Gottesdienst am Reformationsfest, 31. Oktober 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Römer 3,21-31.

Neulich haben sie mir einen Schlüssel zugeschickt für ein Auto. Keinen echten Schlüssel und kein echtes Auto, sondern so einen billigen Plastik-Schlüssel; aber er könnte echt werden, wenn ich bei dem Spiel mitmache. Ein Blatt war beigelegt; 3 Felder zum Rubbeln. Ich hab die Felder freigelegt; einfach aus Neugier, ob da auch wirklich die richtigen Zahlen rauskommen und ob sie mit den außen gedruckten Zahlen übereinstimmen. Aber die Teilnahme war mir zu dumm. Du kriegst ja doch kein Auto. Die Chance ist zu klein.

Aber wer nicht mitmacht, kann auch nicht gewinnen. -
So ist es mit dem Evangelium auch. Nur wer mitmacht, hat eine Chance. Die Reformation war eine Wiederentdeckung. Es ist kein neuer Zugang. Der war längst bekannt. Das ganze neue Testament beschreibt ihn. Aber Luther hat ihn wieder entdeckt. Es war in der Tat wie eine ungeheure Entdeckung. Eine Entdeckung, wie wenn alte Mauern ausgegraben werden, über denen der Schutt der Jahrhunderte lag.

Diese Entdeckung feiern wir beim Reformationsfest.

Doch was nützt uns diese Entdeckung?

Nichts! - Es sei denn, wir machen mit. Wer nicht mitmacht, kann auch nicht gewinnen, wie bei einem Preisausschreiben. Nur viel gewichtiger. Denn es geht nicht nur um ein Auto, sondern um unser Leben.

Der Haupttext der Reformation: [Römer 3, 21-31]
21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied:
23 sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher
26 begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
[29 Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden.
30 Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben.
31 Wie? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf.]

Diese Verse aus dem Römerbrief gehören zum Schlüssel der Reformation. In der Lutherbibel von 1545 schreibt Luther auf den Rand: „Merke, dies... ist das Hauptstück und der Mittelplatz dieser Epistel und der ganzen Schrift, nämlich, dass alles Sünde ist, was nicht durch das Blut Christi erlöst, im Glauben gerecht wird....“

Für die Bibel ist es das Fundament unseres Lebens: Wie wir vor Gott dastehen. Haben wir in seinen Augen einen Wert - oder nicht? Wenn wir für ihn wertvoll sind, dann gibt es nichts Wichtigeres, als diesen Wert zu erhalten. Zwei Wege stehen sich gegenüber:

1. Der alte Weg, der alte Bund
Irgendwann werden wir ihm Rechenschaft geben müssen über das, was wir in diesem Leben getan und was wir nicht getan haben. Und es wird uns so gehen, wie es bei Hiob heißt: Wenn ein Mensch sich auf eine Auseinandersetzung mit Gott einlässt, dann kann er ihm auf tausend (Fragen) nicht eins antworten (Hiob 9,3).

Das erinnert an eine Prüfungssituation. Jeder, der mal auf der Schule in so einer Situation war, kann mitfühlen. Du bekommst eine Frage gestellt, bei der du ganz alt aussiehst. Am liebsten würdest du in den Boden versinken. Aber das geht nicht. Wenn du keine Antwort findest, hast du verloren.

Wenn unsere Lage vor Gott tatsächlich so wäre, dann wären wir dumm dran. Denn wir wissen nicht auf alles eine Antwort, was Gott uns fragen könnte. Da gibt es Tausende von schwierigen Fragen. Nicht Mathematik oder Biologie oder irgendein anderes Unterrichtsfach. Sondern die Fragen: Was hast du dir eigentlich bei dieser oder jener Handlung gedacht? Hast du auch immer alles recht gemacht? In Gedanken, Worten und Taten?

Bevor Jesus kam, schien auch klar: Nur wer peinlich genau alle Bestimmungen des Gesetzes einhält, kann vor Gott angenehm sein und seinem Zorn entrinnen. Deshalb ging es darum: Pass auf, dass du keinen Fehler machst, auch nicht den allerkleinsten. Und die wichtigste menschliche Übung war die, Fehler zu vermeiden. Also eine menschliche Leistung. Eine riesige Kraftanstrengung. Aber ein Sünder hat keine Chance, denn er kann Gott nichts antworten.

So hatten‘s die Menschen dann verstanden. Es erschien sehr logisch und konsequent. Doch wider alles Erwarten ging dann Gott einen anderen Weg.

Weil es zu schwer für uns ist, hat Gott die Leistung vollbracht. Unsere Schwäche war für ihn kein Todesurteil mehr. Sondern ein Grund zum Erbarmen.

Aber wie sollen wir etwas zustandebringen, wenn wir‘s absolut nicht können? Wir können doch nicht größer spielen als wir wirklich sind.

Ich denke an einen Schüler. In der Schule haben sie mit ihm Fußball gespielt. Aber nicht so, dass er gekickt und die anderen gekickt haben, sondern er war der Fußball. Er war klein. Das konnte man schon mit ihm machen. Wahrscheinlich hat es allen Spaß gemacht. Aber ihm nicht. Sie haben ihn, weil er so handlich war, in den Papierkorb gesteckt, mit dem Kopf nach unten. Das war ein großer Jubel. Aber nicht für ihn. War er etwa nichts wert?
Dann wurde für ihn nichts so wichtig wie Anerkennung. Aufgenommen sein in die Gemeinschaft der anderen. Wirklich und echt etwas wert sein.

Wir Menschen suchen nach Anerkennung, Leistung, etwas wert sein. Manchen bereitet fehlende Anerkennung schlaflose Nächte - vielleicht sogar noch mehr.

Doch eines ist auffällig und für mich verwunderlich: Die meisten Menschen suchen Anerkennung fast nur bei anderen Menschen - nicht so sehr bei Gott. Und dabei meint die Bibel, dass genau das den Menschen zu einem Menschen macht, dass er mit Gott in Austausch treten kann, dass er seine Gemeinschaft sucht und seine Anerkennung findet.

2. Der neue Weg, der neue Bund
Das Neue ist, dass Gott auf sein Recht verzichtet. Er gibt uns seine Anerkennung und Gemeinschaft umsonst. Da wird er wieder unser Gott und wir wieder seine Menschen. Er will, dass die Beziehung zu uns in Ordnung ist.

Wie viele Eltern würden viel Geld einsetzen, wenn sie die Beziehungen zu ihren Kindern wieder heilen könnten, die mit ihnen nichts mehr zu tun haben wollen! Wie viele Männer oder Frauen würden ihr halbes Vermögen drum geben, wenn sie ihren Ehepartner wieder innerlich zurückgewinnen könnten, der ihnen fremd geworden ist. Es ist, als wären tiefe Blockaden da. Auch noch so große Anstrengung scheint nichts zu bringen. Gestörte Beziehungen wieder in Ordnung zu bringen ist ein Wunder. Jedenfalls unter Menschen.

Ich meine, dass man das einigermaßen nachempfinden kann. Die Störung zwischen uns und Gott ist nicht geringer, sondern noch schlimmer. Da ist eine tiefe innere Entfremdung eingetreten. Es gibt keine Verständigungsmöglichkeit. Doch Gott hat nicht aufgegeben. Paulus beschreibt, dass Gott eine große Geduld gehabt habe. Wörtlich heißt es eigentlich: Er hat etwas ausgehalten. Über Jahrhunderte hat er die Spannung ausgehalten. Die Menschen liefen ihm davon. Sie haben sich innerlich von ihm entfremdet. Es war ihnen gleichgültig, was Gott denkt. Sie haben gesagt: Wir brauchen keine Gemeinschaft mit Gott. Wir sollten nicht meinen, das hätte Gott kalt gelassen. Er hat darunter gelitten.

Deswegen hat er seinen Sohn zu uns Menschen geschickt. Nicht, damit er uns etwas erzählt. Denn das Erzählen nützt uns erstaunlich wenig. Nur Taten zählen.

Das war sein Auftrag: Jesus sollte diese unsägliche Spannung zwischen uns und Gott wegnehmen, indem er durch sein Opfer am Kreuz eine neue Lage schafft. Wer an Jesus Christus glaubt und ihm vertraut, der hat zu Gottes Herzen zurückgefunden. Und zwar nicht, weil er alles recht gemacht hätte, sondern weil Gott ihn trotz allem wieder annimmt, wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn der Vater seinen zurückgekehrten Sohn wieder in die frühere Würde einsetzt als wäre nichts gewesen.

Wenn es wieder zur Gemeinschaft zwischen Mensch und Gott kommt, dann ist das Wunder größer als wenn sich entfremdete Menschen wieder versöhnen. Paulus sagt, wenn das zwischen dir und Gott geschehen ist, dann darfst du dir nichts darauf einbilden. Du hast nichts dazu beigetragen. Du hast es nur im Glauben annehmen können, aber nichts selbst geleistet.
Wir brauchen heute auch eine Reformation, aber die Erneuerung der Herzen, die Gemeinschaft mit Gott suchen.

Gott hat von sich aus die gestörten Beziehungen zu uns Menschen wieder geheilt. Von uns ist nichts gefordert, außer dass wir dieses Geschenk annehmen. Das ist die Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Glauben. Amen.

 

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

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