Gottesdienst am Himmelfahrt, 20. Mai 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Apostelgeschichte 1, 1-11

In den europäischen Adelshäusern ist zur Zeit ein großer Heiratsboom ausgebrochen. Letzte Woche im dänischen Königshaus. Kronprinz Frederik heiratet eine Nichtadlige aus Australien bzw. Tasmanien. Jetzt ist sie Prinzessin und muss sich nun in eine völlig neue Rolle hineindenken und hineinleben. Und sie muss die Geschichte des Hauses kennenlernen, zu dem sie ja bisher nicht gehörte.

Ich denke, für eine Australierin wird es wohl ziemlich langweilig sein, die Stammbäume der europäischen Adelshäuser zu lernen. Aber für Prinzessin Mary nicht. Jetzt gehört sie selbst dazu. Für die Prinzessin wird es nicht langweilig sein, sondern höchst interessant. Da geht es jetzt um ihre Familie.

Der Bericht des Lukas über die Himmelfahrt: Das ist nicht irgendeine Schrift, sondern meine Geschichte, meine Familiengeschichte. Ohne diese Geschichte wäre nicht der, der ich jetzt bin. Wenn das nicht gewesen wäre, dann wäre niemand von uns so, wie er jetzt ist. Diese Familiengeschichte hat die Welt bewegt. Sie gibt uns eine Zukunft, die unvergleichlich ist.

Apg. 1.1 Den ersten Bericht habe ich gegeben, lieber Theophilus, von all dem, was Jesus von Anfang an tat und lehrte
2 bis zu dem Tag, an dem er aufgenommen wurde, nachdem er den Aposteln, die er erwählt hatte, durch den heiligen Geist Weisung gegeben hatte.
3 Ihnen zeigte er sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes.
4 Und als er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, die ihr, so sprach er, von mir gehört habt;
5 denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen.
6 Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?
7 Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat;
8 aber ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.
9 Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.
10 Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern.
11 Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.


Die Jünger damals gehören mit zu der geistlichen Familie. Ich lade uns miteinander ein, dass wir uns in diesen Kreis hineinstellen.
Ich lade uns ein, darüber nachzudenken, was wir mit Jesus erlebt haben. Das haben die Jünger vermutlich auch getan. Jesus war ihnen in den Tagen seit Ostern mehrmals begegnet. Er hatte mit ihnen an einem Tisch gesessen, er hatte mit ihnen gegessen. Vor allem aber legte er ihnen das Alte Testament aus und erklärte ihnen, warum er leiden und sterben musste. Das war die Vergangenheit, über die sie nachgedacht haben mögen.
Wer jemanden lieb hat, den will er sehen; und wer Jesus lieb hat, der will ihn auch sehen. Er will gerne bei ihm sein. Und es fällt ihm schwer, ja er hält es nicht aus, weit voneinander zu sein und nur von der Vergangenheit zu leben.

Jesus denkt aber nicht so sehr an das Vergangene, sondern an die Zukunft: Sie sollten warten, bis der Heilige Geist kommen werde. Der werde sie dann von Jerusalem aus über Judäa und Palästina in die ganze damals bekannte und bewohnte Erde führen. Aus der Enge der eigenen Umgebung in die Weite. Und wer zu Jesus gehört und sich von ihm leiten lässt, bekommt einen weiten Horizont. Überall sollten sie erzählen von dem, was sie mit Jesus erlebt hatten. Sie sollten seine Zeugen sein. Nicht schweigen, sondern erzählen, was gewesen ist, auch wenn es auf Widerstand stößt.

Jetzt will ich mich dem zuwenden, was an Himmelfahrt passiert ist. Dreierlei will ich genauer anschauen:

1. Die Wolke
In der Geschichte Gottes mit seinem Volk hat die Wolke eine ganz besondere Bedeutung. Das prägendste Erlebnis, das Israel mit Gott hatte, war die Herausführung aus Ägypten. Gott hatte Mose beauftragt, das Volk aus dem Land ihrer Sklaverei herauszuführen. Als sie dann die befestigten Grenzen dieses wohlgeordneten Staates hinter sich gelassen hatten, da befanden sie sich in der Wüste. Aber in der Hilflosigkeit dieser unwirtlichen Gegend, wo ja nur die Menschen überleben können, die sich auskennen, da ließ Gott sie nicht allein.

In einer Wolkensäule zog er vor ihnen her. Er zeigte ihnen den Weg, ja es heißt sogar: „der Herr zog vor ihnen her, bei Tage in einer Wolkensäule, und nachts in einer Feuersäule.“ Es war also Gott selbst, der in der Feuersäule vor ihnen herging. Er zeigte sich ihnen zwar nicht selbst, sondern verbarg sich. Das Volk sollte nicht Gott selbst sehen, denn wer ihn sieht, der muss sterben. Das wussten alle im Volk Israel.

Aber Gott deutete seine Gegenwart durch die Wolke an, ein sichtbares Zeichen seiner Unsichtbarkeit, ein Gegenstand aus unsere vertrauten Welt.

So ist Gott. Obwohl er uns ferne ist, will er uns nahekommen. Er will uns vertraut werden. Er begibt sich hinein in die uns bekannte Welt. Gott lässt sich herab, er erniedrigt sich und demütigt sich. Nicht der ferne Gott will er bleiben, sondern er will der nahe Gott sein.

Die Wolke bei der Himmelfahrt Jesu deutet also die Nähe des unsichtbaren Gottes an. In der Wolke ist er selbst gegenwärtig. Wen das überrascht, der sei daran erinnert, dass die Wolke in dieser Bedeutung noch öfter vorkommt. Bei der Übergabe der zehn Gebote war der Berg Sinai von einer dichten Wolke umhüllt. In dieser Wolke war Gott gegenwärtig. Er gab seinem Volk sein Gesetz und schloss damals seinen Bund mit Israel.

Und auf dem Berg der Verklärung war es ähnlich. Jesus war mit den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes auf den Berg gestiegen, wo ihnen Mose und Elia erschienen waren. Da überschattete sie eine helle Wolke und eine Stimme aus der Wolke sprach: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“

Es waren drei wichtige Stationen Gottes mit seinem Volk und mit der Menschheit. An allen dreien deutete die Wolke die Gegenwart Gottes an.

So ist es auch in der Himmelfahrt. Jesus hatte eine Zeitlang auf der Erde gelebt, und nun kehrte er zurück zu Gott. In der Wolke kommt Gott wieder den Jüngern nahe, sichtbar - und doch verhüllt. Sie sollen sehen, mit ihren eigenen Augen sichtbar sehen, dass jetzt Jesus bei Gott ist - und währenddessen sollte er selbst doch verborgen bleiben. Jesus sitzt zur Rechten Gottes. So bekennen wir es in unserem Glaubensbekenntnis und meinen damit das gleiche, nämlich dass Jesus bei Gott ist.

2. Die Erhöhung Jesu
Jesus ist in die Herrschaft eingesetzt und übt die ganze Macht aus, die Gott sich alleine vorbehalten hat und keinem anderen geben will. Er ist nicht ein willenloser alter Mann, der nur zuschaut, was wir machen. Sondern er ist der Herr der Welt, und die ganze Welt ist in den Händen Jesu, dem Gott sie übergeben hat. Und auch diejenigen müssen seinen Plänen und Zielen dienen, die meinen, sie könnten gegen ihn arbeiten oder sie könnten ohne ihn auskommen.

Recht besehen ist die Himmelfahrt Jesu ein politischer Akt: Ihm werden umfassende Machtbefugnisse übergeben, ohne jede Einschränkung.

Wir suchen ja normalerweise die Macht bei den Politikern, in unserem kleinen Bereich und in der großen Weltpolitik. Je nachdem, wo wir stehen, erfüllt es die einen mit Freude, die anderen mit Sorge, wenn sie an das Tun der Politiker denken.

Wenn wir nun so unsere Hoffnungen und unsere Ängste den Politikern gegenüber haben, beweisen wir damit eigentlich nicht, dass wir von der Macht Jesu nicht sehr viel halten? Hat er aber die ganze Macht, dann wollen wir uns an ihn wenden, sei es, dass wir Angst und Sorgen haben, oder sei es, dass wir uns freuen.

Über die Herrschaft Jesu heißt es im 2. Psalm:
„Die Könige der Erde lehnen sich auf und die Herren halten Rat miteinander wider den Herrn und seinen Gesalbten... Aber der im Himmel wohnt, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer...“

Jesus muss keineswegs um seine Herrschaftsmacht fürchten, weil sie ihm nicht entgleiten kann. Daher kann er lachen. An diesem Lachen Gottes sollten auch wir teilhaben, besonders, wenn uns Ängste und Sorgen über die Weltsituation beschleichen wollen. Wenn wir in seiner Hand sind, dann wissen wir uns von seiner liebenden Fürsorge umgeben. Das macht uns fest in unseren Aufgaben, weil wir ja dem dienen, der seit seiner Himmelfahrt die Herrschaft der Welt in seinen Händen hat.

3. Die Wiederkunft Jesu
Die Engel sagten zu den Jüngern, dass Jesus wiederkommen wird. Inzwischen sind fast 2000 Jahre vergangen. Und weil das schon so lange her ist, haben manche damit Probleme. Aber Gott hat andere Zeitvorstellungen als wir. Vor ihm sind 1000 Jahre wie ein Tag.

Gott hat mit uns die umgekehrten Probleme, nämlich dass wir so kurzatmig und ungeduldig sind. Manchmal würde ich gerne wissen, was Gott wirklich über uns denkt. Wie unsere ganz großen Ideen und Erkenntnisse für ihn nicht der Rede wert sind. In den himmlischen Nachrichten ist die Erfindung des Telefons vielleicht nicht einmal eine Randnotiz wert. Was ist bei ihm wirklich etwas wert? Wenn jemand umkehrt und ihn findet. Es ist Freude im Himmel über einen Sünder, der umkehrt.

Wenn er wiederkommt, dann wird vor aller Augen klar sein, was wichtig und was nebensächlich ist. Darauf freue ich mich. Da wird klar sein, dass Jesus der Herr ist. Das kann dann niemand mehr in Frage stellen. Amen!
 

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

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