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Gottesdienst am 10. So n. Trinitatis, 15. August 2004, in Wilhelmsdorf um
10.00 Uhr, Predigt über Römer 11, 25-32.
Wie oft sehen wir Bilder, wie Menschen in Jerusalem an der Klagemauer
stehen. Manche direkt an die Mauer gelehnt, manche beten, andere legen
Zettel mit Gebetsanliegen in die Mauerritzen. Am 10. Sonntag nach
Trinitatis denken wir an den Tag der Zerstörung des Tempels im Jahr 70
n.Chr.
Wir sind hin- und hergerissen, wenn es um dieses Volk geht. Wir gehören
zusammen, weil Gott dieses Volk als sein Volk erwählt hat. Und diese
Erwählung hat er nicht zurückgenommen. Aber sie haben sich ihrem Messias
Jesus verweigert, sie haben ihn verworfen. Daraus entstanden oft Ablehnung
und Widerstände.
Es ist wie wenn unter Geschwistern Spannungen da sind. Wie ein roter Faden
zieht sich das durch die Geschichte der Christenheit: Dieses Hin- und
Hergerissen-Sein. Sogar schon im NT ist diese Spannung da. Besonders bei
Paulus. Er ist doch selbst Jude, und wo er hinkam, hat er zuerst den Juden
das Evangelium verkündigt. Aber dann wurde er doch zum Apostel der
Heidenvölker.
Im Römerbrief schreibt er von diesem Verhältnis der christlichen Gemeinde
zur jüdischen Gemeinde.
25 Ich will euch, liebe
Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für
klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis
die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist;
26 und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: »Es
wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von
Jakob.
27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen
werde.«
28 Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber
im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.
29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.
30 Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber
Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,
31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit,
die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.
32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich
aller erbarme.
Ein Geheimnis: Das ist, wenn Dinge zusammengesehen werden, die man logisch
nicht ableiten kann. Zwei Menschen treffen zusammen. Warum?.. Sie lernen
sich kennen, sie beginnen sich zu lieben und heiraten schließlich. Solch
ein Schlüsselereignis im Leben eines Menschen kann man nicht erklären. Es
bleibt ein Geheimnis. Das gibt es nicht nur im Verhältnis von verliebten
Menschen, sondern auch bei anderen Dingen. Warum bin ich Pfarrer geworden?
Das ist doch eine Geschichte zwischen Gott und mir. Ich kann sie erzählen.
Aber letztlich bleibt es ein Geheimnis. Menschlich gesehen hätte das ganz
anders werden können. Das geht nicht nur bei Lebensführungen so, die man
bejahen kann, sondern auch im Schlechten.
Ein Unfall: Warum war ich nur diesen Bruchteil einer Sekunde unaufmerksam?
Hätte ich nicht besser aufpassen können, dann wäre ich nicht von der
Leiter gestürzt?
Eine Krankheit: Warum hat sie ausgerechnet mich getroffen? Habe ich etwas
falsch gemacht? Viele Forscher, viele Erfinder können davon reden: Das ist
ein Geheimnis, warum ich auf diese seltsame Idee kam. Aber es hat
geklappt. „Es ist mir geschenkt worden“, sagte einmal ein schwäbischer
Tüftler.
Gerade Wesentliches kann man nicht erklären, besonders wo es um die Wege
von Menschen und auch von Völkern geht. Sei es nun im Guten oder im
Schlechten: Wir sollen nicht dran herummachen, was hätte anders sein
können. Sondern das gehört zu unserem Glauben, dass wir Dinge aus Gottes
Hand nehmen, die wir nicht ändern können oder die wir nicht nachvollziehen
können.
Ich will euch ein Geheimnis verraten! Wie kommt Paulus auf diese
Geschichte? Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis
die Vollzahl der Heiden eingegangen ist. Paulus weiß das nicht aufgrund
großer Anstrengung seines Verstandes. Sondern Jesus hat es ihm gezeigt. Es
ist Offenbarung. Es geht nicht nur um einen geschichtlichen Bericht,
sondern ein zentraler Knotenpunkt, wie Gott mit der Welt umgeht. Sagen
wir: Es ist der Fahrplan Gottes für sein Volk und für die Welt.
1. Gottes Handeln in der Geschichte
Zu diesem ganzen Konzept sagt man ja „Heilsgeschichte“. Sie ist ein Teil
der Geschichte, die auf dieser Welt abläuft. Um es einfach zu sagen:
Heilsgeschichte ist das, wie Gott mit seiner Gemeinde umgeht. Das heißt,
es geht um sein Volk Israel, es geht um die Gemeinde Jesu, um die
christliche Kirche bzw. Kirchen, es geht um die Mission usw.
Was wir in der Schule im Geschichtsunterricht haben, handelt um die
Geschichte von Völkern und vom Handeln von Personen, die den Lauf der
Geschichte beeinflussen. Es mag noch um sehr vieles mehr gehen. Aber in
dem allem lässt man Gott aus dem Spiel. Man tut so, als hätte er mit dem
Ablauf der Geschichte nichts zu tun. Und man beschreibt alles nur
hinterher. Im voraus kann man Geschichte nicht schreiben.
Das ist in der Heilsgeschichte anders. Da sagen wir, dass Gott seine Hände
mit im Spiel hat. Und da kommen auch die Ziele und Pläne Gottes vor;
Gottes große Pläne, die er mit der Welt und mit seiner Gemeinde vorhat.
Nun redet Paulus von dem, was Gott mit seinem Volk und mit den
Heidenvölkern vorhat. Aber wir haben das Problem, dass das in Spannung
steht zu dem, was wir sehen.
Vielleicht kann man sogar sagen, das ist das große Problem seiner
Gemeinde, dass wir Gottes Verheißungen und unsere Erfahrungen oft nicht
zusammenbringen. Dass wir sagen müssen: Das glaube ich gerne, was Gott
verheißt. Aber ich sehe so wenig davon.
Das macht uns in unserem persönlichen Leben große Not. Wie wir uns die
Wege Gottes vorstellen, müsste alles gut gehen, aber auch restlos alles.
* Es dürfte keine Krankheiten geben (was würden dann die Ärzte und
Apotheker machen?).
* Es dürfte keine Verbrechen geben (Polizisten und Juristen hätte keine
Aufgabe mehr).
* Es dürfte keine Probleme der Menschen untereinander geben, keine
Eheprobleme, keine Erziehungsprobleme, keine inneren Probleme (Therapeuten
und Seelsorger wären überflüssig).
* Und auch im Verhältnis der Völker wäre alles eitel Sonnenschein (man
bräuchte keine Grenzbeamten mehr und könnte Soldaten nach Hause schicken).
Aber wie wir alle wissen: So ist unser Leben nicht, und so ist auch die
Welt nicht.
Das Volk Gottes ist die Wege Gotte noch nicht zu Ende gegangen. Es ist
noch keineswegs am Ziel. Die Geduld Gottes scheint unendlich groß zu sein.
Er lässt sich ungeheuer viel Zeit. Schon Tausende von Jahren begleitet er
sie. Er schließt Verträge mit ihnen. Zuerst mit Noah nach der
Umweltkatastrophe der Sintflut. Dann mit Abraham. Aber auch dieser große
Abraham ging manchmal eigenartig selbstgewählte Wege, weil er dachte, so
sei es besser. Dann kam der Vertrag mit Mose bzw. mit dem Volk Israel,
besser: Der Bundesschluss. In unsagbarer Geduld ging Gott mit, als sein
Volk in Nachfolge und Irrtum dahinging. Unbeirrt verfolgte Gott seinen Weg
und sein Ziel. Durch Gericht und Gnade verlor er es nicht aus dem Auge.
Und wie oft ließ er ihnen mitteilen, dass er immer noch zu ihnen steht,
trotz ihren falschen Wegen.
2. Die Besonderheit Israels
Gott steht noch zu seinen Verheißungen. Israel ist weiterhin sein Volk,
das er liebt, zu dem er steht und an dem sich niemand vergreifen darf. In
großer Treue hält er zu seinem Volk. Es ist, wie wenn eine Brücke über ein
großes Tal gebaut wird. Auf der einen Seite ist die Brücke schon fertig.
Aber sie hängt noch in der Luft. Man kann sie erst voll benützen, wenn
sich die Lücken geschlossen haben. Gott weiß, diese Lücke wird sich
schließen. Er kann die Zeit überblicken. Das wird alles noch zu seinem
Ziel kommen. Vielleicht sind die Menschen frustriert, weil es so lange
dauert und es nur Einsatz kostet, aber man noch keine Vorteile davon hat,
sondern nur Nachteile.
Da gibt es also diese Zwischenzeit in der Geschichte Gottes mit seinem
Volk. Paulus spricht von Verstockung.
In dieser Zwischenzeit haben sie trotzdem eine heilsgeschichtliche
Aufgabe: Wir sollen an ihnen etwas lernen, nämlich einen geistlichen Weg:
Niemand kommt zu Gott aufgrund eigener Leistung. Alle sind auf sein
Geschenk angewiesen. Doch immer noch gilt es für Juden als fest: Wenn alle
das Gesetz Gottes erfüllen, sind die Wege Gottes zum Ziel gekommen; und
dann kommt der Messias. Aber Gottes Weg war gerade umgekehrt: Weil wir
seine Wege nicht einhalten können, ist Jesus gekommen. Er ist unser
Befreier, nicht wir.
Vielleicht muss nicht nur Israel in dieser Zeit etwas lernen. Sondern auch
in dieser ganzen Zeit sollen sie uns als warnendes Beispiel vor Augen
stehen. Denk dran! Du kannst dir nichts darauf einbilden, dass du ihm
nachfolgst, dass du ihn erkannt hast. Denk dran und vergiss es nicht!
Wir sollen auch für uns persönlich lernen. Es gibt im Leben des Christen
viele unverstandene Dinge. Lerne an Israel. Es bleibt Gottes Volk, auch
wenn es so viele unverstandene Wege gehen muss. Und so sollen wir die
unverstandenen Dinge einfach stehen lassen. Gott wird diese Fragen schon
noch auflösen. Zur rechten Zeit wirst du‘s erfassen, warum die Dinge nicht
so geworden sind, wie du sie erhofft und erwartet hast.
Doch auch das gehört zur Besonderheit Israels: Eines Tages werden sie von
ihren selbstgewählten Wegen umkehren und Jesus als ihren Messias erkennen.
Das ist dann „Leben aus den Toten“.
Ich fasse zusammen: Die Heilsgeschichte ist der Weg Gottes mit seiner
Gemeinde. Israel ist das Zentrum und das Ferment der Heilsgeschichte.
Paulus schließt diesen Abschnitt mit einem Lobpreis ab:
O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis
Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine
Wege! Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber
gewesen?“ Oder „wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm
vergelten müsste?“ Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.
Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.
(Pfr. Dr. K. Knauß)
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