Gottesdienst an Pfingstsonntag, 30. Mai 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Apostelgeschichte 2, 1-21

Haben Sie schon einmal nachgezählt, wie viele Feste wir in Wilhelmsdorf pro Jahr feiern? Ich meine, die Feste der Kirchen, der Diakonie, der Vereine und vielleicht auch noch von Firmen, Schulen, Kommune usw? Was schätzen Sie? - Es wäre sicher interessant, eine Liste zu führen. Wenn Sie noch die privaten Feiern dazu nehmen, dann kommt man mit zählen gar nicht nach. - Mancher ist sogar ganz erschöpft vom Feiern: Schon wieder ein Fest?

In biblischen Zeiten waren die Feste seltener, aber größer. Wir können wahrscheinlich nicht leicht nachvollziehen, wie es den Leuten in Jerusalem bei den großen Wallfahrtsfesten zumute war. Da war alles Mega. Die Stadt total überfüllt. Von allen Seiten waren sie herbeigeströmt, zumeist auf langen Fußwanderungen. Viele auch von Übersee. Zunächst mit dem Schiff, dann den Rest wie die anderen zu Fuß. Viele Tage unterwegs. Und warum das alles? Was hatten die davon? Es wurden keine Preise oder Gutscheine verteilt. Die meisten hatten nur Ausgaben. Aber sie wussten, hier bist du Gott näher.

Ist es das wert, Gott nahe sein zu wollen?

Was geben wir dafür, dass wir ihm nahe sind?

Demnächst sind wieder Europa-Meisterschaften im Fußball. Viele geben horrendes Geld aus, um dabei zu sein. Es muss irgend eine religiöse Erwartung und Sehnsucht mitschwingen...

Pfingsten war keine Privatfeier, sondern solch ein Riesen-Ereignis. Es war das Erntedankfest. Und dabei passierte das, was der Anfang der Kirche wurde:

Apg. 2,1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.
2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,
4 und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?
8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?
9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien,
10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom,
11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.
12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?
13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.
14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und laßt meine Worte zu euren Ohren eingehen!
15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage;
16 sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist:
17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;
18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.
19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf;
20 die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe der große Tag der Offenbarung des Herrn kommt.
21 Und es soll geschehen: wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«

Drei Stichworte zur Orientierung: Staunen, Durchblick und Wirkung

1. Das Staunen von außen
Es war ein übernatürliches Geschehen. Die meisten konnten sich nicht erklären, was da eigentlich passierte; außer den Jüngern, denn Jesus hatte ihnen den Heiligen Geist versprochen. Aber die anderen faselten irgend etwas herum, wie man das so macht, wenn man etwas nicht einordnen kann. (Da reden die Leute heute dann von fliegenden Untertassen und so.)

Man hörte ein Geräusch - rätselhaft! Wir sind Geräusche gewohnt, meist von technische Einrichtungen. Kennen Sie das Geräusch von fließendem Wasser? Ich erinnere mich noch, wie uns einem mitten in der Nacht das Geräusch von strömendem Wasser geweckt hat: Spülmaschine oder Waschmaschine läuft aus! Wehe, wenn ich da nicht geweckt worden wäre. Geräusche können Gefahr bedeuten, aber auch zur Sammlung rufen: Glockengeläut oder ein Posaunenchor von ferne.

In Jerusalem damals war dieses Geräusch nicht nur im Haus zu hören, sondern lockte Leute von außen an: Neugierige, Schaulustige und Ernsthafte. Es war ein Geräusch irgendwie vom Himmel, als wäre es durch einen Wind hervorgerufen. Aber es war kein Wind.

Über den Heiligen Geist gab es später heftigen Streit, auch heute noch. Ist er Ausfluss unserer Seele? Gehört er zur Schöpfung? Oder kommt er von Gott?

Weil der Heilige Geist von Gott kommt, deshalb können wir ihn nicht in den Griff bekommen; dann können wir ihn auch nicht manipulieren. Er ist der Herr. Herr über uns. Nicht Menschen über ihn. Und im Grunde gibt es unter uns noch die gleichen Einstellungen über den Heiligen Geist, eine sehr gespaltene Einstellung. Es gibt weiterhin Versuche, ihn zu erklären. Davon gibt es fromme und aufklärerische Varianten. Man will ihn einordnen in Bekanntes. Ob man die Wirkung dem Alkohol zuschreibt wie die distanzierten Zuschauer damals, ob man die Jungsche Tiefenpsychologie bemüht oder ihn als Massensuggestion versteht, ist im Endeffekt nicht entscheidend. Jedesmal heißt es doch: Ich bleibe in Distanz; ich will mich nur dann mit ihm abgeben, wenn ich der Überlegene bleibe.

Aber andere haben erfahren, dass der Heilige Geist nicht von innen heraus kommt, aus unserem Bauch oder aus unserer Seele, sondern von Gott. Und deshalb kann nur er unsere Lage wirklich ändern; uns herausreißen aus unserer Resignation. Jesus hatte ihn den Tröster genannt; der uns aufrichtet, wenn wir am Boden zerstört sind; der weiter weiß, wenn wir am Ende sind mit unserem Latein. Die Gemeinde hat viel Erfahrung gemacht mit dem Heiligen Geist. Er hat Gaben gegeben. Weisheit, Heilung, Wunder. Aber immer blieb er der Herr. In der Bibel ist er von Gott nicht zu trennen; ja, er ist Gott selbst, wie er unter uns handelt.

Alle Verantwortlichen in Kirche und Gemeinde können Tag für Tag bis an die Grenze ihrer Kraft reden und planen, Veranstaltungen durchführen, Konferenzen abhalten, Kirchengebäude erneuern und erhalten und vieles mehr und es kommt nichts Wesentliches heraus. Alles das ist nicht negativ, denn es gehört zu unserer menschlichen Gemeinschaft. Aber wir merken, dass dadurch kaum etwas in Bewegung kommt. Und dann geschieht an anderer Stelle Wesentliches durch Gottes Willen, ohne dass wir groß geplant haben. Wir brauchen den Heiligen Geist wie die Kirche zu allen Zeiten. Was in der Kirche geschieht, haben wir nicht in der Hand! Und es geht sogar daneben, wenn wir‘s in der Hand haben wollen.

Lukas berichtet über manche Dinge nur in wenigen Andeutungen, die unsere Neugier wecken. Da berichtet er von einem Haus, in dem das Pfingstgeschehen stattfand. Wahrscheinlich war das irgendein Privathaus, in dem die Jünger auch sonst zusammenkamen. Aber es ist nicht unmöglich, dass es sich dabei um einen Nebenraum in dem ausgedehnten Komplex des Tempels handelt. Die vielen Besucher werden wohl nicht alle gleichzeitig dabei gewesen sein, sondern es war ein Kommen und Gehen. Es wird sich wie ein Lauffeuer unter den Menschen herumgesprochen haben: Da läuft etwas Besonderes. Da musst du hin!
Die äußerlichen Fragen sind nicht so wichtig. Wesentlich ist: Es hat die Menschen innerlich erfasst. Und zwar nicht, weil es sehr gewählte Worte gewesen wären oder eine sorgfältig vorbereitete Rede. Sondern der Heilige Geist hat es bewirkt.

2. Durchblick im Inneren
Die Rede des Petrus steht am Schluss des Pfingstgeschehens. Petrus muss den Leuten etwas erklären. Die Menschen waren nicht hergekommen, um seine Rede zu hören. Es gab keine Plakate oder Handzettel. Petrus und die anderen wirkten offenbar eher abstoßend durch ihren galiläischen Dialekt. Sondern die Menschen waren gekommen, weil etwas ablief, das neugierig machte.

Petrus erklärt aus der Heiligen Schrift, dass das Geschehene von Gott kommt. Vor allem erklärt er das Verhalten der Jünger: Sie loben die großen Taten Gottes - unerschrocken.

Dann das Geräusch vom Himmel:
Im Alten Testament wird verschiedentlich die Begegnung mit Gott mit einem Windesbrausen in Verbindung gebracht. Etwa bei dem Propheten Elia. Als Elia vor der Königin Isebel floh, zog er sich in die Wüste zurück. Und dann wird berichtet, wie er sich am Berg Horeb in eine Höhle zurückgezogen hatte. Gott forderte ihn auf, aus dieser Höhle herauszugehen. Und dann kam ein gewaltiger Wind, danach ein Erdbeben und ein Feuer und schließlich ein stilles, sanftes Sausen. Daraufhin heißt es: „Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?...“

Den Jüngern war es zunächst ähnlich ergangen wie dem Propheten Elia: Rückzug aus Angst. Das Brausen Gottes holt sie aus ihrem Winkel hervor. Petrus hat es kapiert. Und wer bei Gott in die Schule geht, der erkennt Gottes Handeln. Er bekommt den Durchblick, als ihm die Weissagung des Propheten Joel aufgeht.

3. Wirkung nach außen
Pfingsten ist heute für die meisten Menschen nur noch in nichtreligiösen Zusammenhängen bedeutend. An Pfingsten gibt es einige politische Veranstaltungen und der Pfingstmontag ist ja immer arbeitsfrei. Schließlich gibt es für die Schüler Pfingstferien.

Pfingsten hat eine große Bedeutung für die Kirche und für Lukas. An Pfingsten gewinnt die Gemeinde Jesu Kraft für die Wirkung nach außen.

Die Kirche ist oft in der Versuchung, viel Wirbel zu machen, wenn sie noch auffallen will und ernstgenommen werden will. Das entspricht den Regeln der Öffentlichkeit. Aber es ist schon ein Unterschied, ob es menschlicher Wirbel ist, oder die Wirkung des Geistes Gottes.

Pfingsten heißt: Du bist auf Gottes Gabe angewiesen. Gott schafft Wirkung nach außen. Er tut das dann, wenn wir uns ihm zu seinem Dienst zur Verfügung stellen. Die Jünger damals hatten kein Programm, was sie morgen und übermorgen machen wollten. Es war genug, dass sie Jesus gehorchten und in der Gemeinschaft auf die Gabe des Heiligen Geistes warteten. Und als er dann da war, machten sie keine großen Aktionen. Petrus hat anfangs eigentlich nur erklärt, was passierte. Die Menschen selbst zogen daraus ihre Schlüsse und haben Fragen gestellt, die ihnen beantwortet wurden.

So will der Heilige Geist Staunen für die Neugierigen, Durchblick im Inneren und Wirkung nach außen schaffen. Gebe Gott, dass wir keinen Wirbel machen, sondern den Wind Gottes wirken lassen. Amen.
 

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

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