Gottesdienst am Estomihi, 22. Februar 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über 1. Korinther 13, 1-13

Heute geht es um ein aktuelles Thema.
Im Fernsehen gab es gestern eine Gesprächsrunde über Liebe. Es wurde eine Sendung des Nachtcafes wiederholt: „Wer liebt hat recht“. Menschen mit irgendwie auffälligen Biographien waren dabei, auch ein Philosoph und eine Paartherapeutin. Bei aller Verschiedenheit in der Einstellung waren sich alle darin einig: Bei Liebe geht es um eine Beziehung zwischen Mann und Frau, da geht es um Gefühle und bei manchen auch um Treue und Verantwortung. Eigentlich genau um das, was die meisten Menschen bei diesem Thema erwarten.

Wenn man in der Kirche über Liebe redet, hören die meisten schon gar nicht mehr hin. Sie erwarten, dass man in der christlichen Gemeinde über Liebe nichts wüsste und nichts zu sagen hätte. Vermutlich würde es viele überraschen, dass kaum irgendwo so hoch von der Liebe gedacht wird wie in der Bibel, besonders im Neuen Testament. Paulus schreibt ihr einen Ewigkeitswert zu.

Zugegeben: Es ist nicht immer das gleiche gemeint, wenn man von Liebe redet. Im Deutschen haben wir nur ein Wort, wo man im Griechischen drei verschiedene Ausdrücke gebraucht. Die Liebe zwischen Mann und Frau ist der Eros, die Liebe unter Freunden die Philia, während die Agape eine selbstlose, hingebende Liebe ist. Das Wort Agape kommt in vorchristlicher Zeit so gut wie gar nie vor. Es wurde erst durch die Christen gebraucht. Und um diese Liebe geht es.

So wie Paulus über Liebe spricht, konnte nur jemand reden, der die Liebe Gottes erfahren hat; den die ungeheure Liebe Gottes erfasst hat und der nicht mehr davon loskommen kann. Wenn der göttliche Funke seiner Liebe in unsere Gemeinschaft hineinfährt, dann verändert sich alles. Es wird positiv und aufbauend.
[1. Kor. 13,1-13]

1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.
3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.
4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;
7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.
9 Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.
10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.
12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.


Diese Worte sind einer Gemeinde geschrieben, die dauernd Streit und Zänkereien hatte. Sie haben sich über Lehrfragen zerstritten. Dann waren sie Anhänger verschiedener Apostel und haben sich auch darüber nicht einigen können. Am meisten waren sie sich offenbar darin uneins, was nun eigentlich die wichtigsten Gaben seien und welche Rolle sie im Gemeindeleben einnehmen sollten.

Es gab in der Gemeinde Propheten, die Gottes Willen in sehr unmittelbarer Weise erfuhren und weitersagen konnten; es gab welche, die in fremden und unverständlichen Sprachen redeten, die sie wohl die Sprache der Engel nannten; es gab andere, die diese Worte auslegen konnten; und da waren noch andere, die die Worte der Schrift, die Worte Jesu und die Lehre der Apostel kannten und gewissenhaft lehren und wiedergeben konnten. Das war noch lange nicht alles.

Die Gemeinde hatte eigentlich einen beneidenswerten Reichtum an Gaben und Fähigkeiten - wenn sie das alles nur zum Wohl der Gemeinde eingebracht hätten. Doch es scheint, dass der ganze Reichtum ihnen nichts nützte.

Es gibt Menschen, die könnten die Welt verändern. Aber sie kommen mit sich selbst nicht zurecht und setzen ihre Fähigkeiten negativ ein. Es gibt hervorragende Gemeinden, denen es ähnlich geht. Irgendetwas blockiert ihre guten Fähigkeiten.

Paulus macht die Gaben nicht madig, sondern er sagt sogar, sie sollten nach den besten Gaben streben. Aber er habe noch einen besseren Weg anzubieten, der über alles Maß hinausgehe: Mehr als Weissagungen, mehr als die Sprache der Engel, mehr als die Gabe der Heilung, mehr als die Gabe der Lehre usw. Denn alle Gaben werden entwertet, wenn sie den Menschen in den Mittelpunkt stellen, oder wenn sie einen Wettbewerb anfachen um die Vorrangstellung in der Gemeinde.

Für uns heute ist es auch nicht anders. Die besten Gaben bauen die Gemeinde nicht auf. Es würde überhaupt nichts nützen, wenn wir die besten Redner hätten, die besten Leiter und Helfer für alle Gruppen, die besten Organisatoren, es mögen überall die besten Voraussetzungen sein, wenn aber durch diese Gaben Konkurrenz und Neid und Streit geschaffen wird, dann kann man alle guten Gaben vergessen.

Der bessere Weg ist die Liebe.
1. Ohne die Liebe sind alle Gaben nicht viel wert
2. Die Liebe kommt von Gott
3. Die Liebe ist die höchste Gabe

1. Ohne die Liebe sind alle Gaben nicht viel wert
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle...

Wer von uns hat nicht schon einmal gedacht, dass er eigentlich bessere Gaben gut gebrauchen könnte? - etwa, dass er sich besser ausdrücken oder besser reden können sollte, etwa so, wie die großen Redner auf Wahlveranstaltungen oder in einer Fernsehshow! Oder es könnte sein, dass einer meint, ja, wenn wir einen Pfarrer hätten, der reden kann wie ein Buch, spannend, so dass man mit offenem Mund dasitzt, wissenschaftlich hoch und zugleich populär, der die Leute anziehen könnte, so dass alle aus der Gemeinde am Sonntag im Gottesdienst wären, um sich ja diese Predigt nicht entgehen zu lassen. Und wenn dann alles auch noch richtig uns sogar biblisch wäre, was er sagt, dann hätte die Gemeinde alles, was nötig ist, dann könnte sie blühen und gedeihen.

Aber gerade diese Erwartung ist fehl am Platz. Nicht deswegen, weil das ein zu großer Anspruch wäre, sondern weil das gar nicht das Wichtigste ist. Das beste Reden ist wertlos, so sagt Paulus, wenn die Liebe fehlt.

Paulus meint sogar: Wenn jemand wirklich und wahrhaftig im Himmel studiert hätte und dann sagen könnte: Jetzt horcht mal her. Ich will euch sagen, wie das mit Gott wirklich ist. Ich habe es ganz frisch aus seinem eigenen Mund. Wenn jemand unter uns wirklich so nahe an Gott dran wäre und das weitergeben könnte - diese Geheimnisse bringen uns nichts, gar nichts. Ohne Liebe sind sie nichts wert!

Da mag jemand einen gutbezahlten Beruf aufgegeben hätte und für einen schlechtbezahlten in der Kirche oder Diakonie eingetauscht hätte. Es würde nichts nützen, wenn keine Liebe drin wäre, denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und wenn jeder mindestens den Zehnten für die Gemeinde gebe würde, es wäre in den Wind gestreut, wenn keine Liebe drin ist. Natürlich brauchen wir auch Geld. Aber das ist nicht der Hauptmangel unserer und anderer Gemeinden. Liebe baut eine Gemeinde auf, nicht das Geld. Mit dem Geld kann man erst etwas anfangen, wenn Liebe dahintersteckt.

Ich habe über längere Zeit ein Kind beobachten können, das immer recht viel Geld zu haben schien. Es verschenkte sogar den Spielkameraden immer wieder Spielzeuge und Süßigkeiten. Aber die anderen konnten ihn nicht leiden und er bleib einsam und unglücklich. Dann habe ich entdeckt, dass es seine Eltern mit ihm genauso machten. Sie gaben ihm offenbar deshalb viel Geld, weil sie sich ihm nicht widmen wollten und lieber ihr eigenes Leben leben wollten. Geld als Ersatz für Liebe! Aber Liebe lässt sich durch Geld nicht ersetzen, sie lässt sich nicht kaufen.

Was ist das nun für eine Gabe, ohne die alles andere wertlos ist, die aber auch geringe Gaben so veredelt, dass sie große Gaben werden?

2. Die Liebe kommt von Gott
Die Menschen reden viel über Liebe, vorwiegend in jüngeren Jahren. Aber je älter sie werden, desto schweigsamer werden sie darüber. Sie haben entdeckt, dass weniger dahintersteckte, als sie geredet haben. Liebe ist wie eine Saite auf einem Musikinstrument, die, wenn sie von Gott richtig gestimmt ist, schön klingt, die aber auch andererseits sehr verstimmt sein kann.

Bei einem Rundfunksender in Amerika gab es eines Tages eine merkwürdige Situation. Mitten in einer Sendung sagte der Sprecher: „Wir unterbrechen jetzt die Musik für einen Augenblick. Vor uns liegt der Brief eines Farmers von einer einsamen Farm. Seine Geige ist verstimmt. Nun bitter er uns, ihm ein a anzugeben.“ Und weit draußen in der Einsamkeit griff der Farmer nach seinem Instrument. Dann wurde das a gesendet und er konnte seine Geige stimmen.

Mit der Liebe geht es uns ähnlich. Sie ist keine Gabe, die wir von uns aus hätten und auf die wir immer richtig geeicht wären. Bei der Liebe haben wir nicht das absolute Gehör, sondern sind eher von Natur aus relativ unmusikalisch. Wir müssen uns von Gott eichen lassen.

Das könnte für die Familie oder für die Gemeinde gelten. Ich weiß, dass ich es immer wieder nötig habe, bei Jesus zu lernen, was Liebe bedeutet. Vorschlag: Nehmen Sie einen Zettel und schreiben auf, wo es Missstimmung gibt, in Familie, Beruf oder Gemeinde. Und dann schreiben Sie weiter auf, welche Gaben dazu gebraucht werden und wie diese in Liebe eingesetzt werden können. Nehmen Sie dazu den mittleren Teil als Maßstab: „Die Liebe ist langmütig, freundlich, nicht eifersüchtig, sie treibt nicht Mutwillen, sie verletzt nicht den Anstand, sie sucht nicht das ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie trägt das Böse nicht nach...“

Die Liebe, die von Jesus kommt, verändert unser Leben in Kleinigkeiten. Sie zeigt sich nicht nur in den großen Dingen, sie zeigt sich auch nicht nur dort, wo die anderen zuschauen, sondern auch in fast unsichtbaren Kleinigkeiten.

3. Die Liebe ist die höchste Gabe
Sie ist deshalb die höchste Gabe, weil sie nicht vergeht. Alle anderen Gaben haben ihre bestimmte Zeit und Aufgabe. Selbst der Glaube sieht irgendwann seine Erfüllung und die Hoffnung erlebt ihr Ziel. Im Himmel werden wir nicht mehr glauben und hoffen, sondern da werden wir schauen. Aber die Liebe bleibt. Sie ist nicht nur für unser Leben hier auf der Erde bestimmend, sondern sie wird das Leben der Christen auch noch in der Ewigkeit bestimmen. Amen!
 

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

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