Gottesdienst am Altjahrabend, 31.
Dezember 2003, in Wilhelmsdorf um 19.00 Uhr, Predigt über Römer 8, 31b-39
Bei uns hat sich die Sitte
erhalten, an Silvester einen großen Krach zu machen, besonders durch
Feuerwerkskörper. Diese Sitte hatte ursprünglich den Sinn, die bösen
Geister zu vertreiben. Vor wenigen Tagen gab es ein Interview mit dem
bekannten Radfahrer Jan Ullrich, der von den Sportjournalisten zum
Sportler des Jahres gewählt wurde.
Er wurde gefragt, was er sich denn an Silvester wünsche, wenn er die
Knaller loslässt. Seine Antwort war: Dass sie dann auch für ihn die bösen
Geister vertreiben.
Für Christen ist die Angst verflogen; nicht deshalb, weil sie gewiss
wären, was auf sie zukommt, auch nicht deshalb, weil ihnen keine Gefahren
drohten, sei es von alltäglichen Widrigkeiten oder sei es vom Tod, von
Gewalten oder geistigen Mächten. Für Christen ist die Angst beim Übergang
zum Neuen Jahr deshalb verflogen, weil wir wissen, dass unser Herr im
Neuen Jahr vornedraus geht.
1. Gott ist auf unserer Seite
Im zu Ende gehenden Jahr schauen wir zurück, was gewesen ist. In den
Fernsehprogrammen werden die vergangenen 12 Monate zusammengefasst, in den
Zeitungen und Zeitschriften ähnlich. Und im Internet kann man Ereignis für
Ereignis durchclicken. Es ist, als sollte uns eingeprägt werden: Das also
war das Jahr 2003. Jedenfalls der öffentliche Teil, der alle angeht.
Aber man kann das Jahr auch anders zurückblicken: Was hat es mir gebracht?
Da schauen viele Menschen am Ende des Jahres hoffnungsvoll oder besorgt
auf ihr Bankkonto oder auf die Bilanz in ihrem Betrieb. Und auch das prägt
das Jahr. Es ist ja nicht nur nebensächlich, wie es uns wirtschaftlich
geht.
Manche ziehen die Bilanz des Jahres danach, ob Michael Schumacher wieder
mal Weltmeister geworden ist. Aber auch die Kirche und die Gemeinden
ziehen ihre Bilanz. Da werden die Kircheneintritte und Kirchenaustritte
gezählt, und die Verantwortlichen sehen die Zahlen an manchen Orten mit
Sorgen, da zählt man den Kirchenbesuch, die Zahl der Kreise und die
Veranstaltungen, das Spendenaufkommen und die Kirchensteuer. Können wir
unsere Leute bezahlen? Können wir die Aufgaben finanzieren, die wir
vorhaben?
So haben wir alle unsere Erfolgsbilanzen im Großen oder im Kleinen. Danach
beurteilen wir das Jahr. Solche Gedanken und Überlegungen gehören zu uns
und müssen sein, solange wir Menschen sind und ein bisschen verantwortlich
denken.
Aber das alles werden wir im nächsten oder übernächsten Jahr vergessen
haben. Das Wichtigste in unserem Leben lässt sich nicht nach Fortschritt
oder Rückschritt beurteilen. Da soll uns heute abend der Blick dafür
geweitet werden.
Paulus zieht keine vorläufige Bilanz, sondern einen endgültigen
Schlussstrich. Er schließt mit unseren Versen den Hauptteil des Briefes an
die Römer ab. Die ersten Kapitel hat er unsere Lage nicht rosig
geschildert, sondern im Gegenteil, sehr niederschmetternd: Wir sind alle
miteinander dem Untergang geweiht. Wir können vor Gott nichts vorbringen,
das uns bei ihm in ein gutes Licht stellt. Doch dann sagt Gott trotzdem
sein Ja zu uns. Er will uns, die wir doch Todeskandidaten sind,
begnadigen. Daher kommt dieser Siegesjubel des Paulus zum Abschluss. Das
ist nicht der Jubel über einen relativ gut aussehenden Jahresrückblick,
sondern das ist der Jubel über den endgültigen Freispruch.
Mehr noch. Uns wird mitgeteilt, dass alle unsere Gegner entmachtet sind,
weil Gott auf unserer Seite ist. Schauen wir uns einmal die Größe dieses
Jubels an, indem wir sehen, welche Feinde das alles sind, die uns
gegenüber jetzt einfach nichts mehr ausrichten können.
2. Viele Feinde
a) Trübsal oder Angst oder Verfolgung
Keiner von uns muss so schlimme Dinge erleben wie Paulus sie durchmachen
musste. Er beschreibt selbst, dass er einige Male gesteinigt wurde, ein
paarmal der Lynchjustiz gerade noch entkam, mehrmals ausgepeitscht wurde,
oft im Gefängnis war, und vieles mehr. Das alles hat ihn aber nicht im
geringsten dazu gebracht, seinem Auftraggeber den Dienst zu kündigen, denn
wegen dieses Dienstes hat er ja das alles erleben müssen.
b) Gefahr oder Schwert
Er hat auch durch mehrmaligen Schiffbruch in Todesgefahr gesteckt oder
auch deshalb, weil ihm die Todesstrafe drohte. Und wie viele von uns
können hier mitfühlen? Aber das alles konnte nicht die Liebe zu seinem
Herrn in Gefahr bringen.
Alle diese Dinge sind nicht stark genug, ihn von Gott zu trennen, weil es
ja nicht an ihm lag. Es ist nicht eine ganz besondere Glaubensstärke des
Paulus, die ihn getrost und trotzig durchhalten ließ. Sondern sein Herr
hat ihn mit aller Kraft festgehalten.
Unsere Gefahren sind unvergleichlich geringer. Jesus wird erst recht
stärker als sie sein. Paulus sagt nicht, wir sollten uns von diesen Sorgen
und Gefahren nicht überwältigen lassen, sondern er sagt, sie sind bereits
überwunden.
Für uns ist an diesem Jahreswechsel eigentlich nur erforderlich, dass wir
uns in diesen bereits erkämpften Sieg über die Ängste und Gefahren
hineinstellen. Und das fällt uns schwer, denn wir wollen ja gerne die
sein, die etwas selbst erkämpft haben.
Zu einem armen Steinklopfer sagte ein reicher Großgrundbesitzer: „So weit
du siehst, ist alles mein!“
Da fragte der Arme: „Und der Himmel? Ist der auch dein?“
Der Angeredete schwieg. „Aber der ist mein“, sagte der arme Steinklopfer
mit strahlenden Augen.
In der folgenden Nacht träumte der Großgrundbesitzer, der reichste Mann
des Dorfes sei gestorben. „Damit kann nur ich gemeint sein“, dachte er
erschrocken. Kurz danach hörte er von einem seiner Dienstboten, dass er
Steinklopfer in dieser Nacht gestorben war.
Auf die richtige Seite hat eben nur der gesetzt, den nichts von Gott
trennen kann. Das ist wahrer Reichtum. Und den kann man besitzen, ob man
viele oder keine irdischen Güter hat. Da ist jede andere Erfolgsbilanz
vergessen, denn sie ist nebensächlich.
Es kommen nun noch andere Feinde dazu:
c) Engel, Mächte und Gewalten
Damit sind nicht irgendwelche irdischen Gewalten gemeint, die uns drohen
könnten oder unter Druck setzten. Unser Leben wird vielmehr von geistigen
Mächten bestimmt. Und selbst wenn ich das sage, dann denken viele von
ihnen wahrscheinlich bei geistigen Mächten an das, was die Wissenschaftler
oder Philosophen oder Großkopfeten sagen, Leute, nach deren Pfeife die
Welt tanzt. Aber so ist es nicht gemeint.
Obwohl wir Menschen uns frei fühlen, sind wir es nicht. Wir merken nicht,
dass wir Marionetten von geistigen Wesen sind. Sie bestimmen unser Denken
und Handeln. Erst wenn wir Jesus begegnen, dann merken wir diese
Unfreiheit. Er löst diese Bindungen. Und nun können sie uns nicht mehr
fesseln und nicht mehr davon abhalten, bei dem zu sein, in dessen Hand die
Macht über die ganze Welt liegt.
3. Ein Sieger
Es ist nur einer Sieger. Wir hatten vorher von vielen Gegnern
gesprochen, und unzählige kommen für jeden einzelnen dazu, denn wir meinen
ja, gegen eine Überzahl von Feinden zu kämpfen. Aber nur einer ist der
Sieger über sie alle: Jesus.
Sein Sieg wurde ausgerufen, als er am Ostermorgen den Tod und die Hölle
besiegt hat und von den Toten auferstand. Alle unser Ängste sind letztlich
Todesängste, weil wir fürchten, unser Leben finde seine letzte Erfüllung
nicht. Wer aber weiß, dass der Tod und der Teufel überwunden sind und es
keine Macht der Welt gibt, die gegen uns mehr stehen kann, der kann
zuversichtlich sein.
Lenin hat einmal gesagt: Wenn die Christen glauben würden, was sie vom
Ende lehren, wären wir gegen sie machtlos.
Wie recht hatte Lenin hier gehabt. Heute blühen viele christliche
Gemeinden in Russland, Kirchen haben sich wieder geöffnet, während die
Leninstatuen abgeräumt wurden. Siebzig Jahre Verfolgung mit Gewalt und mit
Psychoterror haben die Christen nicht beseitigen können, sondern sie
gestärkt.
Wer auf der Seite des Siegers über den Tod ist, der weiß, dass sein Leben
einen letzten Sinn und letzten Halt gefunden hat. Nur bei ihm können wir
wahre Erfüllung unseres Lebens finden.
Sollten wir nicht bei diesem Jahreswechsel auf den bereits gewonnenen Sieg
Jesu setzen? Da wartet dann im neuen Jahr sicher nicht nur Glück und nicht
nur Angenehmes auf uns, aber Erfüllung und Ziel unseres Lebens. Dann
können wir in das Jubellied mit einstimmen, dass keine Macht der Welt und
der geistigen Kreatur uns davon mehr trennen kann. Amen!
(Pfr. Dr. K. Knauß)