Gottesdienst am 1. Advent, 28. November 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Jeremia 23, 5-8.

Der Advent ist eine Zeit der Zukunftshoffnung und der Freude.
Doch da demonstrieren in der Ukraine seit Tagen mehr als 100.000 Menschen gegen die Manipulation bei der durchgeführten Präsidentenwahl. Seit der Auflösung des eisernen Vorhangs sind schon viele Jahre vergangen. Und immer noch haben die Leute noch so ein Angstgefühl im Bauch: Wir werden über den Tisch gezogen! Es geht nicht mit rechten Dingen zu.

Es ist gut, dass die jüngsten Signale hoffnungsvoll stimmen, dass es eine Wendung zum Besseren nehmen könnte.

Wir fragen weiter: Was ist eigentlich gerecht?
Mehr Menschen als je müssen heute Unrecht erleiden und schreien nach dem Recht. Man denkt dabei zwar vor allem an politische oder wirtschaftliche oder religiöse Verfolgung; etwa im Sudan, oder im abgeriegelten Nordkorea. Aber viele denken auch daran, was Menschen im ganz normalen Alltag einander zufügen. Und sie fragen, wie Gott da einfach zuschauen kann. Er kann doch nicht wollen, dass das so weitergeht.

Solche Gefühle sind nicht neu. Die Sehnsucht ist schon uralt, die Ungerechtigkeit abzustellen. Man kann doch nicht dauernd mit Ungerechtigkeiten leben!

Für Christen gehört dieses Thema zum Advent: Die Frage und das Schreien nach Gerechtigkeit. Und das Versprechen Gottes gilt, dass er Gerechtigkeit schaffen wird.

Heute die alttestamentliche Verheißung aus Jeremia 23, 5-8:
5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.
7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,
8 sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Recht und Gerechtigkeit ist Gott ein dringendes Anliegen. Er macht nicht die Augen zu, sondern er sieht sehr wohl, was geschieht.

Wie war es damals vor über 2 ½ Tausend Jahren. In Israel ging die Angst um vor den Truppen der Babylonier. Die Angst trieb die Kriminalitätsrate hoch. Auf der Straße wurden Menschen ermordet. Sogar der Prophet Jeremia entging nur knapp einem Mordanschlag von eigenen Verwandten. Jeremia hatte nichts Gutes vorausgesagt. Die Babylonier würden brutal im Lande hausen.

Aber nun spricht der Prophet von der Hoffnung im Namen Gottes! Hoffnung und Zukunft und Leben. Eigentlich die Hauptnachricht in der Adventszeit.

Der Wochenspruch aus Sach 9,9 fasst das in Kürze zusammen:
Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer

1. Dein König kommt zu dir
In unserer demokratischen Zeit hat der König etwas Unwirkliches und Unrealistisches an sich, beinahe etwas Traumhaftes. Ein König, der kommt bei uns fast nur noch im Märchen vor und in Geschichtsbüchern. Aber Gott will tatsächlich in unserem Alltag da sein.

Also, da stehst du am Montag morgen auf und denkst an die vielen Aufgaben, die vor dir liegen. Du weißt nicht, wie du sie anpacken sollst. Da sind so manche Begegnungen mit Menschen, denen du am liebsten ausweichen würdest, unangenehme Gespräche, Ängste, vielleicht auch Hoffnungen und Chancen. Unser Herz hat Ängste und Freuden. Und er will uns im tatsächlichen Leben nahe sein.

Ein Ehepaar hat sich miteinander verkracht und lebt im Dauerstreit und Dauerstress. Verletzungen, unerfüllte Erwartungen. Das beschreibt keinen Einzelfall. Auch das ist kein Einzelfall, dass sie dann denken: Es gibt keinen Ausweg. Trauen Sie es Gott zu, da mitten hinein zu kommen? beide an der Hand zu nehmen, dass da wieder Freude und Friede entsteht?

Nicht die aussichtsreiche Situation ist es, die Hoffnung macht, sondern Jesus, der Retter selbst. Das ist, wie wenn eine Firma einen guten Ingenieur sucht, der der Firma wieder Auftrieb geben soll. Die Hoffnung liegt nicht auf der guten geschäftlichen Situation, sondern auf dem Mann.

Die Chance auf Gerechtigkeit und Zukunft liegt darin, dass Jesus der Kommende ist.

Gott will nicht bloß ganz weit weg Theorien verkünden, sondern er will in unserem Alltag dabei sein. Ich kann es niemand verdenken, der sagt: Da ist mir das Wort vom König nicht hilfreich. Wir brauchen jemand, der unsere Situation verändert.

Das heißt: Er gewinnt Macht und Raum in uns, ohne dass er Gewaltmittel einsetzt. Ob er uns nahe ist, das merkt man daran, wenn sein Wille in uns durchbricht, wenn wir von innen heraus echt und intensiv wollen, dass er groß wird und zum Zuge kommt, wenn wir unser Leben, unsere Hände und Füße und unseren ganzen Körper und Geist, ihm zur Verfügung stellen.

2. Ein Gerechter
Im Alten Testament bedeutet Gerechtigkeit normalerweise etwas anderes, als was wir darunter verstehen. Für uns ist jemand dann gerecht, wenn er eine richtige Entscheidung getroffen hat, die den Personen und Sachen gerecht wird. Dabei darf er nicht den einen vorziehen und den anderen benachteiligen. 100 Euro auf zwei Leute gerecht verteilen das heißt für uns: Jeder kriegt 50.

Im Alten Testament ist dies jedoch ein Gemeinschaftsbegriff. Die Gerechtigkeit stiftet Beziehungen zwischen Menschen. Wenn die beiden je mit 50 Euro immer noch miteinander Streit haben, dann ist keine Gerechtigkeit hergestellt.

Ich will ein krasses Beispiel verwenden, wo unser Empfinden anders ist als damals: So kann z.B. ein Untertan im Alten Testament dann als gerecht bezeichnet werden, wenn er gegen seinen Fürsten nicht aufmuckt. Mag sein, dass wir heute seine Situation gar nicht so schön empfinden würden, vielleicht nicht einmal als richtig menschenwürdig. Aber im Alten Testament hat man die Beziehung der Menschen im Blick, wenn man von Gerechtigkeit spricht. Gerecht ist, wenn man zueinander hält und miteinander auskommt. Das, was wir heute als Treue bezeichnen, oder auch als Loyalität im guten Sinn. Da tut man nicht nur das, was nach den Paragraphen richtig ist, sondern macht sich die inneren Anliegen des anderen zu eigen.

Es kann störend sein, dass unsere Vorstellung am römischen Recht orientiert ist. Wenn bei uns jemand die formalen Vorschriften der Gesetze einhält, gilt er als gerecht, selbst wenn er innerlich noch so sehr als Schuft empfunden wird.

Aber für die Menschen des Alten Testaments sind die inneren Beweggründe und Motive oft sehr wichtig. Gerecht ist, wenn der Konflikt beseitigt ist und man wieder frei atmen und miteinander leben kann.

Der Spross aus dem Davidsgeschlecht ist gerecht. Das heißt demnach zuerst, dass er die Gemeinschaft zwischen Menschen untereinander und mit Gott ordnet, so dass Beziehungen da sind. Dazu gehört zwar auch, dass er gerechte Verhältnisse schafft. Aber es ist mehr als nur die Ordnung in einem Kühlschrank. Gott ist nicht so bescheiden, dass er alles dann o.k. fände, wenn keiner über‘s Ohr gehauen wird. Sondern für Gott schafft Gerechtigkeit auch Leben, so wie es grünt und blüht und gedeiht, wenn die wärmende Sonne im Frühjahr die Saat sprossen lässt. Da entsteht Freude und Friede und Glück. Und es gibt Früchte der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist Heil.

3. (D)ein Helfer
Wenn Israel zurückgeschaut hat auf seine alte Geschichte, auf die Zeit in Ägypten, dann war das in ihrer Erinnerung eine furchtbare Zeit. Wahrscheinlich hatten sie im materiellen Sinn nicht zu klagen. Aber sie konnten das nicht leben, was sie vor Gott sein wollten. Gott hat sie aus dieser Knechtschaft befreit. Im Rückblick haben sie das noch viele Jahrhunderte später wie ihre Freilassung aus dem Gefängnis erlebt.

Der Messias, der kommende König, tut mehr, wesentlich mehr. So hat es Jeremia angedeutet. Jesus hat diese Verheißung erfüllt. Er hat die, die zu ihm gehören, aus einem Gefängnis befreit, das fester in Fesseln schließt als die Knechtschaft Israels in Ägypten. Er hat uns in neue Beziehung zu Gott gebracht. Er nimmt den Schutt von unserer Seele weg.

Die Journalisten haben als Motto: Eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht. Denn sie zieht die Menschen in den Bann. Wenn die Medien etwas Schlimmes berichten, erhöhen sie ihren Umsatz. Gute Nachrichten wirken langweilig - für die unbeteiligten Zuschauer.

Nicht so bei Gott. Gute Nachricht. Das schafft Hoffnung - für die Betroffenen.

Wir dürfen wieder in Hoffnung leben. Wir selbst haben keinen Anlass dazu gegeben haben. Aber Gott hat einen Helfer geschickt. Unsere Lage wäre hoffnungslos, wenn wir sie von uns her sehen würden. Doch nun sind wir voller Freude. Wir dürfen auf ihn bauen und vertrauen. Er will unser Leben heil machen, indem er unsere Herzen neu macht und unser Verhältnis zu Gott neu ordnet. Amen.
 

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

 Stand: 21. November 2004

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