Gottesdienst am 3. Sonntag n. Trinitatis, 27. Juni 2004, in Wilhelmsdorf, 10.00 Uhr, Predigt über 1. Timotheus 1, 12-17

 

Vor einigen Jahren gab es in Schottland Schlagzeilen um einen Mörder, der aus der Haft entlassen wurde. Im Gefängnis hatte er zum Glauben an Jesus Christus gefunden. Nach seiner Entlassung wollte er Pfarrer der Kirche von Schottland werden. Es war auch ein Stück Dank dafür, dass Jesus ihm, dem Mörder, vergeben hatte. Das hatte sich der ehemalige Häftling einfacher vorgestellt als es wirklich war. In der Kirche wurde heftig diskutiert, ob ein einstiger Mörder Pfarrer werden kann.

Ich weiß nicht, wie diese Geschichte bei uns ablaufen würde. Würden Sie alle sagen: Ha ja, den nehmen wir als Pfarrer. Der weiß wenigstens, wie das mit der Sünde und Schuld wirklich ist.

Jesus hat es tatsächlich so gemacht. Er hat seinen schlimmsten Gegner, der einiges auf dem Kerbholz hatte, als seinen vorrangigen Mitarbeiter eingestellt: Paulus. Er schreibt davon in seinem Brief an Timotheus:

1
. Tim. 1, 12 Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt,
13 mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben.
14 Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist.
15 Das ist gewißlich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.
16 Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, daß Christus Jesus an mir als erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.
17 Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.


War Paulus das wert, dass Jesus ihn mit dem Dienst der Heidenmission betraut hat? Nein, er war es nicht wert. Er hat doch gerade diese Gemeinde zerstören wollen?

Waren ich oder Sie es wert, dass er uns Aufgaben in seiner Gemeinde gegeben hat? Nein. Wir waren und sind es auch nicht wert. Nicht, dass wir die Gemeinde hätten zerstören wollen. Aber ehrlich: Haben wir uns etwa mit unserer ganzen Seele für unseren Herrn eingesetzt? Sind wir es mit unserem doch oft so halben Herzen nicht noch viel weniger wert als Paulus?
Das ist die Eigenart von Jesus:

1. Er ruft Sünder in seinen Dienst
2. Er vertraut den Treulosen
3. Er weckt das Lob Gottes aus innerstem Herzen


1. Er ruft Sünder in seinen Dienst
Mit einem Schraubenzieher schlägt man keinen Nagel in die Wand und mit einem Eierkocher kann man kein Hähnchen braten.

Das ist das beinahe erste, wenn man eine Ausbildung für eine praktische Aufgabe macht, dass man lernt, das richtige Werkzeug einzusetzen. Je geeigneter das Werkzeug, desto leichter und desto besser kann man die Arbeit machen. Und das gilt nicht nur für praktische Arbeiten, sondern auch durchaus für andere: Mit einem Taschenrechner rechnet sich‘s leichter als von Hand.

Aber Jesus hat eine eigenartige Logik: Das ungeeignete Werkzeug ist gerade recht. Sünder taugen für den Dienst. Also Sie und ich. Vielleicht sagen Sie: Wie sollte er mich brauchen können? Ich habe doch keine Vorzüge. Ich kann nicht gut reden, ich bin nicht in allem ein Vorbild, sondern gebe schon Anlass zum Ärgernis.

Paulus beschreibt ein eigenartiges Verhältnis zu seinem Sündersein. Er hat‘s nicht gewusst. Er hat sich getäuscht, nichts Schlimmes dabei gefühlt. Er hat gemeint, alles recht zu machen. Aber das ändert nichts daran, dass er Lästerer und Frevler und Verfolger war.

Es gibt Menschen, die haben den Tastsinn verloren. Da war z.B. ein Mann mit einer Querschnittslähmung, der immer im Rollstuhl sein musste. Er hatte in den Beinen kein Gefühl. Eines Tages schüttete er sich versehentlich heißes Kaffeewasser über das Bein. Aber er spürte nichts. Als er sich abends die Hose auszog, hatte er am Bein schwere Verbrennungen. Das war für ihn schlimm, denn wenn man keine Schmerzen empfinden kann, kann man Gefahren nicht mehr in ausreichendem Maße einschätzen.

Das kann auch im geistlichen Leben so sein. Es gibt Menschen, die sich vor Gott recht gut vorkommen, die meinen, alles recht gemacht zu haben, sie meinen, Gott zu dienen und ihr Leben für ihn einzusetzen. Osama bin Laden und seine Anhänger meinen, mit ihrem radikalen Handeln Gott und den Menschen einen Dienst zu tun. Ich bin überzeugt, sie meinen das ehrlich.

Zu Paulus bestehen viele Parallelen. Auch er meinte, Gott mit der Ausrottung der christlichen Sekte einen Dienst zu tun. Aber er war verblendet. Doch das merkte er erst hinterher, als er gewissermaßen mit dem geistlichen Tastsinn ausgestattet wurde.

Die Täuschung war nicht das Besondere an Paulus. Das hat er mit unzähligen Menschen gemeinsam. Aber das war das Besondere an ihm, dass er seine Täuschung zugeben konnte, als sie ihm vor dem Licht Gottes aufgegangen war.

Jesus ruft Sünder nur dann in seinen Dienst, wenn sie nicht an ihrer Täuschung festhalten wollen. Sünder sind tatsächlich für Jesus unbrauchbar, wenn und solange sie an erkannter Sünde festhalten wollen. Denn sie machen sich und ihr Verhältnis zu Gott kaputt und zerstören auch die Gemeinde. Paulus sagt von sich: Ich war... ein Lästerer, ein Verfolger, ein Frevler. Aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren. Nun will und kann er nicht mehr lästern. Wenn Jesus Sünder beruft, hat dies unweigerlich zur Folge, dass sie ihre Sünde bereuen und lassen wollen. Wo keine Sündenerkenntnis ist, da ist auch keine Vergebung. Die hat Jesus auch zum Ziel. Denn er will nicht die Sünde kaschieren, sondern er will sie vergeben, damit Menschen für seinen Dienst brauchbar werden.

2. Jesus vertraut den Treulosen
Rechtfertigung gilt nicht nur für die Dinge der Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft. Sie streicht nicht nur die Vergangenheit durch, sondern stattet uns mit Vollmacht für die Zukunft aus. Jesus wertet uns auf. Zwar ist nicht jeder ein Paulus, aber jeder Christ vertritt dort, wo er steht, seinen Herrn.

Paulus war für die christlichen Gemeinden seiner Zeit der lebende Beweis, welches Vertrauen Jesus in einen großen Sünder setzt.

Es kann sein, dass wir uns daran zu sehr gewöhnt haben. So kommt uns diese Erkenntnis nicht mehr in ihrer Ungeheuerlichkeit vor. Aber denken Sie an die Berichte im Alten Testament: Wer sich gegen Gott gewandt hatte oder gegen seinen Beauftragten, Mose, der wurde vernichtet.

Ähnlich ist es auch in anderen Religionen. Denken Sie an das Beispiel des Schriftstellers Salman Rushdi. Er hatte das Buch „Satanische Verse“ geschrieben und damit den Koran in Misskredit gebracht. Damit hatte er in den Augen der Ajatollahs Allah gelästert und darum sollte er mit dem Tode bestraft werden.

Doch Jesus ist nicht nachtragend. Er rächt sich nicht, wenn jemand gegen ihn war. Sondern er nimmt den Schlimmsten in seinen Dienst. Und der Schlimmste, das war Paulus.

Paulus war das bewusst, dass es unerhört ist, dass Jesus ihm vergeben hat. Deshalb kann er auch nicht aufhören, ihm zu danken.

Pfarrer Heiko Krimmer berichtet von dem Inder Paul Raj, der als gefürchteter Terrorist im Siler-Dschungel so manche Untat verübte, bevor er zum Glauben kam und nun in demselben Gebiet als Evangelist arbeitet. Todesdrohungen halten ihn nicht von der neuen Tätigkeit ab. Die alten Kameraden stellen ihm nach und bringen ihn schließlich um. Seine Frau bleibt trotzdem im gefährlichen Dschungel wohnen. - Dankbarkeit für Gottes unglaubliches Vertrauen an ihn, den Terroristen, hatte ihn seine waghalsige Aufgabe tun lassen.

Jesus vertraut den Treulosen, denen, die treulos gewesen sind. Aber sie können darum nicht treulos bleiben. Erfahrene Vergebung macht stark, wie es kein Zorn oder keine Rache kann. Ich glaube, es gibt kein größeres Erlebnis für einen Menschen, als die Vergebung Gottes zu erfahren und ihr gewiss zu werden. Ich finde es erstaunlich, warum sich so viele Menschen diese größte menschliche Erfahrung entgehen lassen.

3. Jesus weckt das Lob Gottes aus innerstem Herzen
Das Lob Gottes ist das Echo des menschlichen Herzens auf Gottes Zuwendung. Wer Gottes Zuwendung nicht erfahren hat und erfährt, hat es mit dem Loben schwer.

Immer wieder sind die Briefe des Paulus vom Lob durchzogen. Aus vielen Motiven und in vielen Situationen. Lob ist keine Pflichtübung. Sondern man spürt: Das kommt aus innerstem Herzen. Es kommt so aus innerstem Herzen, wie es bei vielen modernen Heiden aus innerstem Herzen immer wieder zu einem Fluch kommt. Lob und Fluch, beides ist wie eine Frucht, und offenbart das Innere des Herzens.

Jesus will, dass wir Gott loben. Im Lob anerkennen wir, dass Gott Gott ist. Im Lob freuen wir uns über seine Werke der Schöpfung, der Rettung und der Erlösung. Wenn wir loben, dann sagen wir Gott und den Menschen: Das ist auch recht und das soll so sein, dass Gott seine Werke tut. Ich will mir nicht anmaßen, das besser zu wissen, als du, Gott.

Die Ursünde des Menschen ist es, sein zu wollen wie Gott. Das Lob Gottes ist wie eine Arznei gegen dieses Ursünde. Denn das Lob Gottes anerkennt ihn auf seinem Thron. Ich wünsche es uns, dass wir diese Art von Liebeserklärung Gott immer wieder entgegenbringen. Amen.
 

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

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