Gottesdienst an 24. Dezember 2004, in Wilhelmsdorf

Dieses Jahr haben ziemlich viele ihre Biographie herausgebracht: Thomas Gottschalk, Papst Johannes, usw.

Was glauben Sie, wie Jesus seine Biographie anfangen würde? Weihnachten wäre doch ein sehr passender Zeitpunkt, um seine Biographie herauszubringen. Denn heute wissen wir ja mehr als nur Geburt und Kindheit Jesu. Heute kennen wir seine ganze Geschichte. Wir sind in der Lage, sie vorwärts und Rückwärts zu buchstabieren. Und vorwärts und rückwärts gelesen macht sie Sinn. Wie zum Beispiel das Wort „Anna.“ Ich glaube, wir haben die Biographie Jesu und können sie in der Tat an Weihnachten veröffentlichen. Wie fängt die Biographie an, was steht zwischen Anfang und Ende, wie geht die Geschichte aus?

Wie die Biographie anfängt:
„Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zustehe. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.“

Übergehen wir die Frage, wie viel Söhne Gott hat. Laut Hiob hat er einige Gottessöhne. Aber nur einer, der „in göttlicher Gestalt war, der es nicht festhielt wie fette Beute, Gott gleich zu ist, sondern, der sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm, und den Menschen gleich ward und der Erscheinung nach als Mensch erkannt wurde“ (Phil 2,6)

Und dieser Sohn läßt sich den Reichtum ausbezahlen. Nimmt die himmlische Fülle und verteilt sie unter uns. Der Evangelist Johannes bringt es auf dem Punkt: „Von seiner himmlischen Fülle haben wir alle etwas genommen, Stück für Stück, Gnade um Gnade.“

Und er bringt sein Erbteil unter die, die überhaupt nicht damit gerechnet hatte und die standesgemäß mit ihm überhaupt nicht mithalten können. Macht ihm nichts! Er gesellt sich zu den Zöllnern und Sündern, Zöllner und Huren sind mit ihm zu sehen. Er veranstaltet ein Essen nach dem anderen für sie und – Zitat – „es setzten sich viele Zöllner und Sünder zu Tische mit Jesus.“ (Mark. 2,15) Und die Leute reden über diesen verlorenen Sohn. „Wie kann er nur?“ Aber die Zöllner und Huren lieben ihn.

Warum geht er zu denen? Weil er wusste: „Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr, ihr Hohenpriester und Älteste des Volkes und Schriftgelehrte.“ Man muss ihnen einfach nur sagen, wie groß die Liebe Gottes zu diesen Menschen ist. Von sich aus erfahren sie es nie. Einer muss es denen sagen. Und dieser „verlorene Sohn“ begibt sich auf verlorene Wege und verlorene Welten. Um diese Welten zurückzuerobern! Um selig zu machen, was verloren ist. „Ich lass mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse.“

Das ist Gottes verlorener Sohn: Gott verliert seinen Sohn! Damit dieser für ihn verlorene Sohn, die verlorenen Söhne und Töchter, die nicht den Stallgeschmack haben, aus ihrer Verlorenheit herausholt und ihnen aus seiner Fülle schenkt. Gnade um Gnade. Stück für Stück neues Leben. Überlegen Sie, was verloren ist bei ihnen: das Leben? Oder was ist ihnen verloren gegangen? Welche Schlacht meinen Sie, sei verloren? Weihnachten ist eine Einladung: Der verlorene Sohn Gottes ist gekommen um das Verlorene selig zu machen.

Was zwischen drin passiert:
Lukas 15: „Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach: Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. (…) und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.“

Das ist Jesusbiographie pur: Es beginnt die schreckliche Leidenszeit. Er leidet ohne Ende. Er fing an zu darben. Und er landet im Unheiligsten (auf dem Acker, um die Säue zu hüten.“ Und er tut das Unheiligste (er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen). Und in allem wird er der Unheiligste – wie vorausgesagt: „er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.“ (Jesaja 53,3)

Und in alldem denkt er sogar ans Aufhören: „Vater, ich kann nicht mehr. Ich bin nichts mehr wert. Ich bin es nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Ich hab nichts mehr!“ (Lukas 15, 19) Ich hab nur eine Bitte, Vater: wenn du willst, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Und er rang mit dem Tod.“ (Lukas 22, 42-44) Aber, so heißt es im Lukasevangelium: ein Engel erschien ihm vom Himmel und stärkte ihn: und so konnte er die Hölle hier aushalten. Das tödliche Abseits von Gott, in das er sich wegen uns hineinmanövriert hat, durchhalten. Mein Gott, warum bin ich von dir so verlassen? Schweren Herzens: „erniedrigte er sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ (Phil 2, 8) Durch diesen Gehorsam des Einen verlorenen Sohnes werden die Vielen verlorenen Söhne und Töchter zu Gerechten: Zu Menschen, die Gott wieder gefunden hat!

Gott sei Dank, hält er die ganze Leidenstortur aus und durch. Und das alles nur, damit nachher die Brüder von ihm bezeugen können: „Er musste in allem uns, seinen Brüdern gleich werden. Denn worin er selber leiden musste und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden. Nein, wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.“ (Hebr. 2, 17-18 und Hebr. 4,15)
Stimmt schon: ohne Sünde! Denn er ist die Sünde selbst. „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht.“ (2. Korinther 5, 21) Damit er personifiziert die Sünde mit ins Grab nehmen konnte.

Das ist der verlorene Sohn Gottes: dass er die, die in der verkehrten Welt und an der verkehrten Welt leiden, zur Hilfe wird. Das er die, die „auch tot sind durch ihre Übertretungen und Sünden“ aus ihrer Selbstgerechtigkeit, die nichts gilt, zur Gerechtigkeit führt, die vor Gott gilt.

Wie die Biographie aufhört:

Der Vater sagt: Lukas 15, 24: „Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren ist gefunden worden.“

Der Sohn sagt: Offenbarung 1: „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

Warum musste er sterben? Warum musste er so zu verlorenen Sohn werden? Und tot sein hieß bis damals: abgeschrieben. Verloren.

Der Zeuge sagt: Röm, 14, 8: Dazu musste Christus sterben und wieder lebendig werden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Der verlorene Sohn Gottes hat seine Mission durchgeführt. War im Auftrag des Herrn unterwegs in die Verlorenheit der Welt, auf der Suche nach dem Verlorenen.

Eigentlich müsste kurz nach Weihnachten die Menschheit ein Dankschreiben aufsetzen, von mir aus nur eine Karte, von mir aus mit einem Betsaal vorne drauf, adressiert und abgeschickt an den lieben Gott, und alle müssten unterschreiben, denn für dieses göttliche Geschenk - das gebietet der An- und Verstand – muss man sich schriftlich bedanken. Was für ein weihnachtliches Geschenk: Gott verliert seinen Sohn an die verlorene Welt und der verlorene Sohn tut was zu unserem Glück. Zu unserem Heil. Zu unserer ganzen Zufriedenheit. Endlich tut mal jemand was für uns!

Weihnachten wird uns die Biographie des verlorenen Sohnes präsentiert. Und ob wir es wollen oder nicht, wir spielen in dieser Biographie eine Rolle. Lesen Sie sich darin nach!

(Pfr. Heiko Bräuning)                                    

  

 

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