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Gottesdienst an
Karfreitag, 9. April 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über 2.
Korinther 5, 14b-21.
Heute habe ich Ihnen eine schwere Nachricht zu überbringen: Ich muss
meinen Konkurs mitteilen. Das ist schwer und ändert alles.
Und von diesem Konkurs sind viele betroffen. Er zieht auch andere mit in
die Mitleidenschaft.
Auch Sie sind davon betroffen. Es ist nicht nur mein, sondern auch Ihr
Konkurs.
So ähnlich beschreibt die Bibel auch unsere Lage vor Gott.
Zahlungsunfähig! Aber deshalb schickte Gott seinen Sohn, Jesus Christus.
Er hat uns unsere Schuld abgenommen.
Paulus beschreibt das so (1. Korinther 5, 14-21)
14b Wenn einer für alle
gestorben ist, so sind sie alle gestorben.
15 Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht
sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden
ist.
16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch
wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch
jetzt so nicht mehr.
17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte
ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
18 Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch
Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.
19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und
rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das
Wort von der Versöhnung.
20 So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch
uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott!
21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht,
damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Hier ist ein wesentliches Stück unseres Glaubens sehr kurz
zusammengefasst. Es geht um unseren persönlichen Konkurs. Aber dann auch,
wie dieser Konkurs unerwartet aufgefangen wird.
Ein Konkurs beschäftigt Menschen ungeheuer. Schon wenn es nur um Geld
geht. Es ist eines der größten Probleme, die Menschen umtreiben. Niemand
ist zu wünschen, dass er einmal in eine solche Lage kommt. Aber ich stelle
mir vor, dass man dann bei Tag und bei Nacht fast nichts anderes mehr
denken kann. Jede kreative Idee wird gewissermaßen im Keim erstickt. Die
Lebenskräfte werden gelähmt. Der ganze Körper und die Seele verkrampft
sich. Man ist zu nichts Rechtem mehr fähig.
Aber unser Konkurs Gott gegenüber betrifft nicht nur Geld und Materielles,
sondern unsere ganze Person. Total am Ende. Noch schwieriger als ein
finanzieller Konkurs. Das ist, wie wenn einem Baum die Wurzeln und Äste
abgesägt werden und nur noch der Stamm übrig bleibt. Da bleibt nur noch
das Verdorren übrig. Jedenfalls, wenn wir auf unsere eigenen Möglichkeiten
schauen.
Doch weil Jesus für uns die Schuld getragen hat, ist eine neue Situation
für uns da. Paulus macht daran an dieser Stelle überhaupt nicht lange
herum. Das steht für ihn fest. Die alte Geschichte gilt nicht mehr. Die
ganze Last ist vorbei. Die Lähmungen sind weg. Totes ist wieder lebendig
geworden. Es gibt eine neue Lebensgrundlage und neue Lebensziele.
Was Paulus aber an dieser Stelle beschäftigt, ist die Folge daraus: Was
heißt das dann, wenn diese ganze Last weggenommen ist? Wenn der Konkurs
abgewendet ist? Was sind für mich die persönlichen Konsequenzen aus dem
stellvertretenden Sühnetod Jesu?
1. In Christus sein heißt, versöhnungsbereit sein
Die Versöhnung gilt auf zwei Ebenen: Gott gegenüber und den Menschen
gegenüber.
Versöhnung Gott gegenüber: Was Gott getan hat, ist überwältigend. Das ist
keine Nebensache für ihn gewesen. Er hat die ganzen Beleidigungen, die man
ihm angetan hat, überwunden, vergessen, sie hinter sich gelassen. Und wenn
wir dran denken, wie groß die sind. Wie Menschen mit Gott umspringen.
Alles das, ist er bereit, zu vergeben. Deswegen hat er Jesus geschickt.
Gott streckt seine Hand nach uns aus. Aber was um alles in der Welt reitet
uns denn, dieses Angebot nicht sofort anzunehmen? Paulus macht es
dringend: Nehmt bitte dieses Angebot an! Ihr könnt doch nicht Gottes Ja
zurückweisen. Besteht darin das harte Geschäft des Apostels: Gottes
Gratis-Angebot anzubieten und erleben zu müssen, dass es viele nicht
wollen. Nun kämpft er und weist es nochmals nach: Die Geschichte ist echt.
Nicht gefälscht. Nehmt das Angebot doch an! Versöhnung gegenüber Menschen:
Ein Christ aus Neuseeland berichtet, wie er zum Gottesdienst ging und an
einer Abendmahlsfeier teilnehmen wollte. Als er zum Altar nach vorne
gegangen und wie üblich niedergekniet war, sah er sich plötzlich neben
einem Mann, der vor wenigen Jahren seinen Vater erschlagen hatte und dem
er damals den Tod geschworen hatte. Er konnte die Situation nicht
aushalten. Die Rachegedanken überkamen ihn mit furchtbarer Gewalt. Da
musste er wieder aufstehen und ging zurück an seinen Sitz.
Von dort schaute er nach vorne. Da fiel ihm ein Bibelwort ein, er glaubte
es wie eine innere Stimme zu hören: „Daran wird jedermann erkennen, dass
ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt (Joh13,35). Da
tauchte vor seinem inneren Auge weiter das Wort Jesu auf: „Vater, vergib
ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Überwältigt von dem was Jesus
für ihn getan hatte und bereit zu eigener Vergebung kehrte er an den Altar
zurück.
„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist
vergangen, siehe, Neues ist geworden.“
Bereit sein zur Versöhnung im Alltag. Paulus sagt: Wir leben nicht mehr
uns selbst, sondern für Jesus, der für uns gestorben und auferstanden ist.
In meinem Alltag bin ich also sein Vertreter. Ich vertrete gar nicht meine
eigenen Interessen, sondern seine.
Gott hat selber angefangen mit der Versöhnung. Er hat uns nicht durch
Jesus neue Forderungen zustellen lassen. Die Reihenfolge ist zu bedenken:
Gott hat uns mit sich selber versöhnt und unter uns aufgerichtet das Wort
von der Versöhnung. Das schafft uns Menschen neu, und wir können uns auch
mit unseren Mitmenschen versöhnen. So versöhnt uns Gott zur Liebe im
doppelten Sinn: Er schafft damit ein neues Verhältnis zwischen sich und
uns, aber er will auch ein neues Verhältnis unter uns Menschen.
2. Gottes Versöhnung schafft neue Menschen
Wir sind auch versöhnt zu einem Neuen Leben. Nicht nur dem Namen nach,
sondern wirklich neu. Was von uns aus nicht möglich ist, macht Gott, und
schafft uns ein neues Herz; so hat es schon der Prophet Hesekiel
angekündigt: Ich will ihnen ein neues Herz und einen neuen Geist geben und
will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein
fleischernes Herz geben (Hes 36, 26).
Die Suche nach Erneuerung ist uralt. Neue politische Ideen, neue
philosophische Versuche. Das durchzieht die Geschichte der Menschheit wie
ein roter Faden. Immer wieder ein Einsatz mit ungeheurem Ernst und großer
Hingabe. Immer wieder sind sie gescheitert, weil es an den Menschen
scheiterte. Das ist die große Tragik der Weltgeschichte.
Und das ist auch gegenwärtig die Idee beim radikalen Islamismus: Man
beseitige das Böse mit Gewalt - oder das, was man als das Böse ansieht -.
Auch wenn dabei viel Leid geschieht und wenn viel Blut fließt: Es lohnt
sich, denn danach wird alles besser. Danach, wenn der weltweite
Gottesstaat aufgerichtet ist, dann ist Friede und Ruhe. Das ist die
grundlegende Idee.
Aber unser christliche Antwort ist: Diese Idee funktioniert nicht. Darum
hat Gott mit Jesus den völlig anderen Weg eingeschlagen. Er beseitigt
nicht die Bösen, damit das Gute überleben soll.
Sondern Jesus als der Gerechte hat die Strafe der anderen getragen. Und er
hat nicht aufbegehrt und gesagt: Das ist aber ungerecht! Sondern er hat
hingenommen. Nun wäre er wirklich der Allerletzte gewesen, der solche
Strafe hätte tragen müssen. Denn er war ohne Sünde.
Weil Jesus die ungerechte Strafe ertrug, ist die Strafe schon verbüßt. Das
macht unser Herz neu. Wir müssen sagen: Dann kann ich doch nicht auf mein
vermeintliches Recht pochen, wenn sogar Jesus auf sein Recht verzichtet
hat.
3. Gottes Versöhnung macht uns zu Botschaftern
Viele Menschen stellen sich vor, dass Gott ihnen persönlich erscheinen
müsse, wenn sie schon auf ihn eingehen sollten. Natürlich wäre das Gott
nicht unmöglich. Er könnte mit jedem direkt reden, wenn er wollte. Gewiss
müsste das sogar sehr erfolgreich ausgehen.
Aber so macht es Gott unbegreiflicherweise nicht. Auch hier geht er einen
schwachen Weg. Er kommt nicht selbst in einer Art Gottesurteil, sondern er
schickt bloß andere Menschen. Sie haben keine besonderen himmlischen
Kennzeichen, keinen Heiligenschein. Der einzige Ausweis, den die Leute
lesen können, ist ihr Leben. Und diese Diener sollen das alles erzählen,
was Jesus für uns getan hat. Sie sollen die Einladung Gottes weitergeben.
Karfreitag ist diese Einladung. Wir dürfen wieder mit ihm zusammen sein.
Die Botschafter Christi haben nichts weiter anzubieten als diese
Einladung. „Komm, und sieh selbst!“ Und wer diese Einladung annimmt, der
wird selbst Einladender, denn er wird von Jesus umgestaltet zu einem neuen
Menschen und damit auch zu einem Botschafter.
So will Gott, dass wir uns von seiner Versöhnung erfassen lassen, dass wir
dann aber auch versöhnungsbereit sind, neue Menschen werden und zu
Botschaftern der Versöhnung werden. Amen
(Pfr. Dr. K. Knauß)
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