Gottesdienst am 15. Sonntag n. Trin., 19. September 2004, in Wilhelmsdorf um 9.00 Uhr, Predigt über 1. Petrus 5, 5c-11.

5c Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.
7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.
8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.
9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.
10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.
11 Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Er war einst Offizier im Geheimdienst KGB in der ehemaligen Sowjetunion. Einige seiner Erlebnisse hat er sich in einem Büchlein von der Seele geschrieben: „Vergib mir, Natascha“. Dort erzählt er von den Christen, die sich heimlich in den Gottesdiensten trafen. Es gehörte mit zu seinen Aufgaben, diese Gottesdienste zu stören. Bei diesen Einsätzen beeindruckte ihn ein Mädchen, das er schon zu wiederholten Malen angetroffen und geschlagen hatte, und die sich dennoch nicht vertreiben ließ. Es trieb ihn um: Wie kann es sein, dass völlig normale Menschen sich ohne Widerstand quälen lassen? Wie kann es sein, dass sie trotzdem immer wieder zu den verbotenen Versammlungen gehen?

Die Bücher wurden selbstverständlich alle mitgenommen. Selbstverständlich musste er die beschlagnahmte Literatur vollständig verbrennen. Aber eine innere Unruhe war da.

Da saß er nun vor dem großen Papier-Verbrennungsofen, neben sich die aufgetürmten Bücher. Neugierig blätterte er in der Bibel und fing an zu lesen. Es fesselte ihn so sehr, dass er nicht mehr von ihr loskam. Heimlich las er immer mehr. Und es war ja nicht irgendeine Literatur. Er bekam es mit dem lebendigen Gott zu tun und wurde Christ. Seine Geschichte ging sehr abenteuerlich mit einer Flucht weiter. Es konnte nicht ausbleiben, dass er selbst in die Fänge des KGB geriet.

Verfolgungen von Christen oder anderen Minderheiten hat es immer wieder gegeben. Wahrscheinlich gibt es sie heute mehr als in jeder anderen Zeit. Aber gerade in solchen Ausnahmesituationen muss sich das Christsein bewähren. Vielleicht zeigt sich darin die christliche Lebensart deutlicher als wenn alles völlig glatt läuft. Auch damals, als der 1. Petrusbrief geschrieben wurde, befanden sich die Adressaten in einer Verfolgungssituation, oder mindestens in der Lage einer starken Diskriminierung. Wie sollten sie sich dieser Lage stellen? Petrus gibt ihnen eine dreifache Antwort:

1. Demut statt Hochmut
Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, sogar höchst ungewöhnlich. Die Christen stehen unter dem Druck einer Verfolgung. Aber sie sollen es als Schule Gottes verstehen. Ja, letztlich seien es gar nicht Menschen, sondern Gott, der sie in die Schranken weise.

Wir würden vielleicht erwarten: Wo Unrecht geschieht, da muss man etwas dagegen tun. Viele würden einen stillen Widerstand erwarten. Oder eine Politik der vielen kleinen Nadelstiche, bis die Peiniger nachgeben. Auch das Gegenteil wäre denkbar, nämlich einen Rückzug in die totale Isolation. Nichts mehr tun, bloß noch überleben wollen.
Aber nichts von alledem soll für die verfolgten Christen gelten. Denn nicht Menschen sind ihre Gegenüber. Die handelnden Kräfte in der Geschichte und in unserem Alltagsleben werden nur scheinbar von Menschen gesteuert. In Wirklichkeit sind sie nur Werkzeuge Gottes. So steht für Christen ganz am Anfang, dass sie anerkennen: Das Gesetz des Handelns ist in Gottes Hand. Das gibt uns Gelassenheit, wenn auch einmal die Dinge anders laufen, als es uns lieb ist oder wir es für richtig halten. Aber diese Gelassenheit ist nicht Passivität im üblichen Sinn. Sondern ich habe mich aktiv einzuordnen in den von Gott gesteckten Rahmen. Ich spiele keine Sonderrolle in meiner Umwelt, sondern die Rolle, die mir Gott zugewiesen hat. Das ist in der Bibel mit Demut gemeint.

2. Die Sorgen an Gott abgeben
Auch wenn unser Alltag keine Verfolgungssituation ist, fühlen wir uns doch manchmal als Ausgelieferte. Was sollen z.B. Eltern machen, wenn sie entdecken, dass die 17-jährige Tochter in die Drogenszene abgetaucht ist? Da ist doch nichts mehr zu machen! Da sind sie hilflos! Mag sein, dass das die Quittung für ihre Fehler in den letzten 15 Jahren ist, vielleicht aber auch nicht. Und selbst, wenn man's wüßte, helfen tut das jetzt nichts mehr. Sind aber hier Vorwürfe oder Selbstvorwürfe richtig am Platz? Oder Verzweiflung? Sorgen....

Oder da ist jemand schwer krank und weiß, dass für ihn keine Aussicht auf grundlegende Besserung besteht. Ist er nicht wie ein Ausgelieferter?

Oder da ist vielleicht ein Chef, der ein Angebot eingereicht hat und für ihn und seinen Betrieb erscheint es zum Überleben notwendig, dass er den Auftrag bekommt. Und jetzt ist er zu Hause und wartet und dreht beinahe durch vor Sorgen, was daraus wird.

Oder ein Arbeiter bangt um seinen Arbeitsplatz. Er hat keine große Chance, eine andere Stelle zu bekommen, wenn er entlassen würde, weil er nicht mehr zu den Jüngsten gehört.

Man könnte an Sorgen noch vieles hinzufügen: Die Angst vor dem Umbau des Sozialstaats, vor dem Alter, die Angst vor der Überfremdung, die Angst, den Aufgaben und Anforderungen in der Familie und im Beruf nicht mehr gewachsen zu sein usw.

Die Welt ist voll von Menschen, die krank geworden sind, weil sie sich selbst und ihre Situation nicht annehmen können; weil ihre Gedanken ständig darum kreisen, wie sie aus dieser Lage herauskommen können, wie sie eine andere, eine ideale Situation für sich erreichen könnten.

Gott mutet uns gewiss manch eine harte Lage zu und reißt uns nicht gleich aus allem heraus, das uns bedrängt. So mag es für die genannten Eltern richtig sein, einfach den übertriebenen Kampf aufzugeben, die Sorgen loszulassen und zu sagen: Gott, jetzt kannst bloß du allein abhelfen. Mach du das Richtige draus. Vielleicht sagen sie das ausnahmsweise auf den Knien und unter Tränen. Aber sie wenden sich an die richtige Adresse.

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“
Wir werden an die Bergpredigt erinnert (Schriftlesung), dass wir die Vögel unter dem Himmel ansehen sollen, die nicht säen und nicht ernten, die der himmlische Vater aber dennoch ernährt; oder: „Schaut die Linien auf dem Feld an, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch,“ sagt Jesus, „dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen... Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.“

Die Sorge macht unser Leben schwer. Oft sind es nicht einmal die schwierigen Tatsachen, sondern die Angst vor dem, was alles sein könnte. Sorge, ob wir auch morgen noch Geld zum Leben haben; Sorge, ob aus den Kindern etwas wird; Sorge, wir könnten übervorteilt werden.

In diese Lebensart, in der nur noch in Sicherheiten, in Verteidigungspositionen und in Sorgen gedacht wird, ist das Wort von der Sorglosigkeit der Kinder Gottes gesprochen. Setzt euer Vertrauen nicht auf Geld oder Güter, nicht darauf, dass ihr alles und jedes in diesem Leben planen könnt, sondern überlasst diese Sorgen Gott.
Nun kann sich aber doch ein falscher Zungenschlag einstellen. Da steht ein Schüler vor dem Abitur oder ein Student vor dem Examen. Er soll sich nicht auf die faule Haut legen und meinen, dass Gott ihm in der Prüfung schon noch alles Vergessene einflüstern werde. Aber Gott ist kein Souffleur, der unsere Versäumnisse alle großzügig nachholen würde. Wer ein Haus baut, muss die Kosten überschlagen, ob das Geld reicht. Ein Geschäftsmann muss betriebswirtschaftliche Planungen durchführen. Ein Bauer muss im Frühjahr die Saat in die Erde bringen, wenn er im Sommer ernten will.

Planen und Organisieren, ja. Doch das Sorgen soll man sein lassen, so gut man kann, und Gott überlassen. Was wir zu tun haben, das nimmt uns Gott nicht ab. Er ist kein Heinzelmännchen, das kommt, handelt und wieder verschwindet. Sondern er ist Gott, der die Welt samt unseren Verhältnissen in seiner Hand hat.

3. Von Gott Stärkung erwarten
Zweifellos ist das unheimlich viel von uns Menschen erwartet. Ja, beinahe möchte ich sagen, es ist unmöglich, dass Menschen so etwas leisten können. Wir werden zwar daran erinnert: „Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war... Er erniedrigte sich selbst, und ward gehorsam bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuz.“ Aber wir wissen es genau, das können wir gar nicht, und wir wollen es auch nicht so richtig, uns so zu erniedrigen, wie er es getan hat!
Nirgends im NT wird von uns erwartet, dass wir selbst das auch wirklich können. Doch eines sollen wir, uns von Gott die Kraft geben lassen. Wir werden nicht zu Heroen erzogen, die mit Gleichmut alle Schwierigkeiten des Lebens ertragen können, sondern wir sollen vertrauensvolle Kinder sein, die sich an ihren Vater wenden und von ihm stärken lassen, wir sollen nicht groß auf Vorrat ein göttliches Kraft-Reservoir anlegen, sondern den jeweiligen Augenblick von ihm nehmen.

Das ist Nüchternheit, die wir zeigen sollen. Von dieser Nüchternheit will uns der Teufel abbringen. Er will uns dazu verführen, dass wir das Gesetz des Handelns an uns reißen wollen, wo wir es doch gar nicht können; dass wir meinen, wir säßen an den Schalthebeln, an denen die Zukunft entschieden wird. Wir sollen aber stattdessen Gott Gott sein lassen, und wir sollen Menschen bleiben und uns selbst.
Das heißt, in Demut alle Sorge auf ihn zu werfen. Amen!

 

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

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