|
Gottesdienst am Heiligabend, 24.
Dezember 2003, in Wilhelmsdorf um 20.00 Uhr, Predigt über Titus 2, 11-14
Als die Wiege der abendländischen Kultur gilt eine Insel im Mittelmeer.
Sie reicht in uralte vorgeschichtliche Zeit hinein. Ein Palast auf ihr
beschäftigt heute noch die Phantasie der Menschen. Alte Sagen haben hier
ihren Sitz, besonders die des Ungeheuers Minotaurus. Nach der Sage hat ihn
Theseus getötet und aus dem Labyrinth des Palastes mit Hilfe des roten
Fadens der Ariadne wieder herausgefunden. Man hat Steininschriften aus der
Zeit vor Mose zutage gefördert und entziffert. Eigentlich eine Welt voller
Träume, die zum Urlaubmachen einlädt.
Gemeint ist Kreta, die große griechische Insel südlich des Peloponnes. In
ntl. Zeit hatte sie ihre große Zeit schon hinter sich. Die großen
Kulturdenkmäler lagen unter dem Schutt der Jahrhunderte. Die Menschen
waren nicht anders als die anderen der Antike oder heute: Menschen mit
einem Hunger nach Leben. Menschen, die, als sie alt wurden, gefragt haben:
Und das soll alles gewesen sein?
Paulus war auf dieser Insel bei einer kurzen Zwischenlandung auf seiner
Seereise nach Rom, als Gefangener; und später noch einmal nach seiner
römischen Gefangenschaft. Er überließ seinem Mitarbeiter Titus die
Aufgabe, die Gemeinden zu ordnen und zu organisieren.
Das war kein Weihnachtsurlaub, sondern ein harter Job. Die Christen hatten
den falschen Göttern abgesagt. Wahrscheinlich haben sie es so ähnlich
gemacht wie in anderen christlichen Gemeinden, von denen uns berichtet
wird, dass sie ihre Fetische und astrologischen Bücher und Zauberliteratur
verbrannten. Das waren so heftige Umbrüche im Leben der Menschen, wie man
es sich wohl schwer vorstellen kann, wenn man nicht Ähnliches in der Nähe
miterlebt hat. Radikale Brüche, totaler Neuanfang; und dennoch lebt das
Alte in der Seele und in der Erinnerung, es taucht hier und da auf, zwar
im Grunde vorbei, und dennoch muss es immer neu ins Licht Gottes gestellt
werden. Vielleicht war noch schwieriger für die junge Gemeinde, dass in
ihren eigenen Reihen Verführer auftauchten. Sie lehrten vieles aus ihrer
jüdischen Vergangenheit, was von Christus doch überwunden war. Und manche
müssen sich auch verstiegen haben in spekulativen Gedanken. Konnte Titus
dem eigentlich gewachsen sein?
Paulus schreibt in
dieser Situation einen Brief, der Ruhe hineinbringt in die aufgeregte
Lage. [Titus, 2, 11-14.]
11 Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen
12 und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den
weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben
13 und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des
großen Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus,
14 der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller
Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig
wäre zu guten Werken.
Eine Weihnachtsgeschichte besonderer Art! Die Gnade Gottes ist erschienen.
Sie bringt uns Heil und ordnet unser Leben. Die Gnade Gottes, das ist
niemand anderes als Christus, der Retter.
Die Menschen damals hatten‘s nötig. Wir erfahren in Stichworten einiges
aus dem Leben der Menschen. Manche müssen einen Alkoholismus hinter sich
gehabt haben, andere waren händelsüchtig gewesen, wieder andere hatten
ziemliche Unordnung in ihrer Ehe oder Familie. Das alles lag offenbar
hinter ihnen. Sie hatten ein neues Leben angefangen. Aber das alte
Naturell ging doch mit. Es machte ihnen zu schaffen.
Doch nun ist Gott Mensch geworden. Die heilsame Gnade Gottes ist
erschienen. Das ist der Grund, warum das neue Leben sich durch alle
Lebensgebiete ziehen soll und muss.
Leitsatz: Jesus ist die sichtbare Gnade Gottes, der uns gewinnt, verändert
und vollendet
1. Jesus gewinnt uns
Die Menschen vor 2000 Jahren im Römerreich haben gewusst, wie das ist,
wenn da ein „Herr“ erscheint. Sie haben damit den Kaiser gemeint. Immer
mal wieder sagte er sich in irgendeiner Stadt an. Die Menschen standen
Spalier an den Straßen entlang, um ihn zu sehen. Und sie hatten nicht bloß
ein gutes Gefühl dabei. Man weiß nicht so recht, ob sie freiwillig
dastanden und klatschten oder ob es Zwang war. Denn der, der da kommen
sollte, hatte ihnen die nationale Freiheit genommen, er nahm Steuer von
ihnen und machte ihre jungen Männer zu Soldaten, die wiederum anderen
Ländern die Freiheit raubten. Dann ließ er sich auch „Herr und Gott“
nennen. Er verlangte Verehrung von allen. Und dann erschien der Kaiser.
Seine ganze Pracht, in der er auftrat, zeigte den Leuten auch: „Hier bin
ich unumschränkter Herr.“ Die Menschen wussten also, was das heißt, wenn
jemand erscheint. Damit war der Herr und Gott gemeint, nämlich der Kaiser.
Paulus benützt das gleiche Wort. Eine gefährliche Konkurrenz. Eine
politische Anspielung? Sie war gewiss gewollt. Und sie hieß auch, dass
nicht der Kaiser Herr und Gott ist, sondern Jesus. Aber dieser erscheint
nicht mit zwingender Macht. Er hat keine Soldaten. Und er unterdrückt
niemand. Im Gegenteil, er lässt sich um unseretwillen unterdrücken, leidet
Not für uns. Und in ihm kocht dabei nicht die Wut, sondern er ist voller
Erbarmen und Güte, weil er uns liebt und weil er uns gewinnen will.
Hat Gott das nötig? - Gott könnte auch anders. Da haben wir uns als
Rebellen gegen ihn aufgeführt, und er lässt sich gefangennehmen. Da haben
Menschen ihre Wut an ihm ausgelassen. Aber er geht mit ihnen nicht um, wie
man in der Weltgeschichte mit Rebellen umzugehen pflegt. Er ist als Gnade
Gottes erschienen.
Das ist Weihnachten. In seiner herzgewinnenden Liebe ist er zu uns
gekommen. So ist er um uns bemüht, um uns zu gewinnen. Und er lässt sich
in seiner Güte nicht beirren. Da schlägt ihm oft Kälte und gar keine
Gegenliebe zurück. Er ist weiter um uns bemüht. So macht er unserem
heillosen Zustand ein Ende. Er erscheint in gewinnender Güte.
Bei der Revolution im November 1918 kamen die Arbeiter- und Soldatenräte
zu dem sächsischen König Friedrich August III.. Er war der letzte noch
amtierende König. „Majestät, treten Sie ab.“ Drängten sie ihn zum
Rücktritt. Weil es denn gar nicht anders ging, sagte der Geenich: Dann
macht euern Dreck allene.
So hat‘s Gott eben nicht gemacht. Er gibt nicht dem Drängen der Menschen
nach, die ihn loshaben wollen. Sondern ihn packt das Erbarmen. Er konnte
es nicht mit ansehen, wie wir ins unseren Nöten festhängen wie in einem
Netz, wie wir zappeln und nicht herauskommen. Das war der Grund, warum er
erschienen ist. Oft haben wir Menschen ein inneres Geheimnis unserer Not.
Viele haben sich das Leben irgendwie anders vorgestellt: Erfüllter,
echter, größer und wertvoller. Nur zögernd gibt man anderen Einblick in
die innere Leere, aber erst, wenn man anders nicht mehr durchblickt.
2. Jesus verändert uns
Aus den psychologischen Beratungsstellen weiß man: Die meisten
Probleme, die den Menschen zu schaffen machen, sind die alltäglichen Dinge
in der Familie oder in der Partnerschaft. Und die treten oft gerade an
Weihnachten zutage, wo man doch innerlich so viel erwartet. Sehnsucht
nicht erfüllt! Wo soll denn das Leben noch sein, wenn es nicht einmal in
der Nähe der Familie erlebt wird?
Eine Freundin unserer Familie hat einmal davon erzählt, wie es bei ihnen
zu Hause an Weihnachten war. Sie waren einige Mädchen. „Es gab jedes Jahr
Nachthemden, herrliche, lange Nachthemden. Wir haben sie anprobiert und
uns dann unter den Weihnachtsbaum gesetzt und gestritten - jedes Jahr.“
Jesus hat „sich selbst für uns gegeben“, „damit er uns erlöste von aller
Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum“...
Das war‘s, warum er gekommen ist. Er wollte nicht für sich etwas holen,
sondern uns befreien. Er hat sich‘s schwer gemacht, weil er uns gewinnen
wollte.
Das war auch mit ein Ziel für ihn mit seiner Ankunft in unserer Welt. Er
will uns verändern. Es war nicht sein ganzes Ziel. Er hatte doch mehr vor.
Aber es gehörte wesentlich mit dazu: Unsere Veränderung. Darum hat
Weihnachten für uns auch diesen Sinn. Und wenn Jesus mit uns nicht dazu
kommt, dann hat Weihnachten für uns seinen Sinn verfehlt. Veränderung: Da
denken viele an Vorschriften. Aber das ist gar nicht der springende Punkt.
Sondern er überwindet uns in seiner Liebe, dass wir uns verändern wollen
und dass wir das sogar können.
Denken wir nur an Maria und Joseph, die doch in der Weihnachtsgeschichte
eine wichtige Rolle spielen: Sie waren bereit, sich verändern zu lassen.
Es mag sehr wohl sein, dass sie auch Pläne hatten, wie sie sich ihr Leben
vorgestellt haben. Und dann kam alles durcheinander. Maria wird zur Unzeit
schwanger. Wir denken an die ganze Beschämung. Aber nicht nur das, sondern
sie lässt sich ihr Leben total vermurxen. Es wird ganz anderes draus. Sie
hat Gott den Schlüssel zu ihrem Leben gelassen. Sie war nicht ihres Lebens
selbst mächtig. Eine ähnliche Geschichte könnte man auch von Joseph
erzählen. Beide machen mit, obwohl sie das ganze wohl nicht erfassen
konnten.
Sind wir bereit, uns verändern zu lassen? Wollen wir den Schlüssel zu
unserem Leben selbst in die Hand nehmen oder können wir ihn Gott
überlassen?
3. Jesus vollendet uns
Da war noch etwas, was unser Leben in der Spannung beschreibt: Wir
warten auf etwas.
Jetzt vielleicht auf die Geschenke unterm Christbaum. Aber die sollen für
uns ein Zeichen sein für eine noch viel größere Erwartung.
Ist das eine Flucht aus der Wirklichkeit, wenn wir in dieser unserer
spannungsvollen Welt auf die Welt Gottes warten, in der er alles heil
machen wird?
Nein, es ist keine Flucht ins Unwirkliche. Sondern der Weg dahin geht auch
durch innere Nöte. Es gibt kein Christsein ohne Nöte und Spannungen. Das
haben die ersten Christen sicher noch intensiver erlebt als wir. Und doch
gehört es auch zu unserem Leben als Christen.
Jesus vollendet uns. Das fängt hier schon an, auch durch innere Kämpfe.
Aber vielleicht sind sie das beste Zeichen, dass Gott uns nicht in Ruhe
lässt. Er will das, was mit ihm nicht vereinbar ist, schon hier verändern.
Aber in seiner kommenden Welt wird er es zum Ziel geführt haben.
Dazwischen geht Jesus mit uns einen Weg. Es ist ein Weg der Herzen. Er hat
es sich nicht so ausgedacht, dass er uns unmittelbar gleich in die
Vollendung schicken will. Solange wir nicht innerlich verändert sind, sind
wir noch nicht bereit für seine große Zukunft. Wenn er uns deshalb
gewinnen und verändern will, dann sind das die ersten Schritte darauf hin,
dass er uns vollenden will.
Gebe Gott, dass wir uns dem ganzen Ziel von Weihnachten öffnen, wo er
unsere Herzen gewinnen will, damit wir uns verändern lassen für sein
ewiges Reich. Amen.
Amen!
(Pfr. Dr. K. Knauß)

|