Zweitgottesdienst am 21. Dezember 2003 in Wilhelmsdorf um 10 Uhr, Predigt über: Sind wir noch zu retten?

Übertreibung macht anschaulich. Aber vielleicht war das gar nicht so sehr übertrieben.

Bei Weihnachten denken viele hauptsächlich ans Schenken und Geschenke bekommen; nicht wenige auch ans Weihnachtsgeschäft. Schließlich wird in vielen Branchen in den Wochen vor Weihnachten der Hauptteil des Jahresumsatzes gemacht. Nicht jeder hat von dem Umsatz was, die Angestellten denken mehr an den damit verbundenen Stress.

Und das nicht genug. Viele Menschen hetzen vor Weihnachten, um noch alles mögliche und Unmögliche zu erledigen. Als ob die ganze Last bis zu diesem Termin erledigt werden müsste.

An Weihnachten bricht so eine Art Endzeitstimmung aus. Aber nicht im christlichen Sinn, sondern eher im weltlich-materiellen Sinn. Alles läuft auf Weihnachten zu und da soll unsere ganze Lebenserfüllung stattfinden. Und weil sich nicht alles erfüllt, deshalb wirkt schließlich das ganze Unternehmen mit Weihnachten sehr unnatürlich.

Mir hat mal jemand gesagt: Die Art, wie wir an Weihnachten schenken, zerstört die christlichen Tugenden. Du machst eine Art Bilanz. Am Ende muss wieder so viel bei dir gelandet sein, wie du selbst geschenkt hast. Wenn es dann ungefähr eben aufgegangen ist, dann sind wir zufrieden, dann fühlen wir uns gut. Warum verbiegt das den Charakter? Weil Gott im Schenken sehr einseitig ist! Er schenkt, ohne dass wir eine Gegenleistung erbringen können.

Das ist für uns nicht leicht zu ertragen. Es ist tatsächlich ein Lernprozess. Man muss lernen, auch etwas zu bekommen, ohne dass man gleich wieder zurückgibt.

Im letzten Jahr ist es mir versehentlich so ähnlich passiert. Ich hatte meiner Frau was gekauft - schon ziemlich früh. Dann habe ich es versteckt, dass es meine Frau nicht findet. Das Versteck war so gut, dass ich es dann an Weihnachten wirklich nicht mehr gefunden habe. Wissen Sie, was passiert ist? - sie war sauer!

Es ist nicht so einfach, wenn die Bilanz von Schenken und Beschenktwerden nicht stimmt.

Vor einigen Monaten erschien in Zeitschrift ein Artikel mit exakt diesem Titel: Sind wir noch zu retten? - Dort ging es nicht um das Einkaufen vor Weihnachten, sondern es ging um die Klima-Veränderung. Die Frage war: Können wir überleben oder gehen wir unter? An dieser Stelle sind viele sehr pessimistisch.

Sind wir noch zu retten? Das war ja auch für Gott der Ausgangspunkt für Weihnachten. Er hat sich die Frage gestellt und dann mit Ja beantwortet. Wir sind zu retten. Und er hat sich vorgenommen, uns zu retten, weil wir sonst verloren wären. Es herrschen nicht nur Mord und Totschlag. Sondern auch vieles geht daneben, wo die Idee eigentlich durchaus gut war. Trotz guten Willens hat sie dann mehr Schaden angerichtet als genützt. Da ist innerlich im Menschen etwas schief gewickelt.

Beim Menschen muss irgendwo eine Schraube locker sein. Sie haben gute Ziele, jedenfalls der Idee nach. Doch dann gleitet die Geschichte abwärts.

Ich möchte mir gerne vorstellen, wie Gott die Menschen beobachtet; was er dabei sieht, und was er sich dabei denkt. Auf was achtet er denn? Sicher hat er völlig andere Kategorien als wir. Wir denken über das nach, was uns Menschen nützt oder schadet. Ob wir überleben können, oder ob wir uns Schlechtes tun. Gott denkt mehr daran, ob wir mit ihm Beziehung haben wollen. So heißt es z.B. in Psalm 13: Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage. Wenn man nun tatsächlich das zum Maßstab nimmt, dass müsste er eigentlich täglich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wenn er sieht, dass wir zwar auf uns achten und wie wir durchkommen, aber dass den allermeisten Menschen nichts daran liegt, wie sie mit Gott in Kontakt treten könnten. Das war Gottes Hauptproblem. „Sind wir noch zu retten“ heißt für ihn: Gibt es eine Möglichkeit, dass die Menschen mit Gott rechnen, mit ihm reden, sich nach seinem Willen richten wollen. Daraufhin veranstaltete er das größte Rettungsprogramm.

Es war von langer Hand geplant. Nicht einfach so ad hoc, sozusagen der akuten Not gehorchen. Jahrhunderte vorher begann er damit. Zunächst einmal ließ er einfach nur mitteilen, dass er was Großes vorhat. Schließlich schickte er seinen Sohn.

Man kann fragen, warum er ihn dann nicht sofort geschickt hat. Aber er wollte die Menschen darauf vorbereiten. Sie sollten sozusagen reif dafür werden.

Ich möchte an Weihnachten vor allem daran denken: Gott wollte dabei mit uns in Verbindung treten. Er wollte mit uns reden können. Nicht nur in der Distanz über uns nachdenken, sondern wir sollten merken: Er ist uns nahe; im Alltag; am Sonntag. Er ist einer von uns geworden. Amen
 

Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

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