Domino-Gottesdienst (Zweitgottesdienst): Wilhelmsdorfer Thesen am 24.
Oktober 2004 um 10.00 Uhr in Gemeindehaus
Wilhelmsdorf
Ein texanischer Milliardär
feiert seinen Geburtstag auf seinem riesigen Anwesen. Jedes Jahr lässt er
sich dazu in seinen Swimmingpool im Garten einen Haifisch setzten. Kurz
vor Sonnenuntergang ist es auch dieses Jahr soweit: Der Milliardär bittet
seine Gäste in den Garten zu seinem Swimmingpool und sagt: „Wer es
schafft, diesen Swimmingpool einmal der Länge nach zu durchschwimmen und
am anderen Ende wieder lebend aus dem Wasser zu kommen, der darf wählen:
Ich gebe ihm entweder die Hälfte dieses wunderschönen Anwesens oder die
Hälfte meines Vermögens oder die Hand meiner Tochter.“
Atemloses Schweigen. In den letzten Jahren hatte niemand den Mut.
Plötzlich macht‘s Platsch. Ein junger Mann schwimmt in wahnsinnigem Tempo
durch den Pool. Der Haifisch hinterher. Aber er kriegt ihn nicht. Mit
letzter Kraft rettet sich der junge Mann ans Land. Der Haifisch donnert
mit seinem Maul gegen die Poolwand. Die gespannte Stille wird zu riesigem
Jubel.
Der Milliardär kommt aufgeregt zu dem nassen jungen Mann, der nach Luft
schnappt und schlägt ihm auf die Schulter: „Unglaublich! Herzlichen
Glückwunsch! Das hat vor ihnen noch keiner geschafft! Nun wollen sie
sicher die Hälfte dieses wunderschönen Anwesens.“ „Nein.“ „Nicht? Dann
wollen sie sicher die Hälfte meines Vermögens.“ „Nein.“ „Ah, ich sehe
schon, sie sind ganz ein Schlauer. Sie wollen natürlich die Hand meiner
Tochter!“ „Nein.“ Ungläubiges Schweigen folgt. Etwas ratlos fragt der
Milliardär: „Was wollen sie dann?“ „Name und Anschrift des Kerls, der mich
in den Pool geschubst hat!“
Manchmal kommt einem die Weltgeschichte vor wie so ein Swimming-Pool.
Keiner hat sich freiwillig hineinbegeben. Aber wir hängen drin und müssen
das rettende Ufer erreichen.
Worum geht‘s eigentlich im Leben?
Wir wollen ein kleines Stück weit dazu beitragen.
Luther hat bloß Hammer, Nagel und ein Stück Papier damals gebraucht. Doch
der Zündstoff lag nicht im Hammer, sondern in dem, was auf dem Papier
stand: 95 Thesen.
Die wenigsten Leute wissen, worum es eigentlich dabei ging, bei dem Blatt
Papier, das damals eine ungeheure Bewegung ausgelöst hat, in Kirche und
Gesellschaft.
Die Hauptsache war: Wie kriegt man den Schrott der Seele los und wie kommt
man mit Gott wieder klar.
Keine Angst. Es werden keine 95 Thesen, wie damals bei Luther. Und sie
sollen auch nicht an die Gelehrten gerichtet sein wie damals, sondern nur
10, an uns in der Gemeinde. Einige wesentliche Punkte. Vielleicht einige
davon selbstverständlich, aber andere gar nicht selbstverständlich.
Thesen:
1. Gott hat keine Enkel.
a. Jeder braucht seine eigene Beziehung zu Gott. Wir brauchen unser
eigenes geistliches Leben. Wir sollen Kinder Gottes sein, nicht seine
Enkel. Es ist ein großer Vorzug, wenn von den Eltern oder Großeltern Segen
ausging. Ich hatte eine Großmutter, die wohnte sehr zentral im Ort. Wenn
man zum Fenster hinausschaute, dann sah man die Kirche, das Pfarrhaus, das
Rathaus und die alte Schule. Alle Gebäude direkt gegenüber auf der anderen
Straßenseite. Sie hatte direkt neben dem Fenster einen kleinen Tisch und
einen Stuhl. In ihrem Zimmer lag der Geruch von Seegras aus den alten
Polstermöbeln und Bodenwachs. Auf dem Tischchen lag die Bibel und ein
Gebetbuch. Wenn ich zu ihr kam, saß sie meistens auf ihrem Stuhl, schaute
durch‘s Fenster und betete für die Leute, die unten vorbeigingen. Es war
der strategisch beste Platz zum Beten, den man sich denken kann. Dort
hatte der Bretterverschlag zum Himmel eine Ritze. Aber ich musste trotzdem
mein eigenes geistliches Leben führen. Ich konnte nicht aus zweiter Hand
leben. Eines Tages war für mich die Frage dran, ob ich selbst Jesus
nachfolgen will.
b. Übrigens hat auch der Teufel keine Enkel. Es gibt Menschen, deren
Vorfahren heidnische Praktiken und Lebensweisen hatten, und die dennoch
jetzt und heute Jesus nachfolgen. Man kann die Last loswerden.
c. Schlechte Startbedingungen sind keine Entschuldigung für geistliche
Trägheit.
2. Jede Zeit hat ihren eigenen Wert vor Gott
a. Wir brauchen unsere Formen. Frühere Zeiten haben die Formen gehabt, die
ihnen entsprochen haben. Die Urchristenheit hatte Lieder, von denen wir
die Melodien nicht mehr kennen. Vielleicht ist das musikalisch ein
Verlust. Wir müssen sie zwar nicht nachahmen. Wir können von ihnen aber
die Hingabe lernen, mit denen sie Gott lobten.
b. Die Gemeinde Jesu beginnt nicht mit unserer Bekehrung, sondern an
Ostern und Pfingsten. Das war eine ungeheuer gefüllte Zeit. Für viele
Menschen gab es fast gleichzeitig einen geistlichen Aufbruch, und dann ein
elementarer Hunger nach Leben aus Gott. So wird es in der
Apostelgeschichte unmittelbar nach Pfingsten berichtet (Apg. 2,42).
c. Doch für heute müssen wir herausfinden, wie das Lob Gottes für uns
aussieht. Wir müssen auch sonst noch viele neue Formen herausfinden, die
uns entsprechen. Gott nimmt unseren Hunger nach Leben aus ihm genauso
ernst wie damals.
d. Geistliche Formen haben einen doppelten Sinn: Sie sollen Menschen zu
Christus hinführen und sollen Christen in der Nachfolge stärken. (vgl.
Luther: Vorrede zur Deutschen Messe WA 19, 73) In der Gemeinde sollen wir
beides im Blick haben, auch speziell im Gottesdienst.
3. Es gibt Hilfestellungen zum geistlichen Leben.
(Seelsorge)
a. Ein Pfarrer hat Sprechstunde. Da kommt ein Mann kommt zur Seelsorge.
Sie sprechen eine Weile und bringen dann die Probleme vor Gott. Beim
Hinausgehen fragt ihn der Pfarrer unter der Tür, was er von Beruf sei.
„Ich bin Artist!“ „Und was machen sie da?“ fragt der Pfarrer. „Das lässt
sich schwer erklären, das kann ich ihnen nur zeigen.“ Im Vorraum
verschafft er sich etwas Platz und schlägt einen Doppelsalto und dann
einen Handstand. Da wartet schon eine ältere Frau, die nur mit Mühe laufen
kann. Sie begrüßt den Seelsorger: „Gell, Herr Pfarrer, mir legen sie aber
nicht so eine harte Buße auf!“
b. Luthers 1. These: Das ganze Leben des Christen soll eine Buße sein. Wir
sollen uns das nicht als ein Leben vorstellen in Sack und Asche; sondern
als ein ständiges Kontaktaufnehmen mit Gott, immer wieder sich auf seine
Wellenlänge einstellen.
c. Die Gemeinde hat die Aufgabe, solche Hilfestellungen zu geben. Z.B. wie
kann man zu Jesus finden, ein Leben mit ihm anfangen und dann
weiterführen. Oder wie man mit Schuld zurechtkommt, mit der eigenen und
mit der von anderen.
4. Das geistliche Leben lebt vom Stärken der
Beziehung zu Gott
a. nicht vom Schlechtmachen von anderen Formen. Mein Leben wird nicht
besser, wenn ich Fehler an anderen oder bestimmten Gemeinschaftsformen
entdecke. Was schlecht ist, vergeht von selbst. Wir sind nicht beauftragt,
Gräber für veraltete Formen zu schaufeln, sondern
b. wir pflanzen Bäume, die Früchte tragen. Also suchen wir, was geistlich
gut ist und unser Leben mit Gott und mit Jesus stärkt.
5. Gemeinde braucht die Kleingruppe (Hauskreis,
Hausgemeinde u. anderes).
Hier kennt jeder jeden. Man begleitet sich gegenseitig. Man fördert sich
gegenseitig und baut einander auf. In der Gemeinde dürfen die Kleingruppen
verschiedene Ausrichtung haben. Warum brauchen wir Kleingruppen?
a. Weil wir geistlichen Austausch brauchen. Für eine wirkliche Beziehung
zu einer Gruppe von Menschen ist eine Kleingruppe von ca. 8-12 Personen
optimal, mit einer Obergrenze von ca. 20 Personen.
b. Weil wir Korrektur brauchen. Nur Vollkommene brauchen keine Korrektur
mehr.
6. Kleingruppe ist kein Ersatz für die große
Gemeinschaft (Gottesdienst).
a. Wir brauchen die große Gemeinde und den Gottesdienst, um miteinander
auf Gott zu hören. Aber wir brauchen sie auch, weil uns Gott Aufgaben nach
außen zugemutet hat. Eine kleine Gruppe würde sich mit den großen Aufgaben
total überfordern.
b. Wir können nur zu einer relativ kleinen Zahl persönliche Beziehungen
haben. Die Obergrenze liegt in der Regel bei ca. 200 bis 400 Personen
(Angaben des Fuller-Seminars USA). Deshalb haben viele Gemeinden auch etwa
diese Zahl an aktiven Gemeindegliedern als Obergrenze. Aber diese
Obergrenze gilt nur für die Gemeinde als ganze, d.h. die
Gottesdienstgemeinde. Eine größere Gemeinde wird zunehmend anonym und muss
sich untergliedern.
7. Die (biblisch erwähnten) Geistesgaben dürfen in
der Gemeinde geübt werden.
a. Keine darf prinzipiell gehindert werden. Aber alle Gaben müssen
zusammenwirken zum Bau der Gemeinde. Die größte dieser Gaben ist die
Liebe, in der alles andere zusammengefasst wird (vgl. 1. Kor. 12, 4-11;
12,31-13,13; 1. Thess. 5, 19ff; Luthers These 78)
b. Die Gemeindeleitung ist für eine bibelgemäße Ausübung der Geistesgaben
verantwortlich (z.B. 1, Kor 14, 22ff). Gaben können die Gemeinde nicht nur
aufbauen, sondern auch hindern. Das geschieht dann, wenn die Gaben um
ihrer selbst willen eingesetzt werden, oder um den „Be-Gab-ten“ in den
Vordergrund zu stellen.
Gebet für Kranke um Heilung kann in kleinerem Kreis leichter geübt werden.
Im größeren Kreis ist der Show-Effekt kritischer.
8. Wir brauchen Anleitung zum Leben als Christen
(Lehre, vgl. These 3)
a. Diese finden wir nicht allein. Wir können für uns selbst nicht
gleichzeitig Prophet und Hörende/r sein. Bei unserem eigenen Weg sind wir
parteiisch. Das hängt mit unserem Sünder-Sein zusammen.
b. Aber auch nicht durch mehrheitliche Abstimmung.
c. Wir finden sie im Suchen in der Bibel. Gott tritt uns in seinem Wort
gegenüber.
d. Und als aktuelle Antwort auf Fragen der Gegenwart.
9. Die Gemeinde hat einen geistlichen Auftrag nach
außen
a. Die Gemeinde hat missionarische Aufgaben in ihrer Umgebung.
b. Die Gemeinde hat missionarische Aufgaben weltweit.
10. Die Gemeinde nimmt auch gesellschaftliche
Aufgaben wahr.
a. Diakonie: Die Nöte unserer Zeit fordern uns heraus. Dabei müssen wir
auch Prioritäten setzen. Man kann nicht alle Aufgaben der Vergangenheit
mit gleichem Gewicht fortsetzen wie die gegenwärtigen Herausforderungen.
Wir müssen auch manche Aufgaben einschränken oder gar beenden, um uns
anderen stellen zu können.
b. Das entspricht auch dem Auftrag Jesu. „Was ihr getan habt einem unter
diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
c. Neue Aufgaben der Gegenwart: Stärkung der Familie und Ehe.
d. Das Leben für künftige Generationen verantworten.
Zusammenfassung: Die Gemeinde braucht einen weiten Horizont. Er wird uns
von Gott geöffnet.
(Pfr. Dr. K. Knauß)