Das höchste Gebot ... Predigt zum 1. Advent 2003 (Rö 13, 8-14)

Liebe Gemeinde,

ich möchte Sie einladen, mit mir einen Ausflug zu machen. Einen Ausflug in eine Gemeinde, die außerhalb von Raum und Zeit an einem unbekannten Ort existiert. Es ist ein ganz besonderer Gottesdienst dort heute am 1. Advent. Es ist gelungen, zwei ganz ungewöhnliche Prediger einzuladen. Zwei Prediger weithin bekannt. Zwei Prediger, die beide je auf ihre Weise eine ganz besondere Bekanntheit erlangt hatten.

Der Predigttext war das höchste Gebot. Dieser Text aus dem Lukasevangelium. Wie bei uns vorhin ist er bereits vorgelesen worden. Und so begann der ältere der beiden. Schon an der Art, wie er sich erhob wurde allen im Raum klar, jetzt kommt es etwas ganz besonderes. Seid niemandem etwas schuldig ... begann er... Seid niemandem etwas schuldig, außer, daß ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefaßt (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe  des Gesetzes Erfüllung. Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, daß ihr den Begierden verfallt.

Und damit nahm er wieder Platz. Das waren Worte wie Paukenschläge. Jeder und jedem im Raum war klar, dass sie gerade Zeugen einer ganz ungewöhnlichen Predigt geworden waren. Wenige Worte nur hatte er gebraucht, dieser Mann. Und damit war alles gesagt. Manche hatten zwar nicht alles gleich verstanden – die Sprache und die Wortwahl dieses Predigers waren doch ein wenig antiquiert – aber allen war schlagartig klar, warum dieser Mann als Gründer der ersten Gemeinden außerhalb Israels bekannt geworden war.

 

Was hatte er gesagt? Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt. ... Seltsame Formulierung oder? Liebe schulden? Aber genauso scheint es er gemeint zu haben. Wie Schulden.... Und damit beginnt er, wenn er über das höchste Gebot spricht. Mit den Schulden...: Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt... Denn was, hatte er gesagt, ist das höchste Gebot und damit die Erfüllung des gesamten Gesetzes, das Gott uns Menschen gegeben hat? Du sollst deinen Nächsten liebe wie dich selbst!

 

Wacht auf! Hatte er gerufen. Wacht auf, ihr die ihr schlaft! Das Dunkel in der Welt geht zu Ende. Jetzt beginnt die Zeit des Lichtes. Und das hatten wahrscheinlich alle in diesem Raum verstanden. Licht und Dunkel, Tag und Nacht, das waren Bilder, die alle Gottesdienstbesucher aus vielen Predigten gut kannten. Licht, das war das Gute, ein Bild für Gott selbst. Das Dunkel, das ist das Erlebnis der Gottferne, dieser Momente, in denen Verzweiflung, Angst, Schmerz, Not, Gewalt und Krieg alles zu erdrücken scheinen. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das ist Nacht. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen hatte er gerufen. Mit gewaltiger Stimme, so dass es allen durch Mark und Bein gefahren ist. Ja, das ist Advent, wenn man sich so sicher sein kann, wie dieser Paulus, ... ach ja, Paulus war der Name dieses großen Predigers, hatte ich das schon gesagt? Advent heißt: Gott kommt in die Welt. Die Nacht der Welt mit allen ihren Schrecken geht zu Ende. Darum wacht jetzt auf. So einfach, so kurz war seine Predigt.

 

Aber während die Menschen in den Reihen noch diesem Gedanken nachhingen, noch ganz unter dem Eindruck dieser gewaltigen Predigt standen, erhob sich langsam und leise der zweite Prediger. Ein schmaler Typ. Gerade mal Mitte dreißig. Dunkle Augen, ein eher zurückhaltender Mann.

 

Langsam ging er nach vorn zur Kanzel. Beinahe bedächtig. Und mit leiser Stimme begann er zu sprechen: 

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.

So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!

Auch wer zur Nach geweinet, der stimme froh mit ein.

Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Ein Gedicht! Der Mann trug ein Gedicht vor, eine Predigt in Versform. Und ebenso wie bei seinem Vorredner war allen im Raum klar, dass sie zum zweiten Mal an diesem Tag etwas ganz besonderes erleben würden. Auf einmal veränderten sich die Bilder in den Köpfen. War es eben noch die Sonne des Tages gewesen, die das Bild bestimmte, war es nun ein ganz anderes Licht. Eher sowas wie ein Schimmer. Der Morgenstern eben. Dieses kleine Licht, das denen, die am Dunkel der Nacht fast verzweifelt sind, die keinen Schlaf gefunden haben, die ganze Nacht nicht, einen ersten Schimmer der Hoffnung in ihr Dunkel trägt. Dieser erste helle Stern, der ankündigt, dass da etwas kommt, dass die Nacht, so dunkel sie auch gewesen sein mag zu Ende geht.

 

Doch hören wir ihm weiter zu: 

Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht.

Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht.

Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt.

Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.

Wie ein kunstvoller Stoff verwoben sich auf einmal die Worte der beiden Prediger in den Köpfen der Zuhörer. Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt... Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht. Daher kommen also diese seltsamen Schulden! Ach so.... 

Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf!

Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf

Von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah.

Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.

 

Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und –schuld.

Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.

Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,

von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

 

Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.

Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.

Der sich den Erdkreis baute, der läßt den Sünder nicht.

Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.

 Und genauso still und ruhig, wie er auf die Kanzel gegangen war, setzte er sich nach diesem letzten Wort auch wieder.

 

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können in dieser Kirche. Niemand hatte das Bedürfnis, auch nur das Geringste zu sagen oder zu tun. Alle waren noch gefangen, von dieser eigenartigen, aber umso eindrücklicheren Predigt dieses jungen Mannes.  

Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt .....

Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und –schuld...

Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah .....

Von Gottes Angesichte kommt euch die Rettung her.

Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein,

der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

So nah, auf einmal ist Gott so nah! Mittendrin in der Welt ... und vielleicht gerade da, wo wir ihn überhaupt nicht erwarten. Im Dunkel, Gott kommt in das Dunkel, ohne Scheu. Egal wie dieses heißt. Menschenleid und –schuld.... das läßt alles offen. Da ist kein erhobener Zeigefinger. Da ist Geborgenheit, Nähe, Hoffnung und Wärme. Da ist ein Verbündeter mitten in unserer Welt. Da ist das zaghafte Licht des ersten Sterns, das alles verändern kann. Das ist Advent.

Niemand kann sich mehr erinnern, wie lange das Schweigen in der Kirche gedauert hat. Manchen kam es wie eine Ewigkeit vor, andere hatten das Gefühl, es können nur Sekunden gewesen sein. Immer noch war es mucksmäuschenstill. Nur die Kerze am Adventskranz, diese erste Kerze, die das Kommen Gottes in die Welt anzeigen sollte, flackerte leise vor sich hin.

Keiner wagte es, sich zu rühren. Alle waren noch ganz im Bann der beiden großen Predigten. Und trotzdem kam es irgendwie niemandem seltsam vor, als dieser Mann aus der letzten Reihe aufstand und nach vorne ging. Komisch, die meisten hatten das Gefühl, ihm schon begegnet zu sein und doch konnte niemand ganz genau sagen, woher sie ihn kannten. Er war die ganze Zeit dagewesen. Vielleicht war er auch immer da, wenn sie Gottesdienst feierten. Auf jeden Fall ging er nach vorn und betrat nun als dritter an diesem Morgen die Kanzel.

Und als begann zu reden, da ging es auf einmal ganz vielen in dieser Kirche so, wie damals den beiden Jüngern in Emmaus. Auf einmal wußten sie ganz genau, wer dieser Mann war und warum sie meinten, ihn zu kennen, ja warum sie ihn ganz sicher kannten: Es gab keinen Zweifel, er war es. Er, um den es den ganzen Morgen schon gegangen war. Er, der als Licht in die Welt gekommen ist, um sie hell zu machen, um dort Hoffnung zu geben, wo sonst eher Dunkel und Trauer vorherrschten. Es gab keinen Zweifel! Und er war die ganze Zeit dagewesen!

Was steht im Gesetz geschrieben? fragte er... Und weil vor lauter Überraschung niemand antworten konnte, fuhr er selbst fort: Du sollst den Herrn deinen Gott lieben, von ganzen Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.

Dann, so sagte er, dann wird die Welt ein Ort, an dem die Liebe Gottes wohnt. Daran, so sagte er, daran wird man euch erkennen. Nicht an euren Streitereien, um angebliche Wahrheiten, nicht daran, dass ihr alle, die euch nicht genehm sind, herausdrängt aus euren Gemeinden, die Liebe tut dem Nächsten nichts böses... hatte doch auch Paulus gesagt...

Du sollst den Herrn deinen Gott lieben, von ganzem Herzen , von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst. ... Tut dieses so werdet ihr leben! (Lk 10, 28)

Amen

 

(Carsten Bräumer)

 

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