Gottesdienst am 1.
Weihnachtsfeiertag, 25. Dezember 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, mit
anschließendem Heiligem Abendmahl, Predigt über Titus 3, 4-7
Menschen, die alle ein
bis zwei Wochen in die Kirche gehen, haben die besten Aussichten,
glücklich zu sein. Das hat jedenfalls ein englischer Glücksforscher (David
Halpern, London) festgestellt.
Ich weiß nicht, ob man das gleich nach ein/ zwei Versuchen feststellt. Es
geht auch ganz gewiss nicht um oberflächliche Gefühlswirkungen, sondern
muss schon tiefer gehen.
Weihnachten ist mehr als bloße Tradition. Heute sind wir sozusagen auf dem
Boden der Tatsachen angelangt.
[Titus 3, 4-7]
4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres
Heilandes,
5 machte er uns selig - nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die
wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit - durch das Bad der
Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist,
6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern
Heiland,
7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens
würden nach unsrer Hoffnung.
Es sind nicht die vertrauten Worte der Weihnachtsgeschichte, aber gleich
im ersten Satz wird zusammengefasst, was Weihnachten eigentlich für uns
bedeutet oder bedeuten sollte: „Als aber die Güte und Menschenliebe
Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet.“ Die Güte und
Menschenliebe Gottes, unseres Retters, ist uns erschienen. Damit erinnerte
Paulus seinen Mitarbeiter Titus daran, dass es ohne das Erscheinen unseres
Gottes keine Rettung für uns gibt.
Ich will heute das
Thema zusammenfassen: Die Geburt des Retters soll zu unserer Erneuerung
führen.
1. Die Geburt des Retters
Gott hat sich an Weihnachten etwas Unerwartetes einfallen lassen, es
ist geradezu ein Gegenprogramm zu den menschlichen religiösen
Vorstellungen. Denn die Menschen stellen sich Gott eigentlich immer so
vor, als ob er den Menschen ja nicht zu nahe kommen wollte. Die Menschen
in alter Zeit haben sich vorgestellt, Gott sei irgendwo über den Wolken.
Doch je mehr man den Himmel mit Fernrohr und anderen Instrumenten
kennengelernt hat, desto weiter hinaus hat man Gott in seinen Gedanken
gerückt. Man muss das ja nicht unbedingt mit genauen Kilometerangaben
ausdrücken. Aber unsere Empfindung gibt das schon etwa wieder: Gott ist
außerhalb unseres Gesichtsfeldes. Er ist für uns heute sozusagen einige
Lichtjahre entfernt, äußerlich und innerlich, das heißt, er ist außerhalb
des Rahmens, den wir zu fassen vermögen.
Gottes Kontrastprogramm heißt: Er wird gewöhnlich. Nicht eisige
Entfernung, sondern menschenfreundliche Nähe; nicht pure Sachlichkeit,
sondern tief bewegende Menschenliebe, nicht distanzierte Zuschauerhaltung,
sondern echtes Miterleben, Mitfreuen und Mitleiden, und vor allem
engagiertes Handeln.
Der Apostel Paulus sagt, dass Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit
erschienen ist und uns errettet hat. Sie kommt an Weihnachten durch die
Geburt Jesu zu uns und sie vollendet sich in seinem Kreuzestod, uns allen
zugut.
Schauen wir deshalb jetzt auf Jesus. Da liegt er als neugeborenes Kind in
ärmlichsten Verhältnissen in einem Futtertrog. In den Elendsvierteln
dieser Welt kann es nicht ärmer sein. Er ruft mühselige und beladene
Menschen an seine Seite, um sie aufzurichten und ihnen neuen Mut zum Leben
zu schenken. Durch sein Wort gibt denen, die in Schuld verstrickt sind,
die Möglichkeit zu einem neuen Anfang in ihrem Leben. Er legt kranken und
leidenden Menschen die Hände auf, und sie werden wunderbar geheilt. Ja,
selbst gegen den Tod setzt er Signale eines neuen Lebens. Er bleibt seinem
Auftrag zu retten treu, auch als die Menschen ihn verstoßen haben. Er
stirbt am Kreuz und setzt die Vergebung an die Stelle des Hasses: „Vater,
vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Zum Raubmörder, der
sich nach einem verpfuschten Leben an ihn wendet, spricht er: „Heute noch
wirst du mit mir im Paradiese sein.“ So sucht die Güte Gottes verlorene
Menschen; so viel lässt sie es sich kosten, sie zu retten. Das alles ist
gemeint, wenn wir im Blick auf die Geburt dieses Kindes heute jubeln:
„Christ, der Retter ist da.“
Eigentlich hätten wir von Gott zu erwarten, dass er uns streng verurteilt
und sich im Zorn von uns abwendet. Aber, im Gegenteil, er hat sich in
seiner Güte uns zugewendet - und dies nicht, weil er an uns doch noch
etwas Gutes gefunden hätte, wenigstens ansatzweise, sondern weil er sich
über uns erbarmt hat. Er will nicht, dass wir in unserem verkehrten Wesen
steckenbleiben. Er findet sich einfach nicht damit ab, dass wir ferne von
ihm sind. Deshalb möchte er uns verlorene Menschen für sich
zurückgewinnen, nicht durch Gewalt, sondern durch seine Liebe. Diese Liebe
aber greift selten so stark und mächtig nach unserem Leben wie in der
Geburt Jesu.
Damit fängt also unsere Rettung an, nicht dass wir uns eines Besseren
besinnen, uns wieder Gott zuwenden und uns eines rechtschaffenen Lebens
befleißigen, sondern dass Gott ohne alle Voraussetzungen auf uns zugeht.
So kommt es zu der großen Wende in unserem Leben.
Kommt es wirklich dazu? Das ist nun die Frage.
2. Unsere Erneuerung
Wir feiern Weihnachten vergeblich, wenn es nicht durch Jesu Geburt zu
dieser neuen Geburt bei uns kommt, das heißt zu einem Neuanfang in unserem
Leben. Die in der Geburt Jesu erschienene Güte Gottes will auch uns aus
unserem verkehrten Wesen herausholen und uns zu Kindern Gottes machen.
Wir, die wir eine Allergie gegen Gott haben, sollen durch ihn geheilt
werden.
Wie geschieht das? Nicht so, dass wir die Weihnachtsbotschaft wie ein
altes Märchen vernehmen, in dem es heißt: „Es war einmal ...“, sondern so,
dass dieser Jesus Christus, vor 2000 Jahren geboren, heute in unser Leben
eintritt.
Er will gleichsam in uns geboren werden. Der Dichter Angelus Silesius hat
es so ausgedrückt: „Wär Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht
in dir, du wärest ewiglich verloren.“ Wie tritt Jesus aber erneuernd und
rettend in unser Leben ein? Dies geschieht immer wieder, wenn wir von
seiner Liebe hören, in der Gott seinen Sohn dahingab, „damit alle, die an
ihn glauben, nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben haben.“ Aber
unser Predigttext zeigt uns dazuhin, wie diese Botschaft nun ganz konkret
und persönlich in unserem Leben Gestalt gewinnt und woher die erneuernde
Kraft zu dieser entscheidenden Wende kommt.
Der Apostel spricht von dem Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung, die
der Heilige Geist bewirkt. Er erinnert damit an die Taufe. In der Taufe
wurde uns bezeugt: Gott hat auch dich lieb. Auch dir zugut ist er als
Mensch geboren und hat dir sein Leben als Opfer gegeben. Er ist auch zu
dir gekommen, um dein gottloses Leben zu reinigen, zu erneuern und heil zu
machen. Die Taufe ist also das große Signal dafür, dass Gottes rettende
Liebe auch zu uns persönlich gekommen ist, dass er uns direkt meint.
Es ist allerdings problematisch, dass unsere praktische Erfahrung die
Taufe vom Glauben loslöst. Doch die Christen in den ersten Gemeinden
wurden getauft, nachdem sie zum Glauben an Jesus gekommen waren, nachdem
der Heilige Geist sie zu einem neuen Leben geführt hatte.
Wie kommen wir zu der Wiedergeburt? Gibt es dafür eine Anleitung? Offenbar
nein, denn sie ist ein Werk Gottes. Das soll schon der Sprachgebrauch
sagen. Der, der geboren wird, kann nichts dafür. Er kann nur sein Leben
als Gabe empfangen und leben.
Aber nun ist dieses Bildwort ja nicht das einzige im Neuen Testament für
den gleichen Vorgang. Im Neuen Testament werden wir vor Gott auch dafür
verantwortlich gemacht, ob wir an Jesus Christus glauben oder nicht. Ein
Neugeborener wird für seine Geburt nicht verantwortlich gemacht. So sollen
wir verstehen, dass diese Seite Gottes Wunder-Handeln an uns meint. Wir
dürfen uns nicht dafür loben. Es ist kein Pluspunkt auf unserem
geistlichen Konto, wenn wir zum Glauben gekommen sind.
Darum sollen wir danken und ihn loben. Ich habe als Leitfaden gewählt: Die
Geburt des Retters soll zu unserer Wiedergeburt führen. Von Gott her ist‘s
so gedacht. Es liegt nun alles daran, ob ich es zulasse. Wenn man auch
nichts für seine eigene Wiedergeburt kann, so kann man sich ihr doch
schuldhaft entziehen, indem man das Geschenk nicht annimmt. Doch der
Nachdruck liegt heute darauf, dass das eine Wunder das andere Wunder
nachgezogen hat. Er ist wider Erwarten zu uns Menschen gekommen und Mensch
geworden, damit er mich wider Erwarten zu einem Gotteskind macht.
Wir sollen an Weihnachten das Staunen darüber jedes Jahr neu lernen. Ich
wünsche es uns, dass dieses Wunder uns tief erschüttert, dass es uns
aufrüttelt aus unserem gewohnten Alltagstrott, in dem wir uns sogar daran
gewöhnt haben, dass Gott uns so nahe gekommen ist. Amen!
Amen!
(Pfr. Dr. K. Knauß)
