Gottesdienst an 10. Oktober 2004, in Wilhelmsdorf
um 10.00 Uhr
Jesus hat ja schon sehr schöne Bilder gehabt, um das Reich Gottes zu
beschreiben, um auf den Geschmack zu kommen in Sachen Reich Gottes. Das
Himmelreich gleicht einem Schatz verborgen im Acker. Das Himmelreich ist
gleich einem Netz, das ins Meer geworfen ist, gleicht einem Sauerteig,
gleicht einem Senfkorn. Von mir aus hätte Jesus das Himmelreich auch mit
Essen und Trinken vergleichen können. Etwa: Mit dem Himmelreich verhält es
sich wie mit dem Essen und Trinken: Jeder esse was er kann, … Oder noch
besser: er hätte sagen können: Das Reich Gottes ist Essen und Trinken. Ich
stelle mir das gar nicht so schlimm vor, ein ganzes Reich, wo sich alles
nur um das Eine dreht: feinste Speise. Genuss pur. Kulinarische
Köstlichkeiten.
Aber: weder hat Jesus das Himmelreich mit dem Essen und Trinken
verglichen, noch besteht das Reich Gottes aus Essen und Trinken. Im
Gegenteil: Paulus verdirbt den Römern ganz schön dem Appetit an einem
falsch verstandenen Reich Gottes.
„Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken,
sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist. Wer
darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen
geachtet. Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur
Erbauung untereinander.“
Wird man von Gerechtigkeit, Friede und Freude satt? Schmeckt das?
Wenn ich Paulus richtig verstanden habe, will er niemand den Appetit
verderben, aber er will, dass wir auf den Geschmack kommen. Auf den
Geschmack dessen, um was es eigentlich geht. Um was geht es eigentlich?
Dass wir Appetit bekommen, auf das, um was es eigentlich geht. Um was geht
es eigentlich? Will, dass wir uns die Finger schlecken. Nach dem, um was
es eigentlich geht. Um was geht es eigentlich? Will, dass wir in den
Genuss kommen von dem, um was es eigentlich geht. Um was geht es
eigentlich? Es geht eben nicht um die Wurst. Es geht um das Eingemachte.
Um was geht es eigentlich? Genau für diese Frage will uns Paulus gewinnen!
Worum geht’s eigentlich bei euch in der Gemeinde?
Geht’s darum, dass man den Schwachen im Glauben nicht akzeptiert? Nein,
darum geht es nicht, sondern, Zitat „den Schwachen im Glauben nehmt an“ (Röm
14,1) Geht’s darum, dass wir uns über Meinungen streiten? Nein, darum
geht’s nicht, sondern, Zitat „streitet nicht über Meinungen“. Geht es
darum, den Bruder zu richten? Oder den Bruder verachten? Nein, quatsch,
Zitat: „Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Dann
sagt keiner mehr: der hat doch aber und sell und jenes. Sondern dann
geht’s um mich. Jeder von uns wird für sich selbst Gott Rechenschaft
geben. Also, darum geht’s auch nicht: den anderen Bruder zu richten oder
zu verachten.
Um was geht’s dann eigentlich bei uns in der Gemeinde?
Vielleicht geht’s darum, sich zu einer Mustergemeinde zu entwickeln? Muss
man sich vorstellen, Jesus hätte in Kapernaum folgendes gesagt: Freunde,
eigentlich bin ich gesandt, das Evangelium zu verkündigen, das Reich
Gottes auszurufen und aufzubauen, aber ich will jetzt erst mal hier
bleiben und euch zeigen, um was es wirklich geht! Ich sehe, ihr seid eine
tolle Gemeinde. Wir wollen hier mal eine richtige Modellgemeinde aufbauen.
Da freuten sich die guten Leute und sie fragten sogleich, was sie nun
unternehmen sollten. Also, mag Jesus gesagt haben, zuerst müssen wir dafür
sorgen, dass die Menschen miteinander in Kontakt kommen. Kontakte, das ist
überhaupt das Wichtigste. Sie müssen sich untereinander besser kennen
lernen. Das dürfen wir nicht dem Zufall überlassen, das muss ganz
planmäßig vor sich gehen. Deshalb müssen wir uns zuerst ein genaues Bild
der Lage machen. Jawohl! Riefen einige begeistert. Darum geht es: Eine
Situationsanalyse, das ist es, was wir brauchen. Und dann müssen wir
selber die Menschen kennen… „Eine Kartei muss her, geordnet nach Namen,
nach Alter, Beruf. Besser wir fragen die Leute gleich in einer Umfrage
nach ihren Bedürfnissen und Erwartungen. Denn genau darum geht es. Und wir
brauchen schriftlich fixiert eine Einladung an die einzelnen Zielgruppen.
Dazu noch Werbung. Dazu Hausbesuche. Großartig! Fanden alle. Was schlägst
du weiter vor, Herr? Wir wollen darangehen, den Menschen die frohe
Botschaft zu verkündigen. Genau darum geht es, riefen die Leute im Chor
begeistert. Wir brauchen attraktive Veranstaltungen, wo man verkündigt:
Kindernachmittage, Jugendgottesdienste, Elterngespräche, Seniorentreffen,
Familienausflüge, Fernsehgottesdienste. Jesus erwähnte noch einmal, dass
es eigentlich um die Botschaft ginge nach dem so viele Leute hungerten.
Genau, nickten alle! Darum geht es. Was die Leute wünschen. Haben wir
doch, hier bei unserer Umfrage: Gymnastik, Basteln, Meditation, Kochkurs,
Erziehungsberatung, Film-Diskussion und so fort. Vielleicht sollten wir
noch Ideen sammeln: Christbaumversteigerungsaktion, Fastnacht,
Martinsumzug. Und plötzlich ging es nur noch darum, Komitees und
Ausschüsse zu gründen, Vorsitzende zu wählen, dazu Ausgesandte,
Auserwählte und Ausgesegnete. Und Jesus? Er tat, was er konnte, mehr als
das. Doch will halt so vieles zu organisieren war, blieb ihm für seine
ursprüngliche Absicht, weiterzuwandern, einfach keine Zeit. Selbst für den
Gang nach Jerusalem, war beim besten Willen kein geeigneter Termin mehr zu
finden. Aber darum ging es ja jetzt auch gar nicht mehr.
Um was geht’s uns hier? „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken,
sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.“ Darum
geht’s!
Es geht um Gerechtigkeit: (dikaiosunä) meint schlicht und einfach das
Verhalten Gottes gegenüber dem Menschen: er ist Richter und Retter. Der
dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und
Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst
wie ein Adler. Das ist Gottes Verhalten par excellence! Obwohl er auch
Richter ist und handeln könnte mit uns nach unseren Sünden und uns
vergelten könnte nach unseren Missetaten, erbarmt er sich wie ein Vater
über Kinder. (vgl. Ps 103). Um nichts anderes geht es hier in der Basileia
tou theo, dem Reich Gottes, dem Betsaal Gottes: hier Raum, dass für ein
„wie Gott mir, so ich dir.“ Gott hat mein Leben aus dem Verderben erlöst.
Ich helfe dir, aus dem Verderben. Und hier spielt sich ja genug Verderben
ab. Gerechtigkeit muß auch in einer Beziehung gelebt werden. Essen und
Trinken kann jeder für sich alleine. Gerechtigkeit muss mit anderen und
durch anderen gelebt und erlebt werden.
Es geht um Friede: (eiränä) Möchte Paulus zitieren aus einem anderen Brief
(Eph 2) „Er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat, und den
Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich der Feindschaft, damit
er in sich selber aus den zweien einen neuen Mensch schaffe und Frieden
mache und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz!“
Darum geht es! Das Menschen, die in allen Schattierungen und Facetten, auf
allen Ebenen die Zerissenheit durch ihre Auflehnung gegen Gott erleben,
endlich zum Frieden kommen. Zu Menschen werden, mit neuer Identität, mit
neuem Lebensgefühl, mit neuem Selbstwertbewusstsein. Eben zurück Gottes
ursprüngliche Idee vom Menschen! Darum geht’s. Auch Friede muss in der
Beziehung gelebt und erlebt werden. Essen und Trinken kann jeder für sich
alleine. Aber Friede kann nur durch andere und mit anderen erlebt – nur in
der Basilika Gottes.
Es geht um Freude: (xara) Zitat „EWZNT“: „Xara meint nicht vorrangig eine
innerliche Emotion, sondern – ähnlich „Gerechtigkeit“ und „Frieden“ – ein
ganzheitliches, wertbezogenes, komplexes Verhalten wie Freundlichkeit,
Gebefreudigkeit, Hingabebereitschaft, Überwindung von Widrigkeiten,
welches für die Summe christlichen Verhaltens stehen kann. Die Summe des
christlichen Verhaltens ist Freude. Ist nicht „Trübsal blasen“, ist nicht
„Trostlosigkeit“, ist nicht eine unendliche „Negativ-Spirale“, im Sog von
Depressiv, ängstlich, schüchtern, zurückgezogen, verbohrt, engstirnig,
lieblos. Die Summe christlichen Verhaltens ist Freude. Darum geht es. Die
Summe vom Essen und Trinken? Ich kenn das: wenn man so richtig
vollgefuttert ist. Freude ist das keine, wenn dir zum ersten mal die
Gürtelschnalle abreist, weil’s Ränzle spannt! Die Summe von der basileia
tou theou ist Freude. Vielleicht kann David deshalb voller Überzeugung
sagen: „Vor dir ist Freude die Fülle“ und Nehemia kann sagen: Leute, geht
hin, und esst fette Speisen, und trinkt süße Getränke und sendet davon
auch denen, die nichts für sich bereitet haben. Und macht euch nicht
selber krank vor Sorgen, sondern die Freude am Herrn ist eure Stärke.“
Ich lade Sie ein, als Gemeinde neu die Frage zu stellen: um was geht es
bei uns eigentlich. Um was geht es uns eigentlich? Nur wenn wir letzten
Endes alle auf den kleinsten gemeinsamen Nenner kommen, wird uns das
Wasser im Munde zusammenlaufen und werden wir auf den Geschmack kommen!
Dann genießen wir hier vom Feinsten Gerechtigkeit, Friede und Freude.
(Pfr. Heiko Bräuning)