Gottesdienst am
Judica, 28. März 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr,
Predigt über Hebräer 5, 7-10
Wenn wir die Bibel
hören oder lesen, dann ist uns das meiste schon vertraut. Wir kennen es
schon irgendwie; aber die Predigt soll es so sagen, als hörten wir es das
allererste Mal. Gottes Wort soll uns neu werden und unmittelbar. Gott will
jeden Sonntag und jeden Werktag neu zu uns sprechen. Der Hebräerbrief
hilft zu diesem völlig neuen Sich-Öffnen und Hinhören. Denn er hat einige
Überraschungen für uns. Er sieht Jesus mit den Erfahrungen eines jüdisch
aufgewachsenen Menschen, mit solchen Augen und Ohren, die mit dem alten
Bund vertraut sind. Er bringt uns die menschliche Seite Jesu sehr nahe,
ebenso aber auch seine Gottheit.
Jesus Christus ist höher als die Engel, höher als Mose, und er ist der
wahre und eigentliche Hohepriester. Dann wird er in die Geschichte des
Alten Bundes hineingestellt - eine wahre Fundgrube für neue Zugänge und
Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament. Der Hebräerbrief sagt es
in eigenen Worten, aber inhaltlich übereinstimmend mit den Evangelien:
Trotz seiner Größe hat Jesus die tiefsten Leiden erlebt, die ein Mensch
durchmachen muss. Das wird uns heute geschildert:
[Hebr. 5, 7-10]
7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit
lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten
konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.
8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam
gelernt.
9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der
Urheber des ewigen Heils geworden,
10 genannt von Gott ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks.
Unser Retter Jesus Christus hat
1. Gehorsam gelernt
2. Die Hölle erfahren
3. den Himmel erschlossen
1. Er hat Gehorsam gelernt
Wenn es um das Lernen geht, fühlen sich meist jüngere Menschen
angesprochen. Sie müssen in der Schule und in der Berufsausbildung lernen.
Das ist sozusagen ihre Hauptaufgabe: Sich neues Wissen und Können
anzueignen. Und unsere Erfahrung ist, dass wir damit nicht nur Wissen
anhäufen, sondern auch in unserer Persönlichkeit Fortschritte machen.
Lernen verändert uns.
Oder ich erzähle von mir: Auch ich habe in Wilhelmsdorf sehr vieles zu
lernen: Ich lerne immer noch neue Menschen kennen, ich muss Namen und
Gesichter zusammenkriegen. Das fällt mir nicht leicht. Immer wieder muss
ich hier dranbleiben. Und ich muss auch die Wesensart verstehen lernen.
Jeder einzelne ist wieder etwas anders. Menschen zu begleiten macht es
nötig, dass ich mich in Sie hineindenken, hineinempfinden kann. Das geht
nicht automatisch, sondern erfordert auch bewussten Einsatz. Ich mache
auch die Erfahrung, dass auch dieses Lernen in mir etwas verändert. Ich
bleibe nicht der, der ich war. Kurz: Das Lernen und Üben und sich auf
etwas Neues einstellen gehört zu uns Menschen wie das Atmen und der
Herzschlag.
Nun habe ich nicht das Ziel, für geistige Fitness zu werben, oder dass
müde Schüler wieder eine neue Motivation erhalten. Sondern ich sage das
deshalb, weil es zu unserem Menschsein gehört.
Viele denken, bei Jesus sei das anders gewesen. Er sei über alle
Niederungen erhaben. Als Sohn Gottes, so könnte man weiter denken, da
hätte er alles schon mitgebracht, wie in einem fertigen Paket, das er aus
dem Himmel mitgebracht hat.
Aber die Bibel schildert ihn uns nicht so abgeschlossen, so komplett; auch
wenn das für manche fast wie ein Sakrileg wirkt. Ganz Mensch, nicht nur
scheinbar. Wirklicher und ganzer Mensch. Natürlich hat er als Zimmermann
lernen müssen, wie man mit Holz umgeht, wie man es behaut und wie man es
zu einem stabilen Bauwerk zusammenfügt. Er hat auch ähnliche Gefühle
durchgemacht wie wir, er hatte Anfechtungen, Sorgen, Nöte. Er war traurig,
er musste weinen. Beim Weinen kommen wir ja an unsere Grenzen, da wissen
wir nicht mehr weiter. In dem allem musste Jesus lernen, sich auf Neues
einstellen, das er nicht von vornherein plante und dachte.
Es ist ungewöhnlich, so von Jesus zu reden und zu denken. Und das ist auch
die einzige Stelle im Neuen Testament, wo von Jesus gesagt wird, dass er
gelernt hat. Wir stellen ihn uns meist so vor, dass er auch als Mensch von
Anfang an alles wusste und alles konnte, als ob er von Anfang an über
allem stand. Aber wie gesagt: So wird er im Neuen Testament nicht
geschildert.
Sehr konzentriert war das in seinem Kampf im Garten Gethsemane, in seinem
betenden Ringen mit sich selbst und mit seinen Gefühlen und im Gespräch
mit seinem Vater. Das Schlimmste stand ihm ja noch bevor: Der Prozess, die
Geißelung und die Kreuzigung. Im Garten Gethsemane hätte er noch
ausweichen können. Er hätte noch zu seinen Jüngern sagen können: Wir gehen
anderswohin. Doch er blieb. In diesem Kampf hat er Gehorsam gelernt. Das
alles wird der Schreiber des Hebräerbriefes vor Augen haben, sehr
anschaulich: Bitten und Flehen, lautes Schreien und Tränen. Und indem er
Gehorsam lernt, kommt er zur inneren Klarheit und geht den Weg mit, wie
ihn sein Vater will.
2. Er hat die Hölle erfahren
Eines ist unverständlich: Da heißt es, dass Jesus erhört worden sei.
Und dabei hat doch Gott den Kelch nicht von ihm genommen, wie Jesus
gebeten hat. Der Tod wurde gerade nicht abgewendet! Wie kann es dann
heißen, dass er erhört worden sei?
Versuchen wir, uns in die Situation hineinzudenken. Was war eigentlich das
Schlimme? Sicher war es die Angst vor den Qualen des Leidens und Sterbens
und vor der entsetzliche Entehrung. Aber es wird wohl tiefer gewesen sein.
Nicht nur die Angst vor dem, was er an körperlichen Nöten durchzumachen
hat, sondern auch was im geistlichen Bereich geschieht. Das war doch nicht
irgendein Leiden. Sondern in diesen Stunden entschied sich das Schicksal
der Menschen. Niemand konnte diese Last auf sich nehmen als Jesus. Es ist
eine singuläre Situation wie bei der Schöpfung. Unwiederholbar. Entweder
die Neue Schöpfung wird kommen, oder, wenn Jesus ausweicht, wird sie nicht
kommen. Bei ihm liegt die Entscheidung. Eine Entscheidung von so
weitreichender Bedeutung, wie sie sonst von keinem Menschen zu treffen
ist.
Jesus hatte ja schon seit einiger Zeit sein Leiden vorhergesagt. Die Lage
kam nicht unerwartet. Aber es ist damit zu rechnen, dass er darüber auch
Zweifel bekam: Könnte es nicht sein, dass er sich bei dieser Sache
täuscht? Kann das zusammenpassen, dass er für das Heil der Welt sterben
muss? Dieser geistliche Kampf wird Jesus auch umgetrieben haben.
Und weiter: Nimmt da nicht Gott die Werkzeuge des Teufels in die Hand? Und
wird mit ihm verwechselbar?
Jesus macht die Hölle durch. Das ist die Hölle, nicht mehr recht zu
wissen, wer Gott und wer der Teufel ist! - Und Gottes Willen und den
Willen des Teufels nicht mehr unterscheiden zu können.
Denn es ist doch etwas Ungeheures: Ausgerechnet beim Tod Jesu waren sich
Gott und der Teufel einig. Jesus sollte sterben. Der Teufel wollte ihn
beseitigt haben, Gott wollte, dass er für die Sünden der Menschen stirbt.
Und mittendrin war Jesus. Von Gott verlassen. Alleingelassen in der
größten denkbaren Anfechtung. Und man hört fast schon den Ruf am Kreuz:
Eli, Eli, lama asabtani. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
verlassen?
Jesus war zwar Gottes Sohn. Trotzdem hat er diesen Kampf durchgemacht und
zum Gehorsam gefunden.
3. Er hat den Himmel erschlossen
In der Welt gilt normalerweise das Recht des Stärkeren. Bei Jesus
wurde dieses Gesetz durchbrochen. Er hat nicht durch Gewalt und Macht
gesiegt, sondern indem er sich aus der Hand gab, indem er Gewalt an sich
zuließ und den Tod hinnahm, auch wenn er ungerecht war. Er war seinem
Vater gehorsam.
Bonhoeffer sagt: Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame
glaubt.
Gehorsam ist besonders dann gefragt, wenn man nicht darüber steht, wenn
man in einer Schwäche-Position ist. So hat in erster Linie Jesus gelebt:
Als der Gehorsame, der Gott vertraute.
Dann kommt noch ein Stichwort zum Abschluss: Der Hohepriester.
Den Himmel zu erschließen, das ist die Funktion und Aufgabe des
Hohenpriesters. Diese Aufgabe hat Jesus übernommen. Er gibt Festigkeit,
Sicherheit und Zuversicht; und vor allem bringt er uns mit Gott wieder in
Verbindung, wo wir die Verbindung aufgegeben haben.
Wir dürfen im Leben und im Sterben daran festhalten: Er, Jesus, hat uns
durch seinen Gehorsam und den Weg seines Leidens den Weg in den Himmel
aufgemacht. Und weil es an ihm liegt, muss ich diesen Weg nicht selbst
noch einmal neu erschließen. Es ist sein Werk, und nicht unseres, darum
ist es fest und sicher. Amen!
(Pfr. Dr. K. Knauß)