Gottesdienst am Heiligabend, 24. Dezember 2004, in Wilhelmsdorf um 20.00 Uhr, Predigt über Johannes 3, 16-21.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!
Vor ein paar Tagen wurden im Fernsehen im Morgenmagazin einige Schülerinnen und Schüler über das Weihnachtsfest interviewt: Wie bei ihnen zu Hause Weihnachten abläuft. Was denken Sie, was die Hauptpunkte waren: Essen und Bescherung. Das war die Hauptsache. Und ob sie auch in den Gottesdienst gingen? Nein, das sei bei ihnen in der Familie nicht üblich!

Nun ja, das war mitten in Berlin und nicht in Wilhelmsdorf. Hier wäre das Ergebnis anders gewesen. Bei uns gehört es einfach zum Heiligen Abend. Aber es wäre zu wenig, wenn das nur Tradition wäre. Warum feiern wir dieses Fest überhaupt? - Wir feiern, dass Jesus in diese unsere Welt gekommen ist. Aber es ist schon die Frage, ob das nach über 2000 Jahren für uns noch eine Bedeutung hat.

Viele haben seitdem über sein Leben nachgedacht; sehr ausführlich und durch alle Jahrhunderte hindurch; Schülerinnen und Schüler, Theologen, Philosophen, Schriftsteller, Musiker und viele Kulturschaffende, Politiker und viele kleine Leute. Wahrscheinlich gehört das zu den Fragen, zu denen es die meisten Bücher auf der Welt gibt. Es hat die Welt von Grund auf verändert. Und es kann doch nicht sein, dass das, was so vieles bewegt hat, nur eine Gefühlssache gewesen wäre. Aber das allermeiste wurde wohl überhaupt nicht aufgeschrieben. Ungezählten Menschen hat es das Leben bestimmt, dass Jesus gekommen ist. Was steckt dahinter?

Heute fragen wir:
Was dachte Jesus über sich selbst? Wir wissen das aus dem Zeugnis der Bibel. Er hat über sich nachgedacht, aber er hängte es nicht an die große Glocke. Und doch scheute er sich nicht, dennoch darüber Auskunft zu geben. Er wollte keine grundsätzliche Geheimhaltung. Sondern das war wichtig. Und wenn jemand ernsthaft fragte, dann konnte er eine Antwort bekommen.

Es war Nikodemus, der bei Nacht zu ihm kam. Ihm war etwas aufgefallen. Jesus war total anders als die anderen Vertreter des gewohnten Kults. Er scheint mit Gott in einer besonderen Verbindung zu stehen. Und in dieser Unterredung redete Jesus tatsächlich über sich selbst.

Joh.3,16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.
19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.
20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.
21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

Kurz und bündig: Er kam nicht als Richter, sondern als Retter. Er war der Retter aus Unfreiheit und Fesseln.

Aber ist das wirklich wahr? Feiern wir an Weihnachten tatsächlich unsere Freiheit? Freiheit hat bei vielen mit dem Geld zu tun. Sie sagen: Wenn mir Gott einen Lottogewinn geben würde, dann würde ich mich frei fühlen.

Viele Menschen denken bei Gott nicht an Freiheit. Sie meinen, er wolle sie unfrei machen. Ernsthaft. Der, der ihnen auf der Lauer liegt, wenn sie etwas falsch machen. Aber die Bibel beschreibt unser Leben wie in einer unerträglichen Gefahr. Es ist eine schlimmere Gefahr als die von sozialer Schieflage oder Geldmangel. Man kann das mit dem Bild beschreiben, dass uns einfach der Stecker unseres Lebens herausgezogen wird. Wir verlieren den Zusammenhang mit dem Grund unseres Lebens. Es ist die Gefahr, dass wir den Sinn unseres Lebens verlieren; dass wir nicht mehr wissen, wofür das Ganze!

Dass Jesus gekommen ist, das ist die Grundlage unseres Lebens. Ich glaube nicht, dass hier fraglos einfach alle Menschen in unserer Gesellschaft sich einig sind. Viele sagen: Die Hauptsache ist doch, dass man einigermaßen sein Auskommen hat, dass man was zu essen, zu kleiden und ein Dach über dem Kopf hat. Und die Geburt Jesu empfinden sie höchstens als kleinen Zierrat für das Leben, als etwas für das Gefühl, damit das auch nicht ganz vergessen wird.

Doch Jesus hat diesen ungeheuren Anspruch vertreten, dass das Leben ohne ihn verloren ist, wie ein Haus ohne Fundament.

Gott hätte sagen können: Gut, wenn sie nicht wollen, dann vergesse ich sie. Aber er hat das nicht gemacht. Er hat sich benommen wie ein Verliebter, der nur im Sinn hat, wie er die gewinnen könnte, die ihm den Laufpass gegeben hat. „So sehr hat Gott die Welt geliebt...“ Keine Vernunftentscheidung, sondern eine Liebesentscheidung. Er hat einfach so handeln müssen, weil er die Welt liebt.

Aber dann war es doch anders als bei menschlichen Liebeserklärungen. Gott hat nicht viel von seinen Gefühlen gesprochen, sondern er hat alles getan für die, die er liebt, für die Welt, für die Menschen, für uns. Sie hat ihm die kalte Schulter gezeigt. Er ließ sich nicht beirren. Er hat nicht gesagt: Das lohnt sich nicht - Erfolgsaussicht fast Null.

Sondern er hat seinen Sohn gegeben - hingegeben, geopfert.
Da ist eine Frau. Sie ist schon lange Witwe. Ihr frühverstorbener Mann hat ihr einst eine wunderschöne Brosche geschenkt. Natürlich hängt sie an der Brosche. Doch dann schenkt sie ihrer Tochter diesen Schmuck nicht erst im Erbfall, sondern jetzt schon. Sie reißt ihn sich buchstäblich vom Herzen. Es fällt ihr nicht leicht. Und doch gibt sie etwas Wertvolles hin, um ihre Liebe zu zeigen. Das verbindet Mutter und Tochter eng.

Der unsichtbare Gott hat sich sichtbar gemacht, fühlbar und erfahrbar. Man kann ihm begegnen. Er bleibt nicht in der Ferne. Immer, wenn er dich und mich irgendwo laufen sieht, dann muss er an seinen Sohn denken. Dann muss er denken, für den und die habe ich meinen Sohn hingegeben. Ich öffne ihm meine Tür, die Tür zum Himmel.
Für viele heutige Zeitgenossen ist das dumm, was Gott gemacht hat. Und darum trauen sie es ihm auch nicht so richtig zu. Wie kann man nur aus Liebe alles hergeben? Nicht nur ein schönes Schmuckstück, sondern absolut das Liebste, was man hat.

Und doch merken wir auch, je reifer wir werden, dass es zu den grundlegenden Erfahrungen unseres Lebens gehört, geliebt zu werden. Und vielleicht sind deshalb auch viele Menschen so unzufrieden, richtig schenkende Liebe gar nicht der Normalfall ist. Immer nur Dinge, um zufriedenzustellen. Geschenke, um vom Hals zu haben und eine Weile das Bedürfnis nach menschlicher Nähe los zu sein. Doch Gott will Gemeinschaft.

Ein verlockendes Angebot. Er will uns ewiges Leben schenken.
Das ist aber auch ein drängendes Angebot. Wie reagieren wir darauf? „Alle, die an ihn glauben...“ Alles ist für uns vorbereitet.

Es gibt Menschen, die können vor einem vollen Kühlschrank verhungern. Nicht, weil sie die Hände nicht heben könne, sondern weil sie sich nicht entscheiden können. Oder weil sie nicht richtig wissen, wie man etwas zu essen rausholt.

So ähnlich geht es Menschen, die auf Gottes Angebot nicht zugreifen. Gott hat uns an Weihnachten seinen Sohn geschickt, damit er uns rettet. Aber Gott führt uns nicht zwangsweise ab in sein Reich. Wer will, geht mit. Gott hat keinen von uns abgelehnt. Nur umgekehrt kann es sein: Wer Gottes Angebot nicht vollzieht, schließt sich selbst aus.

Ich denke, dass viele Menschen insgeheim vor Gott Angst haben. Sie meinen: Wenn ich erst einmal Interesse gezeigt habe, dann zwingt er mich zu dem oder jenem, das ich nicht mag. Aber gerade deswegen ist Gott als kleines Kind gekommen, arm, unscheinbar, schwach, damit niemand vor ihm Angst haben soll. Er will nicht stärker sein als wir, sondern schwächer. Wir sollen merken, er meint es ernst und zieht für sich jede Konsequenz.

Er will uns an Weihnachten nicht ein neues Verhalten beibringen. Nicht: Du musst gerechter und friedliebender sein.... Sondern er will uns eine neue Stellung geben, wo wir stehen, um das zu können. Er will uns die Stellung seiner geliebten Menschen geben, die seine Liebe nie um alles in der Welt aufgeben wollen. Wir sollen Menschen sein, die das Licht gewonnen haben und im Licht bleiben wollen. Amen.

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

 

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