Gottesdienst an 31. Januar 2004, in Wilhelmsdorf -

Können Sie sich noch erinnern?

Was war am 7. April 1994? Am Morgen des 7. Aprils begann in der Hauptstadt Ruandas eine 100 Tage dauernde Mordwelle. Ergebnis: In diesen Tagen starben etwa 850 000 Menschen. An die drei Millionen Menschen, nahezu die Hälfte der Einwohner Ruandas ist auf der Flucht.

Was war am 26. April 1986: Am 26. April 1986 um 1.23 Uhr hatte in der Ukraine eine mächtige Explosion das Reaktorgebäude von Block Nr. 4 des Atomkraftwerkes Tschernobyl zerrissen. Ergebnis: Bei dem Unfall wurde 200 Mal soviel Radioaktivität wie durch die Atombomben in Hiroshima und Nagasaki freigesetzt. Tausende Menschen starben. Von den insgesamt 850 000 eingesetzten Helfern, die sich an der Eindämmung der Katastrophenfolgen beteiligt hatten starben bisher 50 000 an den Spätfolgen wie Schilddrüsenkrebs, Leukämie, Gefäß- und Strahlenkrankheiten.

Was war am 12. August 2002? In der Nacht zum 12. August 2002 entlud sich ein riesiges Tiefdruckgebiet über Europa. Es beginnt die Jahrhundertflut in Europa. Ergebnis: Rund 11 000 Menschen kamen bei den Unwettern ums Leben. Nach einer ersten Schadensbilanz der Bundesregierung hat die Hochwasserkatastrophe Schäden in einer Höhe von mindestens 22,6 Milliarden Euro verursacht und den größten Katastrophenschutz-Einsatz in der Geschichte der Bundesrepublik ausgelöst.  

Was war am 26.12.2003? Ein Erdstoß von der Stärke 6,3 auf der Richterskala hatte am 2. Weihnachtsfeiertag den iranischen Südosten erschüttert. Ergebnis: Dreiviertel der Stadt wurden bei dem ersten Erdstoß völlig zerstört etwa 70 000 der insgesamt 120 000 Einwohner sind dabei entweder getötet oder verletzt worden.  

Haben Sie sich erinnert? Es ist ein Phänomen: die meisten Geschehnisse sind in der Zwischenzeit zu einem Datum unter vielen, unter ferner Liefen. Fast schon in Vergessenheit geraten. Und jedes Mal neu erschrickt die die ganze Weltgemeinschaft über die schrecklichen Ereignisse, die uns durch die Medien heute 24 Stunden im Wohnzimmer präsent sind. Erschrecken über das schreckliche, das Abschreckende.  

Unter den Eindrücken der neuesten Katastrophe schreibt ein mir ein Freund, 54 Jahre alt, am 29. Dezember 2004, 3 Tage nach dem Seebeben in Südostasien: „Dir und deiner Familie einen ganz herzlichen Neujahresgruss - in dieser schrecklichen Erdbebenzeit. Wir müssen die Rede vom lieben Gott damit wohl endgültig begraben.“ Der Erschrecken ist so massiv, dass es einigen von uns die Sprache verschlägt: die Rede vom lieben Gott begraben wir – endgültig. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wenn wir die Rede vom lieben Gott bleiben lassen. Denn der „liebe Gott“ ist wohl eher Kunstprodukt vom aufgeklärten Menschen, der aber nichts mit dem „liebenden und mitleidenden Gott“ zu tun hat. Aber der liebende Gott, der für uns und mit uns leidende Gott, der ist es, der uns zur Sprache zurückbringt. Der am Schluss sogar – Zitat Ps 103 - „dein Leben vom Verderben erlöst, der deinen Mund fröhlich macht.“ Der mich - Zitat Ps 40 – „aus der grausigen Grube herauszieht, aus lauter Schmutz und Schlamm und mir ein neues Lied in meinen Mund gibt.“ Über den lieben Gott kann man reden. Über den liebenden Gott muß man reden, nachdem man erfahren hat, dass an keinem der 365 zurückliegenden Tage, und an keinem der vor uns liegenden Tage des neuen Jahres „der Arm des Herz auch zu kurz wäre, als dass er uns helfen könnte.“  (Jes 59, 1)  

Ob meinem Freund damit geholfen ist? Ob ihm das ein Trost, ein schwacher Trost ist? Ob ihm das hilft, nicht zu zerbrechen unter und an der Katastrophe, griech. katastrofh: die Zerstörung, der Untergang vgl. 2. Petrus 2, 6: Gott hat aus die Städte Sodom und Gomorra zu Schutt und Asche gemacht und zur katastrofh verurteilt und damit ein Beispiel gesetzt den Gottlosen, die hernach kommen würden.“ Die Frage bleibt:  

Lied: Gott los?  

Vielleicht hilft ihm mehr, was Theodor Fontane schreibt über die Kunst des Leichtnehmens: „Es läßt sich alles schwer nehmen, aber es läßt sich auch alles leicht nehmen. Und wer die Kunst des Leichtnehmens versteht, der lebt, und wer alles schwer nimmt, der lebt nicht und ängstigt sich vor Gespenstern, die gar nicht da sind. Leicht nehmen, alles leicht nehmen, dabei fährt man am besten…“

Hätte ich ihm das auf seine Mail antworten sollen? Übe dich in der Kunst des Leichtnehmens! Sieh nicht überall Gespenster, die gar nicht da sind. Schau mal Erdbeben gabs schon immer: 5. Juli 1201: Ägypten / Syrien – über 1 Million Tote,  23. Januar 1556: China, Shanxi – 830.000 Tote, 27. Juli 1976: China, Tangshan – 655.000 Tote, 1139: Kaukasus – 300.000 Tote, 11. Oktober 1737: Indien, Kalkutta – 300.000 Tote, 115: Türkei, Antioch – 260.000 Tote, 1139: Syrien, Aleppo – 230.000 Tote,  1876: Indien, Andamanen-Inseln – 215.000 Tote, 22. Dezember 856: Iran – 200.000 Tote, 1703: Japan, Jeddo – 200.000 Tote

Vermutlich beherrscht im Augenblick kaum einer diese Kunst des Leichtnehmens. Denn das Schwerste, was zu schultern ist, ist die Frage „Wozu das alles?“ „Ist es nicht sinnlos?“ „Wie muss man das alles einordnen?“ Da hilft uns eben die Kunst des Leichtnehmens nicht weiter. Evtl. müsste ich meinem Freund ein Wort von Jesus mailen:  

Jesus sagt: „Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen.“ (Matthäus 24)  

Ich weiß schon seine Antwort? „Was? „Seht zu“? Jesus fordert uns auf, zuzusehen?“ Dieses „seht zu“ meint im griechischen: bemerkt es! Erkennt es! Seht genau hin, denn es ist eure Sache! Stellt euch der Sache, es hat mit euch zu tun! (Er-) Blickt den Sinn dahinter. Interpretiert es „geistig“. Denn: das muss so geschehen. Es ist der Anfang der Wehen. Und das Ende der Wehen ist die Geburt der neuen Welt. Und ich „sah einen neuen Himmel und eine neu Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.“  

Lied: Ich geb die Hoffnung  noch nicht auf nicht  

Der Weg bis dahin ist weit. Kann sein, dass er noch mal ein Jahr dauert. Ein 2005. Jahr! Inklusive 365 Tage voller Überraschungen, voller Unvorhergesehenem, mit allen Höhen und Tiefen, Chancen und Risiken. „Seht zu“ es ist der lange Prozess einer schwierigen Geburt! Aber eben 100 % ein Geburtsvorgang und kein langsames Hinsiechen und Absterben.  

In genau alldem bleibt uns der liebende, für uns und mit uns leidende Gott. Denn das hat er in Anbetracht dessen gesagt, was auf uns zukommt: „Ich bin bei euch, alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matthäus 28, 20)  

Ich weiß nicht, was mir dieser Freund als nächstes mailen wird. Aber ich würde ihm gerne noch, um das 2004. Jahr der Wehen zu beschließen ein Wort von Jochen Klepper mitgeben:  

Jochen Klepper schreibt: „In jeder Nacht, die mich bedroht, ist immer noch dein Stern erschienen. Und fordert es, Herr, dein Gebot, so naht dein Engel, mir zu dienen. In welchen Nöten ich mich fand, du hast dein starkes Wort gesandt. (…) In jeder Nacht, die mich umfängt, darf ich in deine Arme fallen, und du, der nichts als Liebe denkt, wachst über mir, wachst über allen. Du birgst mich in der Finsternis. Dein Wort bleibt noch im Tod gewiss.“

(Pfr. Heiko Bräuning)                                    

  

 

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