Gottesdienst am Neujahr, 1. Januar 2005, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Lukas 22, 32 (Jahreslosung)

Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.

Es ist schon beinahe ein Reflex. Zum Jahresbeginn denken wir: Was kommt in diesem Jahr auf mich zu? Manches weiß ich jetzt schon! Was könnte zusätzlich vielleicht auf mich zukommen? Und irgendwie versuchen wir innerlich zu sortieren und zu ordnen und zu planen. Eine Freizeit, eine Reise, einen Hausbau oder -kauf....

Dann sagen wir dazu oder denken: So Gott will und wir leben... Und es ist hoffentlich so auch ernst gemeint. Denn wir haben unser Leben nicht in der Hand. Wir können planen, so gut wir wollen.

Oder sind es gar negative Erwartungen....

Der Schock von dem Erbeben bzw. Seebeben im Indischen Ozean in den Gliedern. Es gehört zu den größten Naturkatastrophen der Neuzeit. Das japanische Wort Tsunami wurde schnell überall bekannt. Es bezeichnet die große Flutwelle, die durch ein Seebeben ausgelöst wird.

Das Ausmaß des Schreckens ist fast unvorstellbar. Wir können noch nicht ermessen, was diese Katastrophe für uns bedeutet. Ob sie unser Lebensgefühl nachhaltig verändert; etwa wie das Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 eine optimistische Generation aus ihren Träumen aufweckte und das Lebensgefühl nachhaltig veränderte. Auch danach ging das Leben weiter. Aber die Menschen waren verunsichert. Kann man sich noch darauf verlassen, dass Gott die Welt gut geschaffen hat? So ähnlich fragen Menschen nach jeder Katastrophe. Erdbeben, Stürme, Überschwemmungen, Dürrezeiten.

Es kann den Glauben in seinen Grundfesten erschüttern. Das können auch von Menschen verursachte Schrecken. Die sind manchmal sogar schlimmer als Naturkatastrophen.

Was ist eigentlich schlimm? Haben wir dafür einen Maßstab?

Was schlimm ist rechnen wir üblicherweise an 2 Kriterien: Wieviele Menschen umgekommen sind und welche finanziellen Schäden es verursacht.

Die Bibel kennt noch ein drittes Kriterium, nämlich welche Folgen es auf das Verhältnis der Menschen zu Gott hat. Wenn das Verhältnis zu Gott kaputt geht, das ist die Katastrophe überhaupt. Vielleicht ist das den Menschen der Neuzeit nicht recht zu vermitteln. Aber Jesus sagt es zum Trost: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen (Matth. 24, 35; Jahreslosung 2004).

Wenn der Glaube untergeht, das ist wie die Zerstörung einer ganzen Welt. Und es kann sein, dass die inneren Wunden der Menschen noch schlimmer wiegen als die äußeren: Zweifel, Verunsicherung... Seelische Wunden, geistliche Wunden. Da wird weggenommen und zerstört, was unserem Leben Sinn und Inhalt gibt.

Darum wird der Glaube gebraucht, wie die Luft zum Atmen. Davon lebt unsere Welt, davon leben wir.

Es ist darum keine Nebensache, dass Jesus zu Petrus sagt, er tritt für ihn ein. Er bittet, dass sein Glaube nicht aufhöre. Wir bedenken: Jesus steht mit seinen Jüngern kurz vor einer menschlichen und geistlichen Erschütterung, die keinen Vergleich kennt. Der Erlöser wird als Verbrecher hingerichtet werden. Nicht irgendein Politiker, nicht irgendein Freiheitsheld, kein selbsternannter Helfer und Heiler. Sondern der von Gott geschickte Erlöser. Jesus hat seinen Jüngern die Katastrophe angekündigt. Es ist schon nach dem Abendmahl. Aber sie wollen das nicht wahrhaben. Sie haben die gewaltige Erschütterung noch vor sich. Petrus denkt, das lässt man nicht so weit kommen. Der Messias hat doch seine Aufgabe noch nicht erfüllt. Das kann Gott nicht zulassen.

Das kann Gott nicht zulassen. Es kommt uns bekannt vor. Wie oft sagen das Menschen, wenn sie etwas nicht verstehen, wenn ihre Pläne kaputtgehen, wenn viele Selbstverständlichkeiten des Lebens zerbrechen.

Aber Gott lässt zu. Natürlich wendet er vieles ab. Doch sehr vieles lässt er zu, das uns nur Fragen hinterlässt.

In diese Lage hinein gehört die Jahreslosung. Der Zusammenhang ist die Ankündigung der Verleugnung des Petrus.

Und ich stelle mir vor, wie diese intensive Zwiesprache zwischen Jesus und Petrus stattfindet. Wie dann Jesus zu Petrus sagt: „Du wirst in eine Situation kommen, der du nicht gewachsen bist. Du hattest gemeint, dass du stark genug wärst. Aber du bist es nicht. In dieser Nacht wirst du mich verleugnen. Und es ist nicht so wichtig, ob du alles verstehst: Es ist dennoch Gottes Weg, der in diese Situation hineinführt.“

Jesus spricht zu dem starken Petrus, der sich selbst überschätzt und den Weg Gottes nicht verstehen kann. Das ist noch gar nicht so erstaunlich. Denn wie oft kommt es vor, dass Menschen sich überschätzen. Aber das ist das Tröstliche, dass Jesus in dieser Lage zu Petrus hält. Er lässt den nicht fallen, der in einem Gefühl der eigenen Stärke kläglich versagt. Er sagt nicht: Du unverbesserlicher Aufschneider. Sondern er hält ihn und stützt ihn.

Anschließend sagt Jesus weiter: Wenn du dich dereinst bekehrst, dann stärke deine Brüder.

Der sich selbst falsch einschätzte, bekommt eine Führungsposition. Wir fragen: Ist das nicht leichtsinnig von Jesus? Ausgerechnet der, der ihn im Ernstfall verleugnet?

Ein menschlicher Chef kann das nicht so machen. Für Führungsaufgaben braucht man doch zuverlässige Leute! Aber was ist, wenn sie alle versagen - wie bei den Jüngern? Dann bleibt keiner übrig!

Die menschliche Logik geht so: Wir müssen etwas geleistet haben, damit man uns brauchen kann. Wir müssen sogar sehr viel geleistet haben.

Gottes Logik: Er braucht gerade den, der schwach geworden ist. Jesus gibt ihm neue Möglichkeit, neues Leben, neue Kraft. Petrus ist in einem entscheidenden Augenblick schwach geworden.

Das ist die Logik Gottes, die wir immer wieder lernen sollen: Wir leben von seiner Kraft; davon, dass er uns durchträgt, begleitet.

Darum sollen nicht Pläne und Ziele am Anfang des neuen Jahres stehen, sondern die Gewissheit, dass ich von Gottes Treue lebe.

Und wer sich gerade schwach fühlt, ist gerade gut und vielleicht sogar für den Dienst Gottes besser geeignet. Er hat Verständnis für die anderen, die vielleicht auch schwach sind. Er kann begleiten, weil er selbst um die Schwächen kennt.

Es soll nicht zum Leichtsinn verleiten. Nicht zur Nachlässigkeit. Aber es soll dazu verhelfen: Wenn er auf meiner Seite ist, dann zählt seine Stärke mehr als mein Können und Wissen.

Der Glaube wird von ihm getragen. Der Glaube, das ist auch der ganze Lebensmut. Durch ihn können wir unser Leben bewältigen, anderen Menschen helfen und diese Erde gestalten.

Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Amen.

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

 

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