Gottesdienst am Sonntag Reminiszere, 7. März 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Römer 5, 1-5

Es gibt Menschen, bei denen läuft im Leben anscheinend alles völlig glatt, sozusagen nach Plan. Erziehung und Schulbildung glänzend, Prüfungen optimal, Berufsausbildung ohne irgendwelche besonderen Vorkommnisse, Heirat irgendwann zwischendrin - Ehepartner angemessen, dann natürlich auch Kinder und Enkel, beruflicher Aufstieg wie im Bilderbuch. Bei wenigen geht das alles so reibungslos, aber vermutlich sehnen sich die meisten danach; irgendwie wünschen wir uns unser Leben ohne größere Störungen. - Alles paletti!

Für Christen ist nun Jesus ein Vorbild. Wir sollen seinen Fußstapfen nachgehen. Und bei ihm hat es nicht so störungsfrei ausgesehen. Die „Störungen“ waren sogar das Wesentliche, und sie sind für uns zum Heil. Die Frage ist dann, ob das auch für uns etwas zu bedeuten hat?

Natürlich ist nicht jede Störung automatisch gut und richtig. Bei Jesus hatten sie mit seinem Auftrag zu tun. Weil er mit dem Willen seines Vaters eins war, musste es zu Zusammenstößen mit anderen kommen.

Wir haben es uns angewöhnt oder es ist uns durch jahrelange Übung in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir in der Passionszeit innerlich mit Jesus mitgehen, sozusagen als seine Begleiter; dass wir an seinem Leiden Anteil nehmen, dass wir uns mit hineinnehmen lassen. Das könnte ein Hinweis sein, dass in unserem Leben die entscheidenden Dinge dort geschehen, wo wir nichts verstehen, wo wir sogar Gott nicht verstehen, wo wir anders geplant und anders erwartet haben.

„Den Menschen ausgeliefert“. Das ist seit langem das Thema des heutigen Sonntags. Wir haben die Predigttexte für unsere Gottesdienste gewissermaßen in einer „liturgischen Erbfolge“ übernommen, die viele Jahrhunderte alt ist. Dieses Thema für heute wird besonders in dem Evangelium aus Markus 12 deutlich, dem Gleichnis von den bösen Weingärtnern. In dem Gleichnis ist der Weingärtner natürlich Gott; und als alles andere nichts half, hat er seinen Sohn geschickt. Ihn haben sie dann umgebracht. Jesus wurde den Menschen ausgeliefert.

Es ist ja eigentlich erstaunlich, dass wir das Thema unserer Sonntage normalerweise nicht von der Weltlage bestimmen lassen, oder von der sozialen Lage unseres Landes oder von der finanziellen Lage unserer Gemeinde, der Brüdergemeinde. Auch wenn wir das hier und da tun, dann ist das doch nicht unser Hauptprogramm.

Wir lassen uns also auf die Tagesordnung Gottes ein. Wir verschweigen nicht, dass sie oft in Spannung steht zu unserer eigenen Tagesordnung. Aber ich glaube, dass diese Spannung unser Leben interessant macht, interessant machen soll.

Ich verlese den Predigttext für heute. Es ist wie ein Wort, von außen an uns herangetragen, damit wir‘s mit unserem eigenen Leben in Beziehung setzen. Sind das eigentlich unsere Fragen?
[Römer 5, 1-5]

1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus;
2 durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.
3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, daß Bedrängnis Geduld bringt,
4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,
5 Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.


Ich setze zwei Überschriften:
1. Frieden mit Gott
2. Von der Not zur Hoffnung


1.Frieden mit Gott
Böse Zungen behaupten, dass die Christen Fragen beantworten, die niemand stellt. Wen bewegt es schon, ob er Frieden mit Gott hat?

Beim Stichwort Frieden bewegt die Menschen hauptsächlich dreierlei:
a) Ist Friede in mir, in meinem Herzen,
b) ist Friede in meiner Familie und Nachbarschaft,
und c) ist Friede in der Gesellschaft und in der Welt.

Friede in mir: Das heißt, Komme ich mit mir selbst zurecht? Bin ich Psychisch mit mir im reinen?

Friede in Familie und sozialem Umfeld: Gibt‘s Krach? Oder kommen wir miteinander zurecht?

Friede in Gesellschaft und Welt: Schweigen die Waffen? Ist Terror kein Thema, oder bestimmt er unsere Sorgen?

Diese Fragen bewegen die Menschen, wenn sie an Frieden denken. Können wir uns dann auf das ganz andere einlassen: Frieden mit Gott - wenn doch diese Frage die meisten Menschen nicht bewegt
Aber das ist eng mit dem Frieden Gottes verbunden. Paulus beschreibt im Römerbrief, dass die tiefsten Probleme, die wir Menschen haben, eigentlich Probleme mit Gott sind. Sie sind die eigentliche Wurzel aller unsrer anderen Probleme. Und es ist überhaupt nicht möglich, unsere Fragen zu lösen ohne an diese Wurzel zu gehen.

Ich hatte vor einiger Zeit das Problem, dass am Bein etwas pelzig wurde. Ich ging zum Arzt und dachte eigentlich, das Problem müsse am Bein liegen. Aber der Arzt sagte mir, die Ursache liege ganz woanders. Bei einer Bandscheibe sei etwas nicht in Ordnung. Dort müsse ein Nerv eingeklemmt sein. Der Kern des Problems lag also nicht dort, wo es weh tat.

So ähnlich ist es mit der Sache mit Gott auch. Es ist nicht unmittelbar erkennbar, dass unser Verhältnis zu ihm sich sehr zentral auf andere Fragen auswirkt.

In Europa soll eine neue Verfassung entstehen, auch wenn sie zunächst einmal noch verschoben wurde. Aber im bisherigen Entwurf tauchte in der Präambel nichts von Gott auf.

Doch wenn wir die Sache nicht von Gott her ordnen, bekommt auch die Gesellschaft kein rechtes Gesicht. Die Menschen handeln sich um so mehr Probleme ein, je mehr sie Gott aus dem Auge verlieren. Weil wir Christen überzeugt sind, dass unser Verhältnis zu Gott ungeheure gesellschaftliche und politische Auswirkungen hat, darum brauchen wir in der Verfassung einen Hinweis auf Gott.

Der Hauptpunkt bleibt: Wie kommen wir mit Gott klar. Und das geht nur durch Jesus. Er hat uns den Zugang zu Gott eröffnet.
Ich muss gestehen, dass mir die Vorstellung schwer fällt, dass der Zugang zu Gott verbaut sei; als hätte sich Gott in Mauern eingeschlossen und wolle von keinem Menschen etwas wissen. Aber dann schaue ich in das Alte Testament. Da wird beschrieben, wie Gott auf dem Berg Sinai die 10 Gebote an Mose übergibt. Und dann heißt es, dass niemand den Berg betreten darf, sonst muss er sterben. Dem heiligen Gott darf kein unreiner Mensch begegnen. Auch später darf nur ein einziger Mensch einmal im Jahr in das Allerheiligste des Tempels, in die unmittelbare Nähe Gottes, nämlich der Hohepriester. Da wird es klar: Der heilige Gott und der unheilige Mensch, das passt nicht zusammen.

Doch durch Jesus haben wir freien Zugang. Nicht, weil wir bessere Menschen wären als die damals. Sondern weil Jesus diese unheimliche Grenze zwischen uns Menschen und Gott weggetan hat.

2. Von der Not zur Hoffnung
Seit einigen Wochen ist unser Enkel oft bei uns in der Wohnung. Unsere Wohnung aber nicht mehr so recht kindersicher. Wir hätten sehr viel umräumen müssen, wenn wir das hätten machen wollen. Diese Situation scheint für den kleinen Noel besonders reizvoll zu sein. Denn am liebsten geht er an die Tasten von irgendwelchen Apparaten, oder er möchte die Schranktüren aufreißen und das Geschirr herausziehen. Was denken Sie, wer da schuld wäre, wenn er einen Schaden anrichtet? - Natürlich die Erwachsene, Eltern oder Großeltern. Denn die müssen‘s wissen. Ein kleines Kind kann es nicht wissen. Und dass ihm Grenzen gewiesen werden, hat seinen guten Sinn.

So setzt Gott auch uns Grenzen. Wir finden sie zwar lästig. Aber der Schaden wäre erheblich, wenn er uns freien Lauf lassen würde. Not und schwere Erfahrungen gehören zu diesen Grenzen. Bedrängnis heißen sie hier.

Paulus sagt, dass wir uns dieser Bedrängnisse rühmen. Das geht uns gegen den Strich. Aber geheimnisvollerweise hat das, was wir doch gar nicht leiden können, auch etwas mit Gott zu tun. Denn durch diese Bedrängnisse hält er uns in der Spur der Nachfolge. Es ist ein rätselhafter Gott, den wir im scheinbaren Widerstand gegen uns kennenlernen. Wir haben den Eindruck, er kämpfe gegen uns; und dabei sorgt er doch für uns, nur verstehen wir‘s nicht recht.

Es ist nicht so, dass es dem Frommen immer gut gehen müsse. An dieser Meinung haben sich schon manche Fromme des Alten Testaments wund gerieben, Hiob und seine Freunde, dann manche Beter von Psalmen. Leid und Bedrängnisse widerlegen einen naiven Glauben, den wir uns zurechtgelegt haben, dass es uns immer gut gehen müsse. Und unser Glaube reift daran, wenn er Dingen begegnet, die er nicht versteht und nicht einordnen kann.

Nicht weil diese Bedrängnisse gut wären, freut sich Paulus über sie; sondern weil er das Ziel der Pädagogik Gottes sieht. Dieses Ziel ist mit Geduld, Bewährung und Hoffnung beschrieben.

Allerdings könnte die Pädagogik Gottes auch denebengehen. Es könnte auch sein, dass sich Menschen von Gott abwenden, weil sie mit schweren Erfahrungen nicht zurechtkommen.

Darf ich so sagen: Gott geht ein hohes Risiko ein, wenn er uns Widerstände entgegenstellt. Aber nur so kann sich unser Glaube bewähren und zur Hoffnung kommen. Amen.
 

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

Senden Sie E-Mail mit Material, Fragen, Kommentaren etc. zu dieser Website an: webmaster@betsaal.com         

Impressum