Gottesdienst mit Taufe an Invokavit, 29. Februar 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Hebräer 4, 14-16

Überall, wo ich während meiner Ausbildung oder im Pfarramt oder als Lehrer war, habe ich Menschen gefunden, mit denen ich zusammen im Glauben leben konnte. Aber zu den meisten konnte der Kontakt nicht gepflegt werden. Hier und da taucht dann plötzlich und unerwartet wieder jemand auf.

Eigentlich ist es ein Kennzeichen des Alters, wenn man von früheren Wohnorten erzählt, von Menschen, mit denen man einst befreundet war. Ich fühle mich trotzdem noch nicht alt.

Was mich am meisten erschüttert hat, sind ehemalige Freunde, die im Glauben verunsichert wurden oder Abschied von ihm genommen haben. Fragt man nach den Gründen: Harte Lebenserfahrungen, Krankheiten, oder Erfolg. Manchmal hat es mich wochen- oder monatelang umgetrieben: Herr, wie konnte es sein, dass der einfach von dir weggelaufen ist?

Auch bei den ersten Christengemeinden gab es schon Menschen, die mit ihrem Glauben nicht zurechtkamen oder unsicher wurden. Der Hebräerbrief kennt etwas von diesem Hintergrund. Da ist keineswegs alles selbstverständlich geblieben. Der Glaube der Christen hat schon einiges an Stürmen und Anfechtungen durchlebt.

Deswegen rüttelt der Brief die Christen auf: Bleibt dran am Glauben. Lasst euch nicht in eurem Weg irremachen.

Das Anliegen im Hebräerbrief ist damit allerdings noch nicht ganz getroffen. Sondern Jesus soll im Mittelpunkt stehen, seine Herrlichkeit, seine Größe.

Hebr 4,14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Der hat einen Vettern im Himmel, sagen wir manchmal, wenn jemand durch gute Beziehungen irgendeinen Vorteil erlangt hat. Und mit einem gewissen Neid denken dann viele: Das hätte ich auch gerne.

Jesus ist mehr. Er denkt an uns nicht erst, wenn wir einen Bettelbrief schicken. Sondern er weiß um uns schon vorher.

Sein ganzes irdisches Leben und Wirken war um unsertwillen, so sagt es das Neue Testament. Das Besondere am Hebräerbrief: Er beschreibt das in vielen alttestamentlichen Bildern und Bezügen vor allem für Menschen, denen das Alte Testament vertraut ist.

1. Jesus als Hoherpriester
Ein Hoherpriester vermittelt zwischen Gott und Menschen. Er tritt vor Gott für die Menschen ein, um ihnen Zugang bei ihm zu verschaffen. Vermitteln ist ein hartes Geschäft. Wenn Sie schon einmal versucht haben, zwei Menschen, die sich streiten und nicht mehr verstehen können, zu versöhnen, dann können Sie das nachvollziehen. Oder schauen wir nach den Erfahrungen in der hohen Politik.

In Haiti tobt der Bürgerkrieg. Präsident Aristide ist verhasst. Man wirft ihm Machtmissbrauch und Korruption vor, und ferner, eine Diktatur anzustreben. Deshalb möchte ihn eine Rebellenarmee gewaltsam vertreiben. Eine internationale Vermittlung wollte den Weg der Gewalt vermeiden und entsprechende Lösungsvorschläge gemacht. Aber die Rebellen können oder wollen diesen Weg nicht mitgehen. Wir wissen noch nicht, was sich schließlich durchsetzen wird. Aber dass die Vermittlung zwischen verhärteten Positionen nicht einfach ist, das kennen wir.

Die Spannungen zwischen sozialen Gruppen oder politischen Gegnern können immens sein. Aber zwischen Gott und den Menschen sind die Fronten noch mehr verhärtet. Nach der Bibel ist diese Vermittlung das Hauptproblem der Welt. Jesus ist eingesprungen. Das ist gemeint, wenn er hier als Hoherpriester bezeichnet wird.

Viele Menschen sehen die Hauptprobleme anderswo. In der sozialen Ungleichheit, im Kampf zwischen Männern und Frauen, in der Überbevölkerung, Nahrungsmittelknappheit, Energieknappheit...

Diese Fragen sollen nicht kleiner gemacht werden. Doch die biblische Rangfolge ist anders. Die Störung zwischen den Menschen und Gott ist das Hauptproblem. Darum ist Jesus in erster Linie deswegen gekommen. Er als einziger konnte das lösen. Der bisherige Weg im Alten Bund konnte es nicht, auch nicht andere Lösungsversuche, andere Religionen oder Kulte, erst recht nicht die Gleichgültigkeit. Jesus ist der wahre und echte Vermittler zwischen Gott und Mensch, er, der Sohn Gottes.

Er hat die Himmel durchschritten. Diese dunkle Andeutung ist wohl so gemeint: Dort ist er allen Mächten und Gewalten begegnet. Niemand konnte ihn in seinem Weg der Erlösung aufhalten. Und als er am Kreuz starb, da siegte er über Sünde, Tod und Teufel.

Er ist höher als Mose, höher als die Engel; ihn bekennen wir in unserem Glauben.

2. Festhalten am Bekenntnis
Heute haben die Meinungsforscher wieder einmal ihren großen Tag. Wenn die Wahl in Hamburg zu Ende ist, dann sind sie für einige Augenblicke die gefragtesten Leute in Deutschland. Vor einigen Jahren war die bekannteste aus dieser Zunft der Demoskopen Elisabeth Noelle-Neumann, die Päpstin der Meinungsforscher. Man erlebte sie meist nach Bundes- oder Landtagswahlen bei Wahlanalysen im Fernsehen.
Ihre ganze Lebenserfahrung mit der Meinung der Menschen hat sie in einem Buch zusammengefasst mit dem Titel „Die Schweigespirale“. Sie beschreibt darin das geheimnisvolle Verhalten der Menschen in der Öffentlichkeit. Die meisten Menschen, so hat sie beobachtet, trauen sich nicht, ihre Meinung öffentlich zu sagen. Sie halten mit ihrer Meinung hinter dem Berg. Aber dann, wenn sie meinen, die anderen würden mehrheitlich genauso denken wie sie, dann trauen sie sich, ihre Meinung klar auszusprechen. Am liebsten sind die Menschen bei der Mehrheit. Diese Tatsache zeigt sich besonders bei Politischen Wahlen. Die Menschen fürchten sich so sehr davor, Außenseiter zu sein, dass sie bei den Wahlen zu den Gewinnern gehören möchten. Wenn sie den Eindruck haben, dass die Partei, die sie eigentlich wählen wollen, verlieren wird, dann schwenken viele Menschen um und wählen den voraussichtlichen Gewinner. Sie wollen einfach gerne mit auf die Seite der Sieger gehören.

Wir werden aufgefordert, am Bekenntnis festzuhalten. Das bedeutet: Wir sollen ja nicht umfallen, wenn die anderen anders denken. Dass Jesus der Sieger ist, der Herr der Welt, das ändert sich nicht, wenn die Mehrheit anders denkt. Gewiss, die Leute sind wetterwendisch. Heute rufen sie Hosianna, und morgen Kreuzige. Aber wir sollen sagen, wer er ist, und wir sollen das bekennen.

Es ist ein großer Fehler, wenn die Christen nur dort von ihrem Herrn reden und ihren Glauben bekennen, wo sie unter Gleichgesinnten sind. Aber das Bekenntnis ist nicht nur ein Nachsagen von längst Bekanntem. Es erfordert auch Erfindungsreichtum in neuen Situationen. Ein schnelles Bekenntnis wirkt oft wie ein Angriff und lockt den Gegenangriff hervor. Darum ist es ein Gottesgeschenk, wenn man die richtigen Worte findet.

Das gilt z.B. für Schüler, wenn ihnen in der Klasse der Gruppendruck entgegensteht. Wie ist das, wenn die anderen sich gegen den christlichen Glauben äußern? Dann steht man sehr hilflos da und braucht Weisheit von Gott.

3. In allem versucht wie wir, doch ohne Sünde
In Matthäus 4 wird von der Versuchung Jesu berichtet. Diese Stelle wäre als Schriftlesung heute verlesen worden, wenn keine Taufe gewesen wäre. „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine zu Brot werden.“ So sagt der Versucher zu ihm. Sicher hätte Jesus die Macht dazu gehabt, Jesus hätte auch niemand anderem etwas weggenommen, wenn er Steine zu Brot gemacht hätte. Aber vom Teufel sollte ihm nicht der Zeitpunkt dazu bestimmt werden. Und so wies er die Versuchung von sich.

Dann kommt die Versuchung, er solle ein kraftvolles Wunder tun. Er solle sich von der Zinne des Tempelplatzes etwa 100 Meter tief in das Kidrontal hinabstürzen. Alle Leute sollten es sehen und dann an seine übernatürlichen Fähigkeiten glauben. Niemand hätte ihn mehr ablehnen können. Alle Herzen wären von ihm überwältigt worden. Jesus hat es als Versuchung durchschaut.

Schließlich kam die Versuchung der Macht. Gewiss wird Jesus einmal genau die Macht vor allen sichtbar ausüben, die ihm damals der Teufel angeboten hat. Alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit sind ihm unterworfen. Aber der Teufel bot ihm einen schmerzlosen und kürzeren als den von Gott gewollten Weg an, doch um den Preis der Anbetung des Fürsten dieser Welt.
Jesus wies alle Versuchungen von sich. Versucht wie wir, doch ohne Sünde.

Er hat schwereren Versuchungen widerstanden als wir. Aber wenn wir Versuchungen erlegen sind, manchmal sehr lächerlichen, dann finden wir bei ihm Verständnis. Niemand kann jetzt mehr sagen, Gott sei ihm irgendwie ferne oder fremd. Der habe leicht reden. Durch das Leiden und die Versuchung ist er uns unglaublich nahe gekommen.

4. Hilfe zur rechten Zeit
Aus der Geschichte Korntals ist bekannt: Als Schulmeister Kullen dort Hausvater war, war er oft in Geldnöten, weil er viele seiner Mitarbeiter nicht voll bezahlen konnte. In solchen Fällen sang er oft Loblieder. Wenn man diese Lieder hörte, sagten die Hausbewohner: „Man hört Herrn Kullen durchs Haus singen. Vermutlich wird er wieder kein Geld haben.“

Das wäre doch eine Idee! Wir haben auch manchmal Probleme mit dem Geld. Könnten wir nicht auch Loblieder singen?

Trotz Lobliedern bleibt uns der Weg der Anstrengung meist nicht erspart, auch bei der Geldbeschaffung nicht. Wunder sind selten. Doch gerade im Geldbereich lauern viele Versuchungen und Gefahren. Es ist hier im Hebräerbrief genau so gemeint: Wir sollen uns in der Gefahr der Versuchung an ihn wenden, wenn wir Hilfe brauchen. Er hilft auf seine Art, nicht immer nach unserem Wunsch. Am Ende sieht man dann aber doch, dass es gut und richtig war.

Martin Luther hat einmal gesagt: „Die Wege Gottes sind wie ein hebräisches Buch, das man nur von hinten lesen kann.“ Im Hebräischen schreibt man nämlich von rechts nach links, und ein Buch beginnt nach unserer Zählweise hinten. So sind Gottes Wege oft erst am Ziel zu erkennen. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

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