner Fülle nehmen
Gnade um Gnade.
Wahrheit.
plhrhV caritoV
kai alhqeiaV Die Unverborgenheit. Das
Wahrhaftig-sein dürfen. Die Wirklichkeit, Tatsächlichkeit, Wahrhaftigkeit
von Sachverhalten und Personen. „Wahrheit kennzeichnet in erster Linie den
Charakter von Dingen und Sachverhalten, sofern sie sich in ihrem
unverstellten So-sein zu erkennen geben.“ Hier geht es um unseren
Charakter! Die Bibel als Charakterbildend! Die Frage: „was ist Wahrheit“
zielt auf die Erkenntnis des wahrhaft Seienden.“ Wer bin ich?
Jesus sagt darüber:
Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine
Jünger und werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei
machen. Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde
Knecht. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.
(Johannes 8, 31-36)
Vielleicht das
Wichtigste, was wir über die Wahrheit erfahren: sie macht so frei, das man
wirklich frei ist. Für die Bibel ist die Befreiung des Menschen aus den
Fängen und Zwängen der Schuld das Wichtigste. Menschen die frei sind,
nicht mehr beherrscht von der Sünde. Knechte der Sünde gewesen, aber jetzt
von Herzen gehorsam geworden der Gestalt der Lehre. (Röm 6)
Wie kann die Wahrheit
frei machen? Wie wird man durch Wahrheit frei? Wahrheit ist wie ein Raum,
der zur Verfügung steht. Hier darf man rein und sein, wie man ist.
Ungeschminkt. Mit allem, was man mit sich rumschleppt. Und in diesem Raum
kommt alles zu Tage, was man ist, wie man ist, wer man ist. Kommt
interessanter Weise gnadenlos, schutzlos, hoffnungslos alles ans Licht.
Schutzlos: weil es für die Schuld keinen Schutz gibt. Aber Schutz für den
Sünder. Gnadenlos: weil es für die Schuld keine Gnade gibt. Aber Gnade für
den Sünder. Hoffnungslos: weil es für die Schuld keine Hoffnung gibt. Aber
Hoffnung für den Sünder. Im Raum der Wahrheit sieht man erst mal, wie
kaputt die Welt und ihre Typen sind. Da muss sich keiner mehr einbilden,
er sei etwas besser.
Und in diesem Raum der
Wahrheit erfährt der Sünder dann eben, wie Gott, der Vater mit den
verlorenen Söhnen und Töchtern umgeht. Wie plötzlich neu eingekleidet wird
mit dem Feinsten und Besten. Wie plötzlich eine Grundlage zum Leben da
ist. Wie die Wahrheit geholfen hat, sich selber zu finden, zu entdecken,
sich selber lieb zu gewinnen, wert zu achten. Wie Wahrheit und
Wirklichkeit plötzlich in Einklang kommen.
Und diesen Raum der
Wahrheit verlässt keiner als eingebildeter Snop, als selbstverliebter
Narzisst. Als egozentrischer Eigenbrödler. Den Raum der Wahrheit verlässt
man als freier Mensch. Frei gesprochen. Und wer schon mal eine Anklagebank
mit Freispruch verlassen hat, der weiß, wie man mit erhobenem Haupt ins
nächste Cafe geht, und erst mal feiert!
Wir in Wilhelmsdorf,
besonders in der Brüdergemeinde haben immer mehr nötig, in den Raum der
Wahrheit zu treten. Wir reden zwar viel über Wahrheit. Aber wenn Pfarrer
über Wahrheit predigen, dann predigen sie nicht über die Wahrheit, die
jeder so als seine Wahrheit erkannt hat und für richtig hält, sondern, die
Wahrheit ist gemeint, die durch Christus geworden ist und nicht die, die
jeder meint. Der Text enthält keine einzige Verurteilung. Der Text enthält
nur Einladungen: die Wahrheit, die durch Jesus Christus geworden ist,
macht frei. Und wir haben es gesehen! Es ist herrlich! Es ist
Herrlichkeit.
Das Evangelium des Johannes, maßgeblich für die Theologie
der jungen Gemeinden in der griechischen Welt, legt einen Grund, eine
Basis für die Gemeinde Christi. Und es scheint immer und immer wieder um
die gleichen Gemeindegrundsätze und Statuten gehen: Gnade und Wahrheit.
(Pfr. Heiko Bräuning)