Gottesdienst am Neujahr, 1.
Januar 2004, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Markus 13, 31
In den letzten Tagen war es
auf den Straßen eisig und rutschig.
Viele wünschen sich an Silvester gegenseitig einen guten Rutsch ins Neue
Jahr. Das hat allerdings nichts mit Glatteis zu tun, sondern mit einem
sprachlichen Missverständnis. Bei den Juden heißt das Neujahrsfest Rosch
Haschana. Wenn sie ihren deutschen Mitbürgern ein „gutes Rosch Haschana“
wünschten, haben die Leute das natürlich nicht verstanden und den „guten
Rutsch ins Neue Jahr“ daraus gemacht.
Beim Beginn eines neuen Jahres haben wir den Eindruck, als hätte es
irgendwie einen Ruck getan. Natürlich ist es nur eine Konvention unserer
Gesellschaft, dass wir ab heute ein neues Jahr zählen. Trotz dieser
Willkür ist der 1. Januar für viele Menschen ein Anlass für Pläne zum
neuen Jahr, oder ein Fest zum Nachdenken über unsere Endlichkeit. Wir
wissen ja nicht, wie viele Neujahrsfeste wir noch erleben werden; und wir
wissen auch nicht, was auf unsere Gesellschaft und auf die Welt in diesem
Jahr zukommt.
Die Jahreslosung aus Markus 13, 31 entstammt der Endzeitrede Jesu. Dort
hat er der Welt, wenn man es rein irdisch sieht, nicht die besten
Aussichten verheißen. Auch für die Christen hat er die Zukunft nicht
ausgemalt, dass alles immer besser, immer schöner, immer sicherer wird.
Sondern er hat Naturkatastrophen, Nöte, Druck, Verfolgung und Wirren
angesagt. Für diese unruhigen Zeiten gibt er seiner Gemeinde einige ganz
feste Orientierungspunkte. Und das meint er nicht nur, damit wir wieder
besser schlafen können, und damit unsere aufgewühlten Seelen sich wieder
beruhigen. Sondern Jesus gibt seiner Gemeinde damit Verhaltensanweisungen,
als würde er sagen: Setzt nicht auf die falschen Werte, sondern auf das,
was ich euch sage. Meint nicht, dass eine neue Weltordnung das Paradies
auf Erden bringen wird.
Oder gehen wir noch einige Jahrhunderte zurück: Meint nicht, wenn das
Römische Weltreich erst einmal christianisiert ist, dann wird alles gut;
oder wenn überall christliche Reiche etabliert sind, wenn die Kirche
reformiert ist, wenn alle Menschen aufgeklärt und vernünftig sind, wenn
statt der Monarchien überall Demokratie herrscht, wenn der eiserne Vorhang
gefallen ist, oder wenn der religiöse Terrorismus in Schranken gewiesen
ist... Derartige Dinge hoffen die Menschen seit Jahrhunderten. Doch die
Gefahren haben sich immer nur verlagert, aber beseitigt werden konnten sie
nicht.
Warum das gar nicht geht, ist ein Geheimnis dieser Welt. Dieses Geheimnis
hat mit unserem gebrochenen Verhältnis zu Gott zu tun. Und wenn das so
ist, dann kann man nicht innerweltlich ansetzen und Lösungen suchen, wo es
gar keine gibt.
Jesus sagt: Meine Worte haben Bestand. Daran kann man das Seil festmachen.
Hätten Sie das gedacht? Oder besser gefragt, richten wir danach eigentlich
unser Leben ein?
Wenn wir ehrlich sind, dann planen und ordnen wir unser Leben anders. Da
heißt es: Wenn ich erst einmal meine Prüfung habe..., wenn ich erst einmal
das Abi geschafft habe..., wenn ich erst einmal verheiratet bin..., wenn
ich mein Haus gebaut und meine Schulden bezahlt habe...
Und wenn Ihnen das Private zu kleinlich ist, dann gehen wir zur
Wissenschaft. Was gilt hier als fest und zuverlässig? Zuallererst die
Naturgesetze! Dass ein Stein nach unten fällt, das war schon immer so.
Oder dass die Naturkonstanten wirklich gleich bleiben, die
Gravitationskonstante, oder die Kernkräfte. Sagen wir‘s einfacher: Dass
das Licht angeht, wenn ich am Schalter einschalte, und dass aus dem
Wasserhahn Wasser kommt, wenn ich ihn aufdrehe...
Unser Gefühl setzt also auf anderes, als auf die Worte Jesu.
Aber das meint Jesus. Daran halte Dich fest! Darauf baue dein Leben.
Ich denke nicht, dass das früher anders war, nicht einmal bei den Jüngern
Jesu. Und Jesus will seine Zuhörer auch kein bisschen in den Senkel
stellen. Er will uns das nicht miesmachen, womit wir im Alltag umgehen. Er
will uns auch nicht zu weltflüchtigen Träumern machen. Keine Flucht aus
der Realität, sondern die Tatsachen so sehen, wie sie wirklich sind. Das
ist sein Anliegen. Wir können uns nicht an etwas Instabilem festmachen
wollen, sondern nur an etwas Stabilem.
Die Worte unserer Jahreslosung sollen statt dessen Trost sein.
Wenn dir alle Stützen wegbrechen, auf die du dich bisher verlassen hast,
wenn nichts mehr stimmt, dann sollst du wissen: Auf seine Worte ist
Verlass.
Ich nehme ein Beispiel aus der Urgemeinde: Als Jerusalem von den Römern
belagert wurde, erinnerten sich die Christen der Worte Jesu. Jesus hatte
damals gesagt, wenn die Stadt belagert wird, dann sollen sie in die Berge
fliehen. So ist die Urgemeinde im Jahr 66 oder 67 nach Pella in das
Ostjordanland geflohen. Das berichtet uns der christliche
Geschichtsschreiber Eusebius. Für die christliche Gemeinde wurde diese
Stadt in den folgenden Jahrhunderten ein bedeutendes Zentrum. Buchstäblich
waren die Worte Jesu für die Urgemeinde zur Hilfe und Rettung da. Die
heilige Stadt Jerusalem hatte damals als sehr sicher gegolten. Deswegen
sind viele, die von den Worten Jesu nichts wussten oder wissen wollten, in
die Stadt geflohen. Aber es war ihr Untergang. Jesus hat seinen Leuten
eine Rettung angeboten. Sie haben es verstanden, als die Kennzeichen
eingetroffen waren. Jesus will nichts als helfen. Er schaut über die Zeit
der Angst hinaus. Nicht der Gang der Ereignisse soll uns bestimmen. Wir
sollen uns deshalb an ihm orientieren, der uns Halt und Richtungsweisung
geben will. Nun ist aber die Frage, wofür wir uns die Richtung geben
lassen sollen. Ist es die Erhaltung oder wenigstens das Andenken an unsere
Zivilisation? Oder ist es mehr?
Im Jahr 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, begann in den USA
ein Mann namens Thornwell Jacobs ein eigenwilliges Projekt. Er sammelte
alles Material, was er finden konnte, um – wie er es nannte – »das
angehäufte Wissen der Menschheit festzuhalten«. Drei Jahre lang verfilmte
er auf Mikrofilm Enzyklopädien, Zeitungsausschnitte und Romane. Er
bespielte Tonbänder mit den Stimmen von Staatsmännern und den Arien
berühmter Operndiven. Am Ende kamen 640.000 Mikrofilmseiten zusammen, die
er dann zusammen mit Lesegeräten absolut wasserdicht in einem umgebauten
Swimmingpool einlagerte. Er hat auch schon festgelegt, wann diese seltsame
»Krypta« geöffnet werden soll, nämlich in etwa 6000 Jahren.
Worte, die nicht vergehen, sind das auch. Thornwell Jacobs war es
gelungen, wichtige Worte und Dokumente für die Nachwelt zu konservieren.
Wenn darüber alles zusammenbricht, die dort eingeschlossenen Worte sollen
nicht vergehen. Nur – in 6000 Jahren kann sie womöglich niemand mehr lesen
und verstehen.
Jesus möchte etwas anderes. Er will nicht diese unsere Welt im heutigen
Zustand konservieren. Sondern er will uns retten, über diese Welt hinaus.
Und deshalb sollen wir uns hier und jetzt schon von seinen Worten leiten
lassen. Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens...
das sagte Petrus zu Jesus in einer angefochtenen Zeit (Joh. 6,68). Und
seine Zeitgenossen sagten über Jesus, er redet gewaltig, und nicht wie die
Schriftgelehrten (Mark. 1, 22). Menschen, die ihm zuhörten und die in
seiner Nähe waren, wurden verändert. Sie wurden zu Dingen fähig, die sie
niemals ohne Jesus hätten tun können. Sie konnten einer Welt standhalten,
die eine andere Richtung eingeschlagen hatte; die andere Vorstellungen vom
Leben hatten als die Christen; die andere Vorstellungen hatten von der
Zukunft als sie; und die andere Vorstellungen davon hatten, wer im Himmel
das Sagen hat.
Es kann sein, dass wir uns unserer Welt nicht gewachsen fühlen. Wie sollen
wir unsere Kinder erziehen? Wie sollen wir unser Arbeitsleben gestalten,
wie unsere Ehe?
Mitten hinein in unseren Alltag will Jesus reden. Hier haben seine Worte
Geltung. Wenn wir ihn dann einmal in der Ewigkeit sprechen und sagen:
Herr, ich habe mir so schwer getan mit dieser und jener Entscheidung in
meinem Leben. Dann wird uns einfallen: Es wäre doch leichter gewesen, wenn
ich mich an seinen Worten orientiert hätte.
Für das Neue Jahr mag vieles vergehen was uns lieb und wert ist. Aber
seine Worte werden nicht vergehen. Amen.
(Pfr. Dr. K. Knauß)