Gottesdienst am Jubilate, 2. Mai 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über 1. Johannes 5, 1-4

1 Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.
2 Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.
3 Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.
4 Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.


Berühmte Menschen haben heutzutage meist viele Beziehungen, wenig Zeit und ein teures Auto. Das hinterlässt normalerweise Spuren in der Persönlichkeit. Es grenzt schon an ein Wunder, wenn eine bedeutende Persönlichkeit nicht verbiegen lässt.

Zu dieser Kategorie von Menschen gehörte John Mott. Er war Generalsekretär des weltweiten CVJM (1915-1928), zu einer Zeit, als die Christen in Europa noch eine wesentliche Rolle spielten. Bei einem Vortragsprogramm in Frankfurt wurde er von Termin zu Termin weitergereicht und es kam auf jede Minute an. Zum Besuch einer führenden Persönlichkeit waren zwanzig Minuten angesetzt. Sein Fahrer brachte entgegen seinen Anweisungen irgendeinen Begleiter in einen anderen Stadtteil und kam einfach nicht wieder. Aus den zwanzig Minuten wird eine Stunde, werden anderthalb Stunden. Das ganze Programm ist über den Haufen geworfen. Endlich kommt der Fahrer zurück - mit einem anderen Wagen. Der nagelneue amerikanische Straßenkreuzer John Motts war kaputt. Zusammenstoß wegen der Eile auf rutschiger Straße.
Natürlich liegt Spannung in der Luft. Da klopft der Chef seinem Fahrer auf die Schulter und sagt einfach: „Nur gut, mein Junge, dass dir nichts passiert ist!“

Was ist an dieser Geschichte so erstaunlich? - Dass es eigentlich für Christen normal sein müsste; und dass wir solche Großzügigkeit und Güte und Liebe nur selten erleben. Aber wo echte Liebe ist, da nützt sie mehr als 100 Predigten vor vollen Kirchen.

Die ersten Christen waren davon überzeugt, dass Liebe mehr wiegt als Macht und Einfluss. Und diese Liebe war kein Trick. Die anderen haben die Liebe als eines der wesentlichen Kennzeichen entdeckt. Jesus hatte sie seinen Jüngern befohlen. Liebe sollte ihre Lebensgrundlage sein: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ (Joh. 13,34) Diese Liebe ist für Christen unverzichtbar, weil sie aus dem Wesen Gottes entspringt. Johannes sagt: Wer Gott liebt, liebt auch die Brüder, hält seine Gebote und überwindet die Welt. Ich will das als roten Faden nehmen:

1. Wer Gott liebt, liebt auch die Brüder u. Schwestern
Wir werden an unsere Verwandtschaft erinnert, aber nicht an unsere irdische, sondern an unsere geistliche Verwandtschaft. „Wer den Vater liebt, der liebt auch den, der vom Vater abstammt.“

Vielleicht ist das ein sehr missverständlicher Ausdruck, dass wir von Gott geboren sind.

Gott wird in der Bibel immer nur dann als Vater bezeichnet, wenn es um ganz bestimmte Menschen geht, etwa um einzelne Gläubige oder um das Volk Gottes. Aber in der Bibel wird Gott niemals als Vater etwa der Schöpfung bezeichnet. Wo Gott als Vater der Schöpfung bezeichnet wird, da stammt das aus heidnischen Vorstellungen.

Gott ist unser Vater: Damit ist in der Bibel das geistliche Verhältnis gemeint. Johannes schreibt von Menschen, die von Gott geboren sind. Das sind nicht alle Menschen auf der weiten Welt, die zu seiner Schöpfung gehören, sondern das sind die Menschen, die eine innere Beziehung zu Gott haben, die ihn liebhaben, die mit ihm leben, mit ihm reden und auf ihn hören. An anderen Stellen wird das als wiedergeboren bezeichnet.

Johannes will nun sagen: Es ist nur zu natürlich, dass man sich innerhalb einer (intakten) Familie lieb hat. Das braucht man niemandem zu befehlen, dazu muss man niemand hinprügeln oder hintragen. Liebe unter Geschwistern ist etwas Unmittelbares wie Hunger und Durst, wie ein Urbedürfnis der Menschen. Ich freue mich einfach, wenn mir mein Bruder oder meine Schwester begegnet.

So ist auch die Liebe unter geistlichen Geschwistern beinahe ein Urtrieb. Man müsste eigentlich denken, dass man an einen Urtrieb nicht erinnert zu werden braucht. Aber wir werden daran erinnert. Denn es gibt nicht nur im natürlichen Bereich Hungerkünstler, sondern auch im geistlichen Bereich. Wer lange genug gehungert hat, merkt nicht mehr, dass er etwas zum Essen braucht.

Wir denken dabei an den Witz von dem Bauern, der seiner Kuh das Fressen abgewöhnen wollte, und als es endlich konnte, da sei sie umgekommen.

In unserem Zusammenhang mag es makaber sein, dass die Liebe einfach sterben kann. Man kann die Liebe einfach nicht mehr zu Wort kommen lassen, man kann sie verdrängen oder sie kann durch Sünde überwuchert werden. Und genau das wird von Jesus einmal als Zeichen der Endzeit genannt, wenn es viele erfasst hat: Weil die Gesetzlosigkeit überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten.

Liebe über große Entfernungen, das hält man auf Dauer nicht durch, weder die Liebe unter Menschen, noch die Liebe zu Gott. Eine Ehe, wo der eine Ehepartner in Amerika, der andere in Deutschland lebt, das geht nicht. Oder es geht höchstens für einige Zeit. Aber wenn die Ehe von vornherein so gedacht wäre, dann hält man sie für einen Witz.

Ähnlich ist das im Verhältnis zu Gott. Wer Gott liebt, der ist mit ihm im Gespräch. Immer wieder fragt er ihn, lobt er ihn, dankt er ihm, bittet er ihn. Immer wieder sucht er die Nähe Gottes auf.

Und schließlich sagt Johannes: Das ist auch im Verhältnis zu den anderen Glaubenden so. Wir wollen beieinander sein. Wir brauchen einander. Wir lieben einander. Nicht Abstand, sondern Nähe! Wir müssen uns im Gottesdienst treffen oder bei anderen Gelegenheiten in der Gemeinde. Wir müssen - wir können nicht anders.

2. Die Liebe hält die Gebote
In einem Missverständnis der evangelischen Freiheit kann uns manchmal gesagt werden: Es ist ausreichend, wenn man sich von der Liebe leiten lässt. Die Gebote hätten dann nichts mehr zu sagen. In einer sogar sehr anstößigen Weise hat es einmal Luther gesagt: „Wenn es möglich wäre, aus dem Glauben heraus einen Ehebruch zu begehen, und in der Liebe zu bleiben, dann wäre er keine Sünde!“ Doch Luther hat gemeint, das sei eben nicht möglich, dann gleichzeitig im Glauben und in der Liebe zu bleiben.

Wer meint, die Liebe würde die Gebote außer Kraft setzen, der hat weder den Glauben noch die Liebe noch die Gebote in ihrem göttlichen Sinn verstanden; und der hat auch die Rechtfertigung aus dem Glauben nicht verstanden.

Unser heutiger Predigttext meint dazu zweierlei:
Erstens: Die Liebe und das Halten der Gebote Gottes gehören ganz eng zusammen. Es gibt nicht das eine ohne das andere. Ja, die Liebe entfaltet sogar die Gebote erst recht. Ohne dass man äußerlich genötigt wird, hält man in der Liebe aus innerem Antrieb die Gebote. Die Liebe tut sogar noch mehr als das, was der andere erwartet. Wenn einer um die Begleitung für eine Meile bittet, geht man in der Liebe auch eine zweite Meile mit.

Zweitens meint der Predigttext: Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern merken wir daran, dass wir Gott lieben. Wenn man im Zweifel ist, ob die Liebe echt ist, dann soll man sich fragen, ob sie aus der Liebe zu Gott entspringt, denn Gott ist der Geber der Liebe. So kann man sich prüfen, ob Liebe bloße Schwärmerei ist, oder verkappter Egoismus. Echte Liebe kann man daran erkennen, ob sie den Glauben an Gott festigt und stärkt, oder ob sie den Glauben schwächt und schließlich zerstört.

Ich komme zum letzten Punkt und wiederhole den Leitsatz: Wer Gott liebt, liebt auch die Brüder und Schwestern, hält seine Gebote und überwindet die Welt.

3. Wer Gott liebt, überwindet die Welt
Es ist eigentlich nicht sehr viel anders als der zweite Punkt. Denn die Welt ist das, wo die Sünde herrscht. Wer die Welt überwindet, der bleibt in der Liebe Gottes, die sich auch im Leben nach den Geboten Gottes ausdrückt. Wer die Welt überwindet, der entzieht sich dem Machtbereich der Sünde.

Das heißt konkret, dass wir das nicht mitmachen, wenn Sünde bagatellisiert wird. Ladendiebstahl oder Bestechungen oder Gewalt werden unter uns fast alltäglich. Die Auflösung der Ehe vollzieht sich vor unseren eigenen Augen. Oder Abtreibungen wurden legitimiert.
Es ist für Christen eine Erfahrung, die sie lange nicht so massiv gehabt haben, nämlich dass das staatliche Gesetz sich nicht mehr durchweg an den christlichen Werten orientiert. Und auch die sogenannte bürgerliche Moral vertritt durchaus nicht mehr die biblischen Werte.

Genau das ist für Johannes die „Welt.“ Welt ist das, was „man“ denkt, was die Menschen auf der Straße für nicht schlimm halten, für normal, das, was gang und gäbe ist. Das ist Welt.

Nun sagt Johannes: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Das ist keine Gesetzlichkeit, sondern Vertrauen in Gottes Weg. Wer glaubt, hat schon gewonnen. Der steht schon in dem Sieg drin. Er lebt darin, dass Christus für ihn diesen Sieg erkämpft hat. Er ist von innen heraus neu geworden und tut nun „automatisch“ das, was die Gebote Gottes auch sagen. Doch immer wieder schaut er danach und prüft er sich, ob er auch im Glauben geblieben ist.

Wer sich aber etwa davon weg verirrt haben sollte, der soll schauen, wie er sich die Liebe zu Christus wieder neu schenken lässt. Und wir haben die dauernde Aufgabe, einander in dem Leben mit Christus zu stärken. Dann kann Christus selbst handeln. So kann Glaube entstehen, so kann Liebe entstehen, und nur so gibt es Sieg über die Welt. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)                                    

  

Senden Sie E-Mail mit Material, Fragen, Kommentaren etc. zu dieser Website an: webmaster@betsaal.com          Stand: 21. März 2004

Impressum