Gottesdienst am Volkstrauertag, 14. November 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Römer 8, 18-25.

Es ist gerade eine Woche her. Ich unterhalte mich mit einem jungen Mann in Stuttgart. Er ist Iraker. Mit seiner ganzen Familie ist er schon vor etwa vier Jahren geflohen, noch zu Zeiten von Saddam Hussein. Es ist bei einem Gottesdienst in der arabischen Gemeinde. Die Familie hat großes Leid durchmachen müssen. Sie können sich immer noch nicht in ihre Heimat trauen. Wenn sie dorthin kämen, müssten sie mit Verfolgung rechnen, weil sie Christen sind, vielleicht auch mit Lynchjustiz. Aber er macht keinen gedrückten Eindruck. Er hat sich mit seiner Lage abgefunden, nicht irgendwie resignierend, sondern er weiß: Gott hat seine Gegenwart und Zukunft in der Hand. Der Verlust von Hab und Gut und der Verlust der Heimat sind nicht so wesentlich gegenüber der Freude der ewigen Rettung.

Oder:
Gestern Abend wurde im YouGo ein Brief verlesen. Die Eltern von Jan haben ihn geschrieben. Jan hatte lange Zeit am YouGo teilgenommen und ist in diesem Sommer im Alter von etwa 18 Jahren verstorben; an Krebs. Warum?

Es trifft Menschen aus jedem Alter. Der heutige Sonntag wird als Volkstrauertag begangen; wir tun das auch deshalb, weil wir nach Antworten suchen.

Haben wir Christen eine Antwort auf das Leid? Wie oft kommen wir mit Menschen zusammen, die es einfach schwer haben, und die meist gar nichts dafür können.

Uns Menschen gefällt es mehr, wenn wir Jubeln können. Und dennoch gehört das Leid zu unserem Leben, wie ein Schatten, den wir nicht loskriegen.

Paulus hat öfter über das Leiden geschrieben und es ja auch in einem großen Maß selbst durchgemacht. Dreimal Schiffbruch erlitten, verfolgt, gehasst, einmal sogar gesteinigt. Eigentlich könnte so jemand bitter werden. Und doch ist über dem allem ein großer Jubel. Wenn er an die Vergänglichkeit denkt, dann bricht die Hoffnung mit Macht durch.

Paulus schreibt im Römerbrief
18 Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.
19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.
20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung;
21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
22 Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.
23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.
24 Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?
25 Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.


Ich frage nochmal: Wie werden wir mit dem Leid fertig?
Ich will nun eine Weile einfach nur Fragen stellen. Manche bohrenden Fragen. Wir dürfen auch den harten Fragen nicht einfach ausweichen, die uns bis an die Existenz gehen.

Man wünscht sich, als wäre alles nur ein böser Traum: Schmerzen vorbei und alles gut. Aber das ist nicht so. Sondern Leid ist Realität.

Fast als Reflex taucht die Frage auf: Warum geschieht das gerade mir oder uns? Unzählige Menschen fragen das jeden Tag; einfach nur als Ausdruck der Ratlosigkeit. Manche fragen: Ist Gott etwas daneben gegangen? Leid kann zu Zweifeln an Gott führen. Jemand, der mir sehr nahe stand, hat über dem Leid seinen Glauben verloren. Wir waren zusammen vor Jahren im gleichen Hauskreis.

Das ist schon rätselhaft:
Es gibt Menschen, bei denen das Leid das Leben kaputt macht; aber andere, bei denen das Leid zu einem größeren Tiefgang des Lebens führt. Was ist das Geheimnis, warum führt es einmal in die Resignation, ein anderes Mal in die größere Reife?

Ich versuche Antworten zu geben. Mehr tastend, als ein für allemal etwas Endgültiges zu sagen.

Paulus redet über das Leid in einem ganz großen Zusammenhang. Er stellt es in das Licht der Ewigkeit.

Und da will ich zunächst festhalten: Leid kann offensichtlich Gottes Wille sein, oder ist mindestens von ihm zugelassen. Aber Resignation kann überhaupt nicht sein Wille sein.

Darum: Wer sich selbst in die Resignation hinein versteigt, verliert den großen Zusammenhang und den Überblick. Wer sich auf das rein Irdische zurückzieht, versündigt sich an sich selbst und auch an anderen und an Gott. Denn Gott will unsere Zukunft. Wer resigniert, verschließt sich der Zukunft, verschließt sich dem, nach vorne zu schauen. Trauern soll und darf und muss sein. Trauern ist noch nicht Resignation. Doch nach Gottes Willen muss auch das Trauern eine Grenze haben. Es darf nicht nach uns greifen, als wäre es eine göttliche Macht. Es darf uns nicht die Kehle abschnüren, bis wir keine Luft mehr bekommen.

Paulus sagt: Die Leiden dieser Zeit fallen nicht ins Gewicht gegenüber der zukünftigen Herrlichkeit. Wörtlich: sie sind nichts wert im Vergleich zur zukünftigen Herrlichkeit.

Es ist auffällig, dass Paulus viel lieber von dieser Herrlichkeit redet als von dem Leiden, von dem er sicher mehr erzählen könnte als wir alle. Sage niemand, das sei eine billige Vertröstung auf das Jenseits. Sondern es ist eine Verheißung, weil es keine menschliche Erfindung ist, sondern Gottes Versprechen. Der Sinn unseres Lebens liegt nur zu einem ganz kleinen Teil in dieser Welt. In der Ewigkeit wartet volle Erfüllung auf uns. Dann werden wir alle Tränen und alles Leid vergessen haben.

Nicht nur wir Menschen sehnen uns danach, dass sich dieses Versprechen Gottes erfüllt. Sogar die übrige Schöpfung wartet darauf. Die Erlösung wartet nicht nur auf uns, sondern auf die ganze Schöpfung.

Zum heutigen Volkstrauertag gehört auch der Blick über das individuelle Leid hinaus.

Es gibt unsagbares Leid unter den Völkern in der Gegenwart und in der Vergangenheit, kollektives Unrecht, Kriege, Terror? Wir fragen hier besonders in einer wieder verunsicherten Zeit. Gibt es hier einen Sinn von Gott her?

Jedenfalls wäre es keine ausreichende Antwort: Wir vergessen, was hinter uns liegt und schaffen eine bessere Zukunft. Das ist zwar ganz sicher kein falsches, sondern ein gutes Ziel. Aber die Antwort muss mehr umfassen. Denn das Leid von geschlagenen Wunden hat Realitäten geschaffen. Menschen, die nicht mehr da sind, hinterlassen eine Lücke. Es wäre völlig anders, wenn sie da wären.

Ich muss an einen Besuch denken, den ich und meine Frau vor einigen Jahren mit meinem Vater an einem Soldatenfriedhof in Frankreich gemacht habe, in der Nähe von Verdun. Dort hat er seinen Onkel verloren. Unter vielen Gräbern fanden wir dieses eine Grab, wo sein Name drauf stand: Karl Knauß. Ja, er hieß wie ich. Meine Frau und ich ließen meinen Vater allein. Und dann stand er davor. Lange Zeit. Die Gedanken gingen wohl in eine ferne Zeit, der ich nicht folgen konnte. Es schien, als ginge er nicht nur die etwa 8 Jahrzehnte in seinen Gedanken zurück. Sondern es war, als wäre er überhaupt aus der Zeit enthoben - in der Welt Gottes, wo weder Raum noch Zeit ist, und wo die Dinge unserer menschlichen Geschichte sehr klein werden.

Er hatte diesem Onkel viel zu verdanken. Irgendwie war er für ihn ein Vorbild gewesen. Obwohl er tot war, hat dieses Vorbild weiter gewirkt. Es hat weiter Segen verbreitet.

Ich kann es nicht abschätzen, was gewesen wäre, wenn er den 1. Weltkrieg überlebt hätte. Niemand kann es abschätzen, was wäre, wenn... Wie gut wäre es, wenn wir künftiges Leid vermeiden könnten! Und doch wissen wir, dass es uns leider immer wieder einholt. Sei es durch Krankheit, die uns hindert an der Entfaltung unseres Lebens, sei es durch erlittenes Unrecht von außen.

Aber das lerne ich an Jesus: Leid kann auch sinnvoll sein. In seinem Leiden hat er unsere Erlösung geschaffen.

Was wir erleiden, schafft keine Erlösung. Aber wir erleben damit, dass diese Welt und dieses Leben nach anderem und nach mehr ruft, nämlich nach der Erlösung. Nach dem, was Gott uns in seiner kommenden Welt bereiten wird. Amen!
 

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

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