Gottesdienst am 2. Sonntag n.
Epiphanias, 18. Januar 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über
Römer 12, 4-16
Bei einem
Freund aus der Studienzeit hing ein Zettel über dem Schreibtisch: „Ab
morgen wird studiert.“ Das war aber nicht in den Anfangssemestern, sondern
so gegen Ende des Studiums. Natürlich musste jeder lachen, der diesen
Spruch das erste Mal gesehen hat. Man musste denken: „Ja, was hat der denn
bisher getan? Hat er denn bisher nicht gelernt?“ Selbstverständlich hatte
er auch gelernt. Aber nicht nur. Wenn er keine Lust hatte, dann machte er
eben etwas anderes. Er ließ sich seine studentische Freiheit durch nichts
rauben. Entweder war er ein Lebenskünstler, oder er hatte den Ernst des
Lebens noch nicht begriffen.
Oft trifft das auch auf die Lebensart anderer Menschen zu: „Ab morgen wird
gelebt.“ Entscheidungen und Entschlüsse, die heute dran wären, werden auf
morgen verschoben, und dann wieder auf morgen.
Heute geht es um ganz praktische Fragen des Christseins. Es geht auch um
Entscheidungen: Wie wollen wir miteinander umgehen?
Paulus schreibt darüber in seinem Brief an die Römer. Er leitet diesen
Teil mit einer Vorbemerkung ein, die am letzten Sonntag eigentlich
Predigttext gewesen wäre. Aber wegen der Auslegung des Jahresloses der
Brüdergemeinde haben wir das übergangen. Ich möchte es aber dennoch kurz
zusammenfassen, weil man es als eine Präambel für die christliche Ethik
bezeichnen könnte. Zu deutsch: Als das Fundament der christlichen
Lebensart.
Paulus sagt dort, dass wir unsere Körper als Opfer für Gott hingeben
sollen. Und er meint es so, dass es uns ungeheuer viel kostet. Die gesamte
Richtung unseres Denkens muss sich ändern.
Damit wir diese Änderung verstehen:
Das normale Denken von uns Menschen ist so, dass wir uns als das Maß aller
Dinge verstehen nach dem Motto: „Wenn alle so wären, wie ich, dann wäre es
das reinste Paradies.“ „Wenn mein Ehepartner so wäre, wie ich es mir
vorstelle, dann wäre das Leben mit ihm ein Traum.“ „Wenn meine Mitmenschen
in Gemeinde und Beruf und im Privatleben in Ordnung wären, dann ließe sich
gut leben.“
Paulus setzt dem entgegen: Passt auf, dass ihr euch nicht selbst
überschätzt. Ihr müsst mit euren Grenzen leben. Jeder. Unsere Probleme
kommen daher, dass wir uns in unseren eigenen Gaben und Fähigkeiten
gewaltig täuschen können. Wir suchen das Problem beim anderen, während wir
selbst das Problem sind. Das ist der Hauptgrund für den Streit in unseren
Familien und Gemeinden. Zur Grundlage des christlichen Lebens gehört es
darum, sich selbst realistisch zu sehen, d.h. sich im Licht Gottes zu
sehen. Dazu gehören unsere Gaben und unsere Grenzen.
Wahrscheinlich gehört es zu den schwersten Aufgaben, die wir Menschen
überhaupt zu leisten haben, unsere Grenzen anzunehmen. Und je größer der
Glaube, desto klarer sieht man die eigenen Grenzen. Wenn jemand da wäre,
der wirklich alles kann und alles weiß und alles richtig beurteilen kann,
den hätte Gott sicher gleich als Engel eingesetzt.
Das alles zu erfassen gehört zur grundlegenden Änderung unserer Gesinnung:
Dann kann man Gottes Willen prüfen und verstehen.
Im Predigttext für heute beschreibt Paulus, was das für das Leben in der
Gemeinde bedeutet [Römer 12, 4-16]:
4 Denn wie wir an einem
Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,
5 so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des
andern Glied,
6 und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist
jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß.
7 Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so
lehre er.
8 Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit
lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt
jemand Barmherzigkeit, so tue er's gern.
9 Die Liebe sei ohne Falsch. Haßt das Böse, hängt dem Guten an.
10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem
andern mit Ehrerbietung zuvor.
11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist.
Dient dem Herrn.
12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen,
sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für
klug.
Der Abschnitt beschreibt die Gemeinde: Wie sie lebt, wie sie
„funktioniert“, wie sie glaubt. Er beschreibt nicht so sehr die Gemeinde
in Rom, denn die kannte Paulus noch gar nicht aus eigener Anschauung.
Sondern hier geht seine Erfahrung aus den vielen Gemeinden ein, mit denen
er bisher zu tun hatte. Aber es geht nicht nur seine Erfahrung ein,
sondern auch das, was er mit Gott über diese Gemeinden gesprochen hat. So
wurde es zu einer komprimierten Lebensregel für die Gemeinde und für das
Privatleben und den Alltag.
Mir fällt auf: Hier werden Probleme unserer Gemeinde in Wilhelmsdorf
angesprochen. Nun könnten wir diese Worte hören und dann sagen: Das hatten
die Römer damals sicher sehr nötig. Aber wir können auch sagen: Ich merke,
dass das unsere Probleme sind. Und wenn Paulus hier im Auftrag Gottes
unsere Probleme anspricht und eine Lösung hat, dann bin ich auch bereit,
Konsequenzen daraus zu ziehen. Ich möchte dazu auffordern, das als einen
Weg auch für uns zu sehen.
1. Über Gaben, Aufgaben und Grenzen
Die Gemeinde als Leib besteht aus verschiedenen Gliedern. Das gehört
zum Basiswissen der Christen. Es ist sozusagen selbstverständlich. Im 1.
Korintherbrief Kap 12 gibt es eine ähnliche Stelle, die meist bekannter
ist. Aber dort ist stärker im Vordergrund, wie sich die Gaben ergänzen,
während hier im Römerbrief stärker beschrieben wird, wie sich die Gaben
und Dienste gegenseitig begrenzen. Will man es von den Gefährdungen her
sehen, der Paulus in der Gemeinde begegnen will: In 1. Korinther 12 ist
die Gefahr von Neid und Abgrenzung, im Römerbrief die Gefahr von
Konkurrenz und Grenzüberschreitung, die Paulus abwehren will.
Ziel ist auf jeden Fall die Einheit des Leibes Christi. D.h. die Gemeinde
soll ihre Aufgaben nach innen und außen wahrnehmen können. Und diese
Aufgaben sollen nicht durch fremde Motive zerstört werden.
Nun gibt es noch ein anderes Bild oder Modell, das auch die Gemeinde
bezeichnen soll: Das Priestertum aller Gläubigen. Das ist ja bekanntlich
ein Schlagwort der Reformation und des Pietismus gewesen. Ihr seid das
auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk.
So heißt es im 1. Petrusbrief (2,9). Hier und an einigen Stellen aus der
Offenbarung knüpft das Priestertum aller Gläubigen an. In der Reformation
und im Pietismus wurde es fast zum Kampfbegriff gegen die Sonderstellung
der kirchlichen Amtsträger. Im Neuen Testament gibt es diese Frontstellung
nicht. Sondern die königliche Priesterschaft der Gemeinde Jesu ist ein
Ausdruck für ihre Würde. Es will nicht sagen, dass alle in der Gemeinde
die gleiche Aufgabe und Dienste wahrnehmen, und die gleiche Verantwortung
tragen. Vor allem will es sagen, dass die Gemeinde in der messianischen
Zeit im Auftrag ihres Herrn seine Königsherrschaft ausübt (z.B. Offb.
5,10; 6,20).
Wie stehen nun beide Modelle der Gemeinde zueinander?
Die königliche Priesterschaft meint uns als die Gemeinde des neuen Bundes,
die mit ihrem Herrn zusammen die Herrschaft ausüben werden. Das Bild von
der Gemeinde als Leib beschreibt, dass in der Gemeinde verschiedene Gaben
und Aufgaben und Dienste sind.
In Wilhelmsdorf berufen sich viele gerne auf das allgemeine Priestertum.
Aber passen Sie auf, dass damit die Aussagen über den Leib Christi nicht
verwischt werden.
Ich habe vorher gesagt, dass in diesem Predigttext unsere Probleme
angesprochen sind. Konkret: Es gibt Streit darüber, wer welchen Dienst
wahrnehmen kann und soll. Die verschiedenen Gaben und Dienste sollen sich
ergänzen. Das können sie aber nur, wenn die verschiedenen Aufgaben und
ihre Grenzen eingehalten werden. Wir würden eher sagen, die verschiedenen
Kompetenzen. Die Gemeinde ist „gegliedert“. Nicht jeder ist Pfarrer, nicht
jeder ist Kirchenpfleger, nicht jeder ist Vorsteher, nicht jeder ist im
Leitungsgremium. Sonst entsteht ein Chaos. Grenzüberschreitungen machen
Schaden!
Luther hat hier übersetzt, dass nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben.
Wörtlich heißt es, nicht dieselbe Praxis.
Der Leib der Gemeinde kann nur richtig funktionieren, wenn man diese
Aufgaben jeweils wahrnimmt und akzeptiert.
Wir können nicht die einzelnen Dienste durchgehen. Dazu würden wir eine
ganze Predigtreihe brauchen. Ich hebe nur noch die Hauptsache hervor, die
alles begleiten muss:
2. Über die Liebe
Paulus hat in seinen Briefen das Wort Liebe über 60 mal gebraucht. Das
Wort war zwar keine Erfindung der Christen, aber es ist vorher fast
überhaupt nicht gebraucht worden. Die anderen konnten damit nicht viel
anfangen. Es hat die Gemeinde so sehr geprägt, dass die Heiden um die
Christen herum einst gesagt haben: „Wie haben sie einander so lieb!“ In
einer Gemeinde, in der die Liebe den Ton angibt, werden Menschen in die
Nachfolge Jesu Christi gewonnen. Wenn in der Gemeinde keine Liebe ist,
verliert sie ihre geistliche Kraft. Graf Zinzendorf hat einmal gesagt:
„Eine Gemeinde ist der einzige Beweis gegen den Unglauben. Es braucht
keine Begründung, wenn nur eine Gemeinde ist.“
Liebe nimmt den anderen ganz an. Die Liebe wendet sich dem anderen ganz
zu. Aber sie engt ihn durch diese Zuwendung nicht ein. Er behält seinen
Bewegungsfreiheit. Zuwendung zwingt nicht den anderen, sondern sie ist für
ihn eine echte Hilfe.
Das soll sich z.B. auch in unseren Familien zeigen, zwischen Eltern und
Kindern, zwischen Ehepartnern. Viele Ehen sind in eine Krise geraten.
Natürlich ist es fast unmöglich, mit nur wenigen Worten das Wesentliche zu
sagen. Deswegen machen wir auch demnächst ein Eheseminar, in dem wir mehr
durchgehen können. Aber dennoch einige Andeutungen. Die neue Gesinnung,
von der Paulus spricht, schafft in der Ehe eine neue Basis. Im Vordergrund
stehen dann Erwartungen und Forderungen gegen den Ehepartner. Sondern im
Vordergrund steht das volle Bewusstsein: Ich muss einen ungeheuer hohen
Einsatz geben. Dieser Einsatz lässt nicht zu, dass der eine über den
anderen herrscht, egal ob in patriarchalischer oder feministischer Lesart.
Keiner kann den anderen ändern, wenn die Erfüllung der eigenen Wünsche im
Vordergrund steht. Sondern eine Änderung kann nur die Frucht sein, wenn
ich einen hohen Einsatz gegeben habe (Opfer).
In den Bereich der zugewandten Liebe gehört auch das Segnen, sogar das
Segnen der Feinde, die uns nicht wohlgesonnen sind.
Aus dem Leben von Vater Bodelschwingh (1831-1910) wird erzählt: Da saß auf
dem Fichtenhof bei Bethel ein besonders schwieriger Junge, der für seine
Schandtaten bekannt war, still da. Der Hausvater fragte ihn, warum er so
still dasitze. Da antwortete er: „Ich bin heute im Garten dem alten Vater
Bodelschwingh begegnet, als er gerade im Rollstuhl spazierengefahren
wurde. Als er mich sah, winkte er mich heran. Er hat mich gefragt, wie ich
heiße und in welchem Hof ich bin. Und dann hat er mir seine Hand auf den
Kopf gelegt und nur gesagt: ‚Ich segne dich im Namen Jesu.‘“ Der Junge
brach in Tränen aus: „Ich bin schon viel herumgekommen, geprügelt hat man
mich genug, aber nie hat ein Mensch zu mir gesagt: ‚Ich segne dich im
Namen Jesu!‘“ Als seine Zeit im Fichtenhof herum war, schrieb der Junge
lange Zeit nicht. Der Hausvater hatte schon geglaubt, er sei wieder auf
seinen alten Weg gekommen. Da kam eines Tages ein Brief und er schrieb:
„Sie müssen nicht glauben, ich hätte gestohlen. Ich vergesse nicht, dass
jemand zu mir gesagt hat: ‚Ich segne dich im Namen Jesu!‘“
Es ist die Lebensart der Gemeinde Jesu, dass man segnet. Dazu sind auch
wir aufgerufen. Dann können Gaben und Aufgaben in Sorgfalt geübt werden.
Ich schließe mit einer Art Gedicht, das vermutlich zu dieser Stelle
geschrieben worden ist:
Wenn die Liebe fehlt:
Glaube ohne Liebe macht fanatisch.
Wahrheit ohne Liebe macht unnahbar.
Gerechtigkeit ohne Liebe macht rechthaberisch
Ehre ohne Liebe macht hochmütig
Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.
Ordnung ohne Liebe macht kleinlich.
Wissen ohne Liebe macht überheblich.
Reichtum ohne Liebe macht geizig.
Dienst ohne Liebe macht hartherzig.
Nachfolge ohne Liebe macht selbstsicher.
Aber die Liebe Christi ist echt in der Zuwendung, Wachheit und Hingabe.
Amen
(Pfr. Dr. K. Knauß)
