Gottesdienst am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahrs, 16. November 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Matthäus 25, 31-46

In der Kirche gibt es eine seltsame Regel mit dem Jahresablauf. Man lässt das Jahr schon im November zu Ende gehen. Mit dem 1. Advent beginnt dann das neue Kirchenjahr; es beginnt auch mit fröhlicher Stimmung, mit fröhlichen Liedern und der Vorfreude auf Weihnachten.

In den Sonntagen davor haben wir eher schwierige Anlässe. Wir denken über unsere Vergänglichkeit nach, über unser zu Ende gehendes Leben und das Ende der Welt.

Den heutigen Sonntag nennen wir „Volkstrauertag“ und gedenken der Opfer der Kriege und Gewaltherrschaft, und auch der Menschen, die um ihrer religiösen und politischen Überzeugung willen sterben mussten. Es ist nicht verwunderlich, wenn uns die Fragen immer wieder immer und immer wieder umtreiben. Warum mussten - vielleicht um bestimmter Ideologien willen - unsagbar viele Menschen leiden und sterben? Wie viele Leben, wie viele Familien, wie viele Hoffnungen wurden zerstört? Wir haben heute nicht mehr die gleichen Fehler wie unsere Väter- und Großväter-Generation. Wir haben andere Fehler und müssen sie genauso wie unsere Vorfahren vor Gott verantworten. Der Gottesdienst steht heute unter dem Thema des Weltgerichts.

(Matth. 25, 31-46)
31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit,
32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet,
33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.
34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!
35 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.
36 Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.
37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? oder durstig und haben dir zu trinken gegeben?
38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? oder nackt und haben dich gekleidet?
39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?
40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!
42 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben.
43 Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen, und ihr habt mich nicht besucht.
44 Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?
45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.
46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

In den letzten Jahren ist die Geschichte von den Spuren im Sand sehr berühmt geworden. Das ist die Geschichte, wo zwei Fußspuren im Sand verlaufen und die eine Spur plötzlich aufhört. Ich will heute aber nicht diese Geschichte erzählen, sondern ein Erlebnis von der Autorin dieser Geschichte: Margaret Fishback-Powers. Sie war mit ihrem Mann zusammen sehr stark beschäftigt. Sie führten Evangelisationen durch und hatten deswegen einen vollen Terminkalender und wenig Zeit für ihre Kinder. Ihr Mann musste kurz vor einer Veranstaltung in den Wohnwagen zurück um etwas zu holen. Dort war die fünfjährige Tochter unter der Obhut eines Babysitters. Der Vater beobachtete, wie seine Tochter mit Krippe-Figuren spielte. Dabei bemerkte er, dass sie nicht vollständig waren und fragte: „Wo sind denn Maria und Josef? Ich kann sie nicht sehen.” Die Tochter sagte: „Das ist schon in Ordnung. Maria und Josef predigen gerade in einer Kirche. Aber die Weisen aus dem Morgenland passen ja auf Jesus auf.”
Das hat den Eltern Anlass gegeben, ihre Zeit neu einzuteilen. Ihre Kinder brauchten sie. Das wurde ihnen bewusst.

Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan, und wären es auch die eigenen Kinder. Das heißt nicht, dass wir die ernste Erinnerung von Jesus auf Erziehungsfragen einschränken wollen. Sondern besser so: Die Fragen stellen sich uns im normalen Alltag.

Ich will heute das Wort „doppelt” hervorheben, das im Text zwar nicht wörtlich aber doch sinngemäß ständig vorkommt und drei Überschriften damit kennzeichnen:

1. Das doppelte Handeln
2. Die doppelte Überraschung
3. Der doppelte Ausgang des Gerichts

1. Das doppelte Handeln
Die Menschen handeln gut und böse. Die anderen, und wir auch. Das gehört zu unserem Erleben. Keiner ist ausgenommen. Doch dieses Handeln läuft auf das Ziel des Gerichtes zu. In vielen alten Kirche oder Kapellen ist am Ausgang ein Bild des Weltgerichts. Ich nenne 2 berühmte Beispiele. Vermutlich das älteste ist in der Basilika St. Georg in Oberzell auf der Reichenau von einem unbekannten Künstler aus dem 11. Jahrhundert, oder in der Sixtinischen Kapelle in Rom (Michelangelo). Wer die Kirche verlässt, wird erinnert: Du gehst jetzt wieder hinaus in die Welt, in den Alltag. Denk dran! Was du tust, wirst du vor Gott verantworten müssen!

Was Jesus erzählt, kann ärgerlich sein. Für manchen ist es eine harte Nuss, dass das Gericht nach den Werken und dem Handeln erfolgt. Wir haben doch gelernt und es ist tief in uns drin, dass wir vor Gott gerecht werden ohne das Tun der Werke allein durch Glauben. Man bekommt Probleme, das mit der Gnade und Rechtfertigung aus Glauben zusammenzubringen. Und es ist doch beides biblisch bezeugt.

Am einfachsten kann man erfassen: Es ist gar nicht gleichgültig, was wir tun. Unser Handel ist nicht bloß ein zufälliger Schmuck oder eine Schande für unser irdisches Leben. Mit unserem Tun stehen wir vor Gott. Unser Leben ist kein Spiel. Und das gilt nicht nur für Heiden, sondern auch für Christen.

Die Gerechtigkeit aus dem Glauben ist auch kein Freispruch aus Mangel an Beweisen, sondern beruht auf der Vergebung der Sünden. Wenn wir vor Gott einmal in Endgericht frei ausgehen, dann so, dass unsere Schuld nicht ignoriert wird. Wenn wir ins ewige Leben eingehen dürfen, dann trotz unserer Sünden, die wir getan und deretwegen wir uns vor Gott verantworten müssen. Keiner wird freigesprochen, weil seine Sünden zu gering oder harmlos wären. Sondern Jesus hat die Schuld getragen. Darauf dürfen wir uns berufen. Dann zählt nicht die Schuld, sondern die persönliche Beziehung zu Jesus.

Nun ist auch wahr: Das Gericht ist teilweise hier in diesem Leben schon vorweggenommen. Viele Menschen leiden an den Folgen ihrer Taten schon hier. Schlechtes Gewissen ist auch schon eine Not. Geiz macht einsam. Feigheit zerstört die Selbstachtung. Sexuelle Freizügigkeit macht beziehungsarm und unfähig zu ganzer und echter Liebe. Trägheit hat Misserfolg als Frucht.

Auch im Großen ist es so: Der Größenwahn hat viele Herrscher selbst zu Fall gebracht und Völker mit ins Unglück gezogen. Gott richtet auch in der Weltgeschichte, aber die Weltgeschichte ist nicht das Weltgericht. In dieser Weltzeit trifft die Strafe nicht immer die Schuldigen. Manchmal gehen sie folgenlos aus ihren Taten hervor, während andere die Konsequenzen tragen müssen.

Aber vor dem Richterstuhl Christi wird es noch mehr sein als nur die natürliche Folge böser Taten. Jesus wird ihnen die Gemeinschaft entziehen. Das ist Weltgericht. Christus wird das Verborgene der Herzen ans Licht bringen.

Das gibt auch eine Chance: Ich habe in meinem Leben noch die Möglichkeit zur Umkehr.

2. Die doppelte Überraschung
Jesus beschreibt in dem Bild, wie ein Hirte Schafe und Böcke nach links und rechts teilt. Es ist das Weltgericht. Es geht um Menschen, um Gute und Böse. Die zur Rechten sind sich wohl bewusst, dass sie an Armen usw. Hilfe geleistet haben. Aber sie sind sich nicht bewusst, dass sie es damit ihrem Herrn getan haben.

Die zur Linken sind sich nicht bewusst, dass sie Hilfe versäumt haben. Sie meinen, sie hätten anders gehandelt, wenn sie gewusst hätten, dass sie im anderen Jesus begegnen.

Die große Überraschung des Textes ist also nicht das Gericht nach unserem Tun. Ihr habt mich gespeist, getränkt, beherbergt, gekleidet oder auf der anderen Seite: ihr habt mich nicht gespeist, nicht getränkt, nicht beherbergt usw. Die Menschen bestreiten das nicht, was sie getan haben. Die Menschen aller Völker und Zeiten sind darüber erstaunt, dass sie es in der Welt mit Christus zu tun hatten, dass sie ihm in ihrem Leben begegnet sind. Daraus sollten wir sehen: Jesus wartet gar nicht auf das Außergewöhnliche bei uns. Nicht in den sensationellen Leistungen oder im großen Versagen besteht die Bewährung vor Gottes Gericht, sondern im Alltag, in dem, was wir Tag für Tag erleben. Wir sollen nicht auf die große Bewährungsprobe warten, sondern wir stehen ständig mitten drin.

Wie ich mit meinem Nachbarn umgehe, mit meinen Kindern oder meinem Ehepartner: Das ist die Bewährungsprobe. Man müsste das auch im Hinblick auf die Politik und die hier Verantwortlichen sagen. Die Bewährungsprobe ist nicht erst, wenn es um die großen und schicksalhaften Entscheidungen geht, sondern sie ist in den täglichen Entscheidungen da, wenn die Sitzungen so unendlich lange sind und man nervös wird und gereizt. So dass man schließlich irgend etwas entscheidet, egal was. Hauptsache, es ist entschieden. Das ist das Auffällige: Jesus begegnet uns im routinehaften Alltag.

Unser Handeln ist konkret. Es ist nicht bloß eine Überlegung im Kopf. Der Nächste soll geliebt werden. Nicht irgendein ideales Wesen im anderen. Ich soll nicht auf eine Idealgestalt von Mensch warten, den ich lieben könnte, hinter dem sich dann Christus verbergen würde. Er ist gerade im anderen da, mit dem ich Probleme habe.

Wir werden staunen: Ach, du warst das! Und ich hab’s nicht gewusst!

3. Der doppelte Ausgang des Gerichts
Christus will die Überraschung nicht bis zum Endgericht aufheben. Er stellt uns jetzt schon in die Situation hinein, die uns erwartet. Es herrscht keine Willkür. Man kann sich drauf einstellen.

Es muss uns zu schaffen machen, wenn Jesus zu den einen sagt: „Geht weg von mir ihr Verfluchten in das ewige Feuer.” Wir leben in unserem Leben in der Situation einer Entscheidung. Nicht die anderen, sondern wir selbst entscheiden über unsere Zukunft im Zeitlichen und vor allem im Ewigen.

Jesus verharmlost unsere Situation nicht. Wer von uns kennt seinen Weg schon im voraus bis ans Ende? Wir könnten doch noch scheitern. Das ist bis zum Schluss möglich. Darum verbleibt bei uns ein gewisses Bangen um unser ewiges Heil. Wenn wir auf unseren Herrn schauen, ist es nicht ungewiss, sondern fest. Aber wir könnten ihn noch verwerfen. Paulus hat der vorbildlichen Gemeinde in Philippi geschrieben, dass sie um ihr Heil besorgt sein sollen „mit Furcht und Zittern,” wohl wissend, dass Gott es ist, der sie zum ewigen Leben bringt. Wir wissen, dass das Urteil gegenüber denen, die Jesus vertrauen und an ihn glauben, aufgehoben wird. Aber gerade weil wir das wissen, können wir nicht selbstsicher sein, sondern legen unser Leben in seine Hand, jetzt und für die Ewigkeit.

So bleiben wir in der Spannung, wenn wir an die doppelte Möglichkeit unseres Handelns denken und an den doppelten Ausgang des Gerichts. Amen!
 

Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

 

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