Gottesdienst am 13. Sonntag nach Trinitatis, 5. September 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über 1. Johannes 4, 7-16.

Hat Liebe eine Zukunft? Kann sie den Hass überwinden?

Wir stehen unter dem schockierenden Eindruck des Geiseldramas in Beslan in Nord-Ossetien, der russischen Kaukasus-Republik. Unsere Gedanken sind bei den Menschen, die Opfer dieser terroristischen Grausamkeit geworden sind und bei ihren Familien.

In den letzten Tagen haben Politiker immer wieder betont, dass man diesen Konflikt nicht mit Gewalt lösen könne. Was nötig sei, sei eine politische Lösung des Tschetschenien-Konflikts. Die Verantwortlichen Politiker müssen daran arbeiten.

Ich bin überzeugt, dass eine politische Lösung nicht reicht. Das eigentliche Problem liegt tiefer. Der größte Teil der Gewalt in den letzten Jahren ist religiös motiviert. Wenn Sie so wollen: Ein Kampf der Religionen wird von weiten Kreisen vor allem in der islamischen Welt mit Gewalt ausgetragen. Die Muslime selbst müssen die Gewalt ächten. Besonnene Kräfte in der islamischen Welt haben dazu in den letzten Tagen bereits aufgerufen. So z.B. in der ägyptischen Zeitung Al Ahram, oder der Intendant des Fernsehsenders Al Arabija.

Aber auch wir Christen dürfen uns nicht auf den Beobachterstatus zurückziehen. Wir sind gefragt: Wie gehen wir mit Konflikten um, im großen und im kleinen? Welche Antworten haben wir aus unserem Glauben? An den kleinen Konflikten des Alltags leiden mehr Menschen - völlig unspektakulär - als in den großen und für alle sichtbaren Konflikten. Nochmals: Wie gehen wir mit Konflikten um?

Das Thema des heutigen Sonntags ist nach der kirchlichen Tradition „Liebe“. Jedes Jahr am 13. Sonntag nach Trinitatis. Es ist, als wollte Gott uns sagen: Da schaut drauf. Lasst euch nicht beirren von dem, was ihr erlebt und hört und seht. Die Wirklichkeit zeigt uns offenbar, dass Gewalt und Hass und Terror um sich greifen. Man glaubt, dass nur so Lösungen erreicht werden können. Natürlich: Einige glauben‘s, nicht alle. Vielleicht glauben sogar nur sehr wenige an die Gewalt. Aber diese wenigen bestimmen das Geschehen.

Kann man einfach Liebe dagegenstellen, wenn Hass da ist? - Man kann es nicht einfach so. Genausowenig wie man gegen Dürre einfach Wasser ausgießen kann. Wasser kann man nur ausgießen, wenn man‘s hat. Wie kommt man an Wasser? Man braucht eine Quelle oder Bach.

Das ist mit der Liebe genauso. Man kann sie nicht aus dem Nichts holen. Man braucht eine Quelle. Wo her nehmen, wenn man keine hat?
Darum ist es ein Thema, das ganz wesentlich mit unserem Glauben zu tun hat. Das führt auch auf den heutigen Predigttext:

7 Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
8 Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.
9 Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.
10 Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
11 Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.
12 Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
13 Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat.
14 Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt.
15 Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott.
16 Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.


Das Thema ist Liebe. Wir brauchen eigentlich nicht viele und große Reden über die Liebe. Wir brauchen Menschen, die von dieser Liebe angesteckt sind und nicht viele Worte darum machen.

Es klingt sehr einfach. Wenn wir mit Gott, der Quelle der Liebe, in Verbindung sind, dann strömt Liebe aus uns heraus. Die Liebe zeigt an, ob unsere Beziehung zu Gott stimmt. Ist keine Liebe da, dann muss es irgendeine Kontaktschwierigkeit geben.

In meinem ersten Beruf als Elektriker musste ich oft in ein Haus, weil irgendwo das Licht nicht brannte. Nur selten ist es so einfach, dass man nur die Sicherung erneuern muss oder die Glühlampe auswechseln. Denn das haben die Leute vorher schon probiert. Vielleicht stimmt irgendwo der Kontakt nicht; oder ist der Schalter kaputt; oder ist ein Draht aus eine Klemme herausgerutscht und hat keine Verbindung mehr. Es war oft ein mühsames Unternehmen, herauszufinden, an welcher Stelle es nun genau lag. Doch wenn der berühmte Wackelkontakt gefunden ist, dann geht es wieder.

Johannes sagt in seinen Worten von der Liebe etwas ähnliches. Der Kontakt zu Gott muss in Ordnung sein. Dann kann die Liebe fließen. Denn sie kommt von Gott her.

Aber wenn es an die Beseitigung eines Fehlers geht, macht er es anders als ich es von der Beseitigung einer Störung beim elektrischen Strom beschreiben habe. Er prüft nicht alle möglichen Wackelkontakte des Glaubens. Er gibt uns nicht eine Frageliste von möglichen Fehlerquellen: Liest du zu wenig Bibel? Betest du auch ausreichend?... Er ist nicht für das geistliche Pulsfühlen.

Statt dessen erzählt er von der Liebe Gottes. Einfach von dem, wo er seine Liebe gezeigt hat. Du kannst nirgends so sehr die Liebe lernen, wie wenn du sie selbst erlebst! Darum lerne bei ihm, bei Gott. Immer wieder und in immer neuen Variationen beschreibt Johannes das.

Was Johannes dann über Jesus schreibt ist uns ja so vertraut, dass uns das Ungeheuerliche nicht mehr so recht bewusst wird. Gott hat Jesus für uns hingegeben, damit wir leben. Jesus hat nicht seine eigenen Ziele im Auge gehabt, er wollte nicht für sich etwas herausholen, dass die Geschichte ihn ja in Erinnerung behalte. Sondern er hat nicht an sich selbst gedacht. Und er hat nicht daran gedacht, was da denn bei ihm alles kaputt geht, an Leib und Leben. Alles ist kaputtgegangen. Restlos alles. Aber damit es bei uns nicht kaputt geht.

Bei Jesus lerne ich, was Liebe ist. Hingabe für andere. Nicht eigene Ziele verfolgen, sondern für andere da sein. Eigentlich möchte ich das hineinrufen in diese Welt. Denn die Welt braucht nichts so sehr, wie das Vergessen der eigenen Ziele.

In den 60er und 70er Jahren war die (egoistisch gemeinte) Selbstverwirklichung ein großes Thema. Aber sie hat viele Menschen unglücklich gemacht und tut das noch weiter. Darum müssen wir wieder bei Jesus nach den Quellen der Liebe suchen: Die Verbindung mit ihm lässt uns atmen und leben. Dann können wir Liebe weitergeben.

Der Mensch ist nicht selbst Quelle der Liebe, sondern er kann sie einfach nur weitergeben. Wer Liebe weitergibt, ist deshalb wie jemand, der ein Geschenk einfach nur weiterreicht. Ein Geschenk, das er selber empfangen hat.

Lasst uns von guten Beispielen der Liebe leben und erzählen.

Mit einem Löffel Honig fängt man mehr Fliegen als mit einem ganzen Fass voll Essig; sagt man im Volksmund.

Dann brauchen wir nur zu sagen: Komm mit und schau dir‘s an! Darum sind Menschen gesucht, an denen man diese Liebe ablesen kann. Menschen, die das ansteckend leben. So dass die anderen kommen und sagen: So möchte ich auch leben!

Menschen können mit Recht zu uns sagen: Du kannst sehr viel über Gott reden. Ich glaub dir‘s nicht, wenn ich nicht seine Liebe an dir sehe!
Darum brauchen wir nichts so sehr, wie wirkliche Menschen, die von der Liebe Gottes angesteckt sind; die nicht eigene Ziele verfolgen. Die bereit sind, den Spuren der Liebe zu folgen.

Wir sollen nicht einfach nur lieben, weil Gott uns geliebt hat, sondern auch bei ihm lernen, wie er uns geliebt hat.

Martin Luther hat einmal den Unterschied zwischen der göttlichen und der menschlichen Liebe so formuliert: Die Liebe des Menschen entzündet sich am Liebenswerten. Die Liebe Gottes schaft sich Liebenswerte! Die Liebe Gottes verwandelt den anderen, sie hat schöpferische Kraft. Er liebt nicht nur den, der es verdient hat. Denn dann würden wir leer ausgehen. Er liebt uns gerade auch, wenn wir es nicht verdient haben. Darum gehört Vergebung zum Lieben. Wer nicht vergibt, kennt Gottes Liebe nicht. Wir müssen lernen, mit den Schwächen und Fehlern der Menschen umzugehen und sie ertragen. Denn das ist es doch, was Gott auch mit uns macht.

Wir alle müssen daran lernen. Jesus hat gesagt: Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. Unser Leben zeigt mehr über unseren Glauben als unser Wissen.

Wie kann ich das umsetzen? - suchen wir uns in dieser Woche nur einen Menschen aus, dem wir bewusst so begegnen, wie es Gott mit uns macht: In schenkender Liebe, die nicht nur liebt, weil der andere o.k. ist. Bitten wir Gott auch um die Erneuerung unserer Gedanken und Phantasien, so dass wir von ganzem Herzen lieben können. Amen.

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

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