Gottesdienst am 1. Sonntag n.
Weihnachten, 28. Dezember 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über
1. Johannes 1, 1-4
Manchmal kommen wir ins
Staunen, mit welch großer Phantasie in den Briefen des Neuen Testaments
über Weihnachten berichtet wird. Oder sagen wir besser: Über den Anfang
von Jesus in dieser Welt. Man merkt es den Schreibern noch an: Sie sind
überwältigt, dass Gott in diese Welt gekommen ist. Immer wieder wird es
mit anderen Worten erzählt. Es ist, wie wenn jemand mit einer Taschenlampe
in ein Versteck hineinleuchten will; jedesmal von einer anderen Seite;
jedesmal durch einen anderen Spalt, der sich in dem Versteck auftut.
Heute ist es der Anfang des 1. Johannesbriefes, der uns die Augen öffnen
soll für das, was Gott getan hat.
1 Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit
unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom
Wort des Lebens -
2 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und
verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns
erschienen ist -,
3 was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit
auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem
Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.
4 Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.
Wir Menschen brauchen meist Handfestes und können ohne gewisse Beweise
nicht leben. Es war eine Zeitlang Mode, zu sagen: „Ich glaube nur, was ich
sehen oder anfassen kann.“
Da steckt ein Bedürfnis der Menschen dahinter, sich ja nicht hinters Licht
führen zu lassen, es steckt also Nüchternheit dahinter. Und die ist an
sich keineswegs zu verachten, sondern eine zutiefst christliche Tugend.
In den letzten Jahren hat sich nun eine entgegengesetzte Tendenz
breitgemacht, nämlich der Glaube an das Wunderbare und Geheimnisvolle. Vor
allem unter jüngeren Menschen ist eine Abkehr vom Materialismus zu
erkennen und eine starke Hinwendung zu irgendwelchen geistigen Weisheiten,
die nicht einmal christlich sein müssen. Aber auch das ist eigentlich eine
Suche nach einem Halt, nach einem festen Boden, für solche Menschen, die
gemerkt haben, dass das Glaubensbekenntnis des Materialismus gar nicht auf
Fels, sondern auf Sand gebaut war.
Christen und Materialisten oder sonst irgendwie religiöse Menschen sind
alle dadurch verbunden, dass sie wissen wollen, von woher die Welt
bestimmt wird und woher unser Leben regiert wird. Deshalb suchen wir nach
etwas Festem, nach etwas Unbezweifelbarem.
Nur in der Antwort unterscheiden wir uns sehr. Ist es Gott und ist es
Jesus, der das letzte Sagen hat? Sind es nur die Naturkräfte? Oder sind es
irgendwelche schicksalhafte Kräfte der Sterne?
Ich glaube, es wäre eine spannende Geschichte, wenn jeder von uns mit fünf
bis zehn Sätzen aufschreiben würde, wie für ihn der letzte Grund der Welt
aussieht. Machen Sie es einfach zu Hause für sich. Auch Johannes geht es
um das letzte Fundament. Ist er sich sicher, dass an Jesus tatsächlich
alles hängt?
Er platzt sofort damit heraus und sagt, dass er es gesehen hat. Johannes
gibt sich als Zeuge zu erkennen.
1. Das Wort braucht Zeugen
Die Königin Viktoria liebte es, wenn sie in ihrer Sommerresidenz (Balmoral)
war, in einfachen Kleidern durch den Wald zu wandern. Sie freute sich,
wenn sie unerkannt blieb. Eines Tages geriet sie während eines solchen
Spaziergangs in ein heftiges Unwetter. Als sie eine Hütte sah, eilte sie
darauf zu. Ganz allein lebte eine alte Bäuerin darin, die nur ganz selten
ihr Haus verließ. Die Königin grüßte sie und fragte, ob sie ihr einen
Regenschirm leihen könne. Sie werde dafür sorgen, dass er schnell
zurückgebracht werde.
Die alte Frau ahnte nicht, wer da bei ihr Unterschlupf gesucht hatte. Sie
sagte mürrisch: „Ich habe zwei Schirme. Der eine ist fast neu. Den
verleihe ich niemand. Aber den alten können Sie bekommen.“ Die Königin
bedankte sich und ging mit einem Schirm, bei dem auf allen Seiten die
Stäbe herausschauten, durch das Regenwetter, denn ein schlechter Schirm
ist immer noch besser als gar keiner.
Der Schrecken der armen alten Frau in ihrer Hütte war am nächsten Tag sehr
groß, als ein Diener der Königin in entsprechender Kleidung auftauchte und
ihr im Namen der Königin Viktoria den alten Schirm zurückbrachte. Sie
lasse ganz herzlich danken und lasse ihr mitteilen, dass er ihrer Majestät
gute Dienste geleistet habe. Damit verschwand der Diener.
Doch der Gedanke ließ die alte Frau nicht los: „Wenn ich nur gewusst
hätte...“
Wir sind nicht im unklaren gelassen worden, wer zu uns gekommen ist.
Johannes nennt sich mit anderen Augenzeugen zusammen. Aber sie haben es
nicht nur gesehen und gehört, sondern sie haben es auch angefasst. Dieses
Anfassen, von dem hier die Rede ist, bedeutet wohl, dass die Jünger Jesus
nach seiner Auferstehung angefasst haben und sich überzeugt haben, dass es
kein Geist oder eine visionäre Erscheinung ist, sondern wirklich derselbe,
der vorher mit ihnen zusammen lebte. In jeder Hinsicht wird also der
Beweis des Zeugen angetreten, der seiner Sache gewiss ist.
So sind wir in einer völlig anderen Lage als jene alte Frau in der Hütte,
die der Königin ihren zerschlissenen Schirm gab. Wir sind gut
unterrichtet.
Worüber werden wir unterrichtet?
2. Das Wort vom Anfang
Das Wort ist Jesus Christus, der Sohn Gottes.
Auf den ersten Blick ist es eine verworrene Aussage: Dass die Zeugen das
Wort betastet haben. Ein Wort kann man ja sonst nicht anfassen.
Im Johannesevangelium wird übereinstimmend gesagt, dass dieses Wort, d.h.
Jesus Christus, von allem Anfang an bei Gott war, ja, dass er Gott selbst
war, noch bevor Gott die Schöpfung geschaffen hatte.
Im ersten Buch der Bibel ist vom gleichen Anfang die Rede. Eigentlich
versagt hier unsere Sprache, weil genau wie an unserer Stelle der Anfang
vor aller Zeit gemeint ist, als Gott und Jesus und der Heilige Geist noch
unter sich waren.
Warum wird Jesus eigentlich das Wort genannt? Er ist ja nicht nur etwas,
was Gott sozusagen mit seinem Mund ausspricht. Er ist weit mehr. Wenn Gott
wirkt und schafft und handelt, dann heißt es in der Bibel, dass er es
durch sein Wort macht. Vielleicht hätte man gerade so gut sagen können,
durch seine Macht. Oder vielleicht hätte man sagen können, dass er
Tatsachen geschaffen hat.
Manche werden sich daran erinnert fühlen, wie Dr. Faust in Goethes Drama
herumsucht, wie er diesen Text übersetzen könnte. Er macht mehrere
Versuche und versucht‘s mit Sinn, Kraft oder Tat, ohne dass er zu einem
befriedigenden Ergebnis käme. Aber so viel ist klar: Es handelt sich um
etwas Tiefes aber irgendwie Grundlegendes.
Jedenfalls dürfen wir uns Wort nicht nur so vorstellen, als ob das etwas
wäre, das uns nur über ein Geschehen informiert. Auch in menschlichen
Zusammenhängen haben wir manchmal Bedeutungen, wo das Wort selbst schon
Tatsachen schafft. Lassen Sie mich ein paar Beispiele nennen.
Da kann ein Richter etwa zu einem Angeklagten sagen: „Im Namen des
Gesetzes verurteile ich dich hiermit...“ Wenn der Richter so etwas sagt,
dann ist das keine bloße Mitteilung über einen Sachverhalt, sondern indem
und während es gesagt wird, geschieht es gleichzeitig.
Oder zwei Verliebte können zueinander sagen: „Ich liebe dich.“ Das ist
dann auch keine Mitteilung, sondern indem man das sagt, wird Liebe
weitergereicht. Wenn der Ausspruch nur eine Mitteilung wäre, dann würde es
ja genügen, es nur einmal zu sagen, und damit wäre die Sache besprochen.
Meine Frau hat mir das schon oft erklären müssen, dass man das tatsächlich
oft sagen darf; - auch wenn man‘s auf Schwäbisch anders sagt -. Ich
glaube, ich habe es trotzdem noch nicht so richtig begriffen. Vielleicht
sind wir Männer da ein bisschen schwer von Begriff. Aber vielleicht
kapieren das wenigstens die Frauen, dass nämlich das nicht nur eine
Information ist, wenn ich sage: „Ich liebe dich“.
Diese beiden Beispiele zeigen, dass auch bei uns ein Wort Tatsachen
schaffen kann, und zwar nicht nur durch die Auswirkungen des Wortes,
sondern dass im Ausspruch selbst etwas geschieht. Die Sprachphilosophie
bezeichnet das übrigens als „performative Rede“.
Wenn Gott handelt, dann handelt er durch das Wort, das heißt, durch Jesus.
Und das war so, als er die Welt geschaffen hat, das war so, als er den Weg
der Erlösung für die Welt gegangen ist, und das ist so, wenn er an uns
heute handelt.
3. Das Wort des Lebens ist zu uns gekommen
Als Jesus auf die Erde kam, hat Gott uns nicht nur einen Boten
geschickt, der uns über ihn etwas mitteilt, sondern er war das Leben
selbst. Nur wenn wir ihn haben, dann haben wir das Leben.
Alle Religionen und Weltanschauungen und philosophischen Systeme versuchen
uns gute Gedanken nahezubringen und uns zu lehren, wie wir uns richtig
verhalten sollen. In allen Völkern ahnt der Mensch auch etwas von einem
höheren Wesen, und er versucht, mit ihm in Kontakt zu kommen. Man versucht
das oft unter großen Anstrengungen und Opfern, so dass es uns Christen
sogar beschämen kann.
Der alte Professor Schlatter wurde deshalb einmal gefragt, was das
Christentum eigentlich Neues gebracht habe gegenüber den älteren
Religionen und Philosophien. Schlatter antwortete: „Christus“. Er ist das,
was neu ist.
Das Wort des Lebens ist erschienen, sagt Johannes. Also das, worauf alle
Religionen gewartet haben, wonach sich auch die Menschen heute sehnen, das
ist durch ihn auf unsere Erde und zu uns gekommen.
4. Er stiftet Gemeinschaft
Wenn man mit dem Zug unterwegs ist und ein Deutscher betritt den Zug,
dann sucht er sich eine Ecke möglichst weit weg von allen anderen. Dann
zieht er eine Zeitung oder ein Buch heraus und liest. Wenn in einem Zug
Südländer sitzen, etwa Italiener, dann beobachtet man das Gegenteil.
Betritt ein weiterer Italiener den Zug, dann setzt er sich möglichst in
die Nähe eines anderen.
Natürlich ist das eine Sache der Mentalität und hat mit dem Glauben nichts
zu tun. Aber dennoch machen uns die Südländer hier vor, wie Christen sind.
Sie suchen Gemeinschaft. Und wenn Christen das nicht tun, dann ist etwas
nicht normal. Christen verhalten sich wie Eisenfeilspäne, wenn sie in die
Nähe eines Magneten kommen. Christus ist der Magnet, der uns anzieht. Aber
weil wir auf ihn zugehen, deshalb gehen wir auch aufeinander zu.
Wo aber das Wort des Lebens wirkt und Menschen verwandelt und neu macht,
da richten sich die Menschen auf ihn hin aus. Und das bringt sie von
selbst einander näher. Jesus lockt sie und weckt Freude in uns.
Das also soll Weihnachten unter uns schaffen: Dass wir nach den Zeugen für
das Wort fragen, dass wir das Wort Gottes von Anfang an aufsuchen und ihn
als den finden, der zu uns gekommen ist und unter uns und mit ihm
Gemeinschaft stiftet. Amen!
(Pfr. Dr. K. Knauß)