Gottesdienst am 3. Advent, 14. Dezember 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über 1. Korinther 4, 1-5

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

Einige Mütter haben sich unterhalten. Es war sicher nicht in Wilhelmsdorf, sondern irgendwo, wo es Wunderkinder in jedem Haus gibt:
„Meine Tochter kann mit vier Jahren schon Zeitung lesen.“ „Und mein Sohn kann mit fünf schon rechnen.“
„Das ist alles gar nichts“, sagt eine dritte Mutter, „unser zehnjähriger Erich hat innerhalb von einem einzigen Jahr ein Puzzle zusammengesetzt, obwohl draufstand: für vier bis fünf Jahre.“

Oft leben wir Menschen vom Angeben, nicht nur im Witz, sondern auch in der Wirklichkeit. Manchmal ertappt man sich selber auch dabei. Man hält zu einer Gruppe, weil sie gerade gut ist und weil man damit natürlich auch größer herauskommt. Im Fußball hält man zum VFB, wenn er gerade gewonnen hat, und viele junge Leute haben irgendeine Musikgruppe, die sie anhimmeln. (Saitenwind, die ist gerade in)

Und das kann es auch in der Gemeinde geben, heute, oder sogar schon zu biblischen Zeiten.
Paulus hat an die angeberischen und händelsüchtigen Korinther, die gerne hoch hinaus wollten, geschrieben, dass er als Diener Christi verstanden werden will, der nur unter dem Urteil Christi steht.

[1. Korinther 4,1-5]
1 Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.
2 Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als daß sie für treu befunden werden.
3 Mir aber ist‘s ein Geringes, daß ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht.
4 Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist‘s aber, der mich richtet.
5 Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.

Es muss eine ungeheure Bewegung in Korinth gewesen sein, als Paulus zu ihnen gekommen war. Bei den Juden in der Synagoge ergriff er jeden Sabbat das Wort und gewann die Menschen, einen nach dem anderen, und überzeugte sie, dass Jesus der Messias ist, auf den sie schon Jahrhunderte warteten, ja, der noch mehr ist als der Erwartete: Der Sohn Gottes selbst.

Die Woche über arbeitete Paulus zunächst bei dem Ehepaar Aquila und Priszilla, die eine Art Sattlerhandwerk ausübten, wie Paulus auch. Und es muss sich wohl in ganz Korinth herumgesprochen haben bei allen suchenden Menschen, zuerst hauptsächlich bei den Juden. Sie konnten nicht genug kriegen.

Schließlich reichte der Sabbat nicht mehr aus. Als die zwei Begleiter des Paulus, Silas und Timotheus, in die Stadt nachgekommen waren, ging Paulus jeden Tag in die Synagoge und erzählte von Jesus. Er hatte genügend Zuhörer. Viele wurden Christen, Junge und Alte, Arme und Reiche, Studierte und Einfache. Sie konnten das Unfassbare wohl nicht für sich behalten. Zu Hause und am Arbeitsplatz sprachen sie davon, was sie erfahren und erlebt hatten in der Verkündigung des Paulus. Es sprach sich herum, bei den Hafenarbeitern, in den Hafen-Spelunken, im Milieu, bei den städtischen Angestellten und überall. Auch Nichtjuden wollten ihn hören. Unruhen konnten nicht ausbleiben, weil er auch Neider bekam. Doch ein großer Segen lag auf der Bewegung. Eineinhalb Jahre blieb Paulus dort und hinterließ eine aktive und missionierende Gemeinde.

Doch dann kam der Wurm hinein. Sie fingen an, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Der Glaube wurde zu einem Streitobjekt intellektueller Höhenflüge. Paulus war längst anderswo, Apollos hatte in Korinth sein rednerisches Talent gezeigt. Und nun himmelten die einen diesen, die anderen jenen an. Sie suchten nach menschlichen Größen, danach, wer besser reden könne, oder wer mehr geistbegabt sei usw. Und über die, die anders dachten, schimpften sie jeweils.

Wir wollen uns mit Paulus besinnen und dazu aufrufen lassen, was für uns eigentlich wichtig ist.
Ich nehme als Leitfaden: Menschen können nur Diener und Haushalter sein. Christus allein ist der Herr, und er wird auch der Richter sein.

1. Menschen können nur Diener und Haushalter sein
Ein Indonesienmissionar schrieb in einem Brief an seine Freunde zu Hause: „Stellt euch vor, ihr wohnt in einer Nachbarschaft von lauter Ausländern. Nach jeder Wäsche, die auf der Leine gehangen hat, fehlen ein paar Stücke: Das Kleid deiner Tochter, ein guter Wollsocken... Am nächsten Tag siehst du das Nachbarskind mit dem Kleid deiner Tochter. Im Garten des Nachbarn spielt der kleine Junge in der Badehose deines Sohnes und Herr Soundso putzt mit deinem besten Handtuch sein Auto.. Und bei all dem wohnst du 400 Kilometer vom nächsten Geschäft entfernt.

Wenn du Christ sein willst, gibt es nur eine Möglichkeit: Du vergibst deinem Nachbarn, bringst ihm den zweiten Wollsocken und lädst ihn zu einem Mittag- oder Abendessen ein...“

Paulus spricht davon, dass wir Diener bzw. Haushalter sein sollen.

In unseren menschlichen Verhältnissen kommt es öfter vor, dass jemand als Vormund und Sachwalter eingesetzt wird. Das ist zB. der Fall, wenn die Eltern eines noch unmündigen Kindes verstorben sind. Da wird ein Onkel oder eine Tante oder sonst eine Vertrauensperson eingesetzt, um das Vermögen zu verwalten, bis der Erbe dann erwachsen ist und seine Sachen selbst verwalten kann. An eine solche Vertrauensperson stellt man hohe Anforderungen. Sie soll im Sinne der verstorbenen Eltern für den späteren Erben handeln. Sie soll natürlich nicht für sich selbst wirtschaften. Es ist ein selbstloser Vertrauensdienst.

So ähnlich ist ein Haushalter auch. Der Haushalter verwaltet fremdes Gut. Deshalb darf er nur im Sinne dessen handeln, dem das eigentlich gehört. Ein Mitarbeiter in der Gemeinde ist ein solcher Haushalter. Heute denken wir natürlich besonders an Brüdergemeinderäte: Sie handeln im Auftrag Gottes und schulden letztlich ihm allein Rechenschaft. Es gibt zwar menschliche Ordnungen, die unser Miteinander regeln. Aber noch wichtiger ist die Bindung des Gewissens an Gott.

Nun fragen wir natürlich, was denn da verwaltet wird. Paulus nennt es das Geheimnis Christi. Dieses Geheimnis tritt etwa an Weihnachten zutage, dass Gott in einem Menschen geboren und auf die Erde gekommen ist, in Jesus Christus; dieses Geheimnis tritt auch darin zutage, dass er dann für uns und um unserer Schuld willen am Kreuz gestorben ist und dann wieder auferstand. Zwar kann jeder dieses Geheimnis wissen, so wie man es in einem Buch nachlesen kann. Aber es ist etwas anderes, dieses Geheimnis zu erfassen, dass es in mir lebt, mich umgestaltet zu einem neuen Menschen, in dem Christus lebt und wirkt.

Sachwalter über dieses Geheimnis zu sein, heißt auch: Pass auf, dass da nicht etwas ganz Fremdes hineingedeutet wird. Bleib bei dem Geheimnis Christi. Pass auf, dass du nicht für dich selbst arbeitest. Pass auf! Du gehst mit einem kostbaren Gut um, das die Menschen befreit und selig macht. Gib die kostbare Sache nicht preis. Du kannst nicht nach Belieben schalten und walten.

Haushalter, das sind haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in der Gemeinde. Das sind aber auch Eltern, die ihren Kindern biblische Geschichten erzählen, oder Jugendleiter oder Kinderkirchhelfer, oder junge Leute in der Schule, die ihren Kameraden etwas von Jesus weitererzählen wollen. Haushalter, das ist der, dem das Geheimnis Christi wichtig ist und der es anderen weitergeben will.

2. Christus der Herr ist allein der Richter
Wie kommt dieser Text über das Richten Gottes in die Adventszeit? Er klingt doch so wenig adventlich!?

Das hängt mit Johannes dem Täufer zusammen. Seit alters war im Advent der Vorläufer Jesu wichtig, nämlich Johannes der Täufer (der dritte Advent hat Johannes den Täufer zum Thema). Und dieser Johannes hat das Gericht als Kennzeichen der Ankunft des Erlösers genannt. Gott richtet auch, indem er den Erlöser schickt. Da werden unsere geheimsten Dinge vor Gott offenbar. Gott unterscheidet, wenn er uns den Erlöser schickt. Er will das Alte aus unserem Leben hinauswerfen. Und für viele ist die Ankunft Jesu zum Gericht geworden, nämlich wenn sie sich ihm nicht öffnen wollten, wenn sie gesagt haben: „Wir brauchen deine Erlösung nicht. Wir können uns selber helfen.“

Die Adventszeit ist eine Zeit der Besinnung, eine Vorbereitung auf die Begegnung mit dem Erlöser Jesus Christus. In alter Zeit war die Adventszeit darum auch eine Fastenzeit. Und wenn wir sie recht verstehen, soll sie auch für uns eine Fastenzeit sein. Das ist der Aufruf: Lasst in der Adventszeit das Menschliche zweitrangig sein und stellt das, was göttlich ist, in den Vordergrund, nehmt es wichtiger als die irdischen Dinge.

Nun ist es Paulus wichtig, dass er nicht vor menschlichem Urteil oder Gericht steht, sondern dass Gott ihn beurteilt. Es ist gut, wenn wir das auch für uns wissen. Das gibt uns eine Unabhängigkeit. Es macht frei, wenn wir darum wissen, dass Gottes Urteil echt ist, und dass nicht das gilt, was d‘Leut von uns sagen oder denken.

Die Korinther haben gemeint, übereinander und über den Apostel richten zu müssen. Sie wollten ihre eigene Gruppe und sich selbst jeweils besser dastehen lassen.

Wahrscheinlich hat mancher in Korinth sich über die Aussage das Paulus geärgert, wenn er sagte: „Das ist mir völlig gleichgültig, wie ihr über mich urteilt!“ Der Apostel war allerdings nicht stumpf gegen Kritik. Man hat ihm ja zum Vorwurf gemacht, dass er sein Versprechen nicht eingehalten habe, nach Korinth zu kommen. Darauf stand er Rede und Antwort und wies die Kritik nicht ab.

Doch Paulus geht es nicht um eine so oberflächliche Frage, ob er nicht auch einmal einen Fehler machen könne. Natürlich ist auch Paulus ein normaler Mensch gewesen - mit Fehlern, wie andere auch. Aber er will und darf sich als Diener Christi nicht von dem Urteil der anderen in seinem Dienst abhängig machen; er muss das, was Jesus ihm aufgetragen hat, unabhängig vom Beifall oder Missfallen der Gemeinde tun. Wenn der Chef zu seinem Chauffeur sagt: „Bringen Sie mich in die Oberschwabenhalle, weil ich dort einen Vortrag halten muss“, dann hat der Fahrer das zu machen, und wenn es noch so viele Schwierigkeiten und Widerstände gibt.

Diese Unabhängigkeit brauchen wir, wenn wir unserem Herrn dienen wollen. So können und sollen wir auf ihn warten, bis er wiederkommt, dann wird er über uns gerecht urteilen. Amen!
 

Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

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