Segnungsgottesdienst am 17. Oktober 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr,
Predigt über Lukas 19, 11-27
Normalerweise sind wir Menschen mit einer großen Neugier ausgestattet.
Doch ein Großteil unserer Erziehung besteht darin, uns diese Neugier
abzugewöhnen, weil man das im normalen Leben oft nicht so recht brauchen
kann: Es lenkt ab. Wir denken: Neugier taugt nur für Forschernaturen. Und
ob solche Forschertypen für das normale Leben geeignet sind, ist eine
echte Frage. Bekanntlich war Einstein in der Schule ein Versager. Es waren
besondere Umstände, warum es bei ihm noch zum Genie gereicht hat.
Aber, wie sehr man sich auch bemüht, ein Stück Neugier ist uns doch
verblieben. Trotz allem! Und sie ist sicher nicht so schlecht.
Neugier gibt es auch im geistlichen Bereich. Auch hier nichts Schlechtes.
Etwa die Neugier: Ich wüsste zu gerne, wie es im Himmel aussieht!
Oder: Ich wüsste zu gerne, wie Gott über das alles denkt, was wir tun und
was wir nicht tun? Was ist, wenn er unser Tun für Unsinn hält? Müssten wir
es nicht völlig anders anpacken?
Es ist gut, wenn wir vieles von dieser Neugier behalten und uns nicht nur
mit längst Bekanntem abfinden.
Jesus hat vieles von dieser Neugier aufgegriffen. Er hat Antworten über
den Himmel und über Gott gegeben, und Antworten auf die Frage, warum wir
überhaupt da sind und welchen Sinn unser Tun im Alltag hat.
In dem Gleichnis von den anvertrauten Gaben (Lukas 19, 11-27) spricht er
über diese Fragen.
Gaben sind für viele ein peinliches Thema. Für Christen oft sogar ein
Tabu. Viele denken: „Über die eigenen Gaben darf man nicht sprechen und
nicht nachdenken; das tun nur Angeber. Und Angeber und Christsein, das
verträgt sich nicht.“ Also tun sie sehr bescheiden, als ob sie strohdumm
und unpraktisch wären, obwohl sie genau wissen, dass das nicht stimmt.
Oder genauer gesagt, sie wollen über geistliche Gaben nicht reden.
Jesus redet von Gaben. Er will auch, dass wir sie einsetzen. Wir sollen
keine Bremser sein, sondern Mitarbeiter. Wer in der Diakonie und Gemeinde
arbeitet, ist hier gemeint.
Das Gleichnis wird übrigens sowohl von Lukas als auch von Matthäus
berichtet. Vielleicht hat es Jesus öfter und in verschiedenen Varianten
erzählt. Aber es fällt jedenfalls auf: Während es bei Matthäus so erzählt
ist, dass die Mitarbeiter unterschiedlich viel bekommen, bekommen bei
Lukas alle zehn das gleiche Geld. Für die Zuteilung (Luther: 1 Pfund;
Hoffnung für alle: 1000 Mark) muss ein normaler Arbeiter ein Vierteljahr
arbeiten. Das sind zwar keine Reichtümer, aber dennoch ist es ein
ordentliches Startkapital. Das gleiche für alle wird bedeuten, dass wir
vor den Augen Gottes alle gleich geachtet sind. Es ist unwesentlich, wie
hoch oder wie wenig unsere Tätigkeit in der Gesellschaft geachtet ist. Vor
Gottes Augen zählt nicht der wirtschaftliche Wert, nicht die Frage, welche
Wirkung wir in der Gesellschaft oder in unserem Betrieb erzielen, sondern
mit welcher Liebe und Hingabe wir uns einsetzen.
Ähnlich reagiert Jesus beim sogenannten „Scherflein“ der Witwe. Dort gibt
eine arme Witwe nur einen Kleinbetrag, für den ein Arbeiter eine
Viertelstunde arbeitet. Aber Jesus sagt: Sie hat ihr ganzes Leben
hingegeben.
Die Gaben, die wir haben, können zwar sehr verschieden sein; aber für
Jesus ist wesentlich, wie wir damit umgehen.
Jesus sagt in dem Gleichnis: Unsere Gaben sind sein Eigentum. Wir sollen
es:
1. verwalten
2. vermehren
3. verantworten
1. Gaben verwalten
Jesus hätte es sicher gesagt, wenn es ein allgemeingültiges Rezept geben
würde, wie Christen ihre Gaben wirksam einsetzen können, um die Gemeinde
am besten bauen zu helfen. Es ist beruhigend und ärgerlich zugleich, dass
Jesus ihnen nicht gesagt hat, wie sie ihre Aufgabe wahrnehmen sollen.
Offenbar hat er ihnen so sehr vertraut, dass sie es schon selbst
herausfinden würden.
Er hat seinen Jüngern keinen fertigen Plan zur Missionierung der Welt
gegeben, sondern nur ganz allgemeine Anweisungen.
Sie sollen verwalten. Das klingt sehr schlicht, so ein bisschen nach
bloßer Bestandswahrung. Aber ein Verwalter hatte damals eine große
Vollmacht. Er konnte frei schalten und walten, wie er es für richtig
hielt. Manchmal musste er sehr weitreichende Entscheidungen treffen, so,
als ob er der Herr des Hauses selbst wäre. Der Knecht Abrahams, Elieser,
war ein solcher Verwalter. Im 1. Mosebuch wird berichtet, dass er allen
Gütern Abrahams vorstand (24,2). Er handelte praktisch wie der oberste
Chef des Hauses Abraham, allerdings wirtschaftete er in allem für seinen
Herrn und nichts gehörte ihm selbst. Und dann wurde er sogar beauftragt,
für Isaak, den Sohn der Verheißung, eine Frau zu suchen. Abraham gab ihm
lediglich eine allgemeine Anweisung, woher diese Frau sein soll und woher
sie nicht sein soll. Nicht auszudenken, wenn dieser Knecht die falsche
Frau gebracht hätte, denn es ging ja um die Heilsgeschichte, die er
mitbestimmen musste.
Jesus denkt bei seinem Gleichnis an solch eine Art von Verwalter. Und
solche Leute sollen wir Christen sein. Wir sollen nicht ängstlich
herumhängen, ob wir ja auch alles recht machen. Das Reich Gottes ist nicht
nur Perfektionisten in die Hände gegeben, nicht nur 100%-igen
Alleskönnern, sondern Menschen wie wir es sind. Wir sollen in unserem
Bereich verantwortliche Entscheidungen treffen können.
Denken wir an die Realität unserer Welt, dann wird mancher ernüchtert
feststellen: Dieses Vertrauen gibt uns die heutige Welt nicht. Der Staat
rechnet jeden Euro mit spitzem Bleistift nach. Davon können wir in der
Diakonie ein Lied singen. Dagegen ist auffällig, dass Jesus großes
Vertrauen in seine Mitarbeiter setzt und ihnen erstaunlich wenig
Vorschriften macht.
Dieses unbändige Vertrauen weckt Kräfte. Da sind keine Argusaugen, die uns
dauernd kleinkrämerisch vorrechnen, was wir gerade leisten.
2. Gaben vermehren und am Reich Gottes mitbauen
Jesus hat auch gewusst, dass man etwas falsch machen kann. Aber schlimmer
als das Falschmachen ist das Garnichts-Tun. Wer zu ängstlich ist, kann am
Reich Gottes nicht mitbauen. Darum sollen wir unsere Gaben einsetzen. Dann
wachsen sie auch.
Ich will zwei Typen kurz darstellen, die Jesus beide nicht meint und nicht
als Haushalter über Gottes Geheimnisse eingesetzt haben will.
Typ 1. Er sagt: „Weg da, jetzt komme ich“. Das ist der, der sich selbst in
den Mittelpunkt stellt und die anderen Mitarbeiter an die Wand spielt; er
meint, mit ihm beginne die Welt- und Heilsgeschichte erst so richtig. Was
vorher war, ist nicht der Rede wert.
Typ 2: Er will am liebsten in den Erdboden versinken. Er ist zu
zurückhaltend, um überhaupt etwas zu tun, obwohl er es sehr gut könnte.
Beide Extreme will Jesus nicht; weder die Selbstüberschätzung noch die
Selbstunterschätzung. Er will eigentlich, dass wir uns realistisch sehen.
Und doch ist es eine faustdicke Überraschung: Jesus hat mit dem Gleichnis
hauptsächlich vor dem zweiten Typ gewarnt, vor dem, der seine Gaben
versteckt; vor dem, der lieber beobachtet als zugreift; lieber sich
zurücklehnt als sich die Hände schmutzig zu machen.
Vorgestern hat in unserer Gemeinde wieder ein Gabenkurs begonnen. Gaben
entdecken - Gaben entfalten - Gaben einsetzen. Bei diesem Seminar steht
mir immer dieses Gleichnis Jesu von den anvertrauten Pfunden vor Augen.
Wir haben etwas bekommen, damit wir‘s einsetzen.
Jesus hat etwas sehr Pragmatisches. Schlag die Ärmel hoch und pack zu!
Dem stellt sich unsere deutsche Mentalität manchmal sehr entgegen. Wir
meinen, dass wir für alle unsere Gaben eine staatliche Bescheinigung
brauchen. Aber diese Mentalität hat vermutlich der Teufel erfunden, um die
Gemeinde Jesu handlungsunfähig zu machen. In der Hölle haben sie schwer
gelacht, als diese Idee verkündet wurde. Denn daran kranken viele
Gemeinden in unserem Land.
Gönnt der Hölle diese Freude nicht! Schauen wir das an, was uns Gott an
Gaben gegeben hat und sehen wir zu, wie wir sie einsetzen. Und im Einsatz
wachsen sie.
Das meint übrigens nicht, dass wir unentwegt beschäftigt sein sollen. Es
gibt auch die Zeit der Ruhe, des Genießens, des Zuhörens und des Lernens.
Aber Jesus möchte unsere inneren Bremsen lösen, wenn es ans Tun geht. Nur
ja nicht die Gaben verstecken, die er uns anvertraut hat.
3. Wir verantworten unsere Gaben vor Gott
Wenn unser Herr Jesus Christus wiederkommt, dann wird er von uns
Rechenschaft fordern. Er fragt nicht nach der großen Wirkung, die wir etwa
gehabt hätten. Er fragt nicht nach dem volkswirtschaftlichen Sinn. Er will
nur unsere Treue. Man könnte auch sagen, er sucht Frucht, aber nicht
Erfolg. Jesus droht nicht mit seiner Wiederkunft und dem, dass wir vor ihm
Rechenschaft ablegen müssen, sondern er will, dass wir uns auf ihn freuen
können. Aber gerade deshalb warnt er uns vor dem falschen Weg der
Selbstgenügsamkeit und des Hängematten-Christentums. Niemand muss seine
Gaben verbergen.
Sondern Jesus will, dass wir uns vom Heiligen Geist anleiten lassen zur
Nachfolge unseres Herrn, unsere Gaben entdecken und einsetzen. Amen!
(Pfr. Dr. K. Knauß)