Gottesdienst am Epiphanias, 6.
Januar 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Epheser 3,
2-3a.5-7
Manche fragen sich, welchen
Sinn das Erscheinungsfest hat. Aufmerksamen Beobachtern wird aufgefallen
sein, dass man in der orthodoxen Kirche am heutigen Tag Weihnachten
feiert, oder genauer am 6./7. Januar. In den ersten Jahrhunderten feierte
man dieses Fest überhaupt nicht. Und als man es dann zu feiern begann, kam
Streit auf über den richtigen Zeitpunkt: 25. Dezember oder 6. Januar? Die
Differenz ist bis heute geblieben.
Aber dann bekam der 6. Januar in der Kirche des Westens vor allem den Sinn
der Taufe Jesu und der Offenbarung seines Geheimnisses, die Epiphanie.
Denn bei seiner Taufe wurde er als Messias proklamiert. Noch andere
Deutungen kamen hinzu, besonders die Ausbreitung des Evangeliums in alle
Welt, also die Heidenmission, und die Sammlung der Gemeinde für ihren
Herrn. Deshalb haben wir heute als Predigttext einen Abschnitt aus dem
Epheserbrief, (Kap 3, 2-3a.5-7)
2 ihr habt ja gehört,
welches Amt die Gnade Gottes mir für euch gegeben hat:
3 Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden,...
5 Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie
es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den
Geist;
6 nämlich daß die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und
Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium,
7 dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir
nach seiner mächtigen Kraft gegeben ist.
Stellen Sie sich vor: Jesus wäre geboren worden, der Heiland und Retter
der Welt, er wäre gekreuzigt worden und auferstanden. Aber niemand hätte
kapiert, wer er war, niemand hätte verstanden, was das alles für einen
Sinn hat. Es wäre vergessen worden. Im Grunde umsonst?
Das Heil wäre sozusagen vollständig für die Menschen vorbereitet worden.
Aber was ist, wenn das niemand fassen kann? Das ist, wie wenn man vor
einem vollen Kühlschrank steht und nicht weiß, wie er aufgeht. Dann
verhungert man vor dem vollen Kühlschrank.
Paulus schreibt von einer ganz großen Entdeckung. Man kann diese
Entdeckung nicht überbieten. Sie ist mehr als die Entdeckung des
Kopernikus vom heliozentrischen Weltbild, dass die Sonne im Mittelpunkt
steht und die Erde und die Planeten sich um sie drehen. Sie ist mehr als
die Entdeckung des Penicillin; mehr als die Entzifferung der Hieroglyphen.
Und als Paulus dieses Geheimnis entdeckt hatte, konnte er‘s nicht für sich
behalten. Es war das große Geheimnis der Welt. Gott hat es ihm erklärt. Im
Bild gesprochen: Paulus hat die Tür aufgekriegt. Eigentlich richtiger: Er
hat sie nicht selbst aufgetan, sondern Gott hat sie ihm geöffnet.
1. Die offene Tür
Was haben sich doch die Menschen abgemüht? Anstrengungen unternommen,
dass sie Gott näher kommen könnten. Man muss einmal die verschiedenen
Kulte der Religionen durchgehen, mit welchem ungeheuren Ernst und welcher
Anstrengung Wege gesucht werden, um Gott zu verstehen und ihm
näherzukommen.
Ich will nur einiges aufzählen: Da werden Tieropfer durchgeführt, ja in
alten Kulten sogar oft Menschenopfer. Was sind das für Einsätze für das
Ziel, Gott zu verstehen und gnädig zu stimmen.
Oder die kultischen Tänze von Medien: Wie viel Anstrengung und Energie
kostet das?
Manchmal hat man den Eindruck, dass das ganze Leben in diesen
Gesellschaften diesem Ziel untergeordnet wird, koste es, was es wolle. Das
Ziel: Keine Angst vor Gott haben müssen, seine Wege kennen und
verstehen...
Im Urtext steht für Geheimnis Mysterium. In den Mysterienkulten der alten
Zeit waren das die Handlungen, die man machen musste, um mit der Gottheit
in Verbindung zu kommen, wo der Funke zwischen Mensch und Göttlichem
überspringt.
Paulus wurde das Geheimnis enthüllt. Das war damals, als er vor Damaskus
war und eigentlich die christliche Gemeinde vernichten wollte. Damals hat
sich Jesus ihm selbst offenbart. Das Geheimnis ist nicht die menschliche
Anstrengung, nicht Zeremonien oder Opfer, sondern Gott selbst hat sich zu
uns auf den Weg gemacht. Er hat uns erlöst und befreit; nicht wir müssen
ihn gnädig stimmen. Und auch in den folgenden Monaten und Jahren hat
Paulus noch mehr erfahren und die Wege Gottes verstanden.
Und wie er vorher alles gegen Jesus eingesetzt hatte, so setzte er jetzt
alles für ihn ein. Allen sollte das Geheimnis Christi zugänglich werden.
Überall wollte er es weitersagen, was er von Gott erfahren hatte.
2. Die Fremden bekommen das Erbe
Niemand von den fremden Völkern muss sich mehr diesen Strapazen
unterziehen. Ich kann mir vorstellen, dass es schwer ist, Privilegien
aufzugeben. Das ist schon bei Privilegien innerhalb einer Gesellschaft
schwer.
Es ist schon etwas Besonderes, wenn man Privilegien genießen darf. Ich
weiß noch, wie das war, als ich als Student die Uni-Bibliothek benützen
durfte. Da zeigt man seinen Studentenausweis und dann darf man in den
Lesesaal, und man darf Bücher entleihen.
Andere haben viel größere Privilegien; etwa Politiker. Sie dürfen für
bestimmte Zwecke umsonst ein Flugzeug benützen. Sie dürfen in die
entferntesten Länder der Erde reisen, ohne etwas dafür zu bezahlen. Gut,
sie müssen dafür auch etwas leisten. Aber so ein Privileg kann schon etwas
Reizvolles sein.
Für uns in Wilhelmsdorf ist es doch auch ein Privileg, hier wohnen zu
können, wo andere Urlaub machen; Menschen um sich herum zu haben, mit
denen man sich gut versteht. Wie gut, dass wir nicht in einer
Hochhaus-Siedlung wohnen, wo die Menschen Tür an Tür sich fremd sind.
Oder denken Sie an Adelskreise. Früher galt es als großes Ärgernis, wenn
jemand aus dem Hochadel eine Bürgerliche heiratet. In neuerer Zeit ist die
schwedische Königin Silvia so jemand. Sie ist in Privilegien eingedrungen,
die früher Bürgerlichen so gut wie verschlossen waren. Und das schwedische
Königshaus ist damit nicht schlecht gefahren.
Privilegien verlieren. Ist das gut oder schlecht?
Paulus war vor seiner Bekehrung mit seinen jüdischen Landsleuten einig:
Wir haben das Privileg, dass Gott nur uns allein nahe ist. Die anderen
sind für ihn Fremde. Sie werden einmal am himmlischen Erbe nicht teilhaben
können.
Aber jetzt wurde ihm eröffnet: Alle dürfen Gottes Kinder sein und gehören
zu den Erben der himmlischen Welt, auch die Heidenvölker. Man spürt
förmlich die Faszination dieser Entdeckung.
3. Alle bilden eine Gemeinde
Entsteht daraus ein Neid? Alle haben nun an diesem Erbe teil?
Das darf nicht sein. Die Einheit der Gemeinde kennt nicht neue
Privilegien: Die einen haben mehr und die anderen weniger. Es gibt nicht
Kirchen oder Gemeinden oder Gemeinschaften, die bei Gott eine
privilegierte Stellung hätten. Wir Menschen machen Unterschiede. Die einen
sind uns näher, weil wir ähnliche Überzeugungen haben.
Wir werden wahrscheinlich im Himmel große Augen machen, dass wir uns an
vielen Stellen wohl geirrt haben. Wie er einst aus Heiden und Juden eine
Gemeinde gemacht hat, so macht er heute auch aus Menschen mit
verschiedenen politischen Vorstellungen eine Gemeinde.
Im Epheserbrief ist die Einheit der Gemeinde ein großes und wichtiges
Thema. Es gibt vielleicht hier und da auch noch die Barrieren zwischen
Heidenchristen und Judenchristen. Ich halte sie für vernachlässigbar, weil
heute Barrieren in anderen Bereichen massiver sind. Es gibt CDU-Christen
und SPD-Christen und grüne Christen. Und jeder von ihnen meint: Eigentlich
müssten alle so sein wie ich. Und die anderen sind halt doch schief
gewickelt.
Paulus hatte ein viel weiteres Herz. Der Unterschied damals war größer.
Ich wünsche uns, dass auch unser Herz weit wird. Amen.
(Pfr. Dr. K. Knauß)