Gottesdienst am 4. Advent, 19. Dezember 2004, in Wilhelmsdorf um 9.00 Uhr, Predigt über Lukas 1, 26-38.

26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, 27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. 28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! 29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? 30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. 31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. 32Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, 33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? 35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. 36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. 37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. 38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.


Geheimnisse behalten wir Menschen gerne für uns. Geheimnisse kann man eigentlich nicht erklären. Selbst wenn wir darüber reden, bleiben sie dennoch geheimnisvoll.

Wir denken heute über ein Geheimnis Gottes nach: Über die Menschwerdung Gottes kann man nicht reden wie über die Lösung einer Mathematik-Aufgabe. Wenn wir über ein Geheimnis Gottes reden, dann soll es uns eher zum Staunen bringen.

Ich wünschte manchmal, wir könnten miteinander sozusagen vom Himmel aus das Geschehen beobachten, wenigstens für einige Augenblicke. Wir würden unsere menschlichen Niederungen hinter uns lassen, unsere Nöte und Lasten, alle quälenden Gedanken. Wir wären schwerelos und zeitlos. Alles Irdische würde von uns abfallen. Und wir könnten uns voll und ganz auf Gottes Wege einstellen. Und wir würden zur Welt Gottes gehören und könnten seine Gedanken denken.

Doch das alles können wir nicht - oder nur ganz bruchstückhaft. Denn wir sind hier auf der Erde, an menschliche Gedanken und Gefühle gebunden und von unseren Erfahrungen geleitet, und von der Last unserer Schuld geprägt und oft fehlgeleitet.

Nun hatte sich Gott vorgenommen, dass er uns Menschen wieder aus unserem selbstverschuldeten Elend herausholt. Sein Plan für diese Rettung war so abwegig, dass man eigentlich den Kopf schüttelt und sagt: Kann gar nicht sein! Sein Plan war, dass er Mensch wird, wirklicher, echter Mensch; nicht nur Gott mit einer Tarnkappe und in Verkleidung, sondern wirklich wie jemand von uns.

Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium berichtet von den Vorbereitungen zu dieser Rettung. Wir befinden uns also noch weit im vorbereitenden Plan. Bis zur Geburt des Retters dauert es noch eine ganze Weile. Und bitte denken Sie mit mir auch so weit: Menschlich gesehen hätte es noch schiefgehen können. Die Sache verträgt also fast das Schnaufen nicht. Es war zum Atem-Anhalten.

Gott geht auf einen Menschen zu, bei dieser Rettung mitzumachen. Im Mittelpunkt steht Maria: Ein junges Mädchen. Sie dürfte etwa 13 oder 14 Jahre alt sein. Das war das damals übliche Alter einer Verlobten.

Zu diesem Mädchen schickt Gott den Engel Gabriel. Er ist bei ihr sozusagen in einer heiklen diplomatischen Mission. Sie soll einwilligen in den Plan Gottes. Sie wird nicht einfach nur von ihrer Schwangerschaft überrascht. Sie hätte auch nein sagen können. Es ist also eine offene Situation.

Es wird beschrieben, dass Maria erschrickt. Später bleibt sie ganz gelassen. Da geht sie Schritt für Schritt vorwärts, als ob sie über dem ganzen weiteren Geschehen stehen würde: Das Gespräch mit Elisabeth, ihrer Verwandten, die Geburt und das ganze Drumherum mit der Reise nach Bethlehem, die Flucht nach Ägypten und vieles mehr. In dieser anschließenden Zeit scheint sie unangefochten ihren Weg zu gehen.
Und so ist es, als wäre alle Überraschung in diesen Augenblick hineingepackt, als der Engel zu ihr kommt. In diesen Augenblicken entscheidet sich ihr ganzes Leben. Da ist es konzentriert wie ein Brennglas die Sonnenstrahlen auf einen Punkt bringt.

Interessant ist: Was Maria erschüttert, ist nicht die Erscheinung des Engels. Anderswo ist das sehr wohl so bei der Erscheinung von Engeln; die Menschen erschrecken vor ihnen. Z.B. in der Weihnachtsgeschichte erschrecken die Hirten auf dem Feld vor den Engeln. Ebenso geschieht es schon einem Daniel; und dann dem Zacharias im Tempel.

Aber nicht so Maria! Nicht die Erscheinung des Engels bringt sie durcheinander. Sondern sie erschrickt über seine Worte.

Der Engel begrüßt sie als eine Begnadete, als eine besonders ausgewählte und mit Gottes Gabe versehene Frau. „Der Herr ist mit dir!“ Und dabei kann sie sich doch als nichts Besonderes empfinden.
Nun kommt gewissermaßen die Prüfung:
Ihr wird die denkbar dümmste Situation angeboten, die einem Mädchen passieren kann. Es ist gegen den normalen Menschenverstand, gegen jede Erfahrung. Sie soll ein Kind bekommen. Aber sie ist nicht verheiratet und sie hat sich mit keinem Mann sexuell eingelassen.

Sie war verlobt. Aber wir dürfen das nicht mit einer heutigen Verlobung vergleichen. Eine Verlobung damals war mehr. Sie hatte einen festen Ehevertrag mit Joseph geschlossen. Das war in rechtlicher Hinsicht fast vergleichbar mit der heutigen standesamtlichen Trauung. Die Verlobungszeit war eine Zeit, in der man zwar rechtlich zusammengehörte; aber man durfte noch keine Geschlechtsgemeinschaft haben.

Was würde Joseph sagen oder denken, wenn sie in dieser Zeit schwanger würde?

Gott lässt Maria die Möglichkeit für Einwände. Es gäbe sehr viele Einwände, endlos viele.

Doch sie sagt „ja“, einfach „ja“. „Ich bin des Herrn Magd.“ Gegen alle Peinlichkeit und gegen alles öffentliche Nasenrümpfen. Wissen Sie, wie das ist, wenn man sich von den Blicken der Menschen durchbohrt fühlt? Maria muss es geahnt haben. Sie war doch unbescholten und aus gutem Haus. Wie ist das, wenn die anderen in dem kleinen Städtchen meinen, sie hätte ein uneheliches Kind bekommen?

Ich stelle mir vor, was eigentlich geschehen wäre, wenn Maria nein gesagt hätte. Wenn sie einfach gesagt hätte, der Preis ist mir zu hoch. „Das lasse ich mit mir nicht machen. Das versaut mir das ganze Leben. Such dir bitte eine andere, vielleicht eine verheiratete Frau. Aber ich will meine Unbescholtenheit nicht verlieren.“
Von dieser schwierigen persönlichen Situation wird hier nichts gesagt. Wir können sie uns nur zusammenreimen. Es wird nur das Wunder angedeutet, das Wunder der Geburt durch die Jungfrau.

Ist es notwendig, dass ein Christ dieses Wunder glauben muss? Kann man nicht auch Christ sein, wenn man die Jungfrauengeburt nicht für möglich hält?

Ich will diese Frage von einer anderen Seite anpacken, viel allgemeiner. Ich denke sogar, dass man mit Gott überhaupt nicht leben kann, wenn man meint, Gott könne keine Wunder tun; Gott könne nur das tun, was im normalen Ablauf der Naturgesetze vorgegeben ist; er könne nur das machen, was man seit Menschengedenken für möglich hält. Es ist vielmehr so: Nur wer Wunder für möglich hält, glaubt an den lebendigen wirklichen Gott.

Die Wunder in unserem persönlichen Leben: Wenn er nicht eine verpfuschte Situation neu ordnen kann, dann braucht man keinen Gott. Wenn er nicht das Wunder tun kann, mich verlorenen und verdammten Menschen zu retten, dann brauche ich keinen Gott. Dann sollen meinetwegen die Bäume Götter sein oder die Felsen oder die Sterne. Dann ist es völlig egal, wer oder was Gott ist. Dann sollen die Leute glauben, was sie wollen.

Aber wenn er mit mir zu tun haben will, wenn ihm mein Leben wichtig ist, wenn er mich in sein ewiges Reich führen will, dann brauche ich einen lebendigen, persönlichen Gott, der auch Wunder tut. Dann braucht es das Wunder, dass nicht alles normal läuft, dass vieles nicht mit rechten Dingen zugeht. Und das schon in unserem eignen kleinen Leben.

Und jetzt zu den Wundern in seiner Heilsgeschichte. Wie ist das mit den vielen Führungen seines Volkes und seiner Gemeinde durch die Jahrhunderte und Jahrtausende. Und dann mit dem Wunder seiner Menschwerdung und schließlich seiner Auferstehung und vieler anderer Ereignisse. Wer da „unmöglich“ sagt, kennt einen anderen Gott, einen Gott, der mit der Welt nichts mehr zu tun hat, einen Gott, auf den man auch getrost verzichten kann, weil er keine Rolle spielt. Doch beim lebendigen Gott ist nichts unmöglich. Er greift in unsere Welt und mitten in unser Leben ein.

Das hat Maria geglaubt. Das hat sie zum Werkzeug des allmächtigen Gottes gemacht, der auch durch Wunder in ihr Leben eingreifen wollte. Gott hätte gewiss anders handeln können. Aber er hat dieses eine Mädchen, Maria, ausgesucht, dass durch sie, eine von Millionen, sein Sohn in die Welt kommen solle.

In der Kinderkirche hatte eine Helferin eine Geschichte erzählt. Es ging um die Allmacht Gottes. Zum Schluss wollte sie sich vergewissern, ob die Kinder alles verstanden haben: „Kinder, gibt es irgend etwas, was Gott nicht kann?“, fragte sie. Ein kleiner Junge meldete sich: „Na ja“, sagte er, „er kann‘s nicht allen recht machen!“

Der Junge hat recht. Menschen können sich ihm entziehen. Aber wer mit Gott zu tun haben will, der ist gefragt, ob er ihm in seinen Wegen folgen will. Auch wenn unser Auftrag viel geringer ist, wir sind doch in ähnlicher Weise wie Maria gefragt, ob uns unser Ruf, unser Geld und Gut oder vielleicht auch unsere Bequemlichkeit oder unser Vergnügen wichtiger sind als sein Weg. Wenn Gott will, dann müssen wir uns auch quer stellen zur Meinung der anderen. Das heißt nicht prinzipiell Widerspruchsgeist. Aber das heißt, um Gottes Willen sich notfalls auch ins Abseits zu stellen, sich zu „outen“.

Ich weiß es nicht, was Gott vielleicht durch uns schon alles hätte machen wollen, durch viele von uns. Vielleicht hätte er gerne vieles durch uns getan, wenn wir nur gewollt hätten. Gottes Werk stockt nicht daran, dass ihm die Hände gebunden wären. Sondern es stockt, wenn Menschen sich ihm verweigern.

Aber Maria war Gottes Weg gehorsam. So ging ihr Weg mit Gott weiter, auch ohne volle Übersicht, auch ohne schriftliche Gebrauchsanleitung, was man als Mutter des Messias zu tun hat.

Wir müssen auch nicht gleich alles voll überschauen, wenn Gott einen Weg mit uns anfängt. Er zeigt zwar erste Schritte. Da ist Vertrauen und Gehorsam gefragt. Wir brauchen heute keine Menschen, die von Gottes Existenz überzeugt sind. Das sind die meisten in unserer Gesellschaft. Sondern wir brauchen Menschen, denen Gott wichtiger ist als ihr eigenes Leben. Amen!
 

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

 

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